»Die Götter müssen verrückt sein«, denkt sich Xixo in dem gleichnamigen botswanischen Spielfilm, der uns auf sympathische Weise die Kultur der San oder Buschleute im südlichen Afrika nahe bringt. Sie geraten durch das Eindringen der so genannten westlichen Zivilisation in Bedrängnis. Im Film in Form einer Coca-Cola-Flasche, die achtlos aus einem über die Kalahari-Wüste fliegenden Kleinflugzeug geworfen wird. Die San-Protagonisten im Film halten sie für ein Zeichen der Götter. Doch bald kommt es zum Streit um das einzigartige Artefakt, dessen Nutzen für sie nicht zu ergründen ist. Xixo macht sich deshalb auf die Reise ans Ende der Welt, um den Göttern das »böse Ding« zurückzugeben. Dabei wird er ständig mit der Logik der westlichen Welt konfrontiert, die ihn verunsichert und die ihm Probleme bereitet, aber nichts von seinem Charme verlieren lässt.
Weit unvermeidlicher als bei Xixo hat die Moderne auch die San-Dörfer Sonneblom und Donkebos in der Kalahari-Steppe im Osten Namibias erreicht. Angefangen bei den Namen in Afrikaans, der Sprache der burischen Kolonialisten, bis hin zu einem Entwicklungsprojekt, das überhaupt erst zur Gründung beider Orte geführt hat. Von Gobabis, der kleinen Hauptstadt der Provinz Omaheke, fährt man zunächst über eine rotbraune Schotterstraße, von der man irgendwann auf eine Sandpiste abbiegt, die wegen des seltenen Autoverkehrs nur schwer vor dem Vordringen der Dornbüsche geschützt werden kann. Am Ende der Piste sieht man als erstes eine mit Solarzellen bestückte elektrische Wasserpumpe. Dann erst kommen die schlichten Hütten Sonnebloms in den Blick. Im Schatten eines Hauses spielen Kinder auf dem Sand eine Art »Brettspiel« mit Früchten, weiter hinten drehen andere sich lachend an Drahtseilen hängend um einen der wenigen Bäume, den sie so zum Karussell umfunktioniert haben… terre des hommes-Besuch in einem Projekt der Nichtregierungsorganisation WIMSA, deren englischer und holländischer Mitarbeiter Ian Agnew und Jeroen Kwant die Delegation begleiten. WIMSA steht für »Working Group of Indigenous Minorities in Southern Africa« und in Sonneblom arbeiten sie mit dem Omaheke San Trust zusammen, einer Selbstorganisation der San aus dieser Provinz. Die Begrüßung durch den Ortsvorsteher Jan, dessen in sattem Grün und Gelb blühender Vorgarten dem Ortsnamen alle Ehre macht, ist freundlich und steht Xixos Charme in nichts nach. Die übrigen Bewohner zeigen jedoch das typische Desinteresse derer, die ganz mit ihrem eigenen Leben beschäftigt sind, ohne dabei ihre »Heiterkeit und Sanftheit«, wie Preuß es beschreibt, zu verlieren oder abweisend zu wirken.
Kinder sollen eine Schule bekommenDie Projektidee war einfach: Da die halbnomadischen San von sesshaften Bauernvölkern wie der städtischen Kultur immer weiter zurückgedrängt werden und das Land, auf dem sie jagen und sammeln können, immer kleiner wird, wurde Land für die Familien gekauft, auf dem sie - weitab von den Verführungen der Massenmedien und übermäßigen Alkoholgenusses - Häuser bauen könnten, ihre Kinder in Ruhe aufziehen sollten sowie Ziegen und Rinder züchten und Gemüsegärten anlegen könnten, um davon zu leben. Die Kinder sollten eine Schule bekommen, in der sie ohne Spott und Erniedrigung durch die Mehrheitsbevölkerung in ihrer eigenen und der Landessprache würden lernen können.
Das Problem dabei ist jedoch genauso einfach: Das sesshafte Leben entspricht nicht der Kultur der San, die vor allem Jäger und Sammler sind. Der alte Jan drückt das so aus: »Früher war es schön hier, denn früher gab es viele wilde Tiere.« Früher waren sie auch Experten im Auffinden von Wasserstellen. Heute sind sie in Sonneblom vom Funktionieren der Solartechnik abhängig. Und so verwundert nicht, dass in der anschließenden Versammlung mit der Dorfbevölkerung vor allem von Problemen im Projekt die Rede ist. Nur vier von ursprünglich 25 Ziegen, die das Projekt angeschafft hatte, und gerade zwei Rinder sind noch am Leben.
Doch zunächst kommt es noch zu einer kleinen Unterbrechung, als ein älterer kaum bekleideter Mann stolz mit einem großen Bogen im Arm in die Runde der Männer, Frauen und Kinder tritt, die alle in westlicher mehr oder weniger verschlissener Kleidung auf dem Boden sitzen. Die Leute lächeln leise und kichern dann lauter über den Landsmann. Seine Ausstattung ist heute offensichtlich fehl am Platze. Vermutlich dachte er, Touristen seien gekommen, für die es nun zu tanzen gälte. Tatsächlich suchen WIMSA und der Omaheke San Trust Formen, wie die San mit ihrer Kultur durch angepassten Tourismus Geld für ihren Lebensunterhalt verdienen können, ohne dass es zur Folklore-Show verkommt. Andernorts, so berichtet man uns, hätten solche Aufführungen dazu geführt, dass das eigene Interesse der Buschleute an fast vergessenen religiösen Tänzen wieder neu erwacht sei. Auch ohne Touristen seien sie später wieder in der Gemeinschaft praktiziert worden. Manchmal nimmt die Wiedergewinnung der eigenen Kultur paradoxe Wege. WIMSA hält die meisten San-Gemeinden heute jedoch noch für nicht genügend vorbereitet auf den Tourismus. Auf Organisation, Ablauf, Inhalte und auch die Verwendung der Einnahmen hätten sie zu wenig Einfluss. Wie auch immer, der nun verunsicherte Jäger setzt sich etwas in den Hintergrund und die Besprechung über den Verlust der vom Projekt angeschafften Tiere kann beginnen.
Ausgedehnte PalaverWie im Film »Die Götter müssen verrückt sein«, gibt es auch hier erst ein langes Palaver, engagierte Diskussionen unter den Buschleuten, bevor sie bereit sind, die in der Zwischenzeit vereinbarte Sprachregelung übersetzen zu lassen. Ein Teil der Rinder sei ihnen von den benachbarten Hereros gestohlen worden, einer Ethnie sesshafter Viehzüchter, und der Rest sei an giftigen Pflanzen gestorben, die die Tiere gefressen hätten. Das sei nicht die ganze Wahrheit, erklären die Mitarbeiter von WIMSA. 21 von 25 Ziegen hätten die San einfach geschlachtet, bevor die Herde Nachwuchs bekommen hätte. Und was die Rinder betrifft: Die Hereros sind nicht da, um sie zu fragen. Aber auch bei den giftigen Pflanzen ist die Sache nicht so einfach. Die San kennen die Stellen nämlich gut, wo diese Pflanzen wachsen und eigentlich hätten sie dafür sorgen können, dass kein Vieh dorthin kommt. Auch von dem etwas bedauerlichen Zustand der überlebenden Tiere kann man ableiten, dass die San von Sonneblom es mit der Pflege nicht immer so ernst nehmen. Wieder kommt es zu einem ausgedehnten Palaver, an dessen Ende allein die Bitte steht, das Geschehene zu vergessen, es doch noch einmal versuchen zu dürfen und die verlorenen Tiere zu ersetzen. Die WIMSA-Mitarbeiter schütteln den Kopf. Ein Projekt ist eine zeitlich begrenzte Maßnahme, keine ewig sprudelnde Quelle, die die Menschen mit dem Lebensnotwendigen versorgen kann.
Ihnen ist jedoch klar, dass die Projektidee diesen Menschen fremd geblieben ist, und dass die San nicht wie Viehzüchter sondern wie Jäger und Sammler gehandelt haben, die sie im tiefsten Herzen noch sind: Wenn ein Tier gefangen ist, wird es geschlachtet und unter allen Bewohnern des Ortes aufgeteilt. Den WIMSA-Mitarbeitern merkt man dennoch ihre Sympathien für die Menschen aus Sonneblom an, auch wenn sie als Entwicklungshelfer zugeben müssen, dass sie ihnen ständig Kopfschmerzen bereiten.
Weniger Kopfschmerzen gibt es im Nachbarort Donkerbos, wo sich San einer anderen Sprachgruppe angesiedelt haben. Ihre Großviehherde ist inzwischen auf zwölf Rinder angewachsen. Und statt ursprünglich 75 Ziegen sind es nun stattliche 108 an der Zahl. Hier funktioniert die Projektidee, auch weil die Bewohner die moderne Herausforderung der Individualisierung angenommen zu haben scheinen. Paradoxerweise fühlen sich die Entwicklungshelfer hier weniger hingezogen als nach Sonneblom. Vom besonderen Charme eines Jan haben die Menschen in Donkerbos manches verloren. Sie wohnen isolierter voneinander, die Dorfkultur ist weniger lebendig als in Sonneblom, dessen Bewohner »liebevoller, offener, einfach mehr Buschleute sind«, heißt es. Laut WIMSA-Leiter Axel Thoma aus Windhoek achten sie auch besser auf die Umwelt, hätten inzwischen sogar gelernt durchaus gute Landwirte in dem ariden Klima zu sein. Auch Gewalt gegen Kinder sei eine Ausnahme und viel seltener als im restlichen Namibia. Und gegenüber anderen Kulturen seien sie respektvoll, zumindest wenn diese sich nicht allzu stark in ihr Leben einmischen. So als ein Herero einen San mit vorgehaltener Waffe zwingen wollte, seinem Vieh Wasser zu geben. Die San antworteten mit vergifteten Pfeilen, ein Konflikt der in der heutigen Zeit natürlich zu weiteren Komplikationen führt und für die San ins Gefängnis, wo die Gerechtigkeitsvorstellung der Buschleute auch mit Unterstützung von WIMSA gegenüber der staatlichen Justiz im Hintertreffen ist.
»...nach eigener Fasson glücklich werden«So stellt sich die Frage, ob es notwendig ist, dass die San ihre kulturelle Eigenart, ihre Besonderheit und ihren Stärken verlieren müssen, wenn sie überleben wollen. Andererseits: Warum soll es heute nicht mehr möglich sein, dass die San nach ihrer eigenen Fasson glücklich werden können? Schließlich hat die San-Kultur dasselbe Recht, lebendig zu bleiben, wie alle anderen Kulturen. Ohnehin sind sie die ursprünglichen Bewohner der Region, und in ihren Sprachen mit dem typischen Schnalzlaut ist ein reichhaltiges Wissen aufbewahrt. Das ist nicht nur für die San und das Leben in der Wüste interessant. Für die Kenntnisse der San über medizinische Wirkungen von Pflanzen interessieren sich inzwischen auch internationale Pharmakonzerne. Zum Beispiel der Hoodia-Kaktus. Die San nutzten ihn, um auf ihren tagelangen Jagdzügen Hunger und Durst zu stillen, ohne dabei ihre Leistungsfähigkeit zu verlieren. Der dafür verantwortliche Stoff schien interessant für die Bekämpfung der Fettleibigkeit im Norden. Mit Unterstützung von WIMSA setzen sich die San nun dafür ein, zumindest an den Lizenzgebühren beteiligt zu werden. Eine Beteiligung an der Kommerzialisierung von Allgemeingut, ein Verrat an der eigenen kulturellen Tradition, kritisieren die einen, ein Beitrag gegen den Ausverkauf des traditionellen Wissens ohne Nutzen für die indigenen Kulturen und eine der wenigen Möglichkeiten dazu beizutragen, dass die San-Kulturen überleben können, halten andere dagegen. Verkauf von Kunsthandwerk, bei dem traditionelles San-Design mit modernen Elementen verknüpft wird, um Exportmöglichkeiten nach Europa zu erschließen, ist ein weiterer Versuch, der von WIMSA mit den San gestartet wurde.
Weiter nördlich von Sonneblom und Donkerbos unterstützt WIMSA eine andere Gruppe von Buschleuten bei dem Versuch, in einem 25.000 Hektar großen Naturschutzgebiet in ihrer halbnomadischen Jägerkultur zu überleben. Abgesehen von der Frage, was es bedeutet, in einem abgegrenzten Naturschutzgebiet zu leben, stehen solche ausgedehnten Ländereien kaum noch zur Verfügung. Die benachbarten Herero wurden selber Opfer fremder Landnahme, auch der deutschen Kolonialtruppen, die nach dem Aufstand der Herero 1904 verheerende Massaker anrichteten. Gewiss ist, dass auch die Buschleute immer mehr in Globalisierungsprozesse eingebunden werden und die Möglichkeiten, ihre eigene Kultur in traditioneller Weise zu leben, immer geringer werden.
Vertreibung im Namen der EntwicklungWeltweit ist kaum ein Projekt bekannt, in dem die Sesshaftmachung von Nomaden unter Wahrung ihrer Kultur erfolgreich war. Kulturen sind zudem immer Veränderungen unterworfen, weil sie sich neuen und häufig zerstörerischen Herausforderungen stellen müssen. Die San selbst wehren sich gegen eine romantische Verklärung ihrer Vergangenheit, die die Härten ihres Lebens, wie sie auch in »Die Falle« beschrieben sind, ignoriert. Und ein exzessiver Alkoholkonsum ist ebenfalls ein Indiz dafür, dass sie nicht glücklich sind. Trotzdem ist klar, dass den San westliche Entwicklungsvorstellungen weitgehend fremd geblieben sind. Es sind die San, die sich für die wenigen verbliebenen Möglichkeiten entscheiden müssen, bei denen sie am ehesten etwas von ihrem eigenen Charme und ihrer besonderen Kultur bewahren können. Dass ihnen - trotz herzerweichender Filme wie »Die Götter müssen verrückt sein« - diese Entscheidungsfreiheit kaum gelassen wird, zeigt das Beispiel von Botswana, wo San-Bevölkerung vom staatlichen Militär vertrieben wurde, offiziell im Namen der Entwicklung, vermutlich jedoch, um internationalen Konzernen den Weg für die Edelsteinausbeutung frei zu machen.
»Die Herausforderung für die San«, schreibt terre des hommes-Regionalkoordinator Felix Mulhanga zur Situation in verschiedenen Ländern, in denen terre des hommes Buschleute unterstützt , »besteht darin, neue Wege zu finden, um ihr Leben zu bestreiten ohne dabei ihre Kultur zu verlieren, um sie an die nachfolgenden Generationen weitergeben zu können. Deshalb fördern wir in Omaheke vor allem Maßnahmen zur nachhaltigen Nutzung der Natur ebenso wie Viehwirtschaft, im südlichen Afrika alternative Angebote für Touristen und insbesondere in Angola auch die Verteidigung grundlegender Menschenrechte, die von der dortigen Regierung nicht respektiert werden. Da die San traditionell kein Privateigentum kennen und sich deshalb auch nie darum gekümmert haben, Grundbesitztitel zu besorgen, drohte ihnen mit der Privatisierungspolitik in Angola nun auch noch der Verlust des Landes, das ihnen geblieben ist. Unser Projektpartner OCADEC in Angola hat für einige Gruppen Landtitel erstritten, die den nachfolgenden Generationen so erhalten bleiben.« Dies ist ein wichtiger Schritt auf einem in vielem noch unbekannten Weg, dessen Richtung aber von ihren eigenen Göttern bestimmt werden muss, wenn die San-Kulturen auch in einer sich globalisierenden Welt überleben sollen. Der Roman »Die Falle« kann aber auch dazu anregen, darüber nachzudenken, warum es die ethnischen Minderheiten sind, die die Anpassungsleistung erbringen und sich einen neuen Platz in der Gesellschaft suchen müssen. Warum müssen San prüfen, ob das Leben in einem touristischen Naturreservat ihren Bedürfnissen entspricht, statt dass die Tourismusindustrie die Besuche nach den Vorstellungen der San organisiert? Warum müssen die San erst moderne Formen der Organisation erlernen, warum müssen Nichtregierungsorganisationen erst Lobbyaktionen und Kampagnen durchführen, damit die San an den Gewinnen aus der Vermarktung ihres Wissens beteiligt werden, wo es selbstverständlicher Bestandteil einer modernen Unternehmenskultur sein könnte, zuallererst zu klären, wie die traditionellen Hüter dieses Wissens ihren Anteil bekommen? Und warum sind es die San, die ein gewisses Maß an Individualismus erlernen müssen, um nicht unterzugehen? Zu welchen Zugeständnissen an den eigenen Lebensstil, die soziale, wirtschaftliche und politische Organisation, ist dagegen die Mehrheitsgesellschaft bereit, um künftig den Charme eines Xixo nicht nur auf die Filmleinwand gebannt zu sehen?
Peter Strack
(Aus dem Nachwort zum Kinder und Jugendroman »Die Falle« von Gunter Preuß)
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