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Gespräch mit einer jungen Mutter, die auf der Straße lebt

Interview: Susanna Ayllon

Greta (Name geändert) verließ ihr Zuhause, weil die Mutter sie schlug und der Stiefvater sie sexuell missbrauchte. Seitdem lebte sie auf den Straßen der bolivianischen Millionenstadt La Paz. Mit 15 Jahren wurde sie von einem Jugendlichen, der ebenfalls auf der Straße lebte, vergewaltigt und schwanger. Auch ihren Sohn gebar sie auf der Straße. Heute hat sie mit ihrem Kind Platz bei Oqharikuna gefunden. Sie hat gegenüber ihrem Kind Schuldgefühle und will nicht namentlich genannt, schon gar nicht fotografiert werden.

Wünschen sich die Straßenmädchen Kinder?

Einige von ihnen ja, weil es schön zu sein scheint. Doch die meisten Schwangerschaften sind nicht gewollt, weil es ohne Liebe geschehen ist, weil die Mädchen vergewaltigt wurden, weil sie nicht aufgepasst haben. Sie wissen dann nicht weiter. Die einen tragen das Kind aus, die anderen treiben ab.

Obwohl diese Mädchen sehen, wie die anderen leiden, dass sie krank werden und manche auch sterben, gibt es also Mädchen, die gerne ein Kind wollen?

Ja, aber eben nicht alle. Vielen ist klar, wie ihre Partner mit ihnen umgehen, dass sie mit den Babys auf der Straße schlafen müssen oder in den Billigherbergen. Können die Kinder denn auf der Straße überleben? Die Mütter geben ihnen nicht genug zu essen, weil kein Geld da ist. Sie müssen das Glück haben, etwas klauen zu können, denn mit einem Baby finden sie nirgendwo Arbeit. Wenn die Partner in den Knast kommen, sind sie ganz auf sich allein gestellt. Obwohl die anderen Mädchen oft auch sehr solidarisch sind und ihnen für das Baby etwas abgeben. Sonst müssen sie eben versuchen zu stehlen, oder sie prostituieren sich für das Essen der Kleinen. Die Kinder auf der Straße sterben an Husten oder Durchfall, wenn sie nicht vor Kälte geschützt werden, weil die Mutter gerade Kleister schnüffelt oder trinkt. Andere haben überlebt, aber viele werden den Mädchen von der Frauenbehörde weggenommen. Wenn sie geklaut haben und eingesperrt werden, kommen die Babys ins Heim. Und niemand hilft den Müttern nachher, sie dort wieder herauszuholen.

Wie reagieren die Mädchen darauf, dass sie Mutter geworden sind?

Sie tun sich schwer damit, Kinder aufzuziehen. Sie weinen, wenn sie ihre Kinder frieren oder hungern sehen. Einige werden dann nachdenklich. Sie glauben nicht daran, dass das Leben einmal anders sein könnte. Und das schlimmste ist für sie, wenn die Kinder dann in ihre Fußstapfen treten.

Was machen denn Mütter, die gerade ihr Baby bekommen haben?

Auf der Straße können sie nicht schlafen. Manche gehen deshalb in eine Billigherberge oder arbeiten die Nacht durch, um Geld für das Kleine aufzutreiben. Sie kämpfen mit dem Schlaf und manchmal schlagen sie das Baby. Sie sagen: »Ich werde wütend, es lässt mich nichts machen!« oder »Soll es doch sterben!«. Aber danach schämen sie sich und weinen. Sie fragen sich, wo sie die Windeln trocknen sollen: im Gras oder auf Parkbänken? Zum Waschen gehen sie dann an den Bach. Die meisten haben nicht einmal Windeln, sondern wickeln die Kinder in ihre Jacken.

Wie sieht es denn mit der Hygiene aus?

Manche waschen ihre Babys im eisigen Wasser des Baches. Andere sind sehr nachlässig, ihre Kinder sind schmutzig und riechen nach Urin. Wenn die Mütter Kleister schnüffeln, dann schadet das über die Milch auch den Kindern. Ich habe mitbekommen, dass viele Babys krank geworden sind, Durchfall bekommen haben. Dass es ihnen allein schon wegen des Geruchs übel wurde. Und wenn die Mütter »fliegen« (schnüffeln), vergessen sie ihre Babys, so als wären sie ihnen ganz egal. Sie sagen: »Das Kind wird schon wieder gesund«, aber das stimmt nicht.

Stimmt es denn, dass die Mädchen die Babys schon Kleister schnüffeln lassen?

Ja, sie merken das oft nicht. Die Kleinen sehen ihre Mutter mit den Kleisterfläschchen und denken, es sei etwas zu essen. Sie halten dann genauso die Hand über die Nase, wie wir es beim Schnüffeln tun. Sie greifen nach den kleistergetränkten Stofffetzen der Mütter und stecken sie in den Mund. Das vertreibt Hunger und Kälte. Manche Mütter geben ihnen aber auch Milch mit einem Schuss Schnaps in die Flasche, damit sie still sind.



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