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Steine aus Kinderhand

Produziert wird auch für den deutschen Markt
Kinderarbeit
Foto: Nagender Singh Chhikara

Mehr als 126 Millionen Kinder unter 15 Jahren arbeiten Tag für Tag unter gefährlichen und ausbeuterischen Bedingungen. Zum Beispiel in Indien. Dort findet man arbeitende Kinder auf Plantagen, in Edelsteinschleifereien oder im Erztagebau. In einigen Bundesstaaten schuften Kinder unter unmenschlichen Bedingungen in Natursteinbrüchen. Ein Teil der Marmor-, Granit- und Sandsteine ist für den deutschen Markt bestimmt. Die Sonne brennt erbarmungslos, der Lärm ist unerträglich. Die Luft ist voller Steinstaub und macht das Atmen schwer. Alltag in einem der zahllosen Steinbrüche im indischen Bundesstaat Rajasthan. Ein Knochenjob für die Frauen und Männer.

Kinderarbeit
Arbeiten ohne Schutzkleidung
Foto: Nagender Singh Chhikara

Gesundheitsrisiken

Viele bezahlen die Arbeit mit ihrer Gesundheit. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei knapp über 35 Jahren. Nicht nur für Erwachsene ist die Arbeit hart und gefährlich. Auch Kinder schuften in den Steinbrüchen. Sie bearbeiten mit primitivsten Werkzeugen Steine, schleppen Felsbrocken oder Gesteinsreste. Die Jüngsten sind nicht einmal zwölf Jahre alt. Aus Mangel an Betreuungsmöglichkeiten bringen Eltern sogar Kleinkinder mit in die Steinbrüche.

Die Arbeit in den Steinbrüchen ist lebensgefährlich. Sicherheitsvorschriften oder Schutzkleidung gibt es nicht. Immer wieder kommt es zu tödlichen Unfällen. Die Kinder arbeiten für einen Hungerlohn. Eine von terre des hommes in Auftrag gegebene Studie zeigt weitere Details des Lebensalltages: Viele Familien, die in den Steinbrüchen arbeiten, sind Migranten aus noch ärmeren Regionen Indiens. Doch auch hier in Rajasthan sind die Chancen auf ein besseres Leben gering. Es gibt kaum Alternativen zur Arbeit in den Steinbrüchen. Die meisten Familien leben in provisorischen Zelten oder Bretterbuden direkt am Rande der Steinbrüche. Die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal, sauberes Trinkwasser gibt es kaum. Außerdem fehlt es an Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern. Tag ein, Tag aus sind die Menschen schutzlos dem Staub ausgesetzt. Das quarzhaltige Gemisch setzt sich in den Lungen fest. Silikose (Steinstaublunge) ist eine weit verbreitete Krankheit.

Kinderarbeit
Ein Knochenjob – auch für Mädchen
Foto: Nagender Singh Chhikara

Es fehlt an Kontrollen

Die Gewinnung von Natursteinen ist nach der Landwirtschaft der wichtigsten Wirtschafszweige in Rajasthan. Man schätzt, dass fast 290.000 Menschen in Steinbrüchen arbeiten. Genaue Angaben über die Zahl arbeitender Kinder gibt es nicht. Zwar ist nach indischen Gesetzen die Kinderarbeit in Steinbrüchen verboten, doch gibt es kaum wirksame und flächendeckende Kontrollen. Viele Steinbrüche werden zudem illegal betrieben. Mit Marmor, Sandsteinen und Granit lassen sich gute Geschäfte machen, denn die Nachfrage aus dem Ausland nach preisgünstigen Natursteinen ist groß. Der Wirtschaftsboom in China hat die Nachfrage zusätzlich angefeuert: Zwischen 2001 und 2006 steigerte Indien seine Ausfuhren dorthin um 194 Prozent. Doch nur ein Teil der Natursteine ist für den Binnenmarkt bestimmt. Nach der Weiterverarbeitung in China wird ein Großteil der Ware als chinesisches Produkt umdeklariert und weiter nach Europa exportiert, zum Beispiel nach Deutschland. Und so findet man hierzulande nicht nur Direktimporte aus Indien, sondern auch Ware aus Rajasthan, allerdings mit dem Herkunftsnachweis »Made in China«.

Für Verbraucher und Händler ist nicht zu erkennen, unter welchen Bedingungen die Steine abgebaut wurden. Schon gar nicht, ob sie aus Kinderhand stammen. Mittlerweile gibt es aber Zertifikate, mit denen Steine ohne Kinder- und Sklavenarbeit gesiegelt werden.

Zertifizierte Steine

Der Verein Xertifix will mit dem gleichnamigen Siegel sicherstellen, dass Steine ohne ausbeuterische Kinder- und Sklavenarbeit produziert und verkauft werden. Regelmäßig kontrollieren unabhängige Prüfer die Produzenten, deren Ware das Siegel trägt. Auch einige Steinmetze unterstützen in Deutschland den Verkauf fair gehandelter Steine. Auf der Homepage von Xertifix Externer Link findet sich eine Liste aller deutschen Händler, bei denen es gesiegelte Steine zu kaufen gibt.

Kinderarbeit
Kleinkinder wachsen im Steinbruch auf
Foto: Nagender Singh Chhikara

Mit »win-win Fair Stone« Externer Link wurde ein internationaler Standard für Natursteine eingeführt. Auch hier gelten strenge soziale Kriterien. Unternehmen können Fair Stone beitreten, indem sie eine schriftliche Erklärung unterzeichnen, mit der sie die Beschäftigung von Kindern ausschließen und die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards garantieren. Die Erklärung bezieht sowohl Exporteure wie auch Händler ein. Unabhängige Prüfer führen auch hier regelmäßige Kontrollen durch, um die Einhaltung der Standards sicherzustellen.
Auf dem Weg ist auch das Siegel »Sustainable Stone Lable« (SSL) Externer Link. Nichtregierungsorganisationen aus den Niederlanden und skandinavischen Ländern arbeiten an einem umfassenden Standard und einem gemeinsamen Inspektionssystem. terre des hommes setzt sich für ein gültiges und gemeinsames Siegel für Natursteine ein.

Öffentliche Verantwortung

Bund, Länder und Kommunen in Deutschland geben pro Jahr 360 Milliarden Euro für öffentliche Beschaffungen aus. Darunter sind auch Produkte, die unter ausbeuterischen Bedingungen hergestellt wurden. Dazu gehören Baumaterialien für die Gestaltung von Gebäuden und öffentlichen Plätzen sowie Verbrauchsgüter wie Kaffee, Tee, Orangensaft oder Blumen. In vielen Städten und Gemeinden engagieren sich Menschenrechtsaktivisten, Umwelt- und Dritte-Welt-Gruppen für eine faire öffentliche Beschaffungspolitik. In Neuss, Bonn, München und anderen Städten waren ehrenamtliche terre des hommes-Gruppen mit ihrem Einsatz für eine faire kommunale Beschaffung erfolgreich. Dass diese Städte ihre Ausschreibungs- und Beschaffungspraxis änderten, wurde auch durch terre des hommes-Einflussnahme auf entsprechende Verordnungen und auf Beschlüsse des Deutschen Bundestages möglich. Galten früher ausschließlich Kostengesichtspunkte als Kriterium, so dürfen Städte und Kommunen nun auch ökologische und soziale Kriterien bei der Auswahl zugrunde legen. So kann der Kauf von Steinen aus Kinderhand ausgeschlossen werden.

Alternativen für Kinderarbeiter

Kinderarbeit
Schule statt schuften
Foto: Heinz Wüppen

Doch im Mittelpunkt steht die Situation der Arbeiter und insbesondere der Kinderarbeiter in den Steinbrüchen. Deshalb engagieren sich terre des hommes-Partner für bessere Arbeitsbedingungen in den Steinbrüchen und für ein Verbot der ausbeuterischen Kinderarbeit. Sie kümmern sich vor Ort darum, dass Jungen und Mädchen medizinisch versorgt und Kleinkinder betreut werden. Und sie sorgen dafür, dass die Kinder die Möglichkeit bekommen, eine Schule zu besuchen. Nur so haben sie eine Chance auf eine bessere Zukunft.
Das Geschäft mit den Natursteinen zeigt einerseits die wirtschaftliche Verflechtung im Zeitalter der Globalisierung. Das Beispiel zeigt aber auch, dass in Zeiten der Globalisierung sehr wohl die Chance zur Gestaltung besteht: Als Verbraucher und Unternehmen durch die Übernahme politischer Verantwortung und mit einer Spende kann etwas getan werden, um die Ausbeutung von Kindern zu stoppen.

Verwendung von Natursteinen

Granit: Grabsteine auf Friedhöfen, Straßenbau: Pflasterstein, Bordstein, Schotter (mehrheitlich aus China), Bahnbau als Schotter, Hochbau als Außenwandverkleidung und Bodenbelag.Wandverkleidung, Treppenbelag, Innenverkleidung, Tisch- und Küchenplatte, Gartenbau: Pflasterstein, Rabattenstein, Brunnen
Marmor: Bodenbelag, Wandplatten, Treppenstufen
Sandstein: Baustein, Werkstein, Dekostein, Baumaterial, Bodenbeläge. Treppenstufen
Quelle: Xertifix

Die größten Produzenten von Marmor und Granit / Angaben in 1.000 Tonnen  
  2002 2004 2006 2007 2008
China 18.000 20.600 21.500 22.000 21.000
Indien 12.523 15.528 19.000 21.500 21.000
Iran 9.311 10.400 11.045 11.100 11.000
Türkei 3.150 7.725 9.400 9.500 10.000
Italien 10.110 10.884 10.555 10.048 9.500
Spanien 7.616 8.573 8.300 8.220 7.700
Brasilien 3.710 6.400 7.521 7.970 7.500
Weltweite Produktion 78.254 96.161 102.736 105.919 102.805

Quelle: »Internazionale Marmi e Macchine Carrara Spa« IMM

 

Deutsche Importe von Natursteinen aus Indien in 1000 Tonnen (1)
  2003 2004 2005 2006 2007 2008
Steine und Erden 59 70 58 67 73 69
Waren aus Stein 38 47 53 55 66 66

 

Deutsche Importe von Natursteinen aus Indien in Mio. Euro (1)
  2003 2004 2005 2006 2007 2008
Steine und Erden 13 11 11 14 15 15
Waren aus Stein 31 34 36 41 49 50

 

Deutsche Importe von Waren aus Stein (1)  
  1. Halbjahr 2008 1. Halbjahr 2009
  in Mio. Euro in 1.000 Tonnen in Mio. Euro in 1.000 Tonnen
Italien 43 49 37 44
Indien 23 29 24 33
China 64 235 57 183
Gesamt 266 377 214 305

Quelle: Statistisches Bundesamt
(1) »Steine und Erden« umfasst neben Kies, Sand etc. auch unbearbeitete Steine. »Waren aus Stein« besteht aus fertigen Endprodukten.

Ausführliches statistisches Material zum Handel mit Natursteinen finden Sie auf unserer Hintergrundseite, die als Dokumente zum kostenlosen Download als PDF-Dokument zur Verfügung steht. (Hier Link auf die beiliegende Datei »Weltmarktentwicklung.pdf)


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