
Als Dodi Alfin und seine Eltern den Raum betreten, senken die anderen ihre Stimmen. Die Gesichter der Eintretenden sind starr, die Augen scheinen einen Ort in der Ferne zu fixieren. Wie jeden Tag waren Vater Imam und Mutter Risma dort, wo früher ihr Haus gestanden hat. Auf dem Rückweg haben sie Dodi von der Schule abgeholt.
Seit der Tsunami ihr Haus zerstörte, wohnt Dodis Familie bei einem Bruder des Vaters in Banda Batoh, einem Stadtteil der Hauptstadt Banda Aceh. Die Veranda vor dem kleinen, einstöckigen Haus ist von Blumen gesäumt, Kinder kurven auf ihren Fahrrädern die schmale Straße hinauf und hinunter. Von Verwüstung keine Spur. »Er ist der einzige aus unserer Familie, der noch ein Haus hat,« erklärt Dodi mit leiser Stimme. Deshalb leben, schlafen und essen hier jetzt 21 Familienmitglieder: drei weitere Onkels mit ihren Familien, eine Cousine, die an der Universität studiert und der zwölfjährige Berlinsyahputra, dessen Eltern in der Flutwelle umgekommen sind. Sie alle lebten vor der Katastrophe im drei Kilometer entfernten Stadtteil Lampulo. Das ehemalige Hafenviertel von Bandah Aceh gibt es heute nicht mehr, die Tsunami-Welle hat die Häuser, Schulen und Geschäfte dem Erdboden gleichgemacht.
Dodi erinnert sich ganz genau an den Morgen des 26. Dezembers. Nach dem Frühstück machte sich die Familie auf den Weg, um die Großmutter zu besuchen. »Auf der Straße kamen uns die Leute entgegen gerannt. Sie riefen: Die Welle kommt!« Imam schnappte die beiden Söhne an den Händen und Risma folgte ihnen zu Imams Motorrad. Zu viert quetschten sie sich auf die Maschine, und Imam bahnte ihnen den Weg zwischen den wegstürzenden Menschen hindurch.
Dodi und seine Familie fuhren aus der Stadt hinaus, zu den nahe gelegenen Bergen. Zwei Tage und zwei Nächte warteten sie dort, bis sich das Wasser zurückzog. »Wir haben die ganze Zeit nichts getrunken oder gegessen«, erzählt Dodi mit leiser Stimme. »Dann sind wir hierher gefahren, hier haben wir erst mal etwas zu essen bekommen.«
Arbeit und FreudeNach offiziellen Schätzungen sind in Aceh durch die Flutwelle etwa 200.000 Menschen gestorben; 450.000 wurden obdachlos. Sie leben in Notunterkünften und werden vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen mit Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten versorgt. Weitere Zehntausende sind wie Dodi und seine Familie zu Verwandten oder Freunden geflohen, sie tauchen in keiner offiziellen Statistik auf.
Auch heute hat die Tante Essen gekocht: Spiegeleier, gebratenen Reis, Fisch – wie fast jeden Tag in den vergangenen Monaten. Dodi setzt sich zu den anderen auf den Boden und wäscht seine Hände in einer kleinen Schüssel mit warmem Wasser. Dann drückt er den Reis mit den Fingern zu einem Klumpen und schiebt ihn in den Mund. Die Stimmen werden wieder lauter und Dodi knufft seinen Cousin Berlinsyahputra in die Seite.
Ohne die Lebensmittel aus den wöchentlichen Hilfslieferungen des PCC (People Crisis Center) würden die Mahlzeiten nicht reichen. Die 50 haupt- und ehrenamtlichen Helfer der acehnesische Organisationen versorgen derzeit 17.000 Menschen, die nicht in Lagern leben. Finanziert wird die Nothilfe aus den Spendengeldern des Kinderhilfswerks terre des hommes. Die Mitarbeiter einer Partnerorganisation in Medan, der Hauptstadt Sumatras, kaufen dort tonnenweise Reis, Trockenfisch, Speiseöl und Eier ein und lagern es zwischen. Dann werden die Säcke und Kartons auf LKWs verladen und zum Büro des PCC nach Banda Aceh transportiert. »Manchmal warten wir mehrere Tage auf den nächsten Hilfskonvoi«, erzählt Asraf Fuady, Leiter des PCC. »Dann essen und schlafen wir im Büro.« Trifft der LKW endlich ein, verladen die Helfer die Güter auf Pickups und transportieren sie zu den Bedürftigen. »Es bringt Freude, das Lächeln auf den Gesichtern der Menschen zu sehen, wenn wir die Rationen verteilen«, berichtet eine Mitarbeiterin.
Bereits zu Bürgerkriegszeiten – lange vor dem Tsunami – hat das PCC Vertriebene versorgt. Denn die seit 30 Jahren andauernden Auseinandersetzungen zwischen dem indonesischen Militär und den Rebellen der GAM (Bewegung für ein freies Aceh) hat nicht nur tausende Tote gefordert, sondern auch über 100.000 Menschen aus ihren Dörfern vertrieben. Vor sechs Jahren von Studenten in Banda Aceh gegründet, haben die Mitarbeiter in den ersten Jahren in Vertriebenenlagern Lebensmittel verteilt und dort medizinische Versorgung und Unterricht für Kinder und Erwachsene organisiert.
Die Bilder verbannenDoch als die Provinz im Jahr 2003 unter Militärverwaltung gestellt wurde, durften auch einheimischen Organisationen nicht weiter helfen. Die Tsunami-Welle hat auch das PCC schwer getroffen: Einige Mitarbeiter wurden getötet und das Büro zerstört. Dennoch fanden sich bereits wenige Tage nach der Katastrophe tatkräftige Freiwillige; ein neues Büro wurde angemietet, und gemeinsam mit terre des hommes-Mitarbeitern und der Medaner Partnerorganisation wurden die ersten Hilfslieferungen auf den Weg gebracht. »Wir sehen diese Situation auch als Chance,« erklärt Asraf Fuady, »denn jetzt können wir die Entwicklung Acehs beeinflussen.«
In Banda Batoh erhalten weiterhin alle 860 Betroffenen Hilfsgüter. Wie lange noch, darauf mag sich Asraf Fuady nicht genau festlegen. »Bis die Menschen wieder selbst für sich sorgen können.« Die Männer fahren tagsüber an ihren früheren Wohnort zurück und bauen Übergangshäuser. Schulen und Universitäten haben ihren Betrieb wieder aufgenommen.
Auch Dodi hat eine neue Schule gefunden, mit psychologischer Betreuung für die Tsunami-Überlebenden. Ob er seitdem wieder einmal in Lampulo war? Erschrocken schüttelt er den Kopf. »Ich konzentriere mich auf die Schule, das ist wichtig«, erklärt er und versucht, die Bilder aus seinem Kopf zu verbannen.
Michaela Ludwig