
Sie verstecken sich auf Schiffen, durchqueren zu Fuß die Wüste und drängeln sich auf morsche Boote. All ihre Ersparnisse geben sie für Schleuser und die Bestechung von Grenzbeamten aus. Sie setzen ihr Leben aufs Spiel, um das Ziel ihrer Träume zu erreichen: Europa. Sie sind noch jung, manchmal noch Kinder. »Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge« werden sie im Behördenjargon genannt, wenn sie Deutschland erreichen. Wer sind diese Kinder und Jugendlichen, deren Zahl allein hier zu Lande auf 5.000 bis 10.000 geschätzt wird? Und warum riskieren sie ihr Leben?
Viele kommen aus den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt: Sie gehören der »falschen« Volksgruppe an. Manche haben Angst, von Armeen oder Rebellengruppen zwangsrekrutiert zu werden oder sind bereits desertiert. Andere haben keine Familie mehr, und haben gehört, dass in Europa das Leben leichter sein soll. Wieder andere werden als Hoffnungsträger von ihrer Familie losgeschickt: Sie sollen im reichen Norden Geld verdienen und nach Hause schicken.
Vormünder für junge FlüchtlingeDass diese Kinder und Jugendlichen so behandelt werden, wie es Minderjährigen zusteht, ist das Ziel des »Bundesfachverbandes Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge e.V.«. Etwa 90 Einzelpersonen und 35 Organisationen sind Mitglied des Vereins, der 1998 von 20 in der Flüchtlingshilfe engagierten Menschen gegründet wurde. Heute arbeiten drei Hauptamtliche in einem Büro in Nürnberg für den Verband.
»Wir finanzieren uns vor allem über Projektmittel, zum Beispiel aus dem Europäischen Flüchtlingsfonds EFF«, so Dagmar Gerhard, eine der Hauptamtlichen. »Aber auch terre des hommes leistet Unterstützung für unsere Arbeit.« So steuert das Kinderhilfswerk in diesem Jahr Geld für zwei Projekte bei: Eines davon treibt die Gründung von Vormundschaftsvereinen voran. Diese suchen und beraten Ehrenamtliche, die bereit sind, als Privatvormünder einzelne unbegleitete Flüchtlingskinder gesetzlich zu vertreten und ihnen auch sonst zur Seite zu stehen. Das heißt zum Beispiel: sie bei Behördengängen begleiten und ein offenes Ohr haben für ihre Sorgen. In vielen Städten gibt es bereits solche Vereine, in anderen werden sie derzeit aufgebaut und dabei vom Bundesfachverband unterstützt.
Das andere Projekt nimmt die umstrittene Praxis der Altersfeststellung unter die Lupe: Den Jugendlichen wird das von ihnen angegebene Geburtsjahr oft nicht geglaubt, Beamte schätzen stattdessen das Alter auf Grund bloßer »Inaugenscheinnahme « oder geröntgter Handwurzelknochen. Dies hat Konsequenzen: Denn wer 16 Jahre oder älter ist, kann nach deutschem Gesetz wie ein erwachsener Flüchtling behandelt werden; die Jugendhilfeeinrichtungen sind dann nicht mehr zuständig. Der Bundesfachverband will nun ein Verfahren zum bundesweit einheitlichen Umgang mit der Altersfeststellung erarbeiten. Zugleich kämpft der Verein aber auch für die Anerkennung der 16- und 17- jährigen Flüchtlinge als Minderjährige. »Die Entscheidungsträger in der Politik«, so Dagmar Gerhard, »müssen überzeugt werden, dass unsere Standards Sinn machen. Deshalb führen wir viele Gespräche, wie etwa kürzlich mit dem bayerischen Innenminister Beckstein«.
Auch in der Öffentlichkeit will der Verband Verständnis für die Probleme der Flüchtlingskinder schaffen. Der Bundesfachverband hat jetzt ein Buch herausgegeben (s. Zeitungsbeilage »der basar«), in welchem Leitlinien für so genannte Clearingverfahren entwickelt werden. Diese sollen unmittelbar nach der Einreise die Situation der unbegleiteten Minderjährigen klären. Denn diejenigen, die mit diesen Kindern arbeiten, wissen: Die Art und Weise, wie die Kinder und Jugendlichen nach ihrer für sie oft traumatischen Flucht empfangen werden, hat Folgen für ihr ganzes weiteres Leben und ist – nicht zuletzt – eine Frage der Menschlichkeit.
Weitere Informationen zum Thema unbegleitete Flüchtlingskinder in Deutschland finden Sie auf unserer Schwerpunktseite zum Thema.
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