Krebs, Missbildungen, Hirnschäden - auch Jahrzehnte später sind die Menschen in Vietnam von dem größten chemischen Krieg der Geschichte gezeichnet. Jährlich werden etwa 3.600 körperbehinderte Kinder geboren, die zusätzlich noch Dioxin über die Muttermilch aufnehmen. Es werden 20 bis 25 Prozent mehr Behinderungen als allgemein diagnostiziert. Biochemische Untersuchungen zeigen auch heute noch Einlagerungen von Dioxin in der Leber und im Fettgewebe.
Von 1962 bis 1971 versprühten die USA etwa 72 Millionen Liter des Entlaubungsstoffes »Agent Orange« inklusive dem Kampfstoff TCCD (Dioxin) über Vietnam. Die Nachschubwege des Vietcong sollten bloßgelegt und zugleich die eigenen Truppen vor Anschlägen der Dschungelkämpfer geschützt werden. 17.000 Quadratkilometer Wald, vor allem im Grenzgebiet von Südvietnam zu Laos und im Mekong-Delta, wurden verseucht, viele Bewohner der betroffenen Gebiete und auch US-Soldaten erkrankten.
Zwar lässt sich nicht immer genau nachweisen, dass Krankheiten oder Geburtsschäden durch »Agent Orange« bedingt sind, doch belegen Studien einen Zusammenhang im Fall von Krebs, Diabetes und einem offenen Rücken bei Neugeborenen. In stark besprühten Regionen Vietnams ist die Missbildungsrate bei Babys dreimal so hoch wie in den Nachbarländern.
Insgesamt wird nach Angaben der AG Friedensforschung der Universität Kassel in Vietnam über 300 Kilogramm reines Dioxin freigesetzt. Da das Mittel eine Verunreinigung von bis zu 0,05 mg/kg TCDD enthielt, führt es bis heute, selbst in der dritten Generation, noch zu erheblichen irreversiblen gesundheitlichen Problemen bei der Bevölkerung. Missbildungen, insbesondere Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten, Immunschwäche und nachhaltige Erbgutveränderungen - laut Angaben des Vietnamesischen Roten Kreuzes leiden etwa 500.000 Vietnamesen an den Spätfolgen von »Agent Orange«. Andere Schätzungen setzen die Zahl der Opfer bei etwa vier Millionen und damit erheblich höher an. Unter den Leidtragenden sind mehr als 150.000 Kinder, die den Vietnamkrieg nicht kennen und noch nie von »Agent Orange« gehört haben. Sie wurden Jahrzehnte nach dem Krieg geboren und leiden trotzdem unter den Folgen. Weil Tests zu teuer sind, ist der exakte Dioxin-Gehalt in ihren Körpern meist unbekannt. In der öffentlichen Meinung gelten missgebildete Kinder vielfach als Strafe Gottes für die Fehler der Eltern.
Während sich die Dioxinbelastung der Böden mittlerweile normalisiert hat, ist das Dioxin in die Nahrungskette eingedrungen. Wo einst Regenwälder und reiche Fauna vorhanden waren, wachsen heute nur noch Gräser und Büsche. Die Folge sind Erosionen und gewaltige Überschwemmungsschäden.
Bei welchem Kind »Agent Orange« die Ursache für Missbildungen oder Krankheit ist, ist unklar. Es ist »nur« statistisch belegt, dass die Anzahl der Missbildungen, die Anzahl der an Leukämie oder Anämie erkrankten Kinder oder der explosionsartige Anstieg von Krebserkrankungen bei Frauen in den Gebieten, die mit der dioxinhaltigen Chemiewaffe besprüht wurden, weit höher ist als in anderen Regionen Vietnams. Über eine halbe Million behinderter Kinder wurden nach dem Krieg geboren.
Die Ursache der Missbildung bei der vierjährigen Linh dagegen ist klar: Ihr Opa war Pilot der südvietnamesischen Luftwaffe und hat im Auftrag der Amerikaner Agent Orange zur Entlaubung des Dschungels und zur Vernichtung der Reisernte versprüht. Viele Jahre nach dem Krieg starb er qualvoll. Das Dioxin hat auch seine Gene geschädigt.
Seine Enkeltochter Linh wurde ohne Arme geboren. Linh ist eindeutig ein Opfer der dritten Generation. Minh Anh ist drei Jahre alt. Er hat von Geburt an Schuppen am ganzen Körper - eine unheilbare Hautkrankheit. Er sieht aus wie eine Maus, ein grauhäutiges Wesen aus einer anderen Welt. Er ist geistig behindert, kann nicht sprechen, und wenn ihm etwas nicht recht ist, schlägt er seinen Kopf gegen die Gitter am Bett. Minh Anhs Mutter hat ihn gleich nach der Geburt verlassen.
Obwohl mittlerweile weltweite Untersuchungen den Zusammenhang zwischen »Agent Orange« und den Gesundheitsproblemen bestätigen, leugnen die USA weiterhin ihre Schuld und weisen Entschädigungsforderungen zurück.