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Straßenkinder: Daten und Fakten

Foto: terre des hommes

Straßenkinder sind in der Regel Stadtkinder. Sie sind in den sich industrialisierenden Schwellenländern und in den Ballungsräumen weitaus häufiger anzutreffen als in ländlichen Regionen. Doch zunehmend findet sich das Problem - etwa in Simbabwe und Sambia - auch in ländlichen Regionen.

Normalerweise durchläuft ein Kind unterschiedliche Stationen der Sozialisation: Familie, Kindergarten, Schule, Freundeskreis, Berufsausbildung, Berufsleben. Bei Straßenkindern reduzieren sich diese Stationen auf gescheiterte Erfahrungen in der Familie. Die Straße wird zum Ort der Sozialisation. Auf der Straße zu leben bedeutet, ständig unter Spannung zu stehen. Die Kinder haben keinen Rückzugsbereich oder geschützten Raum. Sie sind Gewalt, Drogen, Kriminalität und Willkür von Erwachsenen ausgesetzt. Von der Gesellschaft werden sie diskriminiert und ausgegrenzt: Kaum ein Straßenkind geht in die Schule oder wird regelmäßig medizinisch versorgt. Trauen sie sich in ein Krankenhaus, werden sie nicht selten schlecht behandelt oder wieder weggeschickt. Auch wenn manche Straßenkinder zeitweise über größere Mengen Geld verfügen können, fehlt es fast allen an gesundem Essen und sauberem Wasser. »Es ist, als würdest du um dein Leben kämpfen,« erzählt ein Straßenkind aus Bolivien. »Wenn du es nicht verteidigst, überlebst du nicht. Es ist der tägliche Krieg.«

Straßenkinder leben von der Hand in den Mund, halten sich mit legalen und illegalen Tätigkeiten über Wasser. Um sich behaupten zu können, übernehmen die Kinder oft auch die Verhaltensweisen von Erwachsenen aus dem Straßenmilieu: Sie »organisieren« Geld durch gewaltsamen Diebstahl, durch Prostitution und Drogenhandel. Straßenkinder sind dadurch extremen Risiken ausgesetzt, viele von ihnen sind selbst drogenabhängig. Die Problemlage von Straßenkindern ist damit anders gelagert als von Kindern, die in Absprache mit ihren Familien auf der Straße arbeiten.

Die wenigsten Straßenkinder sind tatsächlich »verlassene« Kinder, deren Eltern gestorben oder in Kriegswirren bzw. bei Katastrophen verschollen sind oder nicht mehr in der Lage waren, für die Kinder zu sorgen und sie deshalb ausgesetzt haben. Häufiger sind es die Kinder selbst, die sich entschließen, den Kontakt zu den Familien abzubrechen, meist in Reaktion auf Gewalt und Missbrauch, und häufig nach Zyklen der Flucht und erneuter Rückkehr bzw. nach Heimaufenthalt. Der Weg auf die Straße hat also wenig mit jugendlicher Unternehmungslust zu tun, sondern ist die Entscheidung eines Kindes, das keine Alternative mehr sieht.

Wo sich feste Gruppen und Bezugsysteme von Straßenkindern gebildet haben, fällt die Flucht auf die Straße leichter. Gegenseitige Hilfe und oft bandenähnliche Zusammenarbeit tragen dazu bei, den Gefahren auf der Straße zu trotzen. In diesen Gruppen wiederholen sich jedoch nicht selten die zu Hause erlebten Muster der Gewalt, insbesondere zwischen Jungen und Mädchen, zwischen Anführern und »Fußvolk«. Bei den älteren können - meist kurzfristige - Paarbeziehungen entstehen. Trotz extrem hoher Raten von Abtreibungen und Kindersterblichkeit kommt es zum Phänomen der »zweiten Generation« derjenigen Kinder, die auf der Straße geboren werden und dort aufwachsen.

Straßenkind in Guatemala
Foto: A.Boueke

Straßenkinder sind zumeist öffentliches Ärgernis, dem mit ordnungspolitischen Maßnahmen (zwangsweiser Heimunterbringung, Polizeirazzien, Vertreibung von öffentlichen Plätzen) begegnet wird. Mancherorts werden sie gezielt durch Prügeleinsätze der Polizei oder Todesschwadronen verfolgt. Vielerorts sind sie Opfer von Missbrauch, werden vergewaltigt oder zu Diebestouren erpresst. Allerdings können Straßenkinder auch Objekte wohltätigen Mitleids sein oder Gegenstand von selbstkritischen Reflexionen einer Gesellschaft über die Ursachen, die die Kinder auf die Straße getrieben haben, aber auch über ihre von den Kindern gebrochenen Normen und Regeln. Sie tun vor aller Augen, sagt der Jesuitenpater Jorge Vila vom bolivianischen Kinderschutzbund DNI, was manches anerkannte Mitglied der Gesellschaft im Verborgenen tut.

Straßenkinder sind bisweilen apathisch, bisweilen aggressiv. Sein eigenes Zuhause oder ein Heim zu verlassen und auf die Straße zu gehen erfordert aber auch Initiative und Mut. Der Überlebenskampf auf der Straße zerstört jedoch nicht nur Körper und Seele, er fördert auch bestimmte Tugenden wie Schnelligkeit, Einfallsreichtum und Eigenverantwortlichkeit, bisweilen auch Sinn für Solidarität, Humor und kritischen Geist, die bei Programmen zur Durchsetzung ihrer Menschenrechte genutzt werden können. Je länger die Kinder auf der Straße leben, desto schwieriger die Rückkehr in die Familie bzw. der Übergang in ein selbstständiges Leben jenseits der Straße.

Der Begriff Straßenkindern ist von Bildern von Gruppen zerlumpter, auf dem Bürgersteig lungernder Kinder oder Jugendlicher geprägt. Heute finden wir jedoch auch Straßenkinder, die, um bei Diebstahl nicht aufzufallen, Markenkleidung tragen oder Makeup, wenn sie von Prostitution leben. Ein grundsätzlich anderes Phänomen sind - über die auf sich gestellten Straßenkinder hinaus - die Hunderttausenden von Kindern, die gemeinsam mit ihren Eltern obdachlos auf den Straßen etwa der indischen Metropole Mumbai leben. Heute wird auch über das Phänomen in Deutschland diskutiert. Die Suche nach Orientierung und Bindung spielt hier jedoch gegenüber ökonomischen Faktoren eine gewichtigere Rolle als in Ländern des Südens. Dort wie hier täuscht der Begriff »Straßenkind« jedoch insofern, als es sich nur zu einem geringen Teil um jüngere Kinder handelt, sondern mehrheitlich um Jugendliche.

Zahlen zum Phänomen Straßenkinder

Straßenkinder in Kolumbien
Foto: terre des hommes

Verlässliche Angaben über die Anzahl der Straßenkinder weltweit gibt es nicht. Eine Größenordnung des Phänomens geben jedoch Schätzungen von UNICEF und WHO, die von »mehreren Zehn-Millionen«, bzw. über 30 Millionen Straßenkinder weltweit ausgehen, eine Zahl, die bei einer engen Definition von obdachlosen alleinstehenden unter 18- Jährigen vermutlich deutlich zu hoch gegriffen ist. Wenn im Weltdurchschnitt je ein von tausend Kindern auf der Straße Leben würde, läge die Gesamtzahl gerade einmal bei um gut drei Millionen. Die schwierige Datenlage erklärt sich unter anderem dadurch, dass nur wenige Straßenkinder eine Geburtsurkunde haben und dass die Zahlen jahreszeitlich fluktuieren. Vor allem aber ist die Zahl unklar, weil Straßenkinder von staatlichen Institutionen wie Schule oder Fürsorge in der Regel nicht erfasst werden. Private Institutionen und Projekten fehlt wiederum häufig der Gesamtüberblick. Die Daten variieren auch je nachdem, wie der Begriff »Straßenkind« definiert wird: Viele Schätzungen fassen die Gruppen der auf der Straße arbeitenden und in ihrer Familie wohnenden Kinder einerseits und die obdachlosen Straßenkinder andererseits zusammen, da der Übergang zwischen dem Arbeitsplatz Straße und dem Lebensmittelpunkt Straße oft fließend ist. Sie kommen damit zu der wesentlich höheren Anzahl von 100 Millionen Straßenkindern weltweit.

Das Consortium for Street Children, ein Zusammenschluss zumeist englischer Organisationen, weist darauf hin, dass die Zahlen mehr die Wahrnehmung und das Verständnis des Problems, als die tatsächliche Dimension der Problematik wiedergeben.

Deutschland

Die niedrigste Zahlenangabe stammt von der Nichtregierungsorganisation Off Road Kids. Demnach gebe es höchstens 1.500 Straßenkinder, und von den bis zu 2.500 Kindern und Jugendlichen, die in Deutschland jährlich auf die Straße gelangen, würden etwa 300 zu Straßenkindern. Die meisten sind 14 Jahre und älter. Bei jüngeren handelt es sich meist um Kurzzeitausreißer. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass sich Straßenkinder von einem Ort zum anderen bewegen können, wird die Zahl der unter 18-jährigen Obdachlosen im engen Sinne bundesweit auf mindestens 2.000, der Anteil der Mädchen auf 30 bis 40 Prozent geschätzt. Der Berliner Verein »Straßenkinder e.V.« nennt allerdings allein für Berlin schon die Zahl von je nach Jahreszeit 3.000 bis 5.000, schränkt aber selbst ein, dass zwei Drittel von ihnen noch bei der eigenen Familie, Freunden oder in der eigenen Wohnung leben.

Unter Verwendung einer weitergehenden Definition derer, die ihren Sozialisationsmittelpunkt auf der Straße, aber durchaus noch regelmäßigen Kontakt zu den Eltern haben oder in alternativen Wohnstätten schlafen, kommt Uwe Britten in einer Recherche für terre des hommes zu einer Schätzung von circa 9.000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland, die von entsprechenden Einrichtungen betreut werden. Er bezeichnet die in dieser Gruppe vorwiegend zu findende Lebensform als »Pendler« zwischen Heimen, Familie und Straße. Mit der Altersgrenze von 14 Jahren kam die Stadt Köln 2007 zu der offiziellen Mitteilung, dass es dort überhaupt keine Straßenkinder gebe. Eine Stichprobe von terre des hommes in 2007 ergab, dass ca. 2,5 Prozent der betreuten Personen in »Straßenkinderprojekten« unter 14 Jahre alt sind, 20 Prozent im Alter zwischen 14 und 16 Jahren, 27,5 Prozent zwischen 16 und 18 Jahren und gut die Hälfte inzwischen volljährig.

Russland

In Russland hatten die Zahlen nach der wirtschaftlichen Liberalisierung rapide zugenommen. Laut offiziellen Zahlen verbringen in einer weiten Definition zwischen 100.000 und 150.000 Kinder und Jugendliche die meiste Zeit des Tages auf der Straße.

Südamerika

Auch in Südamerika hängen die Zahlen von der Definition ab. Brasilien und Peru fassen unter Straßenkinder diejenigen zusammen, die auf den Straßen der großen Städte arbeiten, auch wenn sie abends zu ihrer Familie zurückkehren. Dabei kommt man auf Zahlen von sieben Millionen in Brasilien und 500.000 in Peru. In Bolivien dagegen wird die enge Definition verwendet, und UNICEF geht dort von circa 3.700 Kindern und Heranwachsenden auf der Straße aus. Die gleiche Organisation spricht im weiten Sinne in Kolumbien aber von 30.000 Straßenkindern, 37 Prozent davon in Bogotá. In einer relativ umfassenden Erhebung in den 16 wichtigsten Städten Kolumbiens kam das kolumbianische Familieninstitut dagegen auf die Zahl von 4.457 Straßenkindern im engeren Sinne.

Mittelamerika

In Guatemala wird geschätzt, dass um die 10.000 Kinder die meiste Zeit ihres Lebens auf der Straße verbringen. Mit 65 Prozent von ihnen im Alter unter 13 Jahren sind sie zudem vergleichsweise jung.

Südliches Afrika

In Mosambik war die Zahl der Straßenkinder im engeren Sinne während des Krieges allein in Maputo auf mehrere tausend gestiegen. Heute soll es in der Hauptstadt zwischen 300 und 500 von ihnen geben. Höher sind die Zahlen im wirtschaftlich besser gestellten aber auch bevölkerungsreicheren Südafrika. Allein in der Metropole Johannesburg schätzt man die Zahl der Kinder, die auf der Straße leben, auf 4.000. Für Sambia liegen die Schätzungen des UN Office on Humanitarian Affairs (IRIN) bei insgesamt 75.000 Straßenkindern, fast zwei Prozent der Gesamtzahl der Kinder. Sieben Prozent von ihnen hätten überhaupt kein Zuhause mehr, in das sie zurückkehren könnten.

Westliches Afrika

Im westlichen Afrika ist das Phänomen weniger verbreitet. In Burkina Faso sind Straßenkinder im engeren Sinne eine seltene Ausnahme. Wohl aber leben Kinder fern ihrer Familie in häufig prekären Bedingungen - etwa in Koranschulen - und werden zum Betteln auf die Straßen geschickt.

Im stärker verstädterten erdölreichen Nigeria dagegen, wo es Mitte der 80er Jahre noch kaum Straßenkinder gegeben habe, berichtet das Consortium for Street Children, war deren Zahl Anfang der 90er laut Schätzungen bereits auf 8.000 gestiegen. Heute soll ihre Anzahl noch größer sein. In Lagos finde man sie an 100 verschiedenen Plätzen.

Indien

Die offiziellen Zahlen von UNICEF und indischer Regierung sprechen in einer weiten Definition derer die auf den Straßen leben und arbeiten, von 19 Millionen Straßenkindern im Alter unter 14 Jahren in Indien, wovon ein erheblicher Anteil zusammen mit Familienangehörigen auf der Straße lebt, und um die zehn Millionen noch Zuhause oder bei Verwandten schlafen. Gänzlich alleinstehende obdachlose Kinder gibt es laut Schätzungen von terre des hommes Partnern je etwa 10.000 in den großen Metropolen (Mumbai, Delhi, Kolkata, Bangalore und Chennai), und noch einmal weitere 50.000 in kleineren Städten.

Südostasien

In Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh schätzt das Consortium for Street Children 1.200 Straßenkinder, in ganz Kambodscha sollen zwischen 10.000 und 20.000 Kinder auf der Straße arbeiten, ohne jedoch den Kontakt zur Familie verloren zu haben. Zwischen einigen wenigen Hunderten und Tausenden je nach Jahreszeit leben mit ihren Eltern auf der Straße.

Zum Begriff Straßenkinder

Als Kinder werden im Sinne der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen alle Jungen und Mädchen bis 18 Jahre bezeichnet. Das deutsche Sozialgesetzbuch wie auch viele Kinder- und Jugendgesetze anderer Länder behandelt jedoch nur die bis zu 14-Jährigen als Kinder. Die älteren werden als obdachlose Adoleszente oder Jugendliche bezeichnet.

Demnach werden Straßenkinder in Deutschland als »minderjährige Jugendliche« bezeichnet, »die sich weitgehend und dauerhaft abgewendet haben von gesellschaftlich vorgesehenen Sozialisationsinstanzen, sich im Wesentlichen, meist zusammen mit anderen Jugendlichen, am Lebensmittelpunkt öffentlicher Raum als einzigem aktuellen Sozialisationsort orientieren und mit ihrem Handeln gegen gesellschaftlich anerkannte Normalzustände verstoßen.« (Fachlexikon der Sozialen Arbeit)

In internationalen Fachkreisen ist es üblich geworden, drei Gruppen zu unterscheiden:

  1. Obdachlose Kinder, die jeglichen Kontakt zur Herkunftsfamilie abgebrochen haben (Kinder der Straße).
  2. Kinder, für die die Straße der Lebensmittelpunkt ist, auf dem sie die meiste Zeit des Tages - in der Regel zum Geldverdienen, aber auch in Banden oder Cliquen - verbringen.
  3. Kinder, die gemeinsam mit ihrer ebenfalls obdachlosen Familie auf der Straße leben.

Allerdings ist der Übergang zwischen den Gruppen häufig fließend, etwa bei Kindern, die nur am Wochenende nach Hause gehen.

Ursachen und Hintergründe

Die Gründe, warum ein Kind auf der Straße lebt, sind individuell und regional verschieden. Wäre es nur die Armut, müsste die Zahl der Straßenkinder weit höher sein. Innerfamiliäre Gewalt und bei Mädchen insbesondere sexueller Missbrauch sind zumeist der Auslöser dafür, dass Kinder die Familien verlassen. Folgende Faktoren beschleunigen jedoch die Auflösung familiärer und nachbarschaftlicher Netze, die Kinder in Krisensituationen auffangen könnten.

Verstädterung und Verfall familiärer und sozialer Netze: In der indischen Metropole Mumbai (Bombay) kommen täglich Hunderte von Kindern aus ganz Indien an. Sie hoffen darauf, in den Straßen der Megastadt überleben zu können. Allein im terre des hommes-Projekt »Shelter«, dessen Mitarbeiter die neu ankommenden Kinder auf den Bahnhöfen ansprechen, übernachten täglich zwischen 125 und 150 Kinder ab dem Alter von sechs Jahren. Ob in Asien oder Lateinamerika, überall dort, wo Menschen aus wirtschaftlicher Not vom Land in die Stadt flüchten, zerbrechen Familien. Im Großraum Mumbai leben schon heute über 20 Millionen Menschen.

Wachsende Kluft zwischen Arm und Reich: Noch nie war der Gegensatz zwischen Arm und Reich auf der Welt größer als heute. In Bolivien hat die Bevorzugung transnationaler Unternehmen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Spaltung des Landes in zwei Teile noch verschärft: Ein kleiner Teil der Bevölkerung arbeitet im Exportsektor und hat an dessen Dynamik teil, die Mehrheit der bolivianischen Bevölkerung findet jedoch keine Beschäftigung, denn die heimische Wirtschaft stagniert. Etwa 64 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze (INE 2005). Arm sein heißt, ausgeschlossen sein von den Ressourcen, die anderen verfügbar sind. Das verursacht Frustration und Hoffnungslosigkeit. Es kommt zu Alkoholmissbrauch und innerfamiliärer Gewalt. In einer Studie über Straßenkinder in den vier größten Städten Boliviens geben zwei Drittel der befragten Kinder an, ihre Familie verlassen zu haben, weil sie misshandelt wurden (Hotel de Mil Estrellas, DNI 1997). Die Anzahl der Straßenkinder in Bolivien war in den 90er Jahren in der Zeit der wirtschaftlichen Liberalisierungsprogramme von wenigen hundert auf mehrere tausend gestiegen.

HIV/Aids: In Afrika waren Straßenkinder lange Zeit ein praktisch unbekanntes Phänomen. Extreme Armut sowie die rasante Ausbreitung von HIV/Aids haben jedoch dazu geführt, dass auch hier immer mehr Kinder auf der Straße leben. Laut einer Prognose von UNAIDS werden im Jahr 2010 weltweit über 25 Millionen Kinder ein oder beide Elternteile durch Aids verloren haben. In Sambia, das zu den Ländern mit der höchsten HIV-Infektionsrate gehört, waren bereits im Jahr 2001 über eine halbe Million Kinder unter 15 Jahren verwaist. Laut einer Schätzung des Zambia Human Development Reports (1998) sind 58 Prozent der circa 75.000 Straßenkinder in Sambia zugleich Aidswaisen.

Auch in den europäischen Ländern ist die Anzahl der Straßenkinder erheblich gestiegen. Die Internationale Arbeitsorganisation führt dies vor allem auf den Abbau der staatlichen Sozialleistungen infolge des Zusammenbruchs des Staatssozialismus zurück (Global Report on Child Labour, 2002).

Krieg und Gewalt: Weltweit sind mehr als 20 Millionen Kinder und Jugendliche auf der Flucht (UNHCR 2003). Nicht nur in Afghanistan oder im Kongo geraten Kinder zwischen die Fronten, auch in Kolumbien und Burma werden sie Opfer von bewaffneten innerstaatlichen Auseinandersetzungen. Selbst viele Jahre nachdem offiziell Frieden geschlossen wurde leiden Kinder in Kambodscha unter den Folgen von Krieg und Gewalt: Auseinander gerissene und traumatisierte Familien, Armut, verminte Felder, zerstörte Dörfer, zu wenig Schulen und mangelhafte Infrastruktur.

Nahezu alle Untersuchungen zeigen, dass etwa ein Drittel der Straßenkinder Mädchen, zwei Drittel Jungen sind. Mädchen finden schneller eine Unterkunft, in dem sie zum Beispiel als Hausmädchen arbeiten. Sie sind zwar fern der Straße, oft aber ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen und sexuellen Übergriffen ausgeliefert. Auch auf den Straßen erleben die Mädchen patriarchale Gewaltverhältnisse und häufig sexuellen Missbrauch. Besonders problematisch wird ihre Situation, wenn sie schwanger werden.

Auch in Deutschland sind Misshandlungen in der Familie einer der Hauptgründe, warum Kinder und Jugendliche aus ihren Familien fliehen. Die meisten kommen hier aber nicht aus wirtschaftlich benachteiligten Haushalten. In vielen Fällen ist es einfach Entfremdung von den Eltern, die ihre eigenen Probleme nicht lösen können. Die meisten haben eine »Karriere« in verschiedenen Jugendhilfeeinrichtungen hinter sich.

Position und Forderungen von terre des hommes

Foto: PAI TARPUY

terre des hommes hat über 35 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit Kindern, die auf der Straße leben. Dass die Straße für viele zum zentralen Lebensumfeld wird, hat strukturelle Ursachen. Straßenkinder geben ein Bild vom Zustand der Gesellschaft und von der Art und Weise, wie Kinderrechte missachtet werden. Projekte für Straßenkinder sind besonders personalintensiv und finanziell aufwendiger als Programme, die verhindern, dass Kinder auf der Straße landen. Und je früher ein Straßenkind Unterstützung bekommt, desto höher sind die Chancen, es in seine Familie reintegrieren zu können. Die Rehabilitationschancen für Kinder, die schon länger auf der Straße leben und zudem drogenabhängig sind, sind relativ gering.

Trotzdem haben auch diese Kinder und Jugendlichen - wie alle Kinder - Rechte, die in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen verankert sind. Die Verwirklichung dieser Rechte - auf der Straße oder auf dem Weg weg von der Straße - ist in erster Linie Aufgabe des Staates. Doch Familien, Gemeinden und zivilgesellschaftliche Organisationen können dazu wesentliche Beiträge leisten. Ziel der Arbeit von terre des hommes ist dabei nicht, die Kinder von der Straße »weg zu organisieren«, sondern ihnen zu ihren Rechten zu verhelfen und ihnen eine Lebensperspektive zu ermöglichen.

Forderungen

  1. Um die Problematik von Kindern auf der Straße nachhaltig zu verbessern, müssen die strukturellen Ursachen ebenso angegangen werden, wie die individuellen Problemlagen. Wirtschafts- und sozialpolitische Lobbyarbeit oder Sensibilisierung der Öffentlichkeit für Kinderrechte können deshalb ebenso einen Beitrag dazu darstellen, dass Kinder nicht auf der Straße leben müssen, wie vorbeugende Arbeit mit Familien und Kindern, die in Gewalt und Armut leben, oder spezielle Rehabilitationsangebote für Straßenkinder.
  2. Straßenkinder benötigen in vielen Fällen einen Drogenentzug und psychologische Betreuung. Außerdem brauchen sie Bildungsangebote, die sich an ihren Lebenserfahrungen und Kompetenzen orientieren, und eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Sie sind aber nicht nur Opfer, sondern haben auch Potenzial, ihre eigenen Probleme zu lösen. Arbeit mit Straßenkindern, darf ihnen deshalb ihre Eigeninitiative nicht nehmen und muss an ihren persönlichen Stärken ansetzen und versuchen, sie zur Geltung zu bringen.
  3. Die Arbeit mit Straßenkindern darf sich nicht an vermeintlichen »Normalbiografien« orientieren. terre des hommes unterstützt die Kinder und Jugendlichen darin, ihren Platz in der Gesellschaft selbst zu definieren, praktikable Lösungen für ihre Probleme zu finden und ihre Rechte wahrnehmen zu können. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche an der Projektplanung und Ausgestaltung mitwirken.
  4. Auch wenn Straßenkinder ein Recht auf Nahrung oder Gesundheit haben, müssen Projekte über rein versorgende Angebote hinausgehen. Reine Krankenversorgung, Suppenküchen und Kleiderverteilaktionen laufen Gefahr, die Kinder und Jugendlichen von dieser Hilfe abhängig zu machen, und das prekäre Leben auf der Straße zu ermöglichen, statt den Kindern und Jugendlichen die Perspektive auf ein eigenständiges Leben zu ermöglichen. Nötig ist Koordination mit anderen privaten wie den zuständigen staatlichen Stellen, um Angebote ergänzend aufeinander abzustimmen und vor Ort langfristige Betreuungsstrukturen aufzubauen, die auch ohne internationale Unterstützung Bestand haben. Projekte sollen die Unterstützung nicht beenden, wenn die Betroffenen im juristischen Sinne die Altersgrenze zum Erwachsenenleben überschritten haben, solange die Problematik fortbesteht. Gleichwohl müssen sich Angebote grundsätzlich dem Alter und den jeweiligen Lebensbedingungen anpassen.

Informations- und Lobbyarbeit

In Deutschland macht terre des hommes alljährlich mit dem Aktionstag »Straßenkind für einen Tag« auf die Situation von Straßenkindern aufmerksam. Er findet zum 20. November statt, dem Datum, an dem 1989 die UN-Konvention über die Rechte des Kindes verabschiedet wurde. In verschiedenen Städten Deutschlands schlüpfen Kinder für einen Tag in die Rolle von Straßenkindern. Sie tun das, was Straßenkinder weltweit tun: Schuhe putzen, Kleinigkeiten verkaufen, Müll sortieren. Öffentlichkeitswirksam demonstrieren sie, dass die Rechte von Straßenkindern vielfältig verletzt werden: das Recht auf Bildung, auf gesundes Aufwachsen, auf Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung ebenso wie das Recht auf Information und Gehör.

Auch Projektpartner nehmen in verschiedenen Ländern den 20. November oder andere Gedenktage zum Anlass - mancherorts unter aktiver Beteiligung der Kinder und Jugendlichen von der Straße - auf Kinderrechte aufmerksam zu machen. Einheimische Kinderrechtsorganisationen setzen sich vielerorts, unterstützt von terre des hommes, für eine bessere Gesetzgebung ein und werden aktiv, wenn Straßenkinder Opfer von Verfolgung werden.


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