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Globales Lernen: Eine Einführung in das Thema

Von Hans-Martin Große-Oetringhaus
Foto: terre des hommes

Globales Lernen zielt auf die Ausbildung individueller und kollektiver Handlungskompetenz im Zeichen weltweiter Solidarität. Es fördert Achtung vor anderen Kulturen, Lebensweisen und Weltsichten, beleuchtet die Voraussetzungen der eigenen Positionen und befähigt dazu, für gemeinsame Probleme zukunftsfähige Lösungen zu finden. Gegenüber früheren Formen entwicklungspolitischen Lernens zeichnet sich Globales Lernen dadurch aus, dass gesellschaftliche Entwicklungsfragen nicht nur in der fernen Dritten Welt lokalisiert, sondern im Kontext weltgesellschaftlicher Strukturen verstanden werden.

Das setzt eine Abkehr von pateranalistischem Entwicklungshelferdenken und von eurozentrischen Vorstellungen voraus. Es geht darum, die Verflechtung von globalen Entwicklungsfragen in multiperspektivischer Weise zu erschließen. Und es geht um die Integration bisher getrennter pädagogischer Arbeitsfelder, wie der Friedenserziehung, der Menschenrechtserziehung, der Umwelterziehung, der Umweltpädagogik und des interkulturellen Lernens.

Die Hinführung zu einem Denken und Handeln im Welthorizont soll als Kontexterweiterung und durchgängiges Lernprinzip realisiert werden, nicht durch zusätzlichen Lernstoff. Globales Lernen, das zur Solidarität mit den Armen führen will, nimmt nicht nur die Notlagen individueller Existenz, sondern auch die politisch ökonomischen Rahmenbedingungen in den Blick. Auch unsere Gesellschaft steht vor der Aufgabe, den Weg einer zukunftsfähigen Entwicklung zu beschreiten, einer Entwicklung, die unserer sozialen und ökologischen Verantwortung Rechnung trägt. Entsprechende Reformen müssen in den Köpfen beginnen. Zu den Elementen Globalen Lernens zählen:

Foto: terre des hommes
  • das Leitbild einer zukunftsfähigen Entwicklung, wie es auf dem Umweltgipfel 1992 in Rio de Janeiro in der »Agenda 21« formuliert wurde;
  • ein Menschenbild, das politische Handlungsfähigkeit, »Empowerment«, Selbstbestimmung und die Fähigkeit zur Selbstorganisation als Voraussetzung von persönlicher und gesellschaftlicher Entwicklung ansieht;
  • eine Methode der Ganzheitlichkeit und der Vielfalt des Lernens, die auf einen partizipatorischen, lebenslangen Lernprozess zielt;
  • das Lernziel der Befähigung der Menschen zu selbstgesteuertem Lernen, zur Wahrnehmung von Globalität und zur Mitgestaltung der Weltgesellschaft.

(Quelle: Verband Entwicklungspolitik deutscher Nicht-Regierungsorganisationen e.V., VENRO)

Globales Lernen bedarf Mut, Offenheit und Fantasie

Foto: C. Urban

Globales Lernen - das ist doch nun wirklich nichts für Kinder. So denken immer noch viele. Hartnäckig hält sich die Meinung: Kinder sollen zunächst einmal ihre eigene Heimat kennen lernen. Das ist sicher wichtig. Aber die eigene Heimat steht immer auch in Beziehung zur Heimat anderer: ausländischen Mitschülerinnen und Mitschüler, Kinder von Flüchtlingen im Ort und der eigenen Schule, Produkte aus fernen Ländern. Kinder stoßen tagtäglich auf die Erfahrung, dass es auch eine »Heimat« jenseits der eigenen gibt. Die Globalität ist überall spürbar und erfahrbar.

Kinder sehen fern, hören und lesen die Meldungen von Katastrophen und Kriegen, sehen Hunger- und Elendsbilder in Illustrierten. Junge Menschen bewegt das, es macht ihnen Angst. Es ist schlimm, mit Ängsten allein gelassen zu werden. Und darum ist es wichtig, Zusammenhänge deutlich zu machen, deren Erkenntnis Alternativen und neue Wege aufzeigen kann.

Das Fremde muss nicht als Bedrohung empfunden werden. Das Andersartige kann vielmehr eine großartige Bereicherung sein. Und es kann einfach Spaß und Freude und das Leben bunter und abwechslungsreicher machen. Schon das allein wäre ein Grund, neugierig darauf zu sein, wie die Menschen anderswo leben, singen, spielen, basteln, kochen. Denn der Süden besteht nicht nur aus Problemen, nicht nur aus Elend, Mangel und Armut. Der Süden kann sehr reich sein. Reich an Phantasie und Ideenreichtum. Prall an Freude. Voll von Rhythmus. Verführerisch in Geschmack und Gerüchen. Schillernd in den buntesten Farben. Beeindruckend in Ausdauer und Geduld. Überwältigend in Gastfreundschaft und selbstverständlicher Hilfsbereitschaft. Ansteckend in Gemeinsamkeit und Zusammenhalt, in Solidarität. Erfahren, Kraft und Stärke aus den eigenen Wurzeln zu schöpfen. Kreativ, nach neuen Wegen zu suchen. Es gibt viele Bereiche, in denen die Menschen des Südens uns Nachhilfeunterricht geben können.

Foto: C. Urban

Wenn Leben und Lernen nicht auseinanderfallen, sondern zusammengehören, kann Lernen die Chance bekommen, nicht allein Wissen anzuhäufen oder den interkulturellen Horizont zu erweitern, sondern in aktivem Veränderungswillen zu münden, die Komplexität der unsicheren Zukunft aktiv mitzugestalten.

Es gibt Pädagogen, die angesichts unserer komplexen Zukunft fordern, dass Lernen immer abstrakter, nicht konkreter werden müsse. Die Entwicklung der Weltgesellschaft zwinge zu einem Denken in höchsten Abstraktionslagen. Das stimmt in der Tat. Dabei vergessen sie allerdings eines: Die Bereitschaft dazu entwickelt nur, wem klar geworden ist, dass das etwas mit ihm, mit seiner Zukunft, mit seinem physischen wie psychischen Überleben zu tun hat, dass er betroffen ist. Subjektive Betroffenheit spielt eine wichtige Rolle zur Entwicklung einer Bereitschaft, sich auf - in der Tat - notwendige Abstraktionsebenen einzulassen.

Dies kann nur gelingen, wenn Lernen einen globalen Charakter bekommt. Der Begriff beinhaltet beides zugleich: ganzheitlich und weltweit. Globales Lernen ist eine erweiterte Perspektive, eine Ausweitung des Bildungshorizontes als Folge der Globalisierung und stellt Zusammenhänge in den Mittelpunkt. Dabei bedient sie sich interdisziplinärer Methoden.

Darum sind Strukturen und Methoden gefragt, die die Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler fördern, sich in einer immer komplexer werdenden Welt zu entwickeln, sich in ihr zurechtzufinden und sie aktiv mitzugestalten. Und dazu benötigen alle Phantasie und Offenheit, vor allem aber Mut, Schülerinnen und Schüler wie Lehrerinnen und Lehrer.

Globales Lernen bei terre des hommes

Foto: terre des hommes
Lernprozesse in Gang setzen

Das Lernen ist ein wichtiger Aspekt der Arbeit von terre des hommes. Die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Projektpartner und die eigenen Erfahrungen beim Handeln vor Ort bilden dabei wichtige Impulse. Globales Lernen wird konkret und reicht weit über die Institution Schule hinaus. Es findet statt, wo die Strukturen der Lebensbedingungen in ihrer Globalität erkannt und lokale Handlungsmöglichkeiten entwickelt und umgesetzt werden. Es findet statt, wo angestrebt wird, über eigene Lebensentwürfe weitgehend selbstbestimmt zu entscheiden, in gesellschaftlichen Zusammenhängen sinnvoll mit zu gestalten und mit denjenigen zu praktizieren, denen Grundrechte vorenthalten werden. Es findet statt, wo Lernen sich einer globalen Gerechtigkeit verpflichtet fühlt und zum Ziel hat, unsere Welt ökologisch und sozial zukunftsfähig zu gestalten. Es findet statt, wo dieses Lernen von kultureller Vielfalt, Solidarität, Partizipation und ethnischen Grundsätzen geprägt ist. Das kann in der Schule sein, aber auch innerhalb einer Gruppe, Arbeitsgemeinschaft, Basisinitiative oder Nichtregierungsorganisation. Die Geschichte und Praxis von terre des hommes kann dies deutlich werden lassen. Bereits der Name der Kinderhilfsorganisation weist darauf hin, auf welches Ziel dieses Lernen ausgerichtet ist. Auf eine Erde der Menschlichkeit, auf eine terre des hommes.


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