Santa Rita ist ein malerisch gelegener Ort im Munizip La Vega, im Herzen des zentralen Bergmassives von Kolumbien. Auf die Wand des bescheidenen Hauses des Lehrers Willington haben Paramilitärs Propaganda gepinselt. Wie sehr die scheinbare Idylle zum Objekt wirtschaftlicher Interessen geworden ist, ahnt man spätestens, wenn Willington davon erzählt, dass die internationalen Fischbestände im Pazifik von den Nährstoffen des hiesigen Patia-Fluss-Systems abhängen. Insbesondere Japans Fischereiwirtschaft sei um die Gefährdung des ökologischen Gleichgewichts durch Abholzungen besorgt. Dazu habe es auch bereits hochrangig besetzte internationale Konferenzen gegeben, sagt Willington. Die Einrichtung von Reservaten ist im Gespräch, um die Natur vor den zerstörerischen menschlichen Eingriffen zu schützen. Doch nicht sie seien verantwortlich zu machen, sagen die Bauern von La Vega, sondern zum Beispiel Cartón de Colombia. Die Tochter des multinationalen Verpackungskonzern Smurfit habe die Waldbestände dezimiert. Trotz der zahlreichen militärischen Kontrollposten in der Region. Der auch in Deutschland tätige Konzern Smurfit sieht das anders. Auf seiner Homepage wird von Bildungsprogrammen, massiven Aufforstungsaktionen, von einem Verhaltenskodex und davon berichtet, dass dem Konzern bereits wiederholt das »SGS Qualifor«-Gütesiegel für verantwortungsvolles Forstmanagement verliehen worden sei.
Pestizidfrei: 20 Obst- und 30 BohnensortenOffensichtlich herrscht keine Einigkeit darüber, was verantwortungsvoll bedeutet. Smurfit berichtet über die Züchtung von Hochleistungsbaumsorten und über massive Aufforstungen mit Kiefern und Eukalyptus. Diese Baumsorte belastet jedoch die Böden und trocknet sie aus. Die Bauernbewegung von La Vega setzt daher auf eine gemischte Wald- und Landwirtschaft, auf die Erhöhung der Vielfalt der Anbausorten und auf die Wiedergewinnung traditioneller, der Natur angepasster Sorten.
So wie Leyder, dessen Finca in einem nahen Weiler auf 1.800 Meter Höhe noch vor sieben Jahren auf die Exportproduktion von Kaffee für den Weltmarkt ausgerichtet war. Hochleistungssorten, unter und neben denen keine anderen Pflanzen mehr Platz haben. Heute hat Leyder auf ökologische Landwirtschaft umgestellt. Die traditionellen Kaffeesorten haben zwar einen geringeren Ertrag, aber sie vertragen Schatten. Und so wachsen langsam wieder einheimische Nutzholzbäume in die Höhe. Auch zahlreiche Obstsorten dienen vor allem der Selbstversorgung. Auf dem Acker wachsen inzwischen wieder 30 Bohnen- und 15 Maissorten. Je mehr man sich selbst versorgen kann, desto weniger Geld benötigt man zum Einkaufen. Was trotzdem an Geld nötig ist, erwirtschaftet Leyder durch den Verkauf seines biologisch angebauten Kaffees zu höheren Preisen im Fairen Handel. In Deutschland vertreibt das Fairhandelshaus El Puente den alternativen Kaffee aus dem Munizip La Vega. Es gibt also auch die positiven Seiten der Globalisierung.
Mondenergie fürs PflanzenwachstumMit seiner ausgerenkten Hand geht Leyder zum Bauern José Villamil, der neben seinen Äckern und seinem Vieh auch die Kranken versorgt. In die Hauptstadt verkauft er selbst produzierte homöopathische Medikamente und Kakteen-Shampoo. »Früher gab es hier nur Koka, Kaffee- oder Zuckerrohrmonokulturen. Heute gewinnen wir die Vielfalt zurück«, so Villamil. Ein Teil seines Ackers ist in Form einer Spirale eingesät. Das soll die Energie des Mondes anziehen, hat er in den weiter oben in den Bergen wohnenden indianischen Gemeinden gelernt. »Sie nennen uns die kleinen Brüder«, erzählt er in seiner ruhigen Art, »denn sie haben einfach mehr Wissen, wogegen der Kapitalismus alles zerstört.« José meint jedenfalls, alles auf dem Acker zu haben, was er braucht. Nur Salz und Reis kauft er noch ein. Doch die Reissaat, die er sich von den Tropenbauern des Cacarica-Flusses im Nordosten Kolumbiens eingetauscht hat, beginnt bereits zu sprießen. Von der ökologischen Landwirtschaft eines José, Leyder oder Willington hat Japans Fischfangflotte sicher nichts zu befürchten.
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