
Erst einmal muss Strom her. Nur mit ihren eigenen Generatoren im Gepäck können die Mitarbeiter von »Radio Munyu« in Kribinalena, einem kleinen Dorf im Südwesten Burkina Fasos, ihr Programm beginnen. Strahler erhellen mit einem Mal den Dorfplatz, außerhalb dieser Fläche vermögen nur verstreute Feuer Orientierungspunkte in der früh einbrechenden Dunkelheit zu setzen. Bunt gekleidete Frauen verteilen derweil den Inhalt von Wasserschalen auf dem Platz, um den Staub zu bändigen, den Fahrzeuge und Menschen an diesem Abend, gegen Ende der Trockenzeit, zwangsläufig aufwirbeln. Festgeschnallt auf dem Dach eines Geländewagens trifft, wie aus einer fernen Zukunft, weitere Technik ein. Kabel, Lautsprecher und, ganz wichtig: das kleine Aufnahmegerät, um den Ortstermin aufzuzeichnen und ihn später in eine Sendung für mehrere Provinzen zu verwandeln. Langwierig sind die technischen Vorbereitungen, doch das gehört dazu, genau wie die umfänglichen Zeremonien aus Worten, Trommeln und Tänzen, mit denen die seltene Anwesenheit von Gästen euphorisch zelebriert wird.
Kriminelle PraxisSchließlich verlassen die letzten Töne der Musik knackend die alten Lautsprecher. Moderator Ibrahim Toé nimmt das Mikrofon und wendet sich an seine Zuhörerschaft, die sich in einem Kreis um ihn versammelt hat, Alte und Junge, Kinder und Erwachsene.
Das Thema, um das es an diesem Abend gehen soll, ist Kinderhandel. Jungen und Mädchen werden in Westafrika wie anderswo auf der Welt in Arbeitsverhältnisse gelockt, vermittelt und verkauft, die nichts mehr sind als schiere Ausbeutung. Doch dies ist schwer zu erkennen und noch schwerer anzusprechen in einer Gesellschaft, in der es selbstverständlich und unverzichtbar ist, dass Kinder früh zum Lebensunterhalt der Familien beitragen. Und dafür ganz eigenständig nicht nur vom Dorf in die Stadt, sondern auch in reichere Nachbarländer gehen, wo sie ihre Arbeitskraft einsetzen wollen für ein Startkapital ins Erwachsenenleben, für die Aussteuer oder ein Fahrrad.
Längst ist jedoch das, was als gut gemeinter Teil von Erziehung gilt, in vielen Fällen zu krimineller Praxis geworden, für die Traditionen, in schlechter Gesellschaft von Armut und Perspektivlosigkeit, die fatale wie erfolgreiche Geschäftsgrundlage bilden. »Daher müssen die Menschen Bescheid wissen. Wenn sie hören, was mit ihren Kindern geschieht, lassen sie sich nicht so leicht täuschen«, ist die feste Überzeugung von Aissatou Kassa, der Chefin von Radio Munyu, und ihren Kollegen.
Deshalb wollen sie auch an diesem Abend, in diesem Dorf, über Kinderhandel sprechen – ohne jedoch an der Wirklichkeit der Menschen von Kribinalena vorbeizuwarnen. Ibrahim Toé hört daher erst einmal zu. »Warum gehen die Kinder weg?«, will er wissen, bevor er das Mikrophon in die Runde reicht. Den Frauen und Männern fällt viel dazu ein, und ihre Antworten könnten auch in hunderten anderer Dörfer Burkina Fasos gegeben werden: Konflikte in der Familie, zu viele Kinder, die keine Ausbildung haben, die Armut. Das Spektrum der Alltagssorgen variiert nur in Nuancen. Und was kann getan werden, um die Söhne und Töchter besser zu schützen? Niemand in Kribinalena widerspricht der mehrfachen Mutter, als sie ins Mikrofon sagt: »Eltern müssen sich darum kümmern, dass ihre Kinder zur Schule gehen und dort gut lernen.« Hier beginnt die eigentliche Herausforderung, denn oft müssen die Mädchen frühmorgens zum Wasser- oder Früchteverkauf auf den Markt gehen, hüten Jungen das Vieh, statt lesen und schreiben zu lernen. Fast jedes dritte Kind in Afrika südlich der Sahara arbeitet – häufig auf Kosten seiner Kindheit.
Information und MitspracheSeit dem Jahr 2000 sendet Radio FM Munyu. Die gleichnamige Frauenorganisation aus Banfora, einer Provinzhauptstadt im Grenzgebiet zu Mali und der Elfenbeinküste, hat damit ein lebensnahes Informationsmedium in der Region etabliert. Es richtet sich speziell an die Frauen der ländlichen Gebiete, die fast zu hundert Prozent weder lesen noch schreiben können. »Wir wollen ihnen ermöglichen, das Wort zu ergreifen und sich selbst zu informieren«, so Aissatou Kassa zur Motivation von Munyu. Um dies tun zu können, musste die Organisation allerdings erst einmal dafür sorgen, dass Frauen auf den Dörfern überhaupt Radiogeräte erhielten. Denn wenn die Familie eines besitzt, gehört es dem Ehemann – und dessen Hörvorlieben unterscheiden sich deutlich.
Gesendet wird in verschiedenen Verkehrssprachen des Landes, denn wer nicht zur Schule ging, spricht kein Französisch. Ernährungsfragen, Umweltzerstörung, AIDS, Alphabetisierung – an Themen mangelt es Radio Munyu nicht. Von Anfang an gingen regelmäßig auch Aufnahmen über den Äther, in denen ein besserer Schutz von Kindern vor Ausbeutung angemahnt wurde. Mit Unterstützung des Kinderhilfswerks terre des hommes Deutschland, das international mit einer Kampagne gegen den Kinderhandel kämpft, hat Radio Munyu sich verstärkt dieses Themas angenommen. »Sensibilisierung« nennt das der Fachjargon, doch bei Munyu stellt sich dies gar nicht so technisch dar, wie es klingt.
Es ist spät, als in Kribinalena die Lautsprecher abgebaut, Kabel aufgerollt und Strahler ausgeschaltet werden. Hunderte Gesichter werden wieder eins mit der Nacht. Es ist manches Nachdenkliche darunter.
Claudia Berker