Wer abends durch das Zentrum von Ho-Chi-Minh-Stadt schlendert, trifft unwillkürlich auf die Gewinner und Verlierer der neuen Marktwirtschaft in Vietnam. Lachend kreisen die Mittelstands-Kids in einem nicht enden wollenden Mofa-Korso umher. Nur wenige Meter entfernt von diesem lauten Schaufahren betteln dürre Gestalten und bieten ihre Dienste als Schuhputzer, Handlanger oder Gepäckträger an. Straßenkinder werden sie genannt. Sie leben auf und von der Straße, wühlen in Abfällen und sind unterernährt. Zu lachen haben sie nichts. Statt Liebe und Geborgenheit erfahren sie meist Ablehnung und Gewalt.

Viele dieser Kinder kommen aus den armen ländlichen Gemeinden und aus Regionen, die von Naturkatastrophen heimgesucht wurden. Nicht alle sind Waisen. Wo die Not in den Dörfern groß ist, wo das soziale System Familie nicht mehr funktioniert, scheint es für die Kinder vielerorts keinen Platz zu geben. Also flüchten sie in die Städte. In Ho-Chi-Minh-Stadt leben etwa 10.000 Straßenkinder. »Vor ein paar Jahren war es gerade mal ein Drittel«, sagt Nguyen Te The. Für den Vietnam-Koordinator von terre des hommes ist dies Grund genug, in der Stadt ein Straßenkinderprojekt zu unterstützen. Eine Zunahme der Zahl von Straßenkindern wird auch aus dem vom Bürgerkrieg zerstörten Afghanistan gemeldet. Allein in der Hauptstadt Kabul wird von 50.000 Straßenkindern ausgegangen. Dass Kinder auf der Straße leben, ist in Vietnam und Afghanistan ein relativ neues Phänomen.
Anders die Situation in vielen Ländern Lateinamerikas. Hier sorgten Schlagzeilen über Straßenkinder schon in den 70er Jahren für Aufsehen. Und schon damals befürchteten Experten, dass die Zahl der Straßenkinder zunehmen würde. Seither tauchen immer wieder dramatische Schätzungen auf. So ist von 40 Millionen Straßenkindern in Lateinamerika die Rede. Allein für Brasilien wird in einigen Untersuchungen von acht Millionen gesprochen. In den großen Metropolen des Landes leben Straßenkinder besonders gefährlich. Der Alltag der Kinder ist von Aggression und Gewalt geprägt. Allein zwischen 1984 und 1989 wurden 1.397 Lynchmorde an brasilianischen Straßenkindern registriert. Jedes Jahr kommt es nach Mitteilung von Amnesty International zu Verbrechen an Straßenkindern.
Auch aus anderen Regionen Lateinamerikas, so die Menschenrechtsorganisation, häufen sich Berichte von Übergriffen auf Straßenkinder.
Die Auflösung von traditionellen dörflichen Gemeinschaftsstrukturen wird als eine wesentliche Ursache für die Ausbreitung des Phänomens Straßenkinder genannt. Verstärkt wird diese Entwicklung durch Krieg und Gewalt, zum Beispiel in Afrika. In Ländern wie Liberia, Angola und Somalia hat der Krieg tiefe Spuren hinterlassen. Hier wurden viele Kinder durch Flucht oder den gewaltsaterremen Tod von Familienangehörigen zu Waisen. Allein in Somalia hausen mehr als 90.000 Kinder verwahrlost auf der Straße.
Gravierend sind auch die Auswirkungen von AIDS in Afrika. Das Virus hat elf Millionen afrikanische Kinder und Jugendliche zu Waisen gemacht, die nun für ihr eigenes Überleben kämpfen müssen. Vor diesem Hintergrund rechnen Experten damit, dass die Zahl der Straßenkinder weiter zunehmen wird. Neben Krieg und AIDS ist wirtschaftliche Armut der Grund für die steigende Zahl von Straßenkindern. Die sozialen Folgen der Globalisierung sowie der Abbau staatlicher Sozialprogramme haben das Wohlstandsgefälle in den Entwicklungsländern vergrößert und neue Armutsregionen entstehen lassen. Auch in den USA und Europa nimmt die Zahl der Straßenkinder zu. Weltweit, so wird geschätzt, bis zu 100 Millionen.
Unter den Kindern, die auf der Straße leben, überwiegt die Zahl der Jungen. Der Anteil der Mädchen wird auf etwa zehn bis 30 Prozent geschätzt.

Wie hoch die Zahl der Straßenkinder in der Welt tatsächlich ist, weiß niemand genau. Nicht alle Straßenkinder sind Waisen. Bei vielen bestehen noch Beziehungen zur Familie. Eine Unterscheidung zwischen Kindern, die dauerhaft auf der Straße leben und denen, die dort zeitweise für ihr Überleben arbeiten, ist schwierig. »Viele Straßenkinder sind eigentlich arbeitende Kinder, die sich zwecks Gelderwerb auf Bahnhöfen, Plätzen und Gassen aufhalten«, stellt Albert Recknagel, Programmkoordinator bei terre des hommes, klar. Häufig kehren die Kinder zu ihren Familien zurück. In Lateinamerika nennt man sie »niños en la calle« - Kinder auf der Straße. Eine kleinere Zahl von Kindern lebt dauernd auf der Straße. Sie werden als »niños de la calle« -Kinder der Straße bezeichnet. Ihre Zahl wird weltweit auf circa 30 Millionen geschätzt. Die meisten Kinder, so Recknagel, versuchen zunächst als arbeitende Kinder zu überleben. Einige werden durch die Gewalt der Polizei und die Aggression im Alltag dauerhaft zu Straßenkindern. Andere schaffen es wieder, Anschluss an Verwandte und Freunde zu finden.
Normalerweise durchläuft ein Kind verschiedene Stationen der Sozialisation und Entwicklung: Familie, Kindergarten, Schule, Freundeskreis, Ausbildung. Bei Straßenkindern reduziert sich diese Entwicklung auf wenige Stationen: zunächst auf die negativen Erfahrungen in der Familie, dann auf die Straße als wichtigstes Sozialisationsmilieu. Dort angelangt, bleibt diesen Kindern nur die Solidarität mit den anderen Straßenkindern. Die Gruppe dient nicht nur als Familienersatz. Sie hat auch eine Schutzfunktion vor Gefahren von außen. Obwohl Straßenkinder äußerlich und gegenüber ihrer Umwelt meist als »cool« erscheinen, haben sie nur ein geringes Selbstwertgefühl. Erst durch die Gruppe schaffen sie es, sich nicht nur als Opfer zu fühlen, sondern nach außen selbstbewusst aufzutreten.

»Wir haben Hunger, wir wollen Arbeit!« - Spruchbänder mit diesen Worten schleppten 1962 Straßenkinder durch Kolumbiens Hauptstadt Bogotá. Ihr Protestmarsch sorgte für internationale Aufmerksamkeit. Straßenkinder, die handeln, das war neu. Doch es dauerte lange, bis andere Kinder diesem Beispiel folgten. Erst in den 80er Jahren entstanden die ersten Straßenkinderinitiativen in Lateinamerika. Zum Beispiel in Brasilien - dort trafen sich im Mai 1986 mehr als 400 Straßenkinder zu einem »Ersten Nationalen Treffen«. Drei Jahre später wurde bei einem Folgetreffen die »Nationale Bewegung der Straßenkinder« gegründet. Ihr Ziel ist, sich gegen Gewalt und Polizeiwillkür zu wehren und ihre Chancen auf ein menschenwürdiges Leben zu verbessern. Mitte der 90er Jahre betreut die Bewegung landesweit 500 Projekte und erreicht mit ihrer Arbeit mehr als 80.000 Straßenkinder. Für die brasilianischen Behörden ist die Bewegung heute Hauptansprechpartner in Sachen Kinderrechte.
Straßenkinder haben häufig eine Gemeinsamkeit: Sie konsumieren regelmäßig Drogen. Das Klebstoffschnüffeln ist sehr verbreitet. Die Folgen sind verheerend: »Die Droge schädigt das Gehirn, das Herz-Kreislaufsystem und insbesondere das Sehvermögen. Der Drogenkonsum ist auch ein Grund für die häufigen Unfälle auf der Straße, bei denen die Kinder oft schwere Verletzungen erleiden«, berichtet Peter Strack. Der terre des hommes-Koordinator in Bolivien nennt auch den Grund für den Drogenkonsum: »Sie merken kaum noch etwas von ihrem Leid. Die Kinder umschreiben das Kleisterschnüffeln als Fliegen.« Hunger, Schmerzen, selbst die Angstzustände und Depressionen werden betäubt. Aber um welchen Preis? Ohne fremde Hilfe werden sie es nicht schaffen, den Gefahren der Straße zu entkommen.
Trotz des alltäglichen Elends gibt es auch Solidarität unter den Kindern. »Ist ein Kind verletzt oder hat Fieber«, so Strack, »dann helfen sich die Straßenkinder untereinander. Sie verbinden die Wunde mit Lappen oder besorgen Schmerztabletten. Hat einer ein paar Pesos, dann rennen sie auf den Markt und kaufen Kräuter. Oder sie begleiten ihre kranken Freunde in öffentliche Krankenhäuser und bringen sie zu Gesundheitsstationen.« Das von terre des hommes unterstützte Projekt »Oqhariquna« in La Paz, Bolivien ist eine solche Anlaufstelle. Die Mitarbeiter der Organisation kümmern sich um die auf der Straße lebenden Mädchen, die besonders mit Problemen wie sexuelle Misshandlung, Geschlechtskrankheiten oder ungewollten Schwangerschaften zu kämpfen haben. Oqhariquna bietet mehr als erste Hilfe. Ziel des Projektes ist die Rückführung der Mädchen in das normale Leben. »Das heruntergekommene Äußere sowie die körperlichen und seelischen Schädigungen beeinträchtigen nicht nur das Selbstbewusstsein der Kinder, es erschwert auch die soziale Integration. Weil sie Straßenkinder waren, finden sie nur schwer eine Arbeit«, berichtet Peter Strack. Die terre des hommes-Projekte für Straßenkinder haben deshalb das Ziel, die Lern- und Ausbildungsmöglichkeiten zu verbessern. Durch diese Form der Unterstützung sollen die Kinder lernen, ihre eigenen Stärken zu entdecken und Verantwortung zu übernehmen.