»Komm raus, dir passiert nichts!«, riefen die burmesischen Soldaten. Mon Tui konnte nichts machen, sie lag mit Wehen im Bett. Sie blickte ihren Mann an, der stumm neben ihr saß. Dann drückte er fest ihre Hand, küsste sie und ging langsam aus dem Haus. Es war das letzte Mal, dass sie ihn gesehen hat. Wie schon viele andere Männer aus dem Dorf wurde er verschleppt, gefoltert und schließlich ermordet.
Mit leiser, stockender Stimme erzählt die 27-jährige Mon Tui ihre traurige Geschichte. »Die Rebellen der Karen Resistance Forces (KRF) kamen oft ins Dorf«, erinnert sie sich. »Sie schickten Briefe an den Dorfchef, in denen sie Reis und andere Lebensmittel forderten. Mein Mann musste den Reis einmal ins KRF-Camp bringen.« Vermutlich erfuhr die Armee davon und tötete ihn dafür, dass er die Rebellen unterstützt habe. »Was sollten wir machen, wir Dorfbewohner waren zwischen den Fronten, egal wer kam, wir mussten tun, was von uns verlangt wurde«, sagt sie verzweifelt, auf dem Schoß ihre einjährige Tochter, die unmittelbar nach der Verschleppung ihres Mannes geboren wurde.
Das Dorf der jungen Frau aus dem Volke der Karen - eine der größten der 135 Ethnien Burmas - lag mitten im Kriegsgebiet. Hier kämpft die burmesische Armee seit Jahrzehnten gegen Rebellengruppen wie die KRF. Nach der Ermordung ihres Mannes sollte Mon Tui an seiner Stelle Zwangsarbeit für die Armee verrichten. Zunächst konnte sie sich freikaufen, doch die letzten Ersparnisse waren bald verbraucht. In ihrer Not ging die junge Frau in ein buddhistisches Kloster und bat um Hilfe. Es blieb nur ein Ausweg: die Flucht über die verminte Grenze nach Thailand.

Die Mönche bezahlten einen Führer und Verpflegung für sie. »Wir hatten fürchterliche Angst während der Flucht. Ständig haben wir Schüsse gehört, immer wieder mussten wir Minenfelder umlaufen und uns verstecken.« Wegen der Umwege dauerte es eine ganze Woche, bis sie die 40 Kilometer entfernte Grenze erreicht hatten.
Seit vier Wochen sind sie und ihre Kinder jetzt im Flüchtlingslager Mae La nahe der Grenze untergebracht, immer noch im so genannten »safe center«, zusammen mit Waisen, Alten und vielen anderen Flüchtlingen, die besonderen Schutz brauchen. Wie es weitergehen soll, kann ihr niemand sagen. Trotzdem ist sie dankbar: »Hier ist es viel besser. Einige Nachbarn teilen ihr Essen mit uns, es gibt zwei Mahlzeiten am Tag, und ich kann endlich wieder richtig schlafen. Im Dorf ging das nicht, ich hatte ständig Angst vor Übergriffen.«
Ein kleiner dreijähriger Junge mit einem kanariengelben Fußballtrikot kommt in die Hütte gerannt, schmiegt sich an Mon Tui, umarmt eins ihrer Beine. Sie streichelt ihm über den Kopf und lächelt. »Seine Eltern haben sich zerstritten, sind weggegangen und haben ihn hier zurückgelassen. Er ist im safe center ganz alleine, und sagt jetzt Mama zu mir«, erklärt sie, auf dem Arm ihre kleine Tochter, neben ihr der siebenjährige Sohn.
Jeden Tag kommen neue Flüchtlinge aus Burma im Mae La Camp an, die Ähnliches durchgemacht haben wie Mon Tui und ihre Kinder. In den unzähligen Bambushütten und Baracken zwischen grünen Hügeln, schlammigen Fußwegen und kleinen Bächen leben inzwischen über 40.000 Menschen. Sie werden vom Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen und anderen Hilfsorganisationen mit dem Nötigsten versorgt, von der thailändischen Regierung aber nur geduldet: Weil sie sich illegal in Thailand aufhalten, werden ihnen viele Rechte vorenthalten - so beispielsweise das Recht auf medizinische Behandlung im staatlichen Gesundheitssystem.
Zum Glück gibt es nicht weit vom Flüchtlingslager - in der thailändischen Grenzstadt Mae Sot - die von terre des hommes unterstützte Shan-Klinik. Inzwischen ist die Klinik auf mehr als zehn Gebäude angewachsen, in denen sich ständig über 400 Menschen aufhalten. Nicht nur Flüchtlinge wie Mon Tui, sondern auch zahlreiche burmesische Wanderarbeiter suchen hier ärztliche Hilfe. Die Klinik ist inzwischen in der ganzen Region bekannt.
Die Klinik umfasst viele Behandlungsräume und Stationen: Die Entbindungsstation, ein Raum, in dem Schwerkranke - darunter viele Aids-Patienten - versorgt werden, eine Station für unterernährte Kinder, in der abgemagerte Säuglinge mit spezieller Aufbaunahrung gefüttert werden. Schräg gegenüber in der Augenklinik führt ein japanischer Spezialist regelmäßig Augenoperationen durch. Vor dem Gebäude sitzt ein 15-jähriger Junge auf einer Mauer. Unter seinem karierten Sarong ragt anstelle des linken Beines ein verbundener Stumpf hervor - eine Mine hat ihm bei der Feldarbeit das Bein zerfetzt. Auch für ihn wird hier gesorgt.
Hinter dem Krankenraum für Minenopfer ist die Prothesenwerkstatt: Hier stehen halb fertige Beine auf Holztischen, daneben Pinsel und Spachtel. Zwei ehemalige Soldaten der Karen National Union, die beide selbst eine Beinprothese tragen, fertigen hier die Ersatzbeine für ihre Leidensgenossen. Im Nebenraum stehen ihre zwei Feldbetten, auf einem liegt eine Prothese. »Wir sind gute Techniker, weil wir dasselbe wie die Patienten fühlen«, erzählen sie nicht ohne Stolz.
Besonders wichtig ist die Aus- und Weiterbildung junger Ärzte und Krankenpfleger. »In den mehrmonatigen Kursen lernen sich junge Menschen verschiedenster Herkunft kennen, Karen, Shan, Mon, Thais, Burmesen. Viele von ihnen gehen danach als so genannte Rucksackdoktoren zurück nach Burma«, berichtet eine Ärztin. Mehrere Dutzend dieser Rucksackdoktoren versorgen etwa 150.000 Menschen in Burma, die sonst keinerlei ärztliche Versorgung hätten.
terre des hommes unterstützt die Shan-Klinik in Thailand über einen Zeitraum von drei Jahren mit 45.000 Euro.