Fatou ist eingeschlafen. Kaum hatte der Unterricht begonnen, da fielen ihr schon die Augen zu. Auf den sanften Stups ihrer Nachbarin reagiert sie nicht mehr, also lässt man sie schlafen. Es ist ein merkwürdiges Klassenzimmer in Bamako, der Hauptstadt von Mali: Es scheint fast, als mangele es hier an der nötigen Disziplin. Fatou schläft, andere Mädchen sprechen und kichern miteinander. Die Tür steht weit offen; mal kommt eine Schülerin verspätet herein, eine andere muss früher gehen. Auch die Zeit ist ungewöhnlich: Der Unterricht hat erst abends um acht begonnen; draußen ist es schon stockdunkel. Knapp 30 Schülerinnen sind hier versammelt. Es sind junge Frauen darunter; eine von ihnen trägt ein Baby auf dem Rücken. Andere, wie die elfjährige Fatou, sind selbst noch Kinder. Aber eines haben alle gemeinsam: einen schweren Job. Die Mädchen, die hier am Abend die Schulbank drücken, arbeiten tagsüber als Hausmädchen, so wie tausende andere in Westafrika, die ihre Dörfer verlassen haben, um in der Stadt ein bisschen Geld zu verdienen.

Auch die 15-jährige Assan Fofana besucht die Abendschule. Vor drei Jahren haben ihre Eltern sie in den Zug nach Bamako gesteckt, seitdem arbeitet sie im Haus einer Witwe mit acht Kindern. Ihr Arbeitstag ist lang und hart: Um fünf wird sie geweckt, und nach dem Morgengebet, das der Islam vorschreibt, bereitet sie das Frühstück. Sämtliche Hausarbeit ist Sache von Assan. Nach dem Frühstück putzt sie das Haus, während die Kinder ihrer Chefin zur Schule gehen. Danach steht sie gebückt über den Plastikwannen im Innenhof und wäscht die Kleider der Familie. Sobald die Wäsche auf der Leine hängt, muss sie die täglichen Einkäufe erledigen und anschließend das Mittagessen vorbereiten – meist Reis oder Hirse mit einer Soße aus Gemüse, manchmal auch Fleisch.
Nicht nur für die Arbeit im Haus ist Assan zuständig, sie muss auch Geld verdienen für ihre Arbeitgeber. Das Produktivkapital der Familie ist eine große, altersschwache Kühltruhe, in der Leitungswasser gelagert wird – abgepackt in kleinen durchsichtigen Plastiktüten. Solche Beutel werden hier an jeder Ecke angeboten: Der Käufer beißt ein kleines Loch hinein und spritzt sich das Wasser in den Mund. Am späten Vormittag, wenn die Tageshitze einsetzt, schleppt Assan einen großen Eimer mit Wasserbeuteln zum Markt. »Das ist die schwerste Zeit des Tages«, sagt sie. Die Hitze, das Gewicht des Eimers, das Gedränge auf dem Markt, der Ärger mit unfreundlichen Kunden – eine endlose Quälerei. Und immer die Angst, nicht genug zu verkaufen: Zehn Francs-CFA kostet so ein Beutel, das sind anderthalb Cent. 150 Beutel pro Tag soll sie verkaufen, anderenfalls kann es Ärger geben. Einmal, gegen zwei Uhr nachmittags, kommt sie zum Haus zurück, um etwas zu essen und den Eimer nachzufüllen. Dann geht sie wieder auf den Markt.

Dieser Markt ist nicht der bunte und freundliche »Marché Rose« von Bamako, der in jedem Reiseführer abgebildet ist. Es ist der Markt der armen Leute, auf den sich keine Touristen verirren: Bretterverschläge auf schlammigem Boden, faulige Gerüche, trocknender Fisch in praller Sonne, Berge von Altkleidern, Autoschrott aus Europa. Viele Kinder sind hier unterwegs. Sie bieten Früchte, Batterien, Erdnüsse oder Holzkohlen an; Zigaretten werden einzeln verkauft, denn die Kundschaft ist knapp bei Kasse.
Assan hasst die Arbeit auf dem Markt. Früher hat sie ihrer Chefin geholfen, Stoffe zu färben. »Das war nicht so anstrengend, und ich habe etwas dabei gelernt «, sagt sie. Sie träumt davon, selbst einmal als Färberin zu arbeiten. Die haben ein sicheres Einkommen, denn für schöne Stoffe gibt es in Westafrika immer einen Markt. Doch nun lebt die Familie nur noch vom Verkauf des Wassers, und Assan hat Angst, dass sie alles wieder vergisst, was sie über das Färben gelernt hat. Am späten Nachmittag geht die Arbeit zu Hause weiter. Der Wasserverkauf für den nächsten Tag muss vorbereitet werden: Assan füllt Wasser in die Plastikbeutel, verknotet sie sorgfältig und packt sie in die Kühltruhe. Anschließend macht sie das Abendessen. Das ist ihr Arbeitstag, an sieben Tagen in der Woche. Pro Monat bekommt sie dafür 5.000 Francs- CFA – etwa acht Euro, dazu das Essen und den Schlafplatz auf einer Bastmatte.
So wie die meisten Hausmädchen in Westafrika arbeitet auch Assan, um ihre Aussteuer zu verdienen. Eine Truhe mit allem, was ein Mädchen für die Hochzeit braucht, kostet mehr als 100 Euro. Zwei Jahre noch, dann hat sie das Geld zusammen, meint sie. Dann wird sie in ihr Dorf zurückkehren und den Mann heiraten, den ihr Vater für sie ausgesucht hat. Eine Schule hat Assan nie besucht; nur ihre Brüder durften zur Schule gehen. Weil das so üblich ist, sind in manchen ländlichen Gegenden Malis fast 90 Prozent der Frauen Analphabetinnen. Assan erfuhr auf dem Markt, dass es eine Abendschule für Hausmädchen gibt. Jetzt besucht sie jeden Abend den Unterricht. Sie lernt schreiben und rechnen, aber es wird auch über das Leben gesprochen: Schwangerschaft, Heirat, Arbeit, Drogen, AIDS.
Der Verein »Mali Enjeu« bietet die Abendkurse für Hausmädchen an. »Die meisten dieser Mädchen sind total isoliert. Sie werden ausgebeutet, und auch Schläge und sexuelle Übergriffe sind keine Seltenheit «, sagt der Lehrer Amadou Diarra. Er ist Direktor einer Grundschule; die Hausmädchen unterrichtet er in seiner Freizeit. Er weiß genau, welchen Arbeitstag die Mädchen hinter sich haben, wenn sie abends in seiner Klasse sitzen. Darum lässt er die kleine Fatou schlafen, und er sorgt dafür, dass der Unterricht den Mädchen Spaß macht. »Es geht uns hier nicht nur um Alphabetisierung«, erklärt er, »sondern um die Persönlichkeitsentwicklung. Hier haben die Mädchen die Möglichkeit, Freundinnen zu treffen, sich auszutauschen und über ihre Probleme zu sprechen.«
Oft wird in der internationalen Entwicklungspolitik in theoretisch-nichtssagenden Vokabeln das »alternative Bildungsangebot« gefordert, »das an der Lebenssituation der Schüler orientiert ist«. In diesem Klassenzimmer in Bamako wird es praktiziert. Hier wird gelernt und gelacht, hier erleben die Mädchen nach all der Arbeit ein paar glückliche Momente. Um keinen Preis will Assan den Unterricht verpassen. Auch wenn sie so lange arbeiten muss, dass sie erst um halb zehn ankommt – sie geht immer hin. »Die Schule«, sagt sie, »hat mir die Augen geöffnet. Und das Herz.«
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Mali steht in einer der traurigsten Ranglisten der Welt auf Platz sechs: UNICEF listet Staaten nach der Sterblichkeitsrate der Kinder unter fünf Jahren. In Mali sterben 231 Kinder von 1.000 vor ihrem fünften Geburtstag. Mali gehört zu den ärmsten Ländern der Welt mit einem Bruttosozialprodukt von 210 US-Dollar pro Kopf der Bevölkerung Deutschland: 23.700 US-Dollar). 73 Prozent der Bevölkerung haben weniger als einen Dollar pro Tag. Nur 51 Prozent der Jungen und 36 Prozent der Mädchen gehen zur Schule.
Wie viele Mädchen auf der Welt früh ihr Zuhause verlassen und als Dienstmädchen schuften – darüber gibt es kaum Daten. Auch die ILO schätzt nur, dass die Zahl »sehr hoch« ist. Dienstmädchen schuften buchstäblich im Verborgenen, sie sind oft völlig isoliert und der Ausbeutung und Willkür ihrer Arbeitgeber ausgeliefert. Die philippinische Organisation »Visayan Forum« schätzt, dass dort 200.000 Mädchen unter 16 Jahren als Dienstmädchen arbeiten. Für Indonesien nennt die ILO eine Zahl von fünf Millionen Mädchen. Eine terre des hommes-Studie über Kinderarbeit in Westafrika gibt allein für die beiden großen Städte im kleinen Land Benin die Zahl von 100.000 Dienstmädchen an. 13 Prozent sind jünger als zehn Jahre, 56 Prozent sind zwischen zehn und 13 Jahren alt. Sie gehen nicht zur Schule, arbeiten bis zu 15 Stunden täglich und haben niemals frei. Einige Dienstmädchen sind Schlägen, schlechter Ernährung und sexueller Belästigung durch ihre Dienstherren ausgesetzt.