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»Um den Schlaf gebracht«

Peru: Kupferminen zerstören die Lebensgrundlage von Kleinbauern

»Früher, als ich noch ein Kind war«, erinnert sich Juan Madueño, »lebten in unserem Fluss noch Forellen und Krabben und wir haben hier mit kleinen Angeln gefischt, doch heute ist alles in ihm tot.« Juan lebt im Tal Tumilaca, in der Provinz Moquegua im Süden Perus. Hier ist er geboren und aufgewachsen und wie seine Eltern und Großeltern lebt er von der Landwirtschaft. Inmitten der trockenen Atacamawüste bildet die Talsenke eine kleine Oase, zwischen der Pazifikküste und den Hochanden. Hier wächst nur etwas, wo es auch Wasser gibt - am Fluss. Die grünen Ufer ziehen sich wie Schlangen hinunter Richtung Meer und bieten einen farbintensiven Kontrast zur vertrockneten braunen, hügeligen Mondlandschaft der Wüste. Juan lebt mit seiner Frau Rosa und seinen Kindern Ruddy (13 Jahre) und Kathiza (10 Jahre) in einem kleinen Häuschen am Rande des Asana-Flusses. Ihr Einkommen erwirtschaften sie sich durch das Bestellen ihres kleinen Stückchen Landes. Das Wasser der Flüsse wird aus Quellen in den Hochanden gespeist. Doch dort gibt es nicht nur das kostbare Nass, sondern es lagern auch große Mengen an Mineralien. Die werden derzeit in zwei Bergwerken abgebaut. Das Kupfer wird in der nahegelegenen Küstenstadt Ilo weiterverarbeitet. Die Bergwerkswirtschaft gibt manchen Menschen Arbeit, doch Kleinbauern wie Juan leiden unter ihnen. Die zahlreichen Avocadobäume, die immer eine wichtige Einkommensquelle der Familie waren, sind in den letzten Jahren nach und nach eingegangen und mussten gefällt werden. Juan vermutet, dass der empfindliche Avocadobaum als erstes auf die Luftverschmutzungen der Fabrikschlote reagiert hat.

Seine Vermutung ist begründet: Untersuchungsberichte aus Ilo sprechen eine klare Sprache: Die kleine Hafenstadt im Süden Perus erwies sich dabei als eine der Städte mit der höchsten Luftverschmutzung durch Schwefeldioxid der Welt. Traditionell lebten die Familien hier, an der an Meeresgetieren reichen Küste, von Fischfang oder von der Landwirtschaft. Nach Inbetriebnahme der Fabrik nahmen Asthma und andere Atemwegserkrankungen, sowie Allergien bei Kindern wie Erwachsenen dramatisch zu. Die Qualität der Früchte und Meerestiere sank rapide. Die Abgase der Fabriken wurden durch die Küstenwinde auch über die trockene Wüste in die umliegenden Städte und Dörfer bis in die Berge getragen. In den feuchtheißen Sommermonaten verbanden sich Schwefeldioxidabgase mit der hohen Luftfeuchtigkeiten zu »saurem Regen«

Trotz Erpressungsversuchen: Etappensieg für die Umweltschützer

Seit jener Zeit ist die von terre des hommes unterstützte asociacion civil labor im Kampf gegen die Umweltverschmutzung ein wichtiger Wortführer. Die aus der Gewerkschaftsbewegung hervorgegangene Nicht-Regierungsorganisation unterstützt Initiativen, die sich für die Bewahrung der Natur einsetzen. Die Mitarbeiter berichten, dass sie äußerst unbeliebt bei den Bergwerksbetrieben seien. Bei deren öffentlichen Veranstaltungen würden sie nicht nur nicht eingeladen, sondern ausgeladen, wenn sie trotzdem kämen.

Das von terre des hommes unterstützte Projekt richtet sich an die Kinder und Jugendlichen der Region: Sie sollen bereits in der Schule lernen, was die Bergwerke für sie und die Umwelt bedeuten. Sie lernen aber auch, was ihre Rechte sind, damit sie sich in öffentlichen Diskussionen wie bei der Erstellung kommunaler »Bürgerhaushalte« für ihre Interessen einsetzen können. Doch der Einfluss des Konzerns ist groß: »Wenn sie erfahren, dass wir in einer Schule einen Workshop gemacht haben, kommen sie in die Schule und drohen, die Aula nicht zu finanzieren, wenn sie weiter mit labor arbeiten! Die Schulen gehen meistens auf dieses unmoralische Angebot ein, und wir können nicht mehr in die Schule kommen«, berichtet Roxana Estrada, die bei »labor« für die Umwelterziehung zuständig ist.

Dennoch konnte durch internationalen Druck und vor allem den 15 Jahre andauernden Kampf der Bevölkerung in Ilo erreicht werden, dass die Fabrik 2007 modernisiert wurde. Seitdem ist die Luftverschmutzung zurückgegangen. Die Vereinigung »labor« und Bauern wie Juan sind dennoch nicht zufrieden. Die in der Landwirtschaft verursachten Schäden seien nicht reparable. Doch seitdem die Fabrik modernisiert wurde, würden den Bauern nun keine Entschädigungen mehr gezahlt. Auch sei die Luftverschmutzung nicht das einzige Problem.

Neue Bergwerke - Neue Zukunftssorgen

Wenn Juan nicht sein Land bestellt, dann kämpft er als Sprecher der »Nationalen Vereinigung der von Bergwerkswirtschaft betroffenen Gemeinden Perus« (CONAMCAMI Peru) gegen den Bau einer dritten Mine in der Region. Diese soll im Jahre 2009 oberhalb seines Grundstückes am Asana Fluss eröffnet werden und würde die Lage der Familie Madueño wie der anderen Kleinbauern des Tales verschärfen. Juan ist eigentlich ein ausgeglichener, ruhiger Mensch. Aber wenn er auf die Minen zu sprechen kommt, erkennt man ihn kaum wieder: Voller Eifer zeigt er uns in seinem kleinen schlichten Lehmziegel-Häuschen mit Hilfe von auf DVD gebrannten Bildern von google earth, wo die Mine gebaut werden soll. Und Videos, die er sich ebenfalls bei »labor« kopiert hat, erklären die befürchteten Auswirkungen. Am meisten Sorge macht Juan und seiner Familie die Tatsache, dass die neue Mine genau im bisherigen Flussverlauf des Asana gebaut werden soll. Dort werden riesige Kupfervorkommen vermutet. Um an diese heran zu kommen, soll der Fluss Asana durch einen langen Tunnel umgeleitet werden und erst Kilometer weiter flussabwärts in dem ursprünglichen Flussbett weiterfließen. Außerdem wird die Mine selbst für den Abbauprozess Wasser benötigen und dieses dem Fluss entnehmen wollen, so dass sich das natürliche Wasservolumen des Asana verringern wird. Hinzu kommt, dass der schwermetallhaltige Abraum, ebenfalls im bisherigen Flussbett gelagert werden sollen. Bei Regen könnte sich das verseuchte Wasser mit dem restlichen Fluss vermischen und ins Tal fließen, wo Juan es zum waschen, trinken und zum Bewässern des Landes benötigt.

»Manchmal können wir nachts nicht schlafen!«, sagt Juan voller Bedenken. Als Sprecher von CONAMCAMI hat Juan ganz in der Nähe, im Dorf Torata, andere Kleinbauern kennengelernt, die bereits durch eine Mine betroffen sind, die nach dem selben Schema arbeitet, wie das geplante Bergwerk am Asana Fluss. Dort hat sich die Wassermenge im Fluss ebenso verringert, wie die Erträge auf den Äckern. Obst und Gemüse haben schlechtere Qualität und die Bauern müssen befürchten, es auf den Märkten gar nicht mehr verkaufen zu können, wenn bekannt wird, dass die Produkte belastet sind.

Dass die Bauern von irgendeiner Seite Schadensersatz erhalten könnten, ist beim derzeitigen Stand der Dinge unwahrscheinlich. Die Firma, die die Mine betreibt, sieht bei sich keine Schuld, da sie »umweltfreundlich« arbeite. Auch vom Staat ist keine Hilfe zu erwarten. Regierungsstellen würden von dem Minenbetreiber durch großzügige Zuwendungen finanzieller Art davon »überzeugt«, dass die Mine »sauber« ist, kritisiert Roxana Estrada. Die lokale Regierung stehe ebenfalls unter diesem Einfluss. Um die Bevölkerung zufrieden zu stellen, werden sichtbare Dinge wie Spielplätze oder Sportanlagen errichtet. Aber dadurch werden sich die Lebensbedingungen für Juan und seine Familie nicht verbessern. Vor allem: Er weiss nicht, wovon er einmal leben soll, wenn er sein Land nicht mehr bestellen kann. Seine Tochter Kathiza jedenfalls will nicht in der Region bleiben, sie will lieber studieren und als Ingenieurin in der Stadt arbeiten - bei den derzeitigen Zukunftsaussichten für das Tal Tumilaca ist das nicht verwunderlich.

Simon Bösterling, Britta Gohl

Nachtrag

Welche Folgekosten die Bergwerkswirtschaft haben kann, zeigt eine dpa Agenturmeldung vom Dezember 2008 aus Cerro de Pasco. Der 80.000 Einwohnerort in den peruanischen Anden soll jetzt umziehen: Alle in dem Ort lebenden Menschen weisen laut dpa extrem hohe Bleiwerte im Blut auf. Dies sei Folge des Abbaus von Blei, Zink und anderer Metalle im Tagebau. Vor allem bei Kindern komme es zu Hautkrankheiten, mangelhaftem Knochenwuchs sowie Seh- und Gedächtnisschwäche. Die Kosten des Umzugs würden auf 400 Millionen Euro geschätzt, doch niemand wisse, woher das Geld kommen solle. Offensichtlich sind die attraktiven Gewinnspannen für die Unternehmen und Einkünfte für den peruanischen Staat nur möglich, weil die sozialen und ökologischen Kosten nicht in Rechnung gestellt werden.

Weitere Informationen

Auf ihrer Homepage Externer Link haben die Autoren Fotos aus der von ihnen bereisten Region veröffentlicht.


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