
Nach einem kurzen Besuch im Büro von FEDES im Zentrum von Bogotá, verlassen wir die Stadt Richtung Osten nach Altos de Cazucá, ins Barrio Oasis. FEDES unterhält hier ein kleines Zentrum. Nach 1 Stunde Taxifahrt an die Peripherie von Bogotá steigen wir am Fuß des sich am Berg hochziehenden Wohnbezirks um in eine Art »park&ride-service«. Taxis fahren aus Sicherheitsgründen nicht gern rein nach Altos de Cazucá. Aber es gibt Micros, kleine Busse, die sich über die steilen, ungepflasterten Straßen den Berg hochschlängeln, zumindest auf den sog. Hauptstraßen. Das letzte Stück gehen wir zu Fuß.
Altos de Cazucá gehört administrativ schon nicht mehr zu Bogotá, sondern zum Munizip Soacha, Cundinamarca. Es liegt am Fuße des Suma Paz, einer Bergregion, in der es noch Guerillagruppen gibt. Wegen der strategisch wichtigen Bedeutung gibt es eine starke Präsenz von Militär und seit 2001 verstärkt Paramilitär im ganzen Gebiet von Altos de Cazucá. Die Bewohner zeigen mir einen Baum, der einsam etwas außerhalb der Siedlung auf dem sonst unbewaldeten Gelände steht, der »palo de ahorcado«, der Baum der Gehenkten. Der Bereich hinter dem Baum ist Tabuzone. Dorthin wagt sich niemand. Dort befindet sich ein Ausbildungslager der Paramilitärs. Weit dahinter ahnt man den Suma Paz.
Altos de Cazucá ist seit ca. 30 Jahren Invasionsgebiet. Teilweise ließen größere Gruppen der kommunistischen Partei und der früheren Guerillagruppe M 19 sich dort in bestimmten Vierteln nieder, teilweise brachten Einzelpersonen wie der bekannte Smaragdhändler und Führer der Paramilitärs Víctor Carranza große Teile des Landes unter ihre Kontrolle. Weite Teile des Munizips sind noch heute privater Großgrundbesitz. Etwa 40.000 Menschen leben in Altos de Cazucá und noch immer kommen weitere Migranten an. Sie müssen ein kleines Grundstück erwerben, um dort siedeln zu dürfen. Manche können es nur auf Kredit gegen Zahlung horrender Zinsen. Titel für das - wie auch immer erworbene - Land hat hier niemand. Das wirft ein zentrales Problem der Zone auf, sie ist administrativ nicht als Siedlungsgebiet anerkannt. Das bedeutet, hier zu siedeln ist illegal und die Verwaltung fühlt sich für die infrastrukturelle Erschließung nicht zuständig. Folge: Es gibt kaum Schulen, etwa 66 Prozent der schulfähigen Kinder haben keinen Zugang, es fehlt Gesundheitsversorgung, Wasser-, Strom- und Abwasserversorgung sind teilweise vorhanden, manchmal nur an bestimmten Tagen. Die einzelnen Stadtviertel haben sich zwar provisorisch in Eigeninitiative und mit Hilfe von Nichtregierungsorganisationen mit dem Nötigsten versorgt, aber der obere Bereich von Altos de Cazucá ist in einem sehr elenden Zustand. Die Hütten hängen teilweise abenteuerlich an den Hängen.
Die Sprengungen im Rahmen des kommerziellen Erdabbaus und Abtransports in dem Gebiet führen zu Erdrutschen und stellen eine ständige Gefahrenquelle für die Bewohner dar. Sie finden zwar ebenfalls illegal statt, aber niemand unternimmt etwas. Die Situation der Illegalität der Ansiedlung erschwert jegliche Rechtsprechung. Es herrschen die Gesetze des Stärkeren.
Eine wesentliche Aufgabe der Anwälte von FEDES ist von daher in Zusammenarbeit mit den Gemeinde- und Flüchtlingsvertretern die Legalisierung des Wohngebietes zu erreichen und einen Entwicklungsplan für Altos de Cazuca zu entwerfen. Eine sich sehr zäh gestaltende, nervenaufreibende Arbeit.
Wir treffen uns im kleinen Zentrum von FEDES mit Vertretern der verschiedenen Gruppen des Barrios Oasis. FEDES hat sich auf die humanitäre Betreuung, Beratung, Ausbildung und Selbgstorganisation von Gruppen Vertriebener spezialisiert. VertreterInnen der Frauengruppe Oasis, der Vertriebenenorganisation Revivir al Futuro und der Kindergruppen sind anwesend. Die Jugendlichen der Jugendorganisation »Raices de Paz« befinden sich auf einem Seminar im Rahmen der nationalen Kampagne der Jugendlichen für Gewaltfreiheit und gegen den Krieg.
Zuerst erzählen die Kinder, anwesend sind Jungen und Mädchen im Alter von 8-12 Jahren. Sie erzählen mit leuchtenden Augen und großer Ernsthaftigkeit von den »Spiel- und Freizeitaktivitäten«, die FEDES mit ihnen veranstaltet. Sie erzählen auch von dem Ausflug, den sie gemeinsam gemacht haben. Es war schön für sie, einmal aus Altos de Cazucá wegzukommen und etwas anderes kennen zu lernen. Das war aber bisher nur einmal möglich, da aufwendig zu organisieren und teuer. Dann werden die Augen plötzlich ganz ernst und traurig, wenn sie über die Situation im Viertel sprechen, über die Graffiti an den Wänden, die Drohungen der Paramilitärs beinhalten, über die ermordeten Jugendlichen aus dem Viertel im Rahmen der »Säuberungsaktionen«, fast jede/r von ihnen hat schon mal einen Toten an irgendeiner Ecke gesehen. Sie berichten auch, dass sie abends ab 18.00 Uhr Angst haben das Haus zu verlassen, da dann sowohl die Jugendbanden wie auch die Paramilitärs unterwegs sind.
Aber sie wollen so nicht sein und sie wollen so auch nicht leben, darum machen sie begeistert mit in den Kindergruppen. Sie sind stolz über ihre Rechte zu erfahren, ihre speziellen Rechte als Kinder und über ihre Rechte als Bürger allgemein. Viele dieser Kinder kommen aus sehr armen Familienverhältnissen, innerfamiliäre Gewalt ist ihnen nicht unbekannt. Sie müssen in der Regel mitfunktionieren, ihren Beitrag zum Familieneinkommen beisteuern. Die Eltern, oftmals auch allein erziehende Mütter, sind müde, überfordert und gereizt. Es begeistert die Kinder zu lernen, dass sie neben allen Pflichten auch Rechte haben, dass sie kreativ sein dürfen und ernst genommen werden. Sie wünschen sich eine schönere Zukunft für alle Kinder und wollen daran mitwirken. Sie werden selbstbewusster und wirken auch in ihre Familien hinein, rütteln ihre Eltern auf, so dass sich Eltern-Kindbeziehungen verändern. Besonders die Mädchen sind glücklich einen Ort zu haben, wo sie sich treffen können. Während die Jungen auf den Straßen toben, Fussball spielen oder sich einfach treffen, sind die Mädchen vielfach zuhause, helfen im Haushalt und haben wenig Möglichkeiten sich zu treffen und rauszukommen.
Die Frauengruppe von Oasis hat ihre erste kleine Einkommensquelle geschaffen. 8 Frauen haben zusammen einen Schönheitssalon eröffnet. Das Geschäft geht gut. Die 8 Frauen arbeiten dort in Schichten und haben ihr Auskommen. Da der Kampf ums Einkommen und Überleben angesichts der überwältigenden Situation der Arbeitslosigkeit sowohl für Jugendliche als auch Erwachsene immer zentraler wird, sind sie sehr glücklich über diesen Erfolg.
Außerdem haben sie die stundenweise Anwesenheit eines Gesundheitsdienstes im Viertel erwirkt.
Befragt zur staatlichen und nicht-staatlichen Betreuung der neu ankommenden Vertriebenen äußern sich Frauen und Männer dahingehend, dass ein Gesetz existiert, das jeder neu ankommenden Familie 50 US$ zusichert. In der Praxis hat dieses Geld jedoch noch nie jemand zu Gesicht bekommen. Manchmal schafft es jemand einen kleinen Zuschuss für Miete und Nahrungsmittel zu bekommen. Dies bedeutet jedoch endloses geduldiges Schlange stehen bei der zuständigen Behörde »Red de Solidaridad«, oftmals ab 1 Uhr nachts. Wenn sie Pech haben ohne Erfolg. Oftmals verlieren die Menschen auf diese Weise Tage, die nicht zum Arbeiten genutzt werden können.
Bei der Registrierung muss jede/r als Vertriebene/r eine Erklärung machen. Manchmal fehlen dafür die notwendigen Personaldokumente oder die Flüchtlinge wollen aus Angst die Gründe für das Vertrieben werden verschweigen. Viele Vertriebene lehnen inzwischen auch ab, als »Vertriebene« registriert zu werden. Es gibt den Verdacht, dass die dem »Red de Solidaridad« bekannten Fakten in die Hände von Militär und Paramilitär geraten. Einzelfamilien und ganze Gruppen wurden kurz nach der Registrierung wieder bedrängt und vertrieben. Akteure bei den vorherigen Vertreibungen waren in diesen Fällen immer Paramilitärs gewesen.
Auch hier macht sich die fehlende Präsenz des Staates zur Verteidigung und zum Schutz seiner BürgerInnen gegen die Willkür illegaler bewaffneter Gruppen vehement bemerkbar.
Die bei dem Gespräch anwesenden Migranten erzählen von der Ratlosigkeit der ersten Tage. Verwirrt und erschöpft von dem oft plötzlichen Aufbruch kommen sie an, kennen sich mit den Bedingungen vor Ort nicht aus und sind erst mal dankbar für Verwandte oder Nachbarn, die helfen.
FEDES bietet in seinem Zentrum »Beratung und Hilfe« für ankommende Flüchtlinge an, sei es psychologischer, rechtlicher oder sozialer Art. Sie ermuntern sie an Workshops teilzunehmen, sich zu informieren, sich zu organisieren, um nicht mehr so ausgeliefert zu sein. Und auch um sich gemeinsam zu stärken gegen die Aggression der paramilitärischen und militärischen Strukturen, die sie überall wieder antreffen, sowohl am Start- wie am Zielpunkt ihrer Reise.
Die Anwesenden sind einfache, schlichte Menschen. Größtenteils handelt es sich um in die Stadt verschlagene Kleinbauern und Landarbeiter. Es fehlt ihnen ihr Stück Land, auf dem sie ihre Produkte anbauten. Sie haben ihre Wurzeln verloren und versuchen, diese wieder neu in die Erde zu senken. Aber was aus ihren Augen leuchtet ist, dass sie sich nicht mehr alles gefallen lassen wollen. Sie leiden noch unter dem Verlust der Heimat, ihres Hauses, ihres Stückchens Land, der heimischen Bäume und Pflanzen, die sie kannten und hier ist nichts als rissige Erde, eine klapprige Hütte auf wackligem Grund. Aber sie wollen sich das alles nicht noch mal wegnehmen lassen. Sie sind es müde, als Problem angesehen zu werden, als »de-plaziert«, heißt am »falschen Ort« wie es das spanische und englische Wort »desplazados oder displaced« ausdrückt. Sie sind es müde, immerzu dieser Gewalt ausgeliefert zu sein. Sie sind Bauern und Arbeiter, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten wollen. Sie greifen von daher – auch wenn es mitunter gefährlich werden kann – dankbar die Chance auf, sich über ihre Rechte zu informieren, sich wehren zu lernen. Das ist ihnen wichtiger als eine schnelle humanitäre Hilfe zu Anfang, der dann nichts folgt, die sie nur abhängig macht und hält.
Die einzelnen so entstehenden Gruppen schließen sich regionalen und nationalen Netzwerken an und gewinnen so an Stärke. Man merkte in Altos de Cazucá - wie in eigentlich allen anderen Projekten mit ähnlichen Zielen - das Vertrauen der Bewohner in den Projektpartner. Diese vertrauensvolle Zusammenarbeit ist aufgrund der Situation im Land von größter Wichtigkeit, sowohl für Partner wie für Projektbegünstigte. Es entsteht auf diese Weise ein zartes Schutznetz, das halten muss, wenn akute Bedrohungen stattfinden. Je nach Konjunktur arbeitet es offener oder verdeckter.
In Altos de Cazucá ist es keine Mehrheit, die sich entschlossen hat, diesen Weg des Widerstands mitzugehen. Aufgrund der unklaren Rechtssituation, der fehlenden Präsenz des Staates, der Nähe zum Suma Paz und des aggressiven Auftretens der Paramilitärs, vor allem gegen Jugendliche und Migranten, ist die Angst und Resignation in weiten Teilen der Bevölkerung sehr hoch.
FEDES hat jedoch gemeinsam mit anderen Organisationen eine Anhörung im Kongress über die Situation in Altos de Cazucá erreicht. Sie wird am 19.08.04 unter Anwesenheit der Medien stattfinden. Schwerpunkte der Anhörung sind zum einen die legale Anerkennung von Altos de Cazucá als Wohnsiedlung und die damit verbundene soziale, infrastrukturelle und rechtliche Versorgung der Bevölkerung,. Zum anderen die immer bedrohlicher werdende Situation der Jugendlichen im Viertel. Sie haben keinen Zugang zur Schule, keine Arbeit, werden in hohem Masse von den Paramilitärs rekrutiert und kriminalisiert, wenn sie sich nicht anpassen. Seit dem verstärkten Auftauchen der Paramilitärs in Altos de Cazucá im Jahre 2001 wurden 437 Menschen ermordet, mindestens 244 davon waren Jugendliche.
Die nationalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen und die mit ihnen in den Projekten zusammenarbeitenden BürgerInnen, sei es aus den armen, mittleren oder reicheren Schichten der Gesellschaft, können und wollen immer weniger hinsehen und still und unbemerkt ihre Sozialarbeit tun. Sie sind einer großen Aggressivität und Bedrohung von Seiten illegaler und legaler Truppen ausgeliefert, ohne sich auf eine funktionierende Rechtsprechung verlassen zu können. Die aktuelle Erfahrung zeigt, wer sich wehrt und seine Forderungen formuliert, so öffentlich, so geschlossen, so organisiert und so international wie möglich, wird eher respektiert, wenn auch zähneknirschend und widerwillig.
Vom kolumbianischen Präsidenten wurden die Nichtregierungsorganisationen im letzten Jahr als Unterstützer der Guerilla, der Terroristen, stigmatisiert. Die internationale Gemeinschaft hat auf diese Darstellung mit massiven Protesten reagiert, so dass sich der Präsident entschuldigen musste. Trotzdem bleibt offener Protest in Kolumbien ein Risiko. Wer unbequeme Fragen stellt in Kolumbien, läuft Gefahr beseitigt zu werden. Das hat eine jahrhundertealte Tradition.