»Alle nennen mich den Tripilla, weil ich sehr mager war, als ich geboren wurde und man meine Gedärme sehen konnte. Heute bin ich 22 Jahre alt. Wenn ich an meine Kindheit denke, erinnere ich mich daran, dass wir viel Fußball gespielt haben, barfuss natürlich. Und ich lief über die Finca, um Bananenstauden zu ernten. Was mir nicht gefallen hat an meiner Kindheit: Meine Geschwister und meine Mutter haben mich viel geschlagen. Aber Kinder sollte man nicht schlagen, nicht wahr?
Ich habe gerne in Apartado gelebt. Das einzig Schlimme ist, dass die mit den dicken Beuteln, also die Paramilitärs, viele Leute umbringen. In meiner Siedlung, »La Chinita«, haben sie mehrere Massaker verübt. Ich habe gesehen, wie sie die Leichen rausgeschafft haben und wie die Leute geweint haben. In Apartadó gewöhnt man sich an die Gewalt. Am Härtesten war es für mich, als sie meinen Vater verhaftet haben. In Apartado wusste man nicht, wer die Schlechten sind. Alle haben getötet. Die Paramilitärs, die Guerrilla und sogar das Militär. Obwohl das Militär manchmal auch gut war und auf die Menschen aufgepasst hat. Man sah sie überall herumlaufen mit ihren Waffen.
Sie hatten meinen Vater beschuldigt, bei einem der Massaker von La Chinita beteiligt gewesen zu sein. Ein vermummter Mann kam zusammen mit dem Militär und hat auf ihn gezeigt. Mein Vater war gerade dabei, Bananen auf der Finca zu verpacken, wo wir gearbeitet und gelebt hatten. Sie haben ihn zusammen mit Kollegen geprügelt und festgenommen und auf den Lastwagen verfrachtet. Ich bin weinend hinter dem Lastwagen hergelaufen. Ich hörte nicht auf meine Mutter, die sagte, ich solle bei ihr bleiben. Eine halbe Stunde, oder so, bin ich hinterhergelaufen. Nach einer Stunde hörte ich einen Schuss und dachte, sie hätten meinen Vater umgebracht. Ich bin weiter, um ihn zu suchen und kam bis zur Finca El Antojo in Apartadó. Da war ein Herr, der mich kannte und mich verzweifelt weinen sah. Der hat mich dann nach Hause zurückgebracht. Da war ich sechs Jahre alt.
Mein Vater ist unschuldig. Wir haben auf dieser Finca gearbeitet und gelebt. Und niemand von uns hat diese Finca ueber die Woche verlassen. Nach drei Tagen erfuhren wir, dass er in Carepa gefangen gehalten wurde. Dort blieb er eine Woche und von dort brachten sie ihn nach Bogota. Heute ist er schon 12 Jahre lang im Gefängnis, wegen dieses Zeugen, der auf ihn gezeigt hat. Der Rechtsanwalt hat uns gesagt, dass er freigelassen werden soll, weil es keine Beweise gibt. Es scheint so, als ob mein Vater frei kommen wird, und Schadenersatz fordern kann für 12 Jahre, die er unschuldig im Gefängnis verbracht hat.
Mit meinem Vater rede ich nur per Telefon. Außerdem ist er inzwischen getrennt von meiner Mutter. Meine Mutter trinkt viel und deshalb haben sie sich getrennt, Sie ist des Lebens überdrüssig. Sie lebt in den Tag hinein und ist damit zufrieden. Sie ist nicht mehr die kämpferische Frau, die sie früher war, und wovon wir Kinder noch etwas mitbekommen haben. Das macht mich traurig, aber es motiviert mich auch, zu versuchen, selbst weiterzukommen.
Wir sind zunächst in ein Viertel gekommen, das Olarte hieß. Über einen Herrn vom Nachbarschaftskomitee dieses Viertels, der das Gefängnis La Picota besuchte. Meine Mama hat ihn dort getroffen. Denn wir sind in Bogota zu allererst zum Gefängnis gegangen, um meinen Vater zu sehen. Wir kannten uns ja nicht aus und wussten überhaupt nicht, wohin wir gehen sollten. Dieser Mann sagte uns dann, dass er uns ein Zimmer im Gemeindezentrum zur Verfügung stellen könnte. Wir waren zu viert mit meiner Mutter, und dazu kam noch die Familie von Josefina, deren Ehemann auch im Gefängnis war. Sie hatte noch drei Kinder mitgebracht.
Ich erinnere mich noch, dass wir die ersten Tage noch viele Bananen hatten. Eines Morgens bereitete uns Mama eine Bananensuppe mit geriebenem Käse, und wir aßen uns richtig satt, aber am Abend war keine Bananen mehr übrig. Wir hatten Hunger, und alle fingen wir an zu weinen. Ich hatte noch zwei Bananen eingewickelt, aber meine Mutter hatte sie auf den Müll geworfen, weil sie angefault waren. Die hat sie dann wieder auf dem Müll suchen müssen, sie hat sie gebraten und damit haben wir den Hunger gestillt. Wenn ich daran denke, muss ich lächeln.
Was am schwierigsten auszuhalten war, war, dass wir nahe bei den Toten schlafen mussten, denn im Gemeindesaal wurden immer die Toten aus dem Viertel aufgebahrt. Und ständig starb jemand, weil sie in diesem Viertel viele Menschen ermordet haben. Wir waren vor der Gewalt und den Morden geflohen und lebten jetzt an einem Platz, wo immer irgendein Toter beweint wurde. Die ersten drei Monate konnte ich kaum schlafen, denn die Toten machen mir Angst. Wenn man ein Kind ist, fängt man an zu phantasieren.
In diesem Viertel war alles anders als Zuhause. Sie haben uns zum Beispiel belästigt, weil wir schwarz sind, und sie haben Witze über mich gerissen. Mir gefällt auch nicht, dass es viele gab, die Marihuana rauchen und viele Diebe. Einer von ihnen hat mich zusammengeschlagen und mir dabei den Arm verrenkt. Dort lebten wir anderthalb Jahre, und dann zogen wir in ein anderes Viertel, El Portal, nach der Picota, auf dem Weg nach Usme. Meine Mutter arbeitete da schon und wir bezahlten Miete für ein kleines Zimmer. Es war ein ruhiger Platz, und ich verlor die Angst, die ich erlebt hatte an der Seite der Toten
In Usme bin ich in die Schule von Fe y Alegria gegangen, wo auch meine Schwester Zoila war. Die Schule hatte Plätze geschaffen für vertriebene Kinder wie mich. Gefallen hat mir, dass wir dort zu essen bekommen haben und spielen konnten. Ich kam mit Sandalen zur Schule. Fußball spielte ich barfuss. Meine Schwester Zoila schenkte mir ein paar Hefte, die waren schon ziemlich alt. Ich war ziemlich unausstehlich, stritt mich mit allen Mitschülern, lebte ständig im Zorn, und war auch sehr rebellisch in der Schule.
In El Portal habe ich an einer Veranstaltung der Organisation Taller de Vida (Werkstatt des Lebens, ein terre des hommes-Projektpartner), teilgenommen. Sie erzählten, dass bei ihnen gespielt und gemalt werde. Fortan gingen wir hinauf in das Haus von Taller de Vida in Usme oder beteiligten uns an den Ausflügen. Ich erinnere mich noch stark an ein Zeltlager von vier Tagen, mit allen Jugendlichen. Den ersten Tag sind wir den ganzen Tag gewandert. Es war für mich sehr schön, wieder auf dem Land zu sein. Am Nachmittag kamen wir an einen Fluss, ich fühlte mich wie zu Hause. Wir mussten selber die Zelte aufschlagen, wir mussten kochen Ich war damals immer noch nicht zum Aushalten. Mit allen lag ich im Streit. Alle Probleme wollte ich mit Gewalt lösen, ich stritt viel mit den anderen. Aber die Gespräche waren für mich wie geschaffen. Ich habe gelernt, Konflikte anders zu lösen. Sie haben uns auch beigebracht Glasschmuck und kleine Drachenanstecker anzufertigen, um mit dem Verkauf etwas Geld zu verdienen.
Was mir am meisten gefallen hat in Taller de Vida, war, Freundschaft zu erleben. Obwohl ich sehr rebellisch war, hatten sie viel Geduld mit mir. Ich fühlte mich wie ein verwöhntes Kind. Ich fühlte mich wie zu Hause. Ich war sehr gern in dem Haus in Usme. Und die Ausflüge aufs Land ließen mich wie in meiner Heimat fühlen.
Ungefähr vier Jahre habe ich bei Taller de Vida regelmäßig an den Wochenenden und in den Ferien mitgemacht, danach nur noch, wenn ich Zeit hatte. Für mich ist Taller de Vida der Ort, den jeder gerne hat, wo die Leute einem zuhören und man selbst lernt, anderen zuzuhören. Und wo man Tag für Tag lernt, anders zu leben. Ich habe gelernt, die anderen Menschen so zu respektieren, wie sie sind. Ich habe auch Bescheidenheit gelernt und nicht gleich zornig zu werden. Ich habe gelernt, dass die Gewalt nicht mit Gewalt bekämpft werden kann. Das hat mir auch beim Fußball genützt.
Mit dem Fußball ging es bei mir in Bogotá nach der Schule barfuss in der Nähe des Picota-Gefängnisses, wo mein Vater war, los. Da kam ein Herr, setzte sich an die Seite und schaute uns zu. Er hieß Cesar und fragte mich, ob ich gerne Fußball spielen würde und in sein Team kommen wollte. Ich dachte, der redet bloß und glaubte ihm nicht. Er lud mich also in sein Kinderfußballteam ein. Es hieß »Jugend von Bogotá« und trainierte nachmittags immer im Tunal Park. Ich überlegte immer noch hin und her, ob ich ihm glauben sollte, aber nach zehn Tagen bin ich einfach in den Park gegangen. Denn so etwas hatte ich noch nicht erlebt.
Tatsächlich traf ich ihn mit einer Gruppe von Kindern zwischen 12 und 14 Jahren. Zwei Jahre lange habe ich mit den Jungen dort nachmittags trainiert. Als ich dreizehn Jahre alt war, habe ich in der Fußball-Liga von Bogotá mitgespielt und wir hatten eine gute Saison. Sie luden mich ein in die Vorjugend-Auswahl von Bogotá, als ich 14 Jahre alt war, auch da spielte ich gut. Im folgenden Jahr war ich bereits in der Nationalmannschaft der unter 17jährigen. Das war 2003, aber ich verletzte mich das erste Mal schwer, und so konnte ich nicht beim Südamerika-Turnier mitmachen. Das hat mich schwer getroffen, denn das wäre was ganz Grosses für mich gewesen, und auch meine erste Reise außerhalb Kolumbiens.
Zwei Monate dauerte es, bis ich wieder einsatzfähig war. Danach kehrte ich in das Team von »Jugend Bogotas« zurück, um wieder neu anzufangen. Von dort schickten sie mich in die Kinderliga Millionarios, von dort kam ich erneut in die Jugendauswahl von Bogota. Wir spielten in der Vorrunde auf Departamentsebene, schafften es aber nicht, uns für die Landesmeisterschaft zu qualifizieren. In der Vorrunde spielten wir aber gegen Santafe de Bogota und ich schoss drei Tore und gefiel den Leuten von Santafé. Deshalb luden sie mich zu Santafé ein, aber Ende 2004 habe ich mich wieder am Fuß verletzt und bin erst jetzt wieder zurückgekommen zu Santafe, bin dort in der Reserve. Mein Ziel im Fußball ist es, in irgendeinem großen Verein aus England oder Spanien zu spielen oder in der kolumbianischen Nationalmannschaft. Das wollen alle Fußballspieler.
Ein Traum von mir ist es, im Fußball weit zu kommen. So wie Taller de Vida es in dem Theaterstück gezeigt hat. Ich habe mich sehr gefreut, dass Taller de Vida meine Lebensgeschichte als Handlungsidee genommen hat. Es war einfach Spitze, als sie mich einluden zu der ganzen Theatergruppe, um das Stück zu inszenieren. Da waren einige Burschen, die einen, die vorher bei den Paramilitärs waren, die anderen bei der Guerrilla. Ich sah sie an und sie taten mir Leid. Ich dachte daran, dass das auch mein Schicksal hätte sein können. Wir haben über unsere Lebensgeschichten geredet, und sie zeigten mir gegenüber großen Respekt. Das hat mir gefallen, denn ich selbst weiß auch alle die Anstrengungen, die ich unternehmen musste, zu schätzen. Ein anderer Traum ist, mit meiner ganzen Familie an einem Platz zusammen zu leben.«
Das Gespräch hat Stella Duque geführt, Uebersetzung und Bearbeitung: Peter Strack