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»Kinderarbeit auch bei Edelmarken«

Interview mit Barbara Küppers, terre des hommes-Referentin, zu Kinderarbeit und Sozialstandards
Barbara Küppers
Barbara Küppers
Foto: terre des hommes
Wie können Verbraucher erkennen, ob ein Produkt von Kindern produziert wurde?

Niemand kann einer Ware ansehen, ob sie unter ausbeuterischen Bedingungen hergestellt wurde. Die Angabe des Herkunftslandes gibt kaum Aufschlüsse, denn nicht alle Betriebe dort beuten Kinder aus. Zurzeit können Verbraucher nur anhand eines Fairtrade- oder Sozialsiegels erkennen, dass grundlegende Arbeitsrechte eingehalten werden.

Wie sieht es mit Billigprodukten und der »Geiz ist geil-Mentalität« aus? Wird dadurch Kinderarbeit nicht geradezu gefördert?

Natürlich hängt es mit ungerechten Handels- und Wirtschaftsstrukturen zusammen, dass manche Produkte so billig sind und Produzenten und Arbeiter kaum davon leben können. Es ist allerdings nicht so, dass teure Produkte sozial verträglich hergestellt werden und preiswerte Produkte unter ausbeuterischen Bedingungen. Ich habe oft selbst gesehen, dass Betriebe, die für teure Designerlabel produzieren, Kinder beschäftigen.

Wie kommt das?

Die Herstellungskosten von Textilien zum Bespiel betragen etwa ein bis fünf Prozent des Endpreises. Der Verkaufspreis hat mehr mit der Marke, den Vermarktungswegen und der Produktqualität zu tun, weniger mit den Arbeitsbedingungen. Wenn Zulieferer nun auf Kinderarbeit verzichten und stattdessen Erwachsene zu höheren Löhnen beschäftigen, dann schmälert das natürlich deren Gewinnmarge. Auf den Endpreis hat das aber kaum Auswirkungen.

Kinderarbeit in Burkina Faso
Kinderarbeit in Burkina Faso
Foto: Souleymane Ouattara
Was hat denn Einfluss auf die Löhne und die Frage, ob Kinder ausgebeutet werden?

Die Frage der Löhne und der Produktionsbedingungen hängt – und das wird hier in Debatten um Verhaltenskodices und Sozialstandards oft vernachlässigt – wesentlich von den Verhältnissen vor Ort ab. Es ist eine sehr wichtige Frage, ob es dort Gewerkschaften gibt, die bessere Löhne und Arbeitsbedingungen erkämpfen können. Und das wiederum ist abhängig von der Frage, ob es überhaupt das Recht auf Vereinigungsfreiheit und Kollektivverhandlungen gibt.

Was können Handelsunternehmen, die im globalen Wettbewerb stehen, gegen die Ausbeutung von Kindern tun?

Auf Grund der Wettbewerbsbedingungen kaufen große Handelsunternehmen dort ein, wo Löhne niedrig sind. Natürlich gelten auch dort die grundlegenden Menschen- und Arbeitsrechte. Besonders wichtig sind starke Gewerkschaften und starke soziale Bewegungen, die sich zum Beispiel gegen die Ausbeutung von Kindern engagieren. Handelsunternehmen können einen wichtigen Beitrag leisten, wenn sie ihre Zulieferer verpflichten, Gewerkschaftsrechte zu gewähren und keine Kinder einzustellen.

Unternehmen müssen also zunächst ihre Lieferantenkette prüfen: Gibt es bei Lieferanten oder bei deren Sublieferanten Kinderarbeit oder andere Formen der Ausbeutung? Große Handelsunternehmen haben die wirtschaftliche Macht, ihre Zulieferer auf die Einhaltung mindestens der grundlegenden Arbeitsrechte zu verpflichten.

Wenn die Kontrollen ergeben, dass Kinder in der Produktion arbeiten, sollten Unternehmen dann ihre Aufträge zurückziehen?

Nein, denn dann würde sich nichts ändern. Vielmehr müssen mit den Zulieferern Korrekturpläne mit genauen Fristen vereinbart werden. Sie müssen Kinder durch Erwachsene ersetzen und sich daran beteiligen, dass diese Kinder nicht einfach irgendwo anders weiterarbeiten, sondern zur Schule gehen können oder eine Ausbildung bekommen.

Indien: Kinder knüpfen Teppiche für den Weltmarkt
Indien: Kinder knüpfen Teppiche für den Weltmarkt
Foto: terre des hommes
Große Unternehmen betonen in der Öffentlichkeit gerne ihre soziale Verantwortung. Ist das nur ein Marketing-Trick, oder sind sie wirklich Bündnispartner im Kampf gegen die Ausbeutung von Kindern?

Einige tun gar nichts, andere verkünden Absichten und einige sind Bündnispartner geworden. Sie haben Verhaltenskodices formuliert, überwachen deren Einhaltung und tragen an den Standorten durch Dialoge mit Zulieferern und durch Projektunterstützung dazu bei, dass Schulen gebaut werden und Kinderarbeiter eine echte Alternative bekommen. Um diese Arbeit seriös zu leisten, müssen solche Standards in verschiedenen Abteilungen von Unternehmen verankert sein, und man muss tatsächlich im Alltag damit arbeiten. Ein solches Engagement ist für große Handelsunternehmen auch Teil des Risikomanagements: Man will vorsorgen und nicht erleben, dass kritische Berichte über Kinderarbeit das Image schädigen.

terre des hommes kooperiert mit Handelsunternehmen, die ihre Zulieferer verpflichten, keine Kinder auszubeuten. Können die Unternehmen diese Selbstverpflichtung in der Praxis überhaupt kontrollieren?

Sie können es, wenn sie bereit sind, Geld und Zeit zu investieren. Wichtig ist, dass es einen Dialog mit den Zulieferern gibt. Nur dann werden Verbesserungen dauerhaft umgesetzt. Kontrolle muss seriös und wirksam stattfinden, es reicht nicht, seine Einkäufer zu bitten, doch mal nach dem Rechten zu sehen.

Sehr wichtig sind Veränderungen vor Ort, die oft weit über die Fabriktüren hinausgehen. Die Ausbeutung von Kindern wird nur dann dauerhaft beendet werden können, wenn viele Akteure am selben Strang ziehen: Das reicht von der Schulbehörde und der Arbeitsaufsicht über Bürgerinitiativen und Gewerkschaften bis hin zu den Stadträten. Unser Ziel ist schließlich nicht, die Welt mit Kontrolleuren zu überziehen, sondern die Verhältnisse tatsächlich und dauerhaft zu ändern.

Welche Rolle kann die Politik gegen ausbeuterische Kinderarbeit übernehmen?

Kinderrechte für alle Kinder durchsetzen kann nur die Politik: Zurzeit fehlen zum Beispiel in Indien etwa 100.000 Grundschulen, und über 50 Millionen Kinder zwischen fünf und 14 Jahren gehen nicht zur Schule. Wenn die indische Regierung jetzt massiv in Schulbildung für alle investieren würde, wären wir einen großen Schritt weiter.

Sozialsiegel, Projekte, private Initiativen und Verhaltenskodices können Modelle sein und Anstöße geben, um Druck auf Politiker auszuüben. Für terre des hommes ist es wichtig, Projektpartner vor Ort so zu unterstützen, dass sie gemeinsam mit anderen auch Politik beeinflussen können. Das ist vielerorts gelungen, zum Beispiel haben in Bolivien Projektpartner an einem neuen Gesetz für Dienstmädchen mitgearbeitet. In Indien konnten sie die Verankerung der Schulpflicht in der Gesetzgebung erreichen.


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