Weil sie die »Ehre ihrer Familie« beschmutzt hatte, wurde Hatun Sürücü im Februar 2005 getötet. Ihre Brüder erschossen die 23-Jährige an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof. Der Grund: Hatun hatte den für sie ausgesuchten Mann verlassen. Sie hatte sich eigene Freunde zugelegt und bestand darauf, ihren Lebenspartner selbst zu wählen. Als ihre Familie sie bedrohte, weil sie nicht gehorchen wollte, alarmierte Hatun die Polizei. Das war zuviel, sie wurde mit dem Tod bestraft.
Jedes Jahr werden laut Weltbevölkerungsbericht der UNO
etwa 5.000 Mädchen und Frauen im Namen der Ehre ermordet. Nicht wenige von ihnen waren durch eine Vergewaltigung schwanger geworden und wurden durch ihre eigene Familie getötet, weil sie nun »unrein« waren. Andere, wie Hatun, mussten sterben, weil sie sich nicht an überlieferte Regeln hielten – Regeln, in denen sich über Jahrhunderte Machtverhältnisse manifestiert haben, deren Leidtragende oft Frauen sind. Weil sie es nicht anders kennen, weil sie dazu gehören, gehorsam und anerkannt sein wollen oder weil sie die Strafen für »Fehlverhalten« fürchten, nehmen sie selbst brutale und ihre Menschenrechte verletzende Traditionen, wie Zwangsheirat oder Beschneidung, hin. So sind von der Klitorisbeschneidung
nach Angaben der Vereinten Nationen weltweit etwa 130 Millionen Mädchen und Frauen betroffen; jährlich kommen weitere drei Millionen dazu. Neben den Schmerzen und dem Verlust sexueller Empfindung führen die Beschneidungen oft zu Wundinfektionen, die nicht selten tödlich ausgehen.
Solche Frauen verachtenden Traditionen sind jedoch veränderbar: Kultur ist und war noch nie statisch, sondern immer ein lebendiger Prozess. Kulturschaffende, die sich gegen bestimmte Traditionen wehren und den Machtkampf trotz aller Mechanismen, die ein »Fehlverhalten« bestrafen, wagen und bestehende Regeln durchbrechen, hat es zu allen Zeiten gegeben.
So sind heute zum Beispiel hunderte afrikanischer Frauen unterwegs, um in den Dörfern gegen die Beschneidung von Mädchen zu kämpfen – feinfühlig für die tradierten Wertvorstellungen der Menschen und mit Erfolg. »Meine Töchter sind sehr klug und drohen jetzt schon wegzulaufen, wenn wir sie beschneiden lassen würden«, so eine Maassai-Frau, die stolz auf ihre Kultur ist, dabei aber gewisse Traditionen, wie die Beschneidung von Mädchen, schrecklich findet.
Ein anderes Beispiel ist die nigerianische Juristin Hauwa Ibrahim, die dagegen kämpft, dass in ihrer Heimat Frauen wegen Ehebruchs zu Tode gesteinigt werden. Im letzten Dezember erhielt sie dafür den Sacharow-Preis.
»Du bist keine mehr von uns« bekommen Frauen, die menschenverachtende Traditionen bekämpfen, häufig vorgeworfen. Nicht selten begründet autoritäre Herrschaft ihre Vorbehalte gegenüber Menschenrechten und Demokratie mit einer »eigenen Kultur«, Abweichler werden als »europäisiert« verachtet. Aber in lebendigen Gesellschaften gibt es unterschiedliche Interessen und Meinungen – auch solche, die Menschen- und Frauenrechte durchaus mit ihrer Kultur vereinbaren können.
Auch für terre des hommes und seine Partner in den Ländern des Südens sind Menschenrechte ein Grundprinzip ihrer Arbeit. Denn nur solange Begegnungen zwischen den Kulturen und innerhalb der Kulturen von Neugier, Offenheit und Toleranz gekennzeichnet sind, solange Machtverhältnisse jederzeit hinterfragt werden können und der kulturelle Austausch in alle Richtungen möglich ist, ist er eine große Bereicherung – für alle Menschen in allen Kulturen.