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Geburtskomplikationen

In Indonesien ist deutsche Hilfe beim Aufbau eines verbesserten Gesundheitssystem weiterhin gefragt
Frau mit Medizin
Selbstversorgung mit alternativen Heilmethoden: Heni Yudea von LESSAN mit Naturmedizin
Foto: Christina Schott

Siti war in ihrem ganzen Leben nicht beim Arzt. Auch während ihrer ersten Schwangerschaft begnügte sie sich mit gelegentlichen Kontrollen bei der Hebamme ihres Dorfes im Süden der zentraljavanischen Stadt Yogyakarta. Weder ihr Mann noch ihre Eltern kamen auf die Idee, sie zu einer teuren Ultraschalluntersuchung in die Stadt zu bringen. Erst als die Wehen einsetzten, stellte die Hebamme Komplikationen fest - zu spät. Das Kind starb bei der Geburt, die Mutter verblutete wenig später auf dem Weg ins weit entfernte Krankenhaus. Vermutlich lag die Plazenta zu nah am Gebärmutterausgang und löste sich bei den Wehen zu früh. Ein Problem, das man mit Ultraschall rechtzeitig hätte feststellen können: Mit einem Kaiserschnitt hätten Mutter und Kind überlebt.

Doch selbst bei einer Früherkennung hätte Sitis Familie sich kaum eine Operation leisten können. Allein die ärztliche Beratung in der Stadt hätte sie ein halbes Monatseinkommen gekostet. Wie rund 75 Prozent der rund 230 Millionen Indonesier verfügt sie über keinerlei Krankenversicherung. Staatliche Versicherungen gibt es nur für Beamte oder Angestellte großer Firmen und eine private Police ist für die einfachen Bauern unerschwinglich. Der Versuch der Regierung, eine Krankenversicherung für Arme einzuführen, ist vorerst an Korruption und Missmanagement gescheitert.

Studie: Drastische Unterschiede zwischen arm und reich

Trotz der schlechten medizinischen Versorgungslage verkündete die indonesische Regierung im vergangenen Dezember voller Stolz, dass das Land hinsichtlich der Millenniumsentwicklungsziele (MDG's), die von den Vereinten Nationen für das Jahr 2015 angestrebt werden, auch auf dem Gesundheitssektor positive Entwicklungen vorweisen könne. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) allerdings gibt es bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten wie Malaria, Tuberkulose und Aids noch viel zu tun, um die Versprechungen umzusetzen. Die Zahlen zur Müttersterblichkeit in Indonesien haben sich in den vergangenen fünf Jahren sogar verschlechtert. Das liegt - vor allem bei Frauen aus abgelegenen Dörfern - an schlechter Bildung, unzureichender Vorsorge und schlechtem Zugang zu ärztlicher Hilfe. Ein großer Teil der Todesfälle bei Schwangeren ist auch auf illegale Abtreibungen mit einfachsten Mitteln zurückzuführen.

Eine neue Studie, die terre des hommes und Welthungerhilfe als deutsche Partner des europäischen Netzwerks Action for Global Health erstellt hat, zeigt gar, dass Indonesien im Gesundheitsbereich voraussichtlich nur noch das MDG der verringerten Kindersterblichkeit erreichen wird: Hier weisen die Statistiken eine positive Entwicklung auf. Allerdings verstecken sich hinter den Durchschnittswerten drastische Unterschiede zwischen arm und reich, Stadt und Land. Im ersten Halbjahr 2008 sind in der abgelegenen Provinz Nusa Tenggara Timur allein 21 Kinder an Mangelernährung gestorben. »Der Hauptgrund ist Armut«, erklärt ein Vertreter der regionalen Gesundheitsbehörde, »aber auch Unwissen der Eltern und fehlende medizinische Versorgung. Wir benötigen dringend Unterstützung.«

Klimaschutz statt Gesundheit?

Die kam bislang unter anderem aus Deutschland: Die Bundesrepublik ist nach Japan der zweitgrößte bilaterale Geber in der indonesischen Entwicklungszusammenarbeit. Rund drei Milliarden Euro haben die Deutschen seit den 50er-Jahren in Form von Krediten und anderen Zuschüssen geleistet. Im Gesundheitsbereich ist Deutschland neben Australien momentan der wichtigste Partner. Dennoch hat die Bundesregierung im vergangenen Herbst beschlossen, sich bei der Entwicklungszusammenarbeit - entgegen des Wunsches Indonesiens - aus den Schwerpunkten Gesundheit und Transport zurückzuziehen und stattdessen auf den neuen Schwerpunkt Klimawandel zu konzentrieren. Immerhin soll die Beratung für Basisgesundheitsdienste und eine soziale Krankenversicherung vorerst fortgesetzt werden.

Das Bundesministerium für Entwicklungszusammenarbeit (BMZ) begründet die Entscheidung damit, dass Indonesien in den letzten Jahren »enorme finanzpolitische Spielräume hinzugewonnen« habe und die »Investitionen im Bereich Gesundheit massiv aufstocken« wolle. »Angesichts dieses massiven Engagements der indonesischen Regierung im Gesundheitssektor ist es fraglich, ob das deutsche Engagement noch Wirkung entfalten könnte«, so ein Sprecher des BMZ.

»Der deutsche Rückzug kommt zu früh«, sagt dagegen Gertrud Schmidt-Ehry, die für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Indonesien zwei Gesundheitsprogramme leitet. »Auch auf internationaler Ebene gibt es da zu wenig Absprachen - auf einmal interessieren sich alle nur noch für den Klimawandel. Es wäre gut, wenn es wenigstens eine längere Übergangsphase geben würde: Die Situation im Gesundheitssektor hat sich durch die Dezentralisierung verändert und muss sich erst wieder einspielen.«

Frau mit Kräutern
Kräuter für die Dorfapotheke: Ibu Suwarni, »Barfussärztin« aus einem abgelegenen Dorf pflückt bei Lessan Java-Schili
Foto: Christina Schott
Beteiligung vor Ort: Dezentralisierung wirksam machen

Seit dem Fall des ehemaligen Diktators Suharto vor zehn Jahren bemüht sich das viertgrößte Land der Erde um demokratische Reformen. Die Dezentralisierung des Archipels aus mehr als 17.000 Inseln spielt dabei eine große Rolle. Die Zentralregierung in Jakarta trägt mittlerweile nur noch einen kleineren Teil der Gesundheitsversorgung, den größeren Teil müssen die Regionalregierungen selbst verantworten. Dabei bleibt jedoch häufig ungeklärt, wer nun für welches Programm zuständig ist, die Regionalpolitiker sind überfordert oder stecken das Geld lieber in ihre eigenen Taschen.

»Die Regionalpolitiker verwenden die öffentlichen Gelder vor allem dafür, die operationalen Kosten ihrer eigenen politischen Bedürfnisse zu decken«, klagt Sigit Wijayanta, Direktor von YAKKUM, der größten regierungsunabhängigen Gesundheitsorganisation in Indonesien. »Das ohnehin geringe Gesundheitsbudget geht dann vor allem in den Ausbau von Krankenhäusern, zu denen nur bestimmte Schichten Zugang haben. Dabei bleiben Aufklärung und Vorsorge vor allem von Frauen und Kindern auf der Strecke. «

Häufig erhält die einfache Bevölkerung unmittelbare Hilfe sowie Informationen über neue Projekte ausschließlich von Nichtregierungsorganisationen (NRO's). Dennoch werden auch diese nur selten in die Planung miteinbezogen. »Wir werden immer erst gerufen, wenn alles schon entschieden ist. Die Umsetzung bleibt dann uns überlassen«, berichtet Heni Yudea, Leiterin der kleinen NRO LESSAN, die von terre des hommes Deutschland unterstützt wird. LESSAN bildet die Bewohner armer Bauerndörfer rund um Yogyakarta in alternativen Heilmethoden wie Kräuterkunde und Akupressur aus. In einfachen Gesundheitszentren versorgen sich die beteiligten Dörfler mittlerweile größtenteils selbst, ganz ohne Hilfe der Regierung.

»Wer sich ernsthaft um eine bessere Gesundheitsversorgung bemühen will, muss sich mit den Leuten vor Ort zusammensetzen«, erklärt Heni Yudea. »In die Dörfer, in denen wir tätig sind, hat sich allerdings noch nie ein Regierungsvertreter verirrt: Schon allein der Transport dorthin ist mühsam und Geld kann man damit auch nicht verdienen. Wir sind daher bislang völlig abhängig von ausländischen Partnern.«

Armutsregion Nusa Tenggara Timur: Effiziente und gut koordinierte Hilfe

Dass sich Entwicklungshilfe auch effektiver einsetzen lässt, beweist ein GTZ-Projekt zur Verbesserung des Gesundheitssystems in Nusa Tenggara Timur, einer der ärmsten Provinzen Indonesiens. Hier beraten die Deutschen staatliche Behörden auf allen Ebenen und organisieren regelmäßige Treffen mit Vertretern von NRO und Dorfgemeinschaften. Durch den regelmäßigen Austausch und die anschließende Umsetzungshilfe von Projekten haben sich Aufklärung und Vorsorge in den beteiligten Regionen deutlich verbessert. Vor allem Frauen haben nun einen besseren Zugang zu medizinischer Versorgung und auf der Insel Alor konnte gar die dort verbreitete Infektionskrankheit Elefantiasis ausgerottet werden.

Auch setzen sich in Nusa Tenggara Timur die verschiedenen Geberorganisationen mit den Empfängern monatlich an einen Tisch, um die Zusammenarbeit abzustimmen und die Überschneidung von Projekten zu verhindern. So gliedert zum Beispiel UNICEF seine Aktivitäten in das übergreifende Projekt der GTZ ein, das die britische Regierung wiederum mit einer Finanzierung unterstützt, während die australische Regierung die Ergebnisse prüft.

In vielen anderen Provinzen lässt die Koordinierung der internationalen Entwicklungszusammenarbeit allerdings noch zu wünschen übrig. Immerhin müssen seit vergangenem Jahr alle ausländisch finanzierten Projekte zunächst von der Nationalen Planungsbehörde genehmigt werden. Und Anfang dieses Jahres hat die indonesische Regierung ein Komitee zur Koordinierung des Gesundheitssektors gebildet - ein Fortschritt, der auch auf die deutschen Bemühungen zurückgeht.

»Gerade was staatliche Eigenverantwortung angeht haben wir schon beachtliche Erfolge erzielt«, sagt Programmleiterin Gertrud Schmidt-Ehry. »Es geht dabei gar nicht so sehr um finanzielle Hilfe, sondern um Beratung: Wir sind weniger Macher als vielmehr Katalysatoren. Aber in dieser Rolle werden wir noch eine Weile gebraucht. Deutschland hat sich damit in Indonesien gerade im Gesundheitsbereich einen sehr guten Ruf erworben und es wäre sehr schade, wenn wir diesen nicht fortführen könnten.«

Christina Schott, freie Journalisin mit Sitz in Jakarat, ist Mitglied von Weltreporter.net


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