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Das gemeinsame Haus der Erde bewahren

Titikaka: Ein grenzüberschreitendes Austauschprogramm für Kleinbauerngemeinden
Traditionelles Ritual zum Projektstart: In der Mitte hinter dem Schamanen Interviewpartner Luis Salazar
Foto: terre des hommes

Die Stärkung andiner Agrarkultur ist seit vielen Jahren ein Schwerpunkt der Projektunterstützung von terre des hommes in vielen Gemeinden der Andenregion. Die Wiedergewinnung traditionellen Wissens und die Pflege der bioligischen und kulturellen Vielfalt trägt dazu bei, auch unter klimatisch extremen Bedingungen die Ernährungsgrundlage der Kleinbauernfamilien zu sichern. Immer wieder erfuhren Projektpartner und Gemeinden, wie fruchtbar der Erfahrungsaustausch über die Dorf- oder auch Landesgrenzen hinaus ist. Dieser Austausch steht im Mittelpunkt des Ende 2007 gestarteten und von terre des hommes zunächst für ein Jahr bewilligten Projektes »Titikaka«. Benannt nach dem höchsten beschiffbaren Binnensee der Welt an der peruanisch-bolivianischen Grenze steht das Projekt in engem inhaltlichen Zusammenhang zum Aktionsschwerpunkt »Our Rivers, Our Life«. Peter Strack sprach im August 2008 mit dem Koordinator des Programmes in Bolivien, Luis Salazar von Projektpartner CAI-PACHA.

Frage: Was ist eigentlich neu im Programm »Titikaka«?

Für mich gibt es drei wichtige Elemente: Erstens wird die Stärkung andiner Agrarkultur nicht als eine innere Angelegenheit der Landgemeinden betrachtet. Sondern es wird danach gefragt, welchen Beitrag die Gemeinden zur Lösung globaler Probleme wie Umweltverschmutzung oder Unregierbarkeit leisten können. Wenn die Kleinbauerngemeinden in Bolivien zum Beispiel in ihrer traditionellen Weise Dorfautoritäten wählen, dann ist nicht nur der eigene Ort betroffen, sondern die gesamte ländliche wie städtische Gesellschaft. Es beeinflusst Veränderungsprozesse, es prägt den Umgang mit anderen religiösen Organisationen, mit den Schulen, oder mit Produktionsformen wie den Agrarkooperativen, die inzwischen Teil der Lebenswirklichkeit in den Dörfern der Anden geworden sind. Doch die betrachten die Gemeinden häufig als Objekte von Entwicklungsbemühungen, nicht aber als Subjekte des Wandels. Aber weil Kooperativen, Schulen, evangelikale Sekten, Entwicklungsprojekte Teil des Lebensalltags geworden sind, kann die Stärkung andiner Agrarkultur auch nicht nur auf dem Acker stattfinden. Und deshalb erwarten wir im Projekt »Titikaka«, dass die Gemeinden über die Stärkung der traditionellen Kultur hinaus den Blick auf die Lösung übergreifender Probleme werfen.

Die zweite wichtige Neuerung ist, dass die indianischen Gemeinden den Austausch mit anderen und die Auseinandersetzung mit den Entwicklungsorganisationen langsam in die eigene Hand nehmen. In Bolivien, wo meine Organisation Cai Pacha die einzige Begleitinstitution im Programm ist, ist das einfacher. Manche Vertreter waren sogar bei den Projektverhandlungen mit terre des hommes dabei. In Peru wurden die Aktivitäten des Programms zunächst nur von Technikern der Begleitinstitutionen geplant. Natürlich gibt es solche und solche Gemeinden, gute und weniger gute Autoritäten, aber trotzdem müssen die Gemeinden im Laufe des Projektes immer mehr in den Mittelpunkt rücken. Deshalb hat drittens das Programm Titikaka von Anfang an die Regenerierung der »Organicidad«, der eigenen andinen Form, sich mit anderen in Beziehung zu setzen, in die Arbeit einbezogen.

»Organicidad« bedeutet, dass Instanzen jenseits der Gemeinde auch Autorität in der Gemeinde besitzen und Entscheidungen beeinflussen. Der Titikakasee ist ein gutes Beispiel: Der See bringt ganz natürlich und trotz der mit der bolivianisch-peruanischen Staatsgrenze verbundenen Schwierigkeiten alle Gemeinden zusammen, die an seinem Ufer angesiedelt sind. Er ist ihre Lebenswelt, ihre Nahrungsgrundlage, ihr religiöser Bezugspunkt. Rituell ist der Titikakasee auch weit darüber hinaus für andere Gemeinden ein Bezugspunkt. Egal, ob in Bolivien oder Peru, sie alle teilen die gleichen Sorgen und sie alle werden sich für die Achtung und Erhaltung des Sees einsetzen, auch wenn sie nicht direkt an ihm wohnen.

Welches sind denn die gemeinsamen Sorgen?

Die erste Sorge ist, dass es einen fortschreitenden Prozess der privaten Aneignung des Titikakasees gibt. Touristikunternehmen und Hotels nehmen mehr und mehr Raum in Anspruch. Auch ausländische Bergwerksunternehmen haben sich in der Nähe des Sees angesiedelt. Aber sichtbar sind derzeit vor allem die Touristikuntermehmen, die zum Beispiel in Peru ganze Inseln gekauft haben oder auf bolivianischer Seite Ländereien von Kleinbauern. Die bolivianischen Gemeinden verfügen kaum über Möglichkeiten, den Verkauf von Land mitten in der Gemeinde an Städter oder Touristikunternehmen zu stoppen, wenn einzelne Personen sich entscheiden, das Dorf zu verlassen.

Die zweite große Sorge ist die Verschmutzung des Sees. Sie ist vor allem Ergebnis des ungezügelten Wachstums der Städte in der Nähe. In Bolivien gab es Hinweise, dass Fische so von Abwässern kontaminiert waren, dass die Menschen nach ihrem Verzehr krank geworden oder gar gestorben sind.

Gibt es Beweise für diesen Zusammenhang?

Nein, aber die Verschmutzung ist offensichtlich. Alle Abwässer von El Alto (der Industrie- und Wohnstadt auf der Hochebene bei La Paz) werden in den Titikasee geleitet.

Die dritte Hauptsorge ist die Veränderung der Natur als Ergebnis des Klimawandels, aber auch infolge von Eingriffen des Menschen. So werden durch die Installation einer Wasserregulierungsklappe am Titikakasee die natürlichen Schwankungen des Wasserstandes fast ausgeglichen. Dadurch können traditionelle Formen der Düngung und Nutzung des Ackerlandes durch saisonale Überschwemmungen nicht mehr angewandt werden. Das verringert die Vielfalt der angebauten Pflanzen und verhindert die Nutzung der entsprechenden Landfläche in Zeiten eines sonst niedrigen Wasserstandes.

Titikakasee: Lebensgrundlage für Menschen, Pflanzen und Tiere
Foto: terre des hommes
Und welchen Einfluss hat der Klimawandel?

Der Klimawandel reduziert das Volumen der Eiskappen auf den Bergen und damit den Zufluss von Wasser insbesondere in der Trockenzeit, wenn es besonders nötig ist. Dadurch sterben Fische im See.

Im Rahmen des Projektes haben Anfang des Jahres Vertreter der Gemeinden am Titikakasee gemeinsam mit Besuchern aus Kolumbien und Chile eine Art Karawane um den See organisiert. Was hat sich daraus ergeben?

Angesichts der Gemeinsamkeiten fragten sich die bolivianischen und peruanischen Bauern, wem es eigentlich eingefallen sei, mitten durch den See eine Grenze zu ziehen, wenn die Fische ganz ungehindert, von der einen zur anderen Seite schwimmen können. Wir sind doch eins, meinten die Leute, wir sind wie das Wasser, wie die Luft, und wie die Vögel, die auf beiden Seiten leben. Wer hat uns eigentlich getrennt? Das ist die »Organicidad«, von der ich gesprochen habe und deren Regenerierung im ursprünglichen Projektantrag auch noch explizit als Ziel angegeben war. Danach hat man es umformuliert. Jetzt heißt es: »Von den Gemeinden aus zur Regenerierung des Lebens« beitragen. Aber in den Gemeinden gibt es eben diese »Organicidad«. Es ist eine Form »guten Regierungsführung«, die über die Selbstorganisation der einzelnen Gemeinde hinaus geht.

In Bolivien und Peru sind Regierungen an der Macht, die im Bezug auf die Beteiligung traditioneller Kulturen, aber auch die Handels- und Industriepolitik eine sehr gegensätzliche Politik vertreten? Welche Auswirkungen hat das?

Natürlich beeinflusst das die Wirklichkeit unterschiedlich. Aber um so wichtiger ist es den Gemeinden, ihre direkten Beziehungen untereinander zu verstärken. Und ob die unterschiedlichen Ideologien der jeweiligen Regierungen dem schaden, ist noch gar nicht ausgemacht. Die Gemeinden kümmern sich nicht so sehr um Politik und staatliche Entwicklungsprogramme, sondern darum, wie sie gemeinsam Leben erhalten können. Zum Beispiel hatte die Präfektur von La Paz kurz vor der Karawane des Titikaka-Programms eine eigene Werbekarawane organisiert, um den Titikakasee zum »Naturwunder der Erde« erklären zu lassen. Aber die Bauern wollen das nicht, bevor nicht klar ist, welche Folgen das hätte - ob es mehr Tourismus bringen könnte, mehr Verschmutzung…? Sie meinen, schon immer sei der Titikakasee ein Wunder gewesen, aber ihn zum Weltwunder zu erklären, könnte viele Probleme verursachen. Sie wollen das erst gut überlegen.

Wenn man zum Beispiel die wenig frequentierte Grenze zwischen Bolivien und Peru bei Conima besucht, scheint das ein Naturparadies. Wofür brauchen diese Menschen Projektunterstützung und was nützt ihnen speziell das Titikaka-Programm?

Vor dem Programm gab es bereits eine Reihe Institutionen, die mit den Gemeinden am Titikakasee gearbeitet haben. Und es hat sich gezeigt, dass es sinnvoll ist, sie bei der Lösung der Probleme zu unterstützen, die sie selbst sehen. Sie beklagen die Verringerung der biologischen Vielfalt oder den abnehmenden Respekt gegenüber traditionellen Autoritäten und der Natur. Mit der Unterstützung hat man Lernprozesse in den Gemeinden ermöglicht. Aber dies scheint keine Zukunft zu haben, wenn dies auf die Gemeinden beschränkt bleibt. Denn der Druck zum Beispiel von den Schulen auf die Bevölkerung ist nicht zu leugnen. Auch das, was die Jugendlichen in den Kasernen oder im Radio mitbekommen, trägt zum Verlust der eigenen Kultur bei. Zunächst scheint es, dass die Menschen diese Veränderung auch bewußt wollen, aber wenn man mit ihnen darüber redet, spürt man die Sorge und den Wunsch, ihre Kultur zurückzugewinnen. Und wenn die Gemeinden die kleinen Angebote zur Wiedergewinnung und Stärkung der andinen Kultur annehmen, zeigt das, dass sie den Ansatz des Titikaka-Programms teilen. Denn darum geht es ja, dass die Gemeinden ihren eigenen Weg finden, und der eben nicht von einer externen Institution vorgezeichnet wird. Dann werden sie diesen Weg auch dann noch gehen, wenn niemand sie mehr dabei unterstützt. Und die sogenannten NACAs, die Initiativen zur Stärkung andiner Agrarkultur, die diese Arbeit auf peruanischer Seite bislang vorangebracht haben, sind überzeugt, dass die Gemeinden sich für den Weg der kulturellen Stärkung entschieden haben.

Ich selbst habe das im Norden von Potosí in Bolivien in Toracarí erlebt. Die Gemeinden bestehen darauf, ein integriertes Programm zur Stärkung der andinen Agrarkultur zu erarbeiten, in dem alle ihre Einzelprojekte zusammengefasst werden sollen. Dazu gehört das Projekt von terre des hommes Holland, das eine eigenständige Finanzierung hat, auch wenn es aus dem TITIKAKA-Programm nicht wegzudenken ist, weil dies ebenfalls einen kleinen Teil dessen ausmacht, was die Gemeinde sich wünscht. Die traditionell als Ayllus organisierten Gemeinden haben auch vom Landkreis San Pedro Gelder für die Stärkung andiner Agrarkultur beantragt und bewilligt bekommen. In vielen anderen bolivianischen Gemeinden, in denen wir arbeiten, sind wir noch nicht so weit. Aber in Toracarí erwarte ich, dass wir als Nicht-Regierungsorganisation dort für eine Zeit eine Aufgabe haben, dass die Gemeinden die Stärkung andiner Agrarkultur anschließend aber ganz in die eigenen Hände nehmen.

Welche Rolle spielen dabei die Kinder?

In diesen Gemeinden gibt es immer noch das Wissen und die Lebenspraxis, die den Menschen hilft, die Vielfalt auf den Äckern und den dörflichen Zusammenhalt zu bewahren. Das liegt daran, dass die Kinder von Geburt an dieses Wissen aufnehmen, das sie zu Mitgliedern der Gemeinde macht. Das kommt weder von der Schule noch von Fremden. Beim Dorffest in Toracari zum Beispiel spielen bereits achtjährige gemeinsam mit Erwachsenen die Instrumente. Wo also sind die Kinder? Sie sind mittendrinn bei den Festen, auf dem Acker, beim Weben… Das ist jetzt keine Ausrede, weil man sagt, die Kinder müssten Priorität haben, sondern das ist einfach so. Deshalb muss es darum gehen, dass die Kinder die Werte der Bauerngemeinschaft aufnehmen, sobald sie die Eltern auf den Acker begleiten. Wir arbeiten als Cai-Pacha ja auch in einem Schulprojekt in Totora an einem neuen Curriculum. Da geht es aber nicht darum, den Lernprozess der Kinder einfach anders zu planen, sondern zu schauen, welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten sie in ihrem Leben begegnen, und wie sie besser damit umgehen können. Und wenn es keine schlechte Sache für die Gemeinde ist, dass Erwachsene Musik machen, dann können es auch die Kinder von Klein auf lernen. Es ist die Basis für die Zukunft der Gemeinschaft. Wenn die Kinder in der Schule das alles aber verlernen, wird es keine Gemeinschaft mehr geben.

Kleinbauern sind meist pragmatisch. Sie wählen einen Weg, wenn sie sich etwas von ihm versprechen. Was ist denn der konkrete Nutzen des TITIKAKA-Programmes für Toracarí?

Im Rahmen des TITIKAKA-Programmes haben wir drei kleine Maßnahmen durchgeführt. Erstens waren die Gemeinden über den abnehmenden Respekt der Anwohner gegenüber den traditionellen Dorfautoritäten besorgt, und fragten sich, wie sie dem begegnen sollten. Als eine Möglichkeit schlugen sie uns vor, ihnen dabei zu helfen, die traditionelle Amtskleidung zurückzugewinnen. Die Kleidung macht noch keine Autorität aus, aber es ist ein Teil davon. Und seit Februar haben wir die traditionellen Kleidungsstücke mit ihnen erforscht und zurückgewonnen. Sie haben die Ponchos und anderen Kleidungsstücke selbst wieder gewebt. Wir haben nur mit einem Teil des Materials geholfen. Im Juni zum Sonnenwendfest haben sie ein Fest zur offiziellen Einkleidung durchgeführt und ich glaube, sie werden diese Praxis fortführen. Denn wenn sie sich jetzt treffen, dann diskutieren sie auch darüber, ob die Autoritäten diese Kleidung auch überall hin mitnehmen. Das zeigt mir, dass sie selbst ein Interesse daran haben.

Eine weitere Sorge dreht sich um die Gesundheit der Menschen, ebenso wie die Gesundheit der Pflanzen und der Böden. Deshalb sammeln wir mit ihnen jetzt alle die Pflanzen und Heilmethoden, die in der Region einmal bekannt waren. Das ist die lokale Dimension. Aber wir wissen auch, dass an anderen Orten des TITIKAKA-Programms, etwa in Conima, ähnliche Kenntnisse vorhanden sind. Das heißt jetzt nicht, dass wir eine grenzüberschreitende Organisation traditioneller Heiler aufbauen werden, sondern die Tatsache, dass sich die Menschen aus den unterschiedlichen Gemeinden treffen und ihre Erfahrungen austauschen, wird für alle Neues bringen. In Toracari wünschen sie sich längere Aufenthalte, eine Art ein- oder zweiwöchiges Praktikum im Haus eines traditionellen Heilers, eines Weisen, vom Titicaca-See. Es geht ja im Programm nicht darum, die Dorfautoritäten nur zu einem Treffen einzuladen, auf dem über die Vergangenheit gesprochen wird. Es geht drittens darum, dass die Gemeinden selbst den Austausch in die Hand nehmen. Das ist noch nicht selbstverständlich. So sieht man bei den Saatgutmessen immer wieder, dass die ausgestellten Samen mit dem Namen der unterstützenden Organisation ausgezeichnet sind, aber nicht mit dem Namen der Gemeinde, aus der sie stammen.

Die Karawane war für eine solche Begegnung und Austausch gedacht. Was waren für Dich persönlich als Begleiter die wichtigsten Augenblicke?

Die Karawane war die erste große Aktivität des Programmes. Deshalb hatten wir beschlossen, aus ausgewählten Gemeinden jeweils zwei bis drei Autoritäten einzuladen. Als wir uns alle auf der bolivianischen Seite in Copacapana trafen, kannten sie sich noch nicht untereinander. So mussten wir die ersten zwei Tage in den besuchten Gemeinden uns als Organisatoren, die anderen Teilnehmer und das Anliegen der Karawane vorstellen. Aber schon ab dem dritten Tag bis zum Ende haben sie das selbst in die Hand genommen. Ich konnte es meist nicht verstehen, weil ich kein Aymara spreche, aber mein Kollege übersetzte mir Sätze und Argumente, die wir nie besprochen hatten, die aber immer die Grundidee wiederspiegelten.

Die Gemeinden, aber auch die örtlichen staatlichen Autoritäten hegten seit dem ersten Tag große Erwartungen an die Karawane. Manche haben uns praktisch gezwungen, auch in ihre Gemeinde zu kommen. Und in drei Gemeinden haben sie darum gebeten, dass Gemeindemitglieder oder Vertreter des Landratsamtes die Karawane weiter begleiten. Aus den 22 Teilnehmern wurden am Ende 30. Und wir konnten gar nicht alle mitnehmen, die das wollten. Jeder mag auch seine eigenen Motive gehabt haben. Aber das Anliegen der Karawane hat großes Interesse daran geweckt, weiter beteiligt zu sein und in Kontakt zu bleiben.

Das Schwierige dabei ist, dass dieser Austausch und Zusammenhalt nicht über Institutionen funktioniert, sondern eine persönliche Angelegenheit ist. Auch die entstandenen Beziehungen, sind persönliche Beziehungen. Und wir fragten uns natürlich, was passiert, wenn zu einer nächsten Aktivität andere Personen kommen. Schließlich wechseln die Dorfautoritäten jährlich. Deshalb ist es wichtig, dass alles was im Programm geschieht aus den Gemeinden kommt und dorthin auch wieder zurückgetragen wird. Und dass es die Gemeinden sind, die den Austausch pflegen, nicht die Institutionen, die sie begleiten. Aber manche Institution wie Chuyma Aru arbeitet mit vielen Gemeinden und nur eine konnte Delegierte zur Karawane entsenden. Wie sollen wir damit umgehen?, fragten sie.

Noch schwieriger wird es mit dem Vertreter aus Kolumbien, der an der Karawane teilgenommen hat gewesen sein.

Das Verbindende, das der kolumbianische Vertreter anfangs auch immer wieder erwähnte, waren die Rituale des Respekts gegenüber dem See, der nicht nur für die Anlieger Bedeutung hat. Genauso, wie der Illimani-Berg in weiten Teilen der Andenregion von Menschen in ihre Rituale einbezogen wird, auch wenn sie ihn nie selbst gesehen haben. Aber Verbindung, Verbindlichkeit und Autorität wird im andinen Raum weniger formal definiert als über Charisma. Und über dieses rituelle Verhältnis zum See entstand auch Gemeinsamkeit mit dem Kolumbianer, entdeckten wir die gemeinsame Sorge um die private Aneignung und die Verschmutzung der Natur, über die zu geringe Beteiligung der Dorfautoritäten im politischen Leben des Landes. Auch ohne einer gemeinsamen Organisation anzugehören, hatten die Teilnehmer gemeinsame Anliegen. Der Kolumbianer sagte immer wieder: Wie kann es sein, dass wir bislang voneinander nicht wussten, obwohl wir doch gemeinsame Erfahrungen und Anliegen haben, die Rituale, die Kleidung, die Koka. Auch wenn durch den gewaltsamen Konflikt in Kolumbien ihre Kultur weit mehr in Gefahr ist als diejenige in Peru.

Wenn Du an die Menschen in Deutschland denkst, die das Interview lesen werden: Abgesehen davon, dass sie Eure Arbeit finanziell unterstützen können, wo siehst du ihren Platz im Programm Titikaka?

Wenn wir verstehen, dass das Projekt hinausreicht über die konkreten Orte, an denen es durchgeführt wird, können wir auch Antworten auf gemeinsame Probleme erwarten. Ich denke nur an all die Information über den Klimawandel, die andernorts gesammelt werden, oder über die Sicherung der Ernährungsgrundlagen. Denn während sich hier das Leben in jährlich wiederholenden Zyklen abspielt, merkst du manchmal nicht, was sich global in der Weltgesellschaft verändert. Die Luftverschmutzung nimmt zum Beispiel in so kleinen Dosen zu, dass man die Veränderung kaum in Beziehung zum eigenen Handeln setzt. Aber wenn du dich mit Menschen von der anderen Erdhälfte zusammensetzt oder dich schriftlich mit ihnen austauschst, spürst du, wie die Dinge zusammenhängen. Wohlmöglich haben die andinen Kulturen keine Lösungen für die Probleme in Deutschland parat, aber vielleicht können sie einen Beitrag dazu leisten, Lösungen zu finden. Neben dem Wissensaustausch scheint mir dafür auch mehr Vertrauen in andinen Kulturen mötig und entscheidend. Denn der Schlund der Entwicklungsideologie hat auch diese Gemeinden erfasst. Häufig fragen uns die Bauern, wobei wir ihnen helfen können oder wo terre des hommes Hilfe leistet. Wir sagen immer: Sie werden Euch nur helfen können, wenn ihr Euch selbst für einen Weg entscheidet. Wir können nicht weiter zig verschiedene Angebote ausprobieren, um zu sehen, ob sie helfen oder nicht. Aber wenn ihr auf Eure Entscheidungen vertraut, werden sie Euch auch vertrauen. Ich jedenfalls vertraue darauf, dass diese kleinbäuerlichen Gemeinden, die mit der Natur leben, auch etwas beizutragen haben, dass wir dieses gemeinsame Haus der Erde bewahren können.


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