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Indonesien: Buchstaben im Regenwald

Die Dschungelschule der Orang Rimba
Foto: terre des hommes

Eine Schule inmitten des indonesischen Urwaldes. Ein Stamm, der seine Kinder lernen lässt, damit sie nicht ausgenutzt werden. Und ein Unterricht, der dem Gespür für den richtigen Zeitpunkt folgt: terre des hommes-Mitarbeiter Albert Recknagel hat die Orang Rimba, die »Dschungelmenschen« besucht und dabei die Faszination der Andersartigkeit erfahren.

Auf dem Soziussitz einer 125-er Yamaha bringt mich der 14-jährige Penguar immer tiefer in sein Territorium, den Nationalpark Bukit Duabelas, die Heimat der etwa 2.500 Orang Rimba. Nachdem wir etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt haben, treffen wir im Wald unvermutet auf eine kleine Gruppe. Diese Orang Rimba sind am Vortag losgezogen, um wilden Honig zu sammeln. Meine Ansprechpartnerin Butet erklärt mir mit einem Augenzwinkern, dass dies die Umschreibung dafür sei, dass sie mal wieder losziehen mussten. Allzu lange halten sie es in ihren Hütten nicht aus. Sesshaft wird man nicht von heute auf morgen. Nach ein paar Tagen des Umherstreifens im Busch kommen sie dann zurück zu Feld und Hütte.

Foto: terre des hommes

Eine halbe Stunde später erreichen wir die Dschungelschule, einen vier Mal fünf Meter großen Pfahlbau auf einer kleinen Lichtung inmitten des Waldes. Eine Ansiedlung ist nicht zu sehen, aber ein gutes Dutzend Jungen und der Demungun, das Oberhaupt des Stammes, empfangen uns. Butet, meine Kollegin von Sokola, übersetzt aus der altmalayischen Sprache der Orang Rimba ins Englische. Für viele Begriffe aus dem Ökosystem Regenwald und der spirituell-religiösen Welt der Orang Rimba gibt es kein passendes englisches Wort. Aber es reicht aus, um sich angeregt zu unterhalten. Oft sind Gesten sowieso wichtiger als Worte. Auf meinen Arbeitsreisen in fremde Länder habe ich immer ein kleines Fotoalbum mit privaten Bildern dabei. Die Fotos zeigen meine Familie, unser Heuerhaus, die Nachbarschaft, einige wichtige Feste und vieles mehr. Das schlägt schnell Brücken. »Was esst ihr? Gehen deine Söhne auch auf die Jagd?«, lauten jetzt die Fragen der Orang Rimba. Auf einem der Bilder sieht man unsere Kinder beim Schneemannbauen. »Kann der weiße Mann laufen?« Andersartigkeit fasziniert.

Foto: terre des hommes

Inzwischen ist es später Vormittag. Einige der Jungen und Lehrer beginnen das Essen vorzubereiten. Der elfjährige Mijak fragt mich, ob ich ihn begleiten will. Er möchte im Urwald aufgestellte Fallen überprüfen. »Vielleicht gibt es ja heute Abend Wildschwein!«, ruft uns Butet hinterher. Mit der Machete schlägt Mijak einen Weg durch das Gestrüpp. Wann immer möglich, wechseln wir in Bachläufe, das ist bequemer. Leider sind alle Fallen leer. Mijak kennt jeden Busch, jeden Baum, weiß genau, wessen Nüsse gut schmecken oder wessen Rinde das Fieber senkt. Gerade als ich denke, dass es im Wald doch ziemlich ruhig ist, brüllt eine Horde Affen los. »Jetzt ist Mittag«, kommentiert Mijak. Als ich ihn fragend angucke, erklärt er, dass die Gibbons immer um diese Zeit brüllen. Eine Uhr braucht man hier nicht, schießt es mir durch den Kopf. Mittag ist, wenn der Magen knurrt und die Gibbons schreien.

Foto: terre des hommes

Nach dem Essen frage ich vorsichtig an, wann denn eigentlich mal Schule sei? »Gleich«, lautet die Antwort. Erst einmal aber wird abgewaschen und die Feuerstelle geordnet. Einige der Kinder beginnen mit einem aus Stoffresten und Gummibändern geformten Ball zu spielen. Die Älteren - ab 14 gehört man hier zur Erwachsenenwelt - hocken auf der Erde, palavern, rauchen. Dann, ohne dass ich einen Gong oder eine laute Aufforderung der Lehrer gehört hätte, steigen die Jungen nacheinander die Leiter zur Schule hoch. Der Unterricht beginnt.

Foto: terre des hommes

Der Unterricht? Es gibt keine Schulbänke, keine Tafel, keine Schulbücher, keinen Stundenplan - und eigentlich auch keine Lehrer. Butet erklärt mir, das ihre Organisation den Kindern Grundtechniken wie Lesen, Rechnen und Schreiben beibringen will. »Ohne diese Kenntnisse sind sie im Kampf für ihren Wald und ihre Menschenrechte verloren. Deshalb lässt uns der Stamm unterrichten«, sagt sie. »Die Orang Rimba wollen nicht von der Dampfwalze der Modernisierung überrollt werden. Sie wollen keine Bücher, in denen ihren Kindern Hochhäuser, Autos, schicke Menschen und die Konsumbedürfnisse in den Städten gezeigt werden. Dies würde nur Landflucht und anschließend Verelendung in den Slums bedeuten. Es wäre das Ende der Orang-Rimba-Kultur.«

Aufgrund dieser Ängste lehnen andere Stämme der Orang Rimba die Dschungelschule bislang ab. Schule wird als Einfallstor der städtischen Zivilisation gesehen. Im Wald ist der Wald die Schule. Andererseits verlassen mehr und mehr Orang Rimba den Wald, um auf den Markt zu gehen, Produkte des Waldes zu verkaufen und Industrieprodukte einzuhandeln. Wollen sie in dieser neuen, fremden Welt nicht ausgenutzt und unterdrückt werden, müssen sie wichtige Techniken wie Lesen und Rechnen erlernen.

Foto: terre des hommes

Um die drei Lehrer der Sokola Rimba scharen sich mittlerweile Kleingruppen von jeweils vier bis sechs Jungen, alle um die zehn, zwölf Jahre alt. Alle hocken oder liegen auf dem Boden. Die einen schreiben Buchstaben, die anderen malen oder rechnen. Alle sind engagiert dabei. Ich habe überhaupt noch nie eine Schule besucht, in welcher die Kinder so entspannt, eifrig, sorgfältig lernen und mitmachen wie hier im Urwald. Vielleicht ist es das völlige Fehlen von Zwang und Notendruck? Pemobar, der Stammeschef, erklärt mir später, dass seine Gruppe dem Schulexperiment überhaupt nur zugestimmt hat, weil Sokola bereit ist die Traditionen der Orang Rimba zu respektieren und keinerlei Zwang auszuüben. »Das wollen wir nicht. Wir sind freie Menschen«, sagt Pemobar. Und stellt kategorisch fest: »Wenn die Lehrer Druck machen, werfen wir sie wieder aus dem Wald raus.«

Foto: terre des hommes

Eines möchte ich allerdings von ihm genauer wissen: Warum gehen nur Jungen zur Schule - und die Mädchen nicht? Eine Beobachtung, die mich durchaus verblüfft. Pemobar erklärt mir, dass bei den Orang Rimba der Mann für Außenbeziehungen und alles Neue zuständig ist. Er ist verpflichtet, die Frauen zu schützen und vor schlechten Einflüssen zu bewahren. »Bevor wir etwas Neues in unsere Gemeinschaft integrieren, testen wir es. Das gilt für Motorräder ebenso wie für Süßigkeiten oder die Schule«, erklärt das Stammesoberhaupt. »Erst wenn wir überzeugt sind, dass das Neue gut ist, kommt es auch unseren Töchtern und Frauen zugute.« Diese Tradition wird vom terre-des-hommes-Projektpartner Sokola und den Lehrern der Dschungelschule akzeptiert. Zumal die Rolle der Frauen ebenfalls stark ist. Der Demungun empfindet dies als selbstverständlich: »Die Frauen haben das letzte Wort. Das war immer so.«

Die Lehrer der Sokola Rimba sind zwei Studentinnen und ein Student der Universität von Djakarta. Auf das Projekt aufmerksam geworden sind sie über die Internetseite von Sokola und Aushänge in der Uni. Für sie ist es eine Art Praktikum oder soziales Jahr. Drei Wochen unterrichten sie, dann gehen sie eine Woche - »um mal wieder zu duschen und zu gucken, ob die Welt noch existiert« - in die nächste Stadt und kommen wieder für den nächsten Turnus.

Foto: terre des hommes

Butet möchte für die Dschungelschule keine ausgebildeten Lehrer, denn es geht darum, den Kindern das Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen - nicht darum, sie umzuerziehen. »Ausgebildete Lehrer sind oft wie Missionare. Sie verachten die Tradition und predigen den Fortschritt. So, wie man es ihnen auf der Universität beibringt«, legt Butet dar. Nach Auskunft von Indit, die vor drei Jahren als Studentin hierhin kam und blieb, lernen die Jungen der Dschungelschule doppelt so schnell wie in den öffentlichen Schulen. In der Regel sind drei Jahre ausreichend. Die Lernbegierde ist groß, da der Unterricht sehr lebenspraktisch, zielgruppenorientiert und absolut freiwillig ist. Wenn abends um acht die Öllampe ausgemacht wird, lösen die letzten Schüler immer noch Aufgaben im Heft. Wenn sie morgens um sechs vom Gruß der Gibbons geweckt werden und aus ihren kleinen Schlafsäcken kriechen, gilt der erste Blick wieder dem Heft.

Sie sind stolz, sie haben Spaß - und das Lernen bringt ihnen etwas: Im Gespräch mit dem 19-jährigen Lahman, der vor fünf Jahren zur ersten Lerngruppe gehörte, erfahre ich, dass er im vergangenen Jahr seine Leute anführte, als sie gegen den Bau einer Straße durch ihren Wald protestierten. »Ich war der Einzige, der ihre Sprache konnte, und ich hatte keine Angst mehr vor den Malaien«, erklärt er mir. Lahman und die Seinen hatten Erfolg. Das Gesetz war auf ihrer Seite, der Gouverneur nicht korrupt, und so mussten die Bauarbeiten abgebrochen werden. Ohne die Dschungelschule wäre diese Geschichte wahrscheinlich anders ausgegangen.

Foto: terre des hommes

Gibt es denn gar keine Probleme? Doch sicher. Zum Beispiel versucht Sokola einige der Abgänger als »Wegbereiter« auszubilden, aber von den sieben Jugendlichen haben inzwischen vier geheiratet; damit ziehen sie ins Haus der Schwiegermutter und sind für das Projekt verloren. Von den elf weiteren Stämmen möchten neun ebenfalls bald eine Dschungelschule, aber Sokola fehlen sowohl Geld als auch Freiwillige. An den Absolventen des ersten Schulkurses werden starke Veränderungen festgestellt. Die Alten finden es nicht gut, dass die Jungen so oft in die Stadt verschwinden, dass sie Land verkaufen, um sich »moderne Dinge« zu kaufen, dass sie nicht mehr nur die Nahrung des Waldes essen und dass sie anders riechen.

Trotz allem gibt es keine Alternative zu einer vorsichtigen Gewöhnung an die unaufhaltsam herannahende Zivilisation. Die, die sich abschotten, werden hilflos dem Ansturm der neuen Kräfte zum Opfer fallen.

Foto: terre des hommes

Und die Mädchen, wann dürfen sie in die Schule? Die ersten Jungen haben angefangen, ihren Schwestern zu Hause die Buchstaben und Zahlen beizubringen. Die Neugier ist geweckt. Lassen wir den Orang Rimba die nötige Zeit, dann werden die Mütter eines Tages ganz von selbst ihre Töchter zur Schule schicken.

Der Abschied nach zwei Tagen ist trotz der großen kulturellen Unterschiede und Sprachprobleme herzlicher als mit manchem Landsmann. Die Abwesenheit moderner Standards wie Elektrizität, fließendem Wasser und neuen Medien stößt uns unweigerlich auf das Wesentliche: die Gemeinschaft, das Gespräch, das Teilen. Die Alltagshektik verschwindet. Das erleichtert ungemein. Und lässt den Blick auf das Menschliche zu.

Albert Recknagel


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