Sie befinden sich hier: Home  » Themen und Projekte  » Schwerpunktthemen  » Kinderrechte  » Kinderrechte konkret
Druckversion dieser Seite aufrufen An das Seitenende springen

Wurzeln, um wachsen zu können

Nach dem Drogenkrieg: Kinderrechtsarbeit und kulturelle Identität im bolivianischen Chapare
Von Peter Strack
Zwischen legalem Kokaanbau und Drogenproduktion unterscheiden: Zerstörung eines Kokainlabors im Chaparea
Foto: Leon Maresch

Kinderrechte sind fast 20 Jahre nach der Verabschiedung der UNO-Konvention in vieler Munde. Im schwülheißen Klassenraum einer Dorfschule der Gemeinde Israel in der bolivianischen Kokaanbauregion Chapare bringen es die Rechtsanwältin Carmen Tórrez und ihre Mitarbeiterin Zoraida Choque von der »Stiftung für menschliche Entwicklung Ayni« dennoch fertig, zwei Stunden über Kinderrechte zu reden, und dabei das Wort selbst nur einmal auszusprechen. Das geschieht, als die 14 Schülerinnen und Schüler, die freiwillig an diesem Sonderunterricht teilnehmen, sich an die letzte Stunde erinnern. Nur zwei nennen ihre Rechte. Andere verweisen auf das Problem des Drogenhandels und des sexuellen Missbrauchs. Bei dreien stehen die Informationen über die bolivianische Geschichte im Mittelpunkt, bei vieren das häufig schwierige Verhältnis zu ihren Eltern, die aus einer anderen Welt zu kommen scheinen. Aber die meisten, neun Jugendliche, erinnern sich am stärksten an die damit verbundene Frage, wie die eigenen Kulturen bewahrt werden können.

In so einem Augenblick malt Zoraida gerne einen Baum ohne Wurzeln an die Tafel. Fast alle im Raum sind bereits hier im Dorf geboren, »die anderen eben im Krankenhaus«, kommentieren die Jugendlichen mit einem Lachen. Ihre Eltern kommen aus unterschiedlichsten Regionen Boliviens, sind Quechua oder Aymara. Die Kinder sprechen häufig aber nur noch Spanisch. Viele fühlen sich nicht mehr als Quechua oder Aymara, vielleicht als Chapareños. Dass eine Pflanze ohne Wurzeln keine Ernte bringt, muss man ihnen aber nicht erklären.

Fast zwei Jahrzehnte ist es her, dass der tropische Chapare mit dem Sondergesetz 1008 zur Bekämpfung des blühenden Drogenhandels in der Region militarisiert wurde. Fortan waren die Bauernorganisationen verfolgt, Kokafelder systematisch ausgerottet worden. Der Drogenhandel ging zwar weiter, Kokafelder wurden immer tiefer in den Wäldern angelegt. Doch auf Geheiß der Vereinigten Staaten, die Militärs und selbst Richter mit Sonderzahlungen bei der Stange hielten, war der ohnehin fragile Rechtsstaat außer Kraft gesetzt.

Respekt gegenüber jedem einzelnen Blatt: Ökologisch angebaute Koka
Foto: Julia Strack Diaz
Der Drogenkrieg und seine Folgen

Damals arbeitete Carmen Tórrez für den bolivianischen Kinderschutzbund DNI (Defensa de los Niños Internacional) im Chapare. Sie legte Rechtsmittel ein, wenn Soldaten in Häuser oder Schulen eindrangen und unter den Kindern bisweilen sogar mit Knüppelschlägen Angst und Schrecken verbreiteten. Sie setzte sich für Kinder ein, die mit ihren Müttern in Sondergefängnissen der Drogenpolizei festgehalten wurden, und nicht mal zum Spielen aus den viel zu feuchten Zellen gelassen wurden. Damals redete Carmen Tórrez fast nur von Kinderrechten. Doch 90 Prozent der Anzeigen blieben folgenlos. Die Menschenrechte und die Justiz helfen uns nicht, war der bekannteste Kokabauer und heutige Präsident Evo Morales damals überzeugt. Wenn die Kokabauern sich schützen könnten, dann nur durch die eigene Organisationskraft. Zumindest in den ersten Regierungsjahren von Morales arbeiteten die meisten Richter immer noch gegen ihn. Anders als früher werden willkürliche Verhaftungen von Oppositionellen heute sofort von der Justiz korrigiert, und Verhaftungen sind selbst dann die Ausnahme, wenn Schlägertrupps mit Knüppeln oder Gewehren bewaffnet den Besuch des Präsidenten in ihrer Stadt verhindern oder von Fernsehkameras dabei gefilmt werden, Kleinbauern zu verprügeln.

Den Chapare hat Präsident Morales ein gutes Stück weit demilitarisiert. Die erhoffte Industrialisierung der Kokapflanze zur Produktion von Zahnpasta oder Gesundheitstees steckt zwar noch in den Kinderschuhen, doch entgegen den Befürchtungen, hat sich der Kokaanbau im Chapare auch nach Ende der gewaltsamen Militäreinsätze nicht ausgeweitet. Die Bauernorganisation achtet darauf, dass der schon mit der Vorgängerregierung von Morales ausgehandelte Cato (160 Quadratmeter) erlaubter Kokaanbaufläche pro Familie nicht nennenswert überschritten wird. Nicht alle halten sich daran, aber die sozialen Kosten dieser Strategie gemeinsam mit den Bauernorganisationen statt gegen sie sind deutlich geringer. »Früher haben die Soldaten niemanden respektiert. Heute fragen sie, bevor sie aufs Gelände kommen. Mehr als der Cato ist nicht möglich«, sagt die Abiturientin Amalia. Sie ist froh, dass Preise für Alternativprodukte wie Palmherzen gestiegen sind, und dass die Eltern jetzt mehr zu Hause sind. Die Regierung Morales habe kräftig in der Region investiert, zwar sei nicht mehr so viel Geld wie früher im Umlauf, doch von der Ackerproduktion könne man wieder besser leben.

Noch ist der Drogenhandel nicht verschwunden, und obwohl die Konflikte deutlich nachgelassen haben, sind die Folgen des Drogenkrieges noch immer zu spüren. Zumindest an der Überlandstraße gibt es immer noch einige Bordelle und Diskotheken, in denen trotz Razzien und Aufklärungsarbeit immer wieder auch Minderjährige missbraucht werden. »Gegen die Diskotheken und Feste können Bürgermeisteramt und Schulen nichts machen«, sagt ein Familienvater, »höchstens noch die Eltern. Aber die Mädchen hauen von zu Hause ab und gehen nach Ivirgazama. Dort werden sie dann schwanger.« Die Jugendlichen beschreiben die Situation dort in dem Dienstleistungs- und Handelszentrum an der großen Überlandstraße ähnlich und völlig ungeschminkt: »Die häufigsten Probleme sind Alkoholkonsum, frühe Schwangerschaften, Abtreibungen, Bandenbildung, Prostitution, Raub, Vergewaltigung. Die Eltern haben manchmal aber auch Schuld, weil sie die Kinder alleine lassen und ihnen keine Orientierung geben.«

Weil jahrelang die Nahrungsmittelproduktion vernachlässigt wurde, ist in einigen Familien heute das Essen knapp. Auch sind die Fischbestände durch Chemieabfälle aus der Drogenproduktion ebenso wie aus landwirtschaftlichen Entwicklungsprojekten beeinträchtigt. Und die bei den Auseinandersetzungen mit Drogenpolizei und Militär erlebte Gewalt prägt noch den Umgang vieler Eltern mit ihren Kindern. Durch die langen Abwesenheiten der Eltern in den Jahren des Konflikts haben sich die Generationen zusätzlich entfremdet.

Eine entwurzelte Generation?
Entfremdung zwischen den Generationen: Carmen Tórrez und Zoraida Choque beim Rollenspiel
Foto: Julia Strack Diaz

Wächst hier eine entwurzelte Generation heran? »Was ist euer Lieblingsessen?«, fragt Zoraida die Jugendlichen im Kurs. Reis und Fisch oder ein Stück Fleisch, antworten die Jugendlichen aus dem Dorf Israel. Kein Wunder, überall durchziehen Flüsse die Landschaft. Die traditionelle dicke Maismehlsuppe aus dem Bergland, die Lawa, würden sie aber nicht essen. »Tragt ihr lieber Sportschuhe oder die althergebrachten Sandalen?« Auf diese rhetorische Frage erwartet Zoraida gar keine Antwort. Darum gehe es auch gar nicht, argumentiert sie. Das seien Äußerlichkeiten, wichtig sei vielmehr, was im Kopf eines Menschen vorgehe. Es gehe um Werte und die kämen aus den kulturellen Wurzeln. Identität sei mehr, als Tinku (ein typischer Tanz aus dem Norden von Potosí) zu tanzen. Und kulturelle Identität sei kein Selbstzweck, sondern diene dazu, gut leben zu können. Dann zeigt sie den Film »Iskay Yachay«. Er wurde in einem interkulturellen Schulprojekt in Peru gedreht. Dort versuchen andine Gemeinden mit Unterstützung von terre des hommes neben dem westlichen auch das traditionelle indigene Wissen zurückzugewinnen. Der Film zeigt die Kultur der Anden, aus denen die meisten Eltern stammen, die ihren Kindern aber zum Teil fremd ist. Manche wedeln sich beim Zuschauen mit ihren Schulheften frische Luft zu, andere reden miteinander.

»Wo ist hier bloß die Entwicklung geblieben? Was haltet ihr von diesen Leuten?«, provoziert Carmen Tórrez die jungen Zuschauer nach Ende des Films. »Es ist schon in Ordnung, sie bauen eben auf ihren Traditionen auf«, antworten die eher zurückhaltend. Doch Tórrez setzt nach: »Euren Eltern schmerzt das Herz, wenn sie sehen, dass ihre Kinder das alles nicht mehr kennen. Fragt doch mal eure Mütter, ob sie noch weben können, fragt euren Vater, wie er früher den Acker bearbeitet hat: gemeinsam und mit Respekt gegenüber jedem einzelnen Blatt.« Daran, ob die Koka mit Chemie oder biologisch angebaut wird, ob die Blätter bei der Ernte mit den Händen hastig abgestreift, oder vorsichtig einzeln gepflückt werden, unterscheidet Tórrez, ob der Marktwert oder die rituelle Bedeutung der heiligen Pflanze im Mittelpunkt stehen. Die Wiedergewinnung der Würde der Heiligen Pflanze ist ein politischer Schlachtruf der Kokabauernbewegung. Doch viele sehen in ihr heute tatsächlich nicht mehr als eine lukrative Einnahmequelle. Und in den meisten Familien reden nur noch die älteren Quechua oder Aymara untereinander. Viele Eltern vermeiden es sogar, vor ihren Kinder ihre Sprache zu sprechen. Sie meinen, die Schule solle ihre Kinder zu etwas Besserem machen. Das untergräbt nicht nur das eigene, sondern auch das Selbstbewusstsein der Kinder. Und weil viele Kinder selbst davon überzeugt sind, auch etwas Besseres zu sein, nur weil sie lesen und schreiben sowie ein paar Brocken Englisch können, führt Carmen Tórrez mit Kollegin Zoraida ein kleines Rollenspiel vor: Zoraida stellt ein Mädchen dar, das zur Schule in die Stadt gegangen ist, sich dort von der bäuerlichen Kultur entfernt hat, die Haare blond färbt, statt sie wie früher üblich zu Zöpfen zu flechten. Nun versucht sie ihre indianische Mutter davon zu überzeugen, ihr Land zu verkaufen und in der Stadt einen Verkaufsladen zu eröffnen. Das beherzte Lachen im Publikum zeigt, dass dies der Höhepunkt dieser Kurseinheit ist. Das Spiel wirft die Frage auf, wie sich die Jugendlichen selbst ein »gutes Leben« vorstellen.

Als Tórrez den Jugendlichen zum Abschluss vorschlägt, traditionelle Spiele und Mahlzeiten für ein Kulturfest vorzubereiten, das sie gemeinsam mit den Eltern feiern wollen, reagieren sie zunächst zögerlich. Die Kokabauerngewerkschaft, mit der Tórrez zuvor gesprochen hatte, hat aber bereits zugestimmt und den Nationalfeiertag als Datum ausgewählt, weil dann ohnehin das ganze Dorf zum üblichen Aufmarsch zusammenkommt. Dann tragen die Jugendlichen doch noch eine ganze Reihe von Spielen und Speisen zusammen, die sie zu Hause kennengelernt haben und für das Fest vorbereiten wollen. Und man spürt, dass sie langsam auch Spaß daran bekommen.

Ver-Ayni-gen für Kinderrechte

»Nos ayniremos ... wir ver-ayni-igen uns«, nennt das Kokagewerkschafter Daniel Corse, indem er den Namen von Tórrez Organisation »Ayni« zu einem Verb umformt. Ayni ist die traditionell-andine Gemeinschaftsarbeit auf Gegenseitigkeit: Heute helfe ich dir bei der Ernte, morgen hilfst du mir beim Hausbau. Die Kokabauern leben in massiven Prozessen kulturellen Wandels und der Desorientierung. Aber sie vertrauen Tórrez, die aus der Stadt kommt. Denn die Juristin hat den Namen ihrer kleinen Organisation nicht aus PR-Gründen gewählt. Sie versteht die Rechte der Kinder als einen Anspruch, den es aus der eigenen Kultur heraus und von den staatlichen Stellen zu verwirklichen gilt, sie benutzt Menschenrechte aber nicht, um diese Kulturen wegen ihrer Probleme mit dem erhobenen Zeigefinger als rückständig zu diskreditieren. »Sie arbeitet wie eine von uns. Wie oft haben wir schon Kurse von ihr bekommen. Das prägt sich dann auf unserer Festplatte ein«, sagt Corse und zeigt auf seinen Kopf, »aber wenn sie mit den Rollenspielen kommen, dann fängt das wirkliche Nachdenken an. Zum Beispiel darüber, wie schön unsere Kulturen einmal waren. Ich habe noch Urwald auf meinem Stück Land. Da sieht man noch Affen, Gürteltiere, Rehe, Papageien. Ich möchte, dass das meine Enkel auch noch kennenlernen. Heute dagegen herrscht die Mode mit den Miniröcken, vielleicht fördert das auch die sexuelle Gewalt«, überlegt Corse.

Ein bis zwei Fälle sexuellen Missbrauchs werden im Kinderbüro pro Woche angezeigt. Das Personal arbeitet eng mit Ayni zusammen. Martha Diaz, Verantwortliche für Kinderfragen im Landkreis, sieht die Ursache für die hohe Zahl der Fälle eher in der Orientierungslosigkeit. »Hier kommen Menschen aus so unterschiedlichen Regionen und Kulturen zusammen und haben das Gefühl, das viel mehr erlaubt ist.« Auch die Vorherrschaft des Geldes senke die moralischen Hemmschwellen. In keinem Fall sei es trotz ihrer Anstrengungen im vergangenen Jahr jedoch zu einer Verurteilung eines Täters gekommen. Gründe: Die Opfer gäben im Laufe der langwierigen Verfahren auf oder schlössen einen Vergleich.

Vor allem aber sei das Büro vollkommen überlastet. Dass es überhaupt ein Büro gibt, ist übrigens zu einem erheblichen Teil Tórrez früherem Arbeitgeber, dem DNI, ebenfalls ein Projektpartner von terre des hommes, zu verdanken. Mehrere tausend Fälle pro Jahr wurden früher in den Ombudsstellen des DNI in fünf der größten Städte des Landes betreut. Nie reichten die Kapazitäten aus, um die Nachfrage zu befriedigen. Gewalt gegen Kinder gehört zu den häufigsten Problemen. Doch dann entschied der DNI, die direkte Fallbetreuung zu reduzieren und Personal für Lobbyarbeit freizustellen: Durch Gespräche mit Verantwortlichen und die Mitarbeit am neuen Kinder- und Jugendgesetz sollten sie dafür sorgen, dass der Staat diese Aufgabe übernimmt. Sie hatten Erfolg: Statt der fünf Büros gibt es heute fast 190 Ombudsstellen in immerhin der Hälfte aller bolivianischen Stadt- und Landverwaltungen. Manchmal sind sie nur mit einer Person besetzt, in größeren Städten oder Landkreisen wie Puerto Villarroel aber mit einem interdisziplinären Team.

Große Aufgaben bei bescheidener Ausstattung: Carmen Tórrez besucht das in Ivirgazama (Gemeinde Puerto Villarroel)
Foto: Peter Strack

Drei Personen für eine Bevölkerung von 47.000 Einwohnern reichten dennoch nicht aus, unterstreicht die Leiterin des Büros des Landkreises Puerto Villarroel. So etwas wie ein Jugendamt gibt es auf dem Land ohnehin nicht. Gerade einmal zehn Fälle pro Tag könnten sie betreuen. Umso wichtiger ist es für sie, gerade für die vorbeugende Arbeit auf die Unterstützung von Ayni zählen zu können. Denn die beste Hilfe ist die, die dafür sorgt, dass Kinder erst gar nicht zu Opfern werden. 2.400 Kinder und Jugendliche aus den öffentlichen Schulen über Kinderrechte fortzubilden, hat sich Ayni vorgenommen. Auch mit 150 Sprecherinnen und Sprechern der Bauernorganisationen wird gearbeitet. Denn ohne die sogenannten »Federaciones sindicales« geht gar nichts im Chapare. Gemeinsam werden dann Aufklärungskampagnen in 250 Dörfern durchgeführt, mit denen bis Projektende etwa 10.000 Menschen erreicht werden können, hofft Carmen Tórrez. Und dann soll es auch keine Ausnahme mehr sein, dass Kinder an Sitzungen des Gemeindrats teilnehmen, wenn über ihre Belange verhandelt wird, wie es auch die Kinderrechtskonvention vorsieht. Dass die Kinder und Jugendlichen darauf aber auch vorbereitet sind, ihre Rechte kennen und mehr Klarheit darüber haben, was sie selbst wollen, auch dafür sorgt Ayni mit seinen Kursen.

Bei all dem bekommen Zoraida Choque und Carmen Tórrez umgekehrt nach dem Prinzip des Ayni Unterstützung vom staatlichen Kinderbüro. Gemeinsam wird auch versucht, Kinderinteressen bei den sozialen Organisationen und in der öffentlichen Verwaltung Gewicht zu verleihen – zum Beispiel durch die Einrichtung von spezialisierten Kinder- und Jugendgerichten im Chapare. Und gemeinsam arbeiten sie auch in der Institutionen-übergreifenden Kinderkommission mit, in der inzwischen bereits Schüler vertreten sind.

Dass alles in der Familie beginnen muss, und deshalb auch der Projektschwerpunkt, die Kommunikation zwischen den Generationen zu fördern, so wichtig ist, davon ist auch Diaz überzeugt. »Wenn die Familie in Ordnung ist, dann wird auch die Gemeinde in Ordnung kommen.« Die Verbesserung der Kommunikation wirkt sich dabei unmittelbar auf die Erfahrung von Gewalt aus. »Bevor unsere Eltern mit uns reden«, beklagen viele Kinder und Jugendliche die derzeitigen Zustände, »schimpfen sie oder schlagen uns gar.« Viele Eltern glauben, dass die Kinder noch nicht fähig seien, zu denken und ihre Meinung zu äußern. Und wenn die Eltern sich etwa nur im Quechua, das sie beherrschen, wohl fühlen, die Kinder aber nur Spanisch sprechen, ist Verständigung ohnehin erschwert. Die kulturellen Brüche und Konflikte werden so zu einem Schlüssel bei der Durchsetzung von Kinderrechten.

Ayopaya: Mehr Respekt – weniger Gewalt in den Familien

Warum die einheimischen Sprachen so gelitten haben, erfahren wir in einem Rollenspiel von Schülern in der Gemeinde Ayopaya in einem weiteren Kurs an diesem Tag. Das nach einem Städtchen in den Anden benannte tropische Dorf liegt etwa 40 Minuten entfernt von der Überlandstraße. Man fährt mit dem Jeep oder klapprigen Taxis über gepflasterte Straßen, vorbei an einzelnen Gehöften, über kleine von USAID vor allem für die Drogenpolizei und den Transport von Produkten zum Markt gebaute Brücken, bis man auf eine Lichtung im dichten Regenwald stößt. Gleich am Ortseingang liegt Koka auf blauen Plastikplanen zum Trocknen ausgebreitet. Eine Frau holt Wasser an einem Brunnen, Hühner gackern, ein paar Hunde streunen herum. Das Leben spielt sich gerade in der neu gebauten Schule ab, wo eine Gruppe von Kindern mit Blechinstrumenten und Trommeln Musik für den Nationalfeiertag probt. Ein Lehrer übt auf dem fast fertigen neuen Sportfeld Bewegungsspiele mit seiner Klasse. Der Kurs von Ayni findet oben im frisch geweißten ersten Stock statt. Noch kontrastiert die weiße Farbe mit dem satten Grün der Pflanzen, bevor die hohe Luftfeuchtigkeit wieder den typischen Schimmel der Tropen auf die Wände bringen wird.

In Ayopaya gibt es weniger Gewalt: Blick vom Balkon der neuen Schule, rechts Amalia
Foto: Julia Strack Diaz

Die Schüler spielen eine Szene über die Zeit vor dem Regierungsantritt von Evo Morales, den sie als einen der ihren empfinden. Eine Quechua sprechende Frau versucht vergeblich, auf der Polizeiwache ihr Anliegen vorzubringen. Man lässt sie warten. Man geht zum Essen, während die Wartenden untereinander die mitgebrachte Ration teilen. Erst als die Frau den Polizisten nach seiner Rückkehr mit einer kleinen Geldsumme besticht, versteht dieser plötzlich auch ihre Sprache. »So war das früher nun mal«, kommentiert einer der Schüler das Stück. »Aber heute haben wir die Angst verloren.« Und Amalia, die mitgespielt hat und zu den wenigen gehört, die selbst noch fließend Quechua sprechen, antwortet auf die Frage nach ihren Zukunftsvorstellungen: »Ich habe immer davon geträumt, Rechtsanwältin zu werden, denn die Rechtsanwälte hier im Chapare arbeiten nur fürs Geld und bevorzugen die, die viel Geld haben. Ich bin die Einzige in der Familie, die zur Schule geht. Meine Geschwister arbeiten, damit ich lernen kann. Die sollen dann auch den Acker unserer Eltern bekommen.« Als Kind hat sie noch in Arani im Hochtal bei Cochabamba gelebt. Und weil ihre Mutter sich mit ihr beschäftigt habe, kann sie sich auch noch mehr als die anderen an traditionelle Spiele erinnern. Eigene Kinder will sie einmal so viele, »wie Gott mir schenkt«. Über Politik, sagt sie, werde in Ayopaya heute nicht mehr so viel diskutiert. Und Gewalt in den Familien gebe es hier auch viel weniger, weil die Generationen miteinander respektvoller umgehen würden, respektvoller zumindest als an der Hauptstraße. »Gemeinsam auf der Suche nach dem guten Leben« steht auf einem der von Zoraida Choque fotokopierten Materialien für die Kurse zur Förderung der Kinderrechte. Vielleicht ist es beim nächsten runden Jubiläum der Konvention noch besser um die Kinderrechte im Chapare bestellt, und hoffentlich ist keine Zoraida Choque oder Carmen Tórrez von Ayni mehr nötig. Vielleicht steht dann Amalia als unbestechliche Richterin, als engagierte Rechtsanwältin oder Ombudsfrau zur Verfügung, wenn Kinder Unterstützung bei der Durchsetzung ihrer Rechte und eine Stärkung ihrer Wurzeln zum Wachsen benötigen.

terre des hommes unterstützt die Arbeit von Ayni im Chapare mit jährlich ca. 20.000 Euro.


Unterstützen Sie uns mit Ihrer Spende!
Druckversion dieser Seite aufrufen An das Seitenende springen


Copyright 2009 terre des hommes Deutschland e.V.
Impressum - Kontakt
 
RSS-Feeds abonnieren