»Wenn ihr die Kinder zu irgendetwas zwingt, dann brechen wir das Projekt ab.« Die Warnung des Vorstehers der Orang Rimba, der 1.500 Dschungelmenschen aus dem Nationalpark Makekal Forest in Sumatra, an die Lehrer der örtlichen Versuchsschule ist deutlich. Mitbestimmung der Kinder ist bei den Orang Rimba gängige Praxis - obwohl sie von Beteiligung als international verankertem Kinderrecht vermutlich noch nie gehört haben.
In der gerade einmal vier Mal fünf Meter großen Holzhütte leben und lernen 20 Jungen jeweils mehrere Wochen, bevor sie wieder für eine Zeit zu ihren verstreut im Urwald wohnenden Familien zurückkehren. Die Kinder entscheiden selbst, ob sie beim Kochen mithelfen und was es zum Essen gibt, ob sie den Unterricht besuchen oder lieber doch einen Ausflug machen, um zu lernen, wie man auf Urwaldriesen steigt und Honig sammelt. Dies ist im indonesischen Jäger- und Sammlervolk eine Schlüsselqualifikation, wenn es später ums Heiraten geht.
Freiheit trägt FrüchteDie Entscheidungsfreiheit der Kinder in dieser Schule trägt Früchte: Sie lernen in drei Jahren so viel rechnen und schreiben wie andere Kinder in den staatlichen Schulen in der doppelten Zeit. Und dass sie in der Urwaldschule die indonesische Staatssprache gelernt haben, hat den ersten Absolventen bereits bei Verhandlungen mit Regierungsstellen geholfen. So konnten sie den Bau einer Straße mitten durch den Nationalpark verhindern helfen.
»Jede Form der Basisorganisation und Bürgerbeteiligung ist eine Hoffnung, die Armut besiegen zu können«, schrieb die Vizepräsidentin des Europaparlaments jüngst an die Bewegung der Kinder aus terre des hommes-Projekten in Kolumbien. Schon seit vielen Jahren wird die aktive Beteiligung der Begünstigten als Schlüssel für den Projekterfolg betont. Aber nur langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass dies auch für Kinder zutrifft. Ob bei der Auswahl der Frisur, der Gestaltung des Wohnumfeldes oder bei Auftritten auf internationalen Konferenzen: Entscheidend ist, dass Kinder ihre eigene Sicht der Dinge einbringen können und diese auch ernst genommen wird.
Dass dies nicht einfach ist, weiß der 17-jährige Marian Brehmer aus der terre des hommes Arbeitsgruppe Melle. Im Jahr 2001 nahm er im Alter von zehn Jahren an der UN-Konferenz zu Kinderrechten in New York teil. »Damals hatten die Vereinten Nationen zum ersten Mal auch Kinder und Jugendliche zu den Debatten eingeladen. Ein Meilenstein«, so der Jugendliche im Rückblick. In Deutschland habe sich seitdem bei dem in der UN-Konvention verankerten Recht von Kindern, informiert und gehört zu werden, eine Menge getan. Mehr für Kinder formulierte Nachrichten in Tageszeitungen oder Fernsehen etwa, oder ihre Anhörung bei der Gestaltung von Spielplätzen und auch der Formulierung des nationalen Aktionsplans für Kinderrechte. Doch häufig komme ihre Beteiligung über Symbolik nicht hinaus. Ende vergangenen Jahres war Marian Brehmer erneut bei den Vereinten Nationen in New York: »Wir merkten, dass für viele Erwachsene die direkte Anwesenheit von Heranwachsenden in der Weltpolitik immer noch unvertraut ist«, berichtet Brehmer. Beteiligung von Kindern ist nicht nur ihr Recht, und weit mehr als ein Lernfeld oder Weg, die Wirkung von Projekten zu verbessern, wie sich etwa in der Urwaldschule bei den Orang Rimba gezeigt hat. Eine der jeweiligen Kultur und dem jeweiligen Alter entsprechende echte Beteiligung, finden auch die Kinder in Kolumbien, ist »chévere«: Sie macht ein Fach Spaß.
Die Beteiligung von Kindern zwischen Familie, Projekt und PolitikIn vielen Lebensbereichen sind Kinder aktiv beteiligt. Beim Schulunterricht oder Familienausflügen ist das sogar explizit gewünscht. Wenn die Kleinen aber in verarmten Ländern auf Baustellen bei der Zubereitung von Beton mitmischen, wird offensichtlich, dass nicht jede Form von Beteiligung gut ist. Und während beim Recht auf Bildung niemand betont, dass einem Sechsjährigen kein Universitätsseminar zugemutet werden solle, macht die UN-Kinderrechtskonvention bei der Beteiligung in Bezug auf das Alter einschränkende Bemerkungen. Tatsächlich ist die altersgerechte Einbeziehung häufig ein großes methodisches Problem, bei dem Erwachsene wie Kinder noch viele Erfahrungen sammeln müssen.
Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und diese angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife zu berücksichtigen. Dafür wird dem Kind insbesondere Gelegenheit gegeben, in allen das Kind berührenden Gerichts- oder Verwaltungsverfahren gehört zu werden
(Artikel 12)
Das Kind hat das Recht auf freie Meinungsäußerung (Artikel 13), Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit (Artikel 14). Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes an, sich frei mit anderen zusammenzuschließen und sich friedlich zu versammeln (Artikel 15). Die Vertragsstaaten stellen sicher, dass das Kind Zugang zu Informationen aus einer Vielfalt nationaler und internationaler Quellen hat.
(Artikel 17)
Weitere Informationen:
• Wortlaut der UN-Kinderrechtskonvention
In der Praxis fällt aber auf, dass zum Beispiel Kriegsparteien zwar oft nicht zögern, Kinder zu Soldaten zu machen, dass sie diese danach bei den Friedensverhandlungen aber nicht beteiligen. So bleiben die Interessen der Kinder zumeist unberücksichtigt. Doch um diese geht es bei »Partizipation«: Dass Kinder nicht Objekte von Bevormundung, Schutz oder Fürsorge sind, sondern handelnde Subjekte mit eigenen Rechten. Häufig sind es die Kinder selbst, die mehr Beteiligung für sich einfordern und bisweilen gegen Widerstände erkämpfen müssen. In den meisten terre des hommes-Projekten beteiligen sich Kinder an Aktionen, in einigen nehmen sie inzwischen auch an Projektentscheidungen teil, mancherorts diskutieren sie bei der Länderstrategie von terre des hommes mit und lernen im Kleinen, wie sie sich auch in die Politik einmischen können. In Deutschland ist terre des hommes ebenfalls an einer stärkeren Beteiligung von Kindern bei Aktionen wie Vereinsentscheidungen interessiert. Die Kinder und Jugendlichen, die 2002 zum UN Weltkindergipfel in New York eingeladen waren, äußerten sich gegenüber den Erwachsenen jedenfalls überzeugt: »Wir verpflichten uns zu einer gleichberechtigten Partnerschaft im Kampf für Kinderrechte. Wir haben die Entschlossenheit, den Willen, die Sensibilität und das Wissen dazu.«