Vertrieben, verachtet und vielerorts vergessen: Die San im südlichen Afrika. Die bei uns noch immer als Volk der »Buschmänner« bekannten San leben vor allem in der Kalahari-Wüste in Südwestafrika. Jetzt gibt es für sie eine gute Nachricht, dank des »Abnehm-Elixiers P57«: Wenn der US-Konzern Pfizer mit seinem neuen Schlankheitsmittel auf den Markt kommt, werden die San an den Gewinnen aus dem Patent beteiligt. Ein langer Kampf war notwendig, um diesen Erfolg zu erreichen. Erstmals ging damit ein Pharmaunternehmen eine solche Verpflichtung ein. Aus gutem Grund: Schließlich basiert das Elixier P 57 auf dem Hoodia-Kaktus - und auf dem traditionellen Wissen der San.
Die San sind traditionell ein Volk der Jäger und Sammler. Tagelang streiften und rannten sie durch die endlosen Sandebenen der Kalahari auf der Suche nach Nahrung. Soweit es die ständige Umsiedlung zulässt, tun sie das noch heute. »Wasser fanden unsere Männer in den Straußen-Eiern, die wir dort für sie vergraben hatten, wo sie jagten«, erinnert sich die alte Qoama.
Wissen weitergebenAushalten konnten und können die San die Strapazen in der Kalahari durch den bitteren Hoodia-Kaktus. »Indem die Jäger auf Stücken dieser gurkengroßen Pflanze herumkauten, unterdrückten sie das Hunger- und Durstgefühl«, berichtet Qoama. Die kleine Frau mit dem bunten Kopftuch kennt sich aus mit den Pflanzen und wilden Früchten ihrer Heimat. Qoama hat schon von ihrer Mutter gelernt, dass beispielsweise die Morama-Nuss eine abwechslungsreiche Nahrungsergänzung zum Maisbrei-Einerlei ihrer Familie ist. Sie weiß ganz genau, welche wilde Knolle und Pflanze gegen bestimmte Leiden hilft. Nur von Vitaminen oder Diäten hat Qoama noch nichts gehört.
Im Jahr 2001 entdeckte die westliche Pharma-Industrie die Hunger und Durst stillende Wirkung des Hoodia-Kaktus. Zunächst ließ sich Phythopharm die Patentrechte des Appetitzüglers P57 sichern. Kurz darauf erwarb der amerikanische Pharma-Gigant Pfizer, bereits erfolgreich mit dem Potenzmittel Viagra, die Rechte für P57 - für 17 Milliarden Euro. Die San, auf deren Wissen die Entdeckung basierte, wollten sich das millionenschwere Volkswissen jedoch nicht einfach stehlen lassen. Die Organisation WIMSA half den San, ihre Rechte durchzusetzen. »Die San fühlten sich betrogen. Es war, als ob jemand ihr Familiensilber gestohlen hatte und es mit riesigem Gewinn verkaufen wollte«, erklärt der WIMSA-Menschenrechtsanwalt Roger Chenells. Die San erhalten nun nach zähem Ringen sechs Prozent der Gewinne aus dem Patent des Wundermittels P 57. Das freut auch die vielfache Mutter und Großmutter Qoama sehr: »Der Hoodia-Kaktus ist unsere Familientradition«.
Bei aller Freude über den Verhandlungserfolg: Der Vertrag zwischen westlich geprägter Industrie und traditioneller Urbevölkerung ist nur ein erster winziger Schritt: Die Existenz, das Wissen und die Unabhängigkeit der San sind heute mehr denn je in Gefahr. Ausgebeutet als billige Farmhelfer, militärische Fährtenleser und belächelte Touristen-Fotoobjekte, versuchen die einst so starken und stolzen Ureinwohner Südafrikas, sich der neuen Zeit anzupassen. Viele straucheln in Alkoholsucht und Armutsspirale.
Perspektiven für die SanEine menschenwürdige, gerechte Zukunft für afrikanische Minderheiten wie die San hat sich die terre des hommes-Partnerorganisation WIMSA auf ihre Fahnen geschrieben: Ihre Mitarbeiter planen Farmprojekte, möglicherweise auch den großflächigen Anbau des Hoodia-Kaktus. Weitere WIMSA-Projekte sind die Förderung von Brunnenbau und Viehzucht ebenso wie juristische Unterstützung der San. Für sie ist es ist eine Frage des Überlebens, die eigenen Traditionen zu schützen und gleichzeitig neue Lebensformen zu erlernen. Die Gewinnbeteiligung am Diätmittel P57 kann helfen, die Überlebenschancen der San zu sichern.
terre des hommes unterstützt die Organisation WIMSA »Working Group of Indigenous Minorities in Southern Africa« (»Arbeitsgruppe für einheimische Minderheiten im südlichen Afrika«) über einen Zeitraum von zwei Jahren mit 41.691 Euro.