Flüsse verschenken ihren Reichtum freigiebig, aber ihre Gaben sind nicht unerschöpflich und werden im Zuge der Globalisierung immer härter umkämpft: Große Staudämme dienen der Stromerzeugung, Bergbau, Fabriken und Exportplantagen gefährden vielerorts die Flusslandschaften.
terre des hommes-Partnerorganisationen haben deshalb die Kampagne »Our Rivers, Our Life« ins Leben gerufen: Mit Politikbeeinflussung und Öffentlichkeitsarbeit, Umwelterziehung und der aktiven Mithilfe von Kinder- und Jugendgruppen wollen sie bewirken, dass »ihre« Flüsse auch in Zukunft den Menschen als Geschenk der Natur erhalten bleiben. Kanokphan Sarnkul, terre des hommes-Länderkoordinator für Burma, erklärt am Beispiel des Flusses Salween, was auf dem Spiel steht.
Der Salween fließt durch drei Länder: China, Burma und Thailand. China gehört mit 53 Prozent der größte Teil des insgesamt etwa 320.000 qm umfassenden Flussgebiets. Der Fluss und vor allem sein fruchtbares Überschwemmungsgebiet sind wesentlich für das Überleben der unterschiedlichen Volksgruppen: Zusammen über zehn Millionen Menschen aus mindestens 13 Volksgruppen: Nu, Lisu, Shan, Wa, Pa-U, Palaung, Lahu, Padaung, Ahka, Tai, Karenni, Karen and Mon.
Entlang des Salweens und seiner Zuflüsse Gyaing und Ataran befinden sich ungefähr 100 Dörfer und Städte in fünf Gemeinden (Umfrage der MYPO). Die Dorfbewohner beziehen ihr Trinkwasser direkt aus dem Fluss. Auch die Stadt Moulmein, die Hauptstadt des Landesteils Mon, ist auf die Versorgung mit Trinkwasser durch den Salween angewiesen. Zusätzlich gibt es 31 Inseln mit zehn ständigen Dörfern, die in direkter Weise vom Fluss abhängig sind. Die Einwohnerzahl dieser Dörfer und der von Moulmein wird auf eine halbe Million geschätzt.
Die Zuflüsse des Salweens bewässern auf ihrem Weg von den Bergen bis zum Salween die Täler, durch die sie fließen. So entstehen dort Weidelandschaften für wilde Tiere und gute Jagdgebiete.
Der Fluss selbst schafft fruchtbares Land für die Landwirtschaft. Das ist dem nahrhaften Boden am Flussufer zu verdanken, der während der Regenzeit angeschwemmt wird. In der Trockenzeit pflanzen die Einheimischen eine Vielfalt von Gemüse und essbaren Pflanzen in die sandigen Strände, beispielsweise Erbsen, Erdnüsse, Wassermelonen und Tabak.
Während der Regenzeit bewirtschaftet die Mehrheit der Ansässigen Reisfelder. Reis ist neben Sesam, Mais, Erdnüssen, Erbsen und Chili die Hauptanbaupflanze. Örtliche Bauern verwenden diese nicht nur für ihren Eigenbedarf, sondern verkaufen sie und betreiben Handel mit ihnen. Insgesamt lassen sich mehr als 52 traditionelle Reisarten und 130 andere Ernteerzeugnisse in den Gemeinden entlang des Salweens ausmachen.
Neben der Bewirtschaftung der Uferflächen betreiben die örtlichen Gemeinschaften noch zwei andere verbreitete Anbaumethoden: Brachlegung und Nassreisanbau. Wo die Bauern welches Verfahren anwenden, hängt von den unterschiedlichen Bioregionen entlang des Flusses ab.
Die Brachlegung bildet die Hauptquelle für die Nahrungserzeugung. Nachdem die Familien ihr Land bestellt haben, lassen sie es für fünf bis acht Jahre brach liegen. Erst nach Ablauf dieses Zeitraums bauen sie erneut etwas darauf an.
Die Gemeinschaften in den Wäldern entlang der Zuflüsse des Salweens pflanzen Reis an deren Uferflächen. Nach traditionellen Methoden wird das Wasser von den Flüssen „ausgeliehen“ um so das terrassenförmig angelegte Anbausystem zu bewässern und dann wieder in den Fluss zurück geleitet.
Die Wälder rund um den Salween sind wegen ihrer reichhaltigen Flora ebenfalls von Bedeutung. Die dort wachsenden Pflanzen und Kräuter sind für die Dorfbewohner essentiell und werden von diesen nach traditionellen Verfahren verarbeitet.
Untersuchungen an der thailändischen-burmesischen Grenze haben mindestens 77 Kräuterarten, 39 essbare Pflanzen und 23 kräuterähnliche essbare Pflanzen in den Wäldern um den Salween gefunden.
Fisch ist eine wichtige Nahrungsquelle für die Dorfbewohner am Salween. Weil ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse nicht reichen, fischen sie fast das ganze Jahr lang im Salween. Die Dorfbewohner trocknen den Fisch für den eigenen Konsum oder verkaufen ihn an Nachbardörfer.
Laut der UNESCO ist die Gegend um den Salween eine der biologisch vielfältigsten gemäßigten Ökosysteme der Welt. Sie hat sie deshalb zum Weltkulturerbe ernannt. Im Jahr 2000 hat die thailändische Regierung die Waldfläche entlang der thailändisch-burmesischen Grenze als international bedeutendes Feuchtgebiet bezeichnet.
An einigen Stellen fließt der Salween durch 3.000 Meter tiefe Schluchten, die von 6.000 Meter hohen, eisbedeckten Bergen umsäumt werden. Dort wo die indochinesische Unterebene die Sino-Himalaya (indische) Unterebene trifft, liegt ein Wald, der an biologischer Vielfalt nicht reichhaltiger sein könnte: Pflanzen und Tiere ähneln denen im Himalaya, Nordindien und Indochina.
Ökologen haben herausgefunden, dass das Flussgebiet in Thailand und Burma eines der weltweit fruchtbarsten für Teakbäume darstellt. Teakwälder wachsen in dieser Gegend in großer Dichte entlang des Salweens. Das unterscheidet sie von anderen Teakwäldern Südostasiens, die in kleineren Abschnitten stehen. Der Teakwald entlang des Salweens ist einer der letzten übriggebliebenen Wälder in Burma. In anderen Landesteilen haben die Unternehmen von hochrangigen Militärmitgliedern und andere Einzelunternehmen sehr viel Waldfläche zerstört.
Gemäß dem WWF (World Wildlife Fund) ist der Salween das Zuhause von 92 Amphibienarten und 143 Fischarten, von denen man 47 nirgendwo anders auf der Welt finden kann. In drei Gebieten leben endemische Vögel. Das Salween-Delta und seine angegliederten Feuchtgebiete bieten Lebensraum für Bestände der einzigartigen Fischkatze, des Zwergotters und des Siam-Krokodils. Es hat die weltweit größte Vielfalt an Schildkröten, wie die Wasserschildkröte, die Große Asiatische Sumpfschildkröte und die Großkopfschildkröte. Die Flusstäler, wo Flora und Fauna oft noch völlig unberührt sind, beheimaten Tiere wie den Kleinen Panda, wilde Esel und Ochsen.
Der Fluss ist auch das Zuhause von vielen seltenen Fischarten wie dem Katzenfisch, dem Schlangenaal, dem Stachelaal, dem Altwelt-Messerfisch, dem Karpfen und dem Schlangenkopffisch.
Eine kürzlich veröffentlichte Studie von Thai Baan Research hat alleine in dem Flussabschnitt, der an Thailand und Burma grenzt, 70 unterschiedliche Fischarten und 18 verschiedene ökologische Systeme, beispielsweise Stromschnellen, verschiedene Fischhabitate und Strände, gefunden.
Wo sich das Süßwasser des Salweens mit dem Salzwasser des Ozeans vermischt, bildet sich ein ökologisch reichhaltiges Flussmündungssystem. Diese Gegend bietet einen Lebensraum für Muscheln, viele Fisch- und Vogelarten sowie salzwassertolerante Pflanzen.
Für Burmesen, Chinesen und Thailänder war der Salween schon immer ein Transport- und Handelsweg - bis heute zumeist Kleinhandel. Da es keine guten Straßen gibt, bietet der Fluss eine ideale Absatzmöglichkeit für die Produkte der ortsansässigen Bauern. Als Transportmittel benutzen sie traditionell hölzerne Boote und Flöße (KDRG, 2006 und www.salweenwatch.org).
Die Städte Pasawang in Burma und Mae Sam Laep in Thailand, beide direkt am Salween liegend, bilden wichtige Handelszentren. Pasawang ist der burmesische Angelpunkt für den Transport nach Thailand. Mae Sam Laep stellt ein Zentrum für den Handel mit Vieh und Ziegen, lokal angebauten Produkten wie Zwiebeln, Bohnen, Sesam, getrocknetem Chili, Speiseöl, Würzmitteln, Haushaltsartikeln, Kleidung, Medizin und anderen Gebrauchsgütern aus Thailand dar.
Die Gemeinschaften entlang des Salweens leben in guter Beziehung zueinander. Es herrscht ein starker Zusammenhalt zwischen den Menschen in den Wäldern auf beiden Seiten des Flusses. Diese Gemeinschaften fühlen sich auch über die nationalen Grenzen hinaus miteinander verbunden. Sie führen gemeinsam regelmäßig traditionelle Zeremonien durch und helfen sich gegenseitig aus. Manche Gemeinschaften werden von keinem einzigen Staat anerkannt. Sie leben in Harmonie mit der Natur und beachten das Wort ihrer Vorfahren: »trinke Wasser, schütze Wasser, lebe im Wald, schütze den Wald« (überlieferte Weisheit der Karen).
Das ganze Jahr lang veranstalten Dorfbewohner und örtliche Bauern eine Reihe von Zeremonien. Mit ihnen fragen sie nach der Erlaubnis, den Fluss, das Land und die Wälder benutzen zu dürfen und erweisen Mutter Natur, die ihr Land fruchtbar macht, ihren Dank. Die Rituale spiegeln ihren immanenten Respekt für alle Lebewesen und die Natur wieder; ein Wert, der in allen Bewohnern der Salween-Gegend tief verwurzelt ist.
Der Beitrag von Kanopkhan Sarnkul wurde übersetzt und zusammengefasst von Annira Busch.