Die heutige biologische Vielfalt hat eine lange Geschichte: Über Jahrtausende hinweg haben Bauern und Bäuerinnen in den verschiedensten Regionen der Erde eine Vielzahl lokaler Pflanzensorten für die Ernährung der Menschheit entwickelt und gezüchtet. Das bot zwar nie einen perfekten Schutz gegen Missernten, aber: Die Saaten waren angepasst an lokales Klima und lokale Böden und enthielten unzählige Resistenzgene, etwa gegen bestimmte Pflanzenpilze. So wurden beim Auftreten von Krankheiten nicht alle Felder befallen, weil einzelne Sorten widerstandsfähiger waren.
Die Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten wurde jedoch mit der Modernisierung der Landwirtschaft stark reduziert: Der steigende Einsatz von Maschinen und Agrarchemikalien führte zwar zu einer Steigerung der Produktivität, aber die weltweite Ausdehnung von Monokulturen und der Anbau von Hochertragssorten hatte auch einen rasanten Verlust der Pflanzenvielfalt zur Folge: Die FAO (UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft) schätzt, dass in wenigen Jahrzehnten bis zu 75 Prozent des globalen Kulturpflanzen- und Sortenreichtums verschwunden sind.
Die derzeitigen gentechnischen Veränderungen setzen diese Tendenz fort: Lokale Landbautechniken und die damit zusammenhängende Pflanzenvielfalt werden verdrängt, es wird auf Hochleistungssorten mit einem möglichst hohen Outputfaktor gesetzt, chemie- und energieintensive Landbautechniken werden vorangetrieben.
Nutzung von Saatgut wird beschränktDoch nicht nur dadurch wird die heutige Vielfalt an Nutz- und Kulturpflanzen bedroht, sondern auch durch rechtliche und technische Zugangs- und Nutzungsbeschränkungen: Biopatente geben einzelnen Menschen oder Unternehmen das Recht, andere aus der Nutzung biologischer Ressourcen auszuschließen oder diese nur gegen Lizenzgebühren zuzulassen. Besonders mit dem »Abkommen über handelsbezogene Aspekte geistigen Eigentums« (TRIPS) der Welthandelsorganisation (WTO) wurde die Idee des geschützten und exklusiven Nutzungsrechtes auf globaler Ebene durchgesetzt.
Auch durch Technologien wird die Nutzung von Saatgut beschränkt: So werden Pflanzengene mittels Gentechnik dahingehend manipuliert, dass Entwicklungsphasen wie zum Beispiel die Keimung oder die Blüte nur durch bestimmte Chemikalien ausgelöst werden. Die so genannte »Terminatortechnologie« baut Pflanzen gentechnisch daraufhin um, dass sie in der nächsten Generation nicht mehr keimen - zurückbehaltene Ernten können für eine erneute Aussaat nicht mehr genutzt werden.
Die Macht der Gen-GigantenInsbesondere in den letzten 15 Jahren hat sich eine ungeheure Konzentration von Unternehmen im Saatgut- und Agrochemiebereich vollzogen: Die zehn größten Saatgutunternehmen der Welt kontrollieren etwa die Hälfte des Saatguthandels weltweit, Gentech-Saatgüter verzeichnen dabei wachsende Marktanteile. Die so genannten Gen-Giganten im Nahrungsbereich beschränken sich nicht nur auf Grundnahrungspflanzen wie Reis, Weizen oder Mais; durch Firmenkäufe und -fusionen konnten sie auch ihre Anteile im Gemüse- und Obstsegment ausbauen. Die meisten der Saatgut-Giganten zählen auch zu den weltweit größten Unternehmen der Agrarchemiebranche.
Wäre der Hunger in der Welt tatsächlich ein Problem zu wenig produzierter Nahrungsmittel, könnte das alleinige Ziel weiterer Produktivitätssteigerung vielleicht Sinn machen. Es wurden und werden jedoch ausreichend Nahrungsmittel produziert. Nur: Nicht alle Menschen haben das Geld, sie zu erwerben. Die Verwirklichung des Rechts sich zu ernähren setzt vor allem eines voraus: den freien Zugang zu produktiven Ressourcen wie Land, Wasser und Saatgut.
Gertrude Klaffenböck
Die Autorin ist Agrarökonomin und Mitarbeiterin bei FIAN Österreich
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