London 1870: 30.000 Kinder vagabundierten in den Straßen der Hauptstadt Großbritanniens. Nach heutiger Definition: Straßenkinder. Damals wurden die überwiegend unehelichen Kinder ausgesetzt. Mit der Auflösung der Agrargesellschaft und der Abwanderung der Landlosen und entwurzelten Bauernsöhne in die Städte schwand die Integrationskraft der Großfamilie. Heute hat sich der Fokus verlagert. Jedes zweite Straßenkind lebt in Lateinamerika. Aber auch dort gab es zu Beginn des 19. Jahrhunderts schon verlassene Minderjährige. Um 1850 wurden französische Besucher in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá auf sie aufmerksam – und tauften sie, ihren Pariser Vorbildern entsprechend, gamin.

Nicht nur die Industrialisierung, auch kriegerische Auseinandersetzungen hatten zur Folge, dass immer mehr Kinder zu herumstreunenden jungen Menschen wurden. In Russland kämpften um 1921 sieben Millionen Bürgerkriegswaisen in den Straßen der Städte um ihr Überleben.
Abgesehen von den kirchlichen Findelhäusern wurde aber erst Ende des 19. Jahrhunderts auf dieses »Problem« reagiert. Das erste private Asyl für Straßenjungen wurde 1881 im kolumbianischen Bogotá gegründet, vier Jahre später folgte eine Einrichtung im brasilianischen Sao Paulo, in Lima/Peru wurde 1902 das erste Jugendgefängnis eröffnet: Aufbewahrungsanstalten, in denen Kinder in aller Regel schwer misshandelt wurden. Ein Protestmarsch von Straßenkindern in Bogotá – mit Spruchbändern wie »Wir haben Hunger, wir wollen Arbeit!«– sorgte 1961 für Aufmerksamkeit. Doch es dauerte weitere sieben Jahre, bis der italienische Pater Javier de Nicoló mit dem »1. Seminar über die Problematik der Straßenkinder« für ein Umdenken sorgte.
In Kolumbien entstanden Ende der 60er Jahre zahlreiche Fürsorgeeinrichtungen. Das Interesse für und das Geschäft mit den gamines blühte. Aussteigerärzte aus den USA, Fernsehreporter aus Europa, Jugendforscher aus aller Welt befassten sich mit dem Thema. Doch in den 80er Jahren machte sich Ernüchterung breit. Trotz zahlreicher Projekte stieg die Zahl der Straßenkinder. In Brasilien ermordeten Todesschwadronen Straßenkinder im Auftrag von Geschäftsleuten. Allein aus den Jahren 1984 bis 1989 sind 1.397 registrierte Lynchmorde bekannt.
Eine ernsthafte Ursachenforschung begann, und Bewusstseinskampagnen wurden gestartet. Anfang der 80er Jahre lief in den brasilianischen Kinos mit großem Erfolg der Film »Pixote«, vergleichbar mit »Salaam Bombay«, der einige Jahre später in Indien und Europa Aufmerksamkeit erregte. Beide Filme zeigten den Alltag der Straßenkinder.
Dass sie sich nicht nur als Opfer sehen, sondern handeln können, haben Straßenkinder vielfach bewiesen. Zum Beispiel 1961 mit dem Protestmarsch in Kolumbien und im Mai 1986 mit dem »1. Nationalen Treffen« in Brasilia. In der Hauptstadt versammelten sich mehr als 400 Straßenkinder. Drei Jahre später gründen sie beim zweiten Treffen die »Nationale Bewegung der Straßenkinder«. Ziel ist, sich besser gegen Gewalt und Polizeiwillkür zu wehren und die Chancen auf menschenwürdiges Leben zu verbessern. Mitte der 90er Jahre betreute die Bewegung in Brasilien 500 Projekte und erreicht mit ihrer Arbeit mehr als 80.000 Straßenkinder.
Im Oktober 1988 fand in Lima das »Erste lateinamerikanische Treffen arbeitender Kinder und Jugendlicher und Straßenkinder« statt. Unter anderem wurde dort gefordert: »Wir möchten nicht, dass uns die Händler übers Ohr hauen und uns Drogen anbieten. Wir möchten, dass man uns zuhört, dass unsere Rechte respektiert werden.« Zehn Jahre später nahmen lateinamerikanische Projektpartner von terre des hommes an einer Tagung zum Thema Straßenkinder in St. Petersburg teil.