»Das ist das prächtigste Plateau und das schönste Kap, das wir auf der ganzen Welt jemals gesehen haben«, soll voller Begeisterung der britische Seefahrer Sir Francis Drake 1580 gerufen haben, als er die südafrikanische Küste in der Gegend des heutigen Kapstadt erblickte. Auch noch mehr als 400 Jahre später übt die Bucht am Fuße des Tafelbergs samt der Hauptstadt der Western Cape Provinz dieselbe Faszination auf die Menschen aus. Traumhafte Strände, Landschaftsformationen von überwältigender Schönheit, das milde Klima, all dies lockt Jahr für Jahr Millionen Touristen an.
Doch Südafrika ist auch für Sextouristen ein beliebtes Reiseziel geworden: Eine noch mangelhafte Strafverfolgung macht es möglich, dass viele Freier - Ausländer wie Einheimische - kaum Konsequenzen zu befürchten haben. Interviews mit vorwiegend weißen Sextouristen Mitte der 1990er Jahre haben ergeben, dass diese Kinder auswählen, weil sie »unverbrauchter«, »billiger« und »williger« seien als Erwachsene. Außerdem hätten sie seltener Geschlechtskrankheiten. Je nach Nationalität glaubten die Männer auch, Sex mit Kindern bzw. Jungfrauen heile von Krankheiten wie AIDS, eine fatale und immer noch weit verbreitete Annahme auch unter Einheimischen.
»Gewalt und Mord sind allgegenwärtig«Die überwiegend jungen Mädchen, die sich in den großen Städten wie Kapstadt oder Johannesburg prostituieren müssen, stammen aus dem ländlichen Hinterland. Getrieben von dem Traum, als Model beim Film oder in der Modebranche Karriere zu machen sind sie in die Stadt gekommen. Andere sind von Banden entführt, wieder andere von ihren Eltern verkauft worden oder aber haben Gewalt und sexuellen Missbrauch zu Hause erfahren und sind davor geflohen. Die Ursachen sind vielfältig, die Folgen aber dieselben. Wenn sie in die Fänge der Kinderhändler geraten, gibt es meist kein Zurück mehr. Sie werden sexuell ausgebeutet, an Flucht ist nicht zu denken. »Gewalt und Mord gehören zum Alltag der Menschen, die in den Armutsvierteln unseres Landes aufwachsen. Dementsprechend ist die Hemmschwelle zum Töten sehr niedrig.
Die Mädchen wissen, dass die Drohungen ihrer Peiniger, sie umzubringen, wenn sie versuchen zu fliehen oder vor Gericht auszusagen, keine leeren Worthülsen sind«, sagt die Sozialarbeiterin Deborah. Seit mehreren Jahren arbeitet sie für die Kinderrechtsorganisation »Molo Songololo«, einem langjährigen Projektpartner von terre des hommes in Kapstadt. Sie betreut Mädchen, die es unter Lebensgefahr doch geschafft haben, den Qualen zu entfliehen.
Drehkreuz des Handels
Durch die Arbeit mit den Ärmsten der Armen in den Townships der Weltmetropole war Molo Songololo eine der ersten südafrikanischen Organisationen, die auf das Problem des Kinderhandels aufmerksam machten. Um fundierte Kenntnisse und Daten zu erlangen, wurde eine Studie über »Kinderhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung in Südafrika« durchgeführt. Die Ergebnisse sind erschreckend: Einheimische Jungen und Mädchen werden innerhalb des Landes verschleppt und zu ausbeuterischen Tätigkeiten gezwungen.
Dazu kommt, dass Südafrika sich zum internationalen Umschlagplatz für die »Ware Kind« entwickelt hat. Gut organisierte afrikanische, osteuropäische und südostasiatische Syndikate schleusen Kinder und Jugendliche aus Angola, dem Kongo, Nigeria, Bulgarien, Rumänien, Lettland, Estland, Tschechien, der Slowakei und Thailand ein. Am Zielort angekommen werden sie für die Sexindustrie missbraucht.
Schätzungen zufolge gibt es in Südafrika etwa 38.000 Kinderprostituierte. Doch Südafrika ist nicht nur Empfänger-, sondern auch Transitland. Kinder aus dem Senegal, Sambia, Kenia, Tansania und weiteren afrikanischen Ländern werden von hier aus nach Bangkok verkauft.
Gemeinsam handelnAus diesen Gründen hat Molo Songololo die Bekämpfung des Kinderhandels zu einer Hauptaufgabe der Arbeit gemacht. Mit Theaterstücken, Plakaten und Demonstrationen von Jugendgruppen wird gezielte Aufklärungsarbeit betrieben. Opfer von Kinderprostitution können sich über das anonyme Sorgentelefon an Molo Songololo wenden. »Es dauert lange, bis wir Zugang zu den meist weiblichen Anruferinnen finden. Im Idealfall fassen sie Vertrauen und wir können ihnen so viel Mut zusprechen, dass sie den Schritt wagen, mit unserer Unterstützung die Peiniger vor Gericht anzuklagen«, erklärt Deborah. Der Weg ist sowohl für die Opfer als auch für die betreuenden Sozialarbeiter hart und steinig. Aber er ist sehr wichtig, denn den Tätern muss verdeutlicht werden, dass sich die Zeiten in Südafrika ändern.
Durch die gezielte Zusammenarbeit von Molo Songololo und weiterer Hilfsorganisationen mit der Polizei, Grenzbehörden und dem Justizministerium wurde in Südafrika ein Nationaler Aktionsplan gegen den Kinderhandel angenommen; immer öfter kommt es zu einer Verfolgung und Bestrafung der Verantwortlichen. »Wir arbeiten eng mit unseren Kollegen aus Angola, Mosambik, Sambia, Namibia und Simbabwe zusammen. Wir tauschen Erfahrungen aus und unterstützen uns gegenseitig bei Aufklärungs- und Hilfsmaßnahmen«, betont Patric Solomons, Direktor von Molo Songololo, die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit im Kampf gegen diese Menschrechtsverletzungen. Das gemeinsame Vorgehen habe zu neuen Gesetzen zum Schutz von Kindern in Mosambik und Südafrika geführt. Ein großer Schritt - vor einigen Jahren noch war das Thema tabu und staatliche Sanktionen existierten kaum.