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Von undichten Dächern und tanzenden Affen

Eindrücke bolivianischer Jugendlicher von einer Begegnungsreise nach Deutschland
Inhaltsverzeichnis
Die Reisegruppe nach dem Interview in La Paz Gruppe: Von links nach rechts: Cristian, Hugo, Ronald, Carlos, Eva, Andrea
Foto: Peter Strack

Sie heißen Juan Carlos, Ronald, Eva, Andrea, Cristian und Hugo, kommen aus Bolivien und nahmen im Juli 2008 auf Einladung des »Freizeit- und Erholungszentrums FEZ Wulheide nahe Berlin, an einer Sommeruniversität und einem Austauschprogramm mit Jugendlichen aus Senegal, Indien und Deutschland zum Thema Jugendbeteiligung teil. Den Kontakt zu den bolivianischen Jugendlichen für dieses von der Europäischen Union finanzierte Projekt hatte terre des hommes vermittelt, das das Engagement der jungen Leute in Bolivien unterstützt.

Hugo Condori Huanca ist Aymara und besucht eine Außenstelle der staatlichen Universität in der Landgemeinde Jesús de Machaca. Seine Organisation wird vom bolivianischen Kinderschutzbund DNI begleitet.
Juan Carlos Acapa Gutierrez vertritt die Jugendorganisation VIVE aus dem Handels- und Bergwerkszentrum Oruro.
Ronald Tarqui Huanca ist Sprecher der Schülervertretung von El Alto, der Industrie- und Wohnstadt vor den Toren von La Paz.
Aus El Alto kommt auch Eva Amparo Mollinedo Cuello. Sie engagiert sich in einer Initiative gegen Militarismus und für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung und ist wie Ronald im »Bildungszentrum für Lokale Entwicklung CEADL« aktiv.
Andrea Beque Parraga und Cristian Rubén Paucara España sind Mitglieder der Jugendorganisation Inti Watana aus La Paz.

Alle Teilnehmer der Delegation waren zuvor über Wochen und Monate in Bolivien in Stadt und Land unterwegs, um die Vorstellungen der Jugendlichen für eine neue Verfassung zu sammeln, zu diskutieren und an die Verfassungsgebende Versammlung weiterzuleiten. Sich über diese Erfahrung mit anderen Jugendlichen auszutauschen und neue Ideen nach Bolivien zurückzubringen, war das Ziel der Reise nach Deutschland. Peter Strack von terre des hommes befragte die Gruppe nach ihrer Rückkehr im August in La Paz über ihre Erfahrungen und darüber, was sie ihren Altersgenossen in Bolivien mitzuteilen hatten.

Interview

Aktiv nicht nur im Karneval: Mariela (rechts) aus dem Chaski-Projekt in El Alto ist Kinder- und Jugendbeauftragte ihrer Nachbarschaftsvereinigung und setzt sich seit ihrem zwölften Lebensjahr auch als Reporterin für ihre Rechte ein
Foto: Iris Stolz

Ronald: Es war sehr wichtig für die Schülerorganisation von El Alto, eine Vorstellung von der deutschen Geschichte zu bekommen, von der Teilung, der Mauer in Berlin... In Bolivien erleben wir auch eine Teilung, aber in anderer Weise: Es gibt eine kleine Oberschicht, die das Volk unterdrückt. Bolivien ist ein Land, in dem es trotz der vielen Bodenschätze eine große Armut gibt. Und diese Armut verdankt es den Regierungen. Dass diese Regierungen mit den Reichtümern nichts für die Menschen geschaffen haben, hat die Jugendlichen in El Alto wütend gemacht. Vor allem, als sie es mit Deutschland verglichen und gesehen haben, wie Deutschland heute dasteht nach all der Zerstörung durch den Krieg und den Nationalsozialismus. Mir persönlich hat die Erfahrung in Deutschland mehr Kraft gegeben, unsere Wirklichkeit in Bolivien zu verändern. Als ich zurück nach Bolivien kam, sagte jemand zu mir, dass mein Kopf ganz frisch sei.

Frage: Was sind Deiner Ansicht nach die Gründe für ein derartiges Wirtschaftswachstum wie in Deutschland nach dem Krieg? Was war anders als in Bolivien?

Ronald: Ich glaube, es ist das Verantwortungsbewusstsein, dass diese Entwicklung möglich gemacht hat. Die Menschen in Deutschland achten sehr genau auf das, was sie tun. Die Menschen zahlen von sich aus den Fahrpreis in den Zügen. In Bolivien muss erst jemand kassieren kommen. Sicher, auch in Deutschland gibt es Schwarzfahrer. Aber ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass die Menschen bezahlt haben, ohne dass sie jemand dazu aufgefordert hat. Und ich glaube, dass sich das gleiche Verantwortungsbewusstsein auch auf die Regierung überträgt. Wir dagegen achten keine Regeln, gehen ohne Rücksicht auf Verkehrszeichen über die Straße. Unser Präsident Evo Morales hat das erkannt, als er sagte, dass der politische und kulturelle Wandel auf dem Bewusstsein der Menschen beruhen müsse, verantwortlich zu handeln, statt andere auszunutzen.

Juan Carlos: Ein weiterer wichtiger Grund ist für mich die Bildung. Zum Beispiel unsere Übersetzer in Deutschland sprachen gleich vier oder fünf Sprachen. Und in der Schule muss man mindestens zwei Sprachen lernen. In Bolivien können wir ja nicht einmal richtig Englisch. Das Bildungsniveau hat sicher viel zu dem Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg beigetragen.

1. Mai: Demonstration arbeitender Kinder in Cochabamba
Foto: Educar es Fiesta

Eva: Auch mich hat das Bildungswesen beeindruckt. Man wird schneller fertig und hat mehr dabei gelernt. Vielleicht kommen wir in Bolivien auch mal soweit. Uns jedenfalls hat man gezeigt, was besser sein kann. Und ich habe auf der Reise gelernt, dass wir selbst uns darum kümmern müssen, weil es sonst niemand tun wird.
Für mich erscheint es auch unglaublich, dass es einmal zwei Deutschlands gegeben hat, wie die Menschen wieder zusammengekommen sind und wie sie ihr Land jetzt schätzen.

Juan Carlos: Bolivien hat seinen letzten Krieg 1932 gehabt. Und der hätte vielleicht wenigstens dazu dienen können, die Menschen zusammenzubringen. Diesen ganzen Regionalismus heute dürfte es eigentlich gar nicht mehr geben

Eva: Beeindruckt hat mich in Europa auch, dass es uns gegenüber weniger Rassismus gab, als wir ihn innerhalb Lateinamerikas erleben. Klar, die Umgangsformen der Deutschen sind distanzierter, als wir sie zum Beispiel mit den Senegalesen erlebt haben. Die Deutschen sind geradezu kühl. Aber es gab auch viel Interesse an uns und unserem Land.

Cristian: Wir wurden schon über Rassismus in Deutschland informiert. Und dass er im Nationalsozialismus vor allem gegen die Juden gerichtet war. Man hat uns gesagt, dass die Verfolgung der Juden traurig aber Vergangenheit sei. Trotzdem haben wir noch Nazis auf öffentlichen Plätzen gesehen. Wir haben die »Schule ohne Rassismus« besucht, und man erzählte uns, dass es am Ort viel Rassismus gäbe. Doch wir haben ihn selbst nicht erlebt, im Gegenteil, wir haben viel Freiheit erfahren. Ich weiß nicht, wie viele Menschen vielleicht durch diese Schule gegangen sind. Rassismus gibt es überall, aber in Bolivien scheint er mir viel härter zu sein. Vielleicht diskriminieren wir andere nur aus Angst, selbst diskriminiert zu werden.

Frage: Was denkt ihr, wenn ihr jetzt in Bolivien erlebt, dass die Schlägertrupps der Jugendunion aus Santa Cruz mitunter auch Hakenkreuze verwenden?

Andrea: Manche Menschen fühlen sich anderen überlegen. In Santa Cruz vielleicht wegen der unterschiedlichen Hautfarbe oder der wirtschaftlichen Entwicklung im Tiefland, nachdem so viele Firmen dorthin gezogen sind. Und weil ihre wirtschaftliche Situation etwas stabiler ist, glauben sie vielleicht, sie könnten sich über die anderen erheben. Genau dagegen arbeiten wir, wenn wir das Emporkommen der indianischen Völker unterstützen und uns gegen ihre Diskriminierung wenden. Auch wenn andere behaupten, mit der indianischen Bevölkerung sei kein Fortschritt möglich.
Im Kampf gegen die Diskriminierung können wir von Deutschland lernen. Vielleicht bekommen wir keine »Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage« mit all den Angeboten, der Bewusstseinsarbeit, den Tanz- und Musikkursen, den Stickern. Aber wir können uns über die Diskriminierung bewusst werden, die von uns selbst ausgeht und vielleicht das ein oder andere, was wir in Deutschland gesehen haben, anwenden. Rassismus gibt es ja nicht nur von Santa Cruz aus, auch wenn sie dort wohl derzeit mehr diskriminieren. Wir selbst verhalten uns auch nicht immer beispielhaft, reden abschätzig und verallgemeinernd von den »Cambas« in Santa Cruz. In Deutschland haben sie uns deutlich gemacht, dass man nicht gegen den Rassismus oder die Diskriminierung Stellung nehmen kann, wenn man sie selbst noch praktiziert.

Jonathan: Zur Jugendunion von Santa Cruz ist zu sagen, dass es gar nicht so sehr die Jugendlichen sind, die das Sagen haben. Außerdem werfen sie ein schlechtes Licht nicht nur auf die Jugendlichen Boliviens, sondern auf die der ganzen Welt. Man ruft nach den Jugendlichen, wenn es um Konfrontationen geht. So wie man nach uns Jugendlichen von El Alto fragt, wenn es um Konfrontationen geht. Stadträte von El Alto kamen auf uns zu und fragten, ob wir mitbekommen hätten, wie Menschen mit indianischen Gesichtszügen in Santa Cruz misshandelt worden sind. Wir sollten deshalb eine Jugendunion von El Alto gründen, uns bewaffnen und es denen Santa Cruz mal richtig zeigen. Wir Jugendlichen wollen das aber nicht. Wir sind doch nicht dafür da, uns zu prügeln. Wir Jugendlichen können der Gesellschaft mit unseren Ideen dienen.

Organisation arbeitender Kinder in Huanuni
Foto: Sanne Kaperlat
Frage: Es waren gleichwohl vor allem Jugendliche, die über die Konfrontation auf den Straßen etwa gegen die Privatisierung der Wasserwerke und gegen die Verschleuderung der Rohstoffe den politischen Wandel in Bolivien herbeigeführt haben.

Jonathan: Gewiss, wir Jugendlichen in El Alto haben sicher ein Menge für den Wandel in Bolivien getan, wie andere auch. Aber diese Konfrontationen waren produktiv, sie dienten ganz Bolivien und nicht, um andere auszubeuten. Das darf man nicht verwechseln.

Frage: Die Beteiligung von Jugendlichen an der Erarbeitung einer neuen Verfassung war das Hauptthema der bolivianischen Delegation beim Jugendaustausch in Deutschland. Die Opposition in Bolivien behauptet, dass der neue Verfassungsentwurf ein Diktat der Regierungspartei sei.

Eva: Wir Jugendlichen haben unsere Verbesserungsvorschläge der Verfassungsgebenden Versammlung unterbreitet und sie sind auch weitgehend übernommen worden. Es war die Idee der Regierungspartei (MAS), die Bevölkerung - angefangen von den indianischen Organisationen bis zu den Jugendlichen - an der Verbesserung der Verfassung zu beteiligen. Darüber haben wir auch in Deutschland berichtet, ebenso wie über die Geschichte und aktuelle politische Situation in Bolivien. Denn manche wussten nicht einmal, wo Bolivien geografisch liegt.

Frage: Wie haben die Jugendlichen in Deutschland denn reagiert, als ihr von Eurer Erfahrung mit der Verfassungsgebenden Versammlung berichtet habt?

Andrea: Sie waren erstaunt. Ich hatte den Eindruck, mit politischer Beteiligung sind die Jugendlichen in Deutschland zögerlicher. Sie leben ein anderes Leben, weiter weg von politischen Fragen. Sie haben auch andere Forderungen. In Quedlinburg haben wir zusammen mit deutschen Jugendlichen den Bürgermeister besucht. Sie redeten zum Beispiel über ein Dach für ihr Jugendzentrum. Wir kommentierten dann, dass das nicht im Mittelpunkt der Forderungen der Jugendlichen in Bolivien stehe. »Was fordert ihr denn dann?«, kam die Frage. Wir erklärten, dass wir Vorschläge für die neue Verfassung erarbeitet hätten. Und selbst der Bürgermeister fragte uns, wie das möglich sei. Wir seien doch Jugendliche. Wir erklärten, dass die Lage in Bolivien es uns nicht erlaube, uns nur um Dächer zu kümmern. Sondern dass wir mit der Neuorganisation des Landes beschäftigt seien, um über diesen Weg auch wieder bei typischen Jugendthemen zu landen, wie dem Bildungswesen oder Wirtschaftsfragen. Die Deutschen wunderten sich schon, womit wir uns beschäftigen, aber sie haben auch nicht ganz ausgeschlossen, dass sie selbst das vielleicht auch tun könnten. Und der Bürgermeister ermutigte die Jugendlichen zu mehr Beteiligung.
Auch später beim Campus in Berlin fiel es uns schwer, Antworten von den Jugendlichen zu ihrer gesellschaftlichen Beteiligung zu bekommen, weil sie nicht das gleiche Verständnis von Partizipation haben. Die endete meist in der Schule. Auch die Jugendzentren waren eher Freizeittreffs oder Begegnungszentren als Orte, wo Jugendliche sich organisieren.

Schuhputzer in der Bergwerksstadt Potosí: Mit viel Engagement haben die arbeitenden Kinder ihre Vorstellungen in der neuen bolivianischen Verfassung verankern können.
Foto: Peter Strack
Frage: Das klingt jetzt ein wenig widersprüchlich. Am Anfang habt ihr das Verantwortungsbewusstsein der Deutschen betont. Und jetzt zeichnet ihr zumindest von den Jugendlichen ein eher passives Bild.

Eva: Das mag daran liegen, dass die Jugendlichen in Deutschland heute viele Möglichkeiten haben, die uns nicht zur Verfügung stehen. Das liegt am ökonomischen Entwicklungsstand. Ich glaube auch nach wie vor, dass diese Jugendlichen sehr verantwortungsbewusst sind. Aber ich hatte den Eindruck, dass sie aktiv werden, wenn sie etwas Bestimmtes wollen. Nur wenn sie es dann bekommen haben, dann setzen sie sich nicht darüber hinaus für ihr Land ein. Das mag daran liegen, dass der Zweite Weltkrieg auch viel von der Kultur zerstört hat. Das ist bei uns anders. Da gibt es aus den Kulturen heraus eine moralische Stärke und Energie. Gewiss, überall auf der Welt lässt das Geld die Affen tanzen. Und bei uns fehlt das Geld und deshalb tanzen die Affen. Aber wenn wir uns an staatliche Stellen wenden, sprechen wir nicht nur für uns selbst. Unsere ganze Kultur ist stärker auf die Gemeinschaft ausgerichtet. Wenn ich zum Beispiel das Recht auf Kriegsdienstverweigerung einfordere, dann nicht, weil Eva sonst zum Militär eingezogen würde, sondern wir haben die Bedürfnisse der Einzelnen gesammelt, wir schauen, was jedem fehlt, und vertreten die Interessen dann gemeinsam. Das ist vermutlich auch der Grund, warum wir in Bolivien als Jugendliche mehr Einfluss nehmen. In Deutschland sind die Jugendlichen individualistischer, vielleicht weil die Wirtschaft auch so funktioniert. Jeder muss zusehen, wie er bekommt, was er braucht. In den andinen Gemeinden ist das anders. Du gibst dem anderen, was ihm heute fehlt, und der wird dir in der Zukunft geben, was du benötigst.


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