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Berichte über Rekrutierungen von Kindern und Jugendlichen für die illegalen bewaffneten Gruppen in Kolumbien

Als die Guerilla nach Morelia kam, wurden kaum noch Feste gefeiert. Eines Tages begannen sie mit meiner Mama zu reden. Zuerst in meinem Beisein, dann sprachen sie unter sich. Wenn sie nicht fortgehen würde, dann würden sie mich mitnehmen. Aber sie hörte nicht drauf und unterrichtete weiter.
Die Guerilla hat mich dann mitgenommen, als ich 10 Jahre alt war. An dem Tag spielte ich gerade. Ich sah, wie ein weißer Geländewagen mit getönten Scheiben anhielt. Sie ergriffen mich, warfen mich auf die Ladefläche, verhüllten mir das Gesicht und nahmen mich mit.

Sebastián, 11 Jahre, Quelle: Taller de Vida


Meine Kindheit war eine Katastrophe seit ich fünf Jahre alt war. Da hat mich mein Stiefvater vergewaltigt. Er ergriff mich an der Waschstelle und fesselte mich. Als ich zehn wurde, bekam ich mit, dass der Stiefvater meiner Mutter Geld dafür gab, wenn er mich vergewaltigte. Beide schlugen mich. Wiederholt habe ich versucht abzuhauen. Als ich zehn Jahre alt war, überlegte ich, mich der (Guerilla-) Gruppe anzuschließen, denn ich hatte niemanden sonst. Eines Tages kam ein Bursche, der behauptete, Milizionär der FARC zu sein, und er lud mich zur Gruppe ein. Dort würde man mir helfen. Tatsächlich wusste ich nicht, was die Guerilla ist. Ich dachte nur daran, fortzugehen, und mit 11 ging ich dann. Ich war die Kleinste der Gruppe, deshalb musste ich auch keine schweren Lasten tragen, nur das nötigste. Am Anfang bekam ich auch kein Gewehr, nur eine Pistole. (...) Die einzigen die wirklich wussten, wofür gekämpft wurde, waren die Kommandanten, wir jedenfalls nicht, aber wir hielten den Rücken hin. (...) Das Härteste ist, die Kameraden sterben zu sehen. Das ist sehr traurig. Es gab welche, die waren gerade mal 8 Tage da, wurden in den Kampf geschickt und getötet. (...) Ich bin dreieinhalb Jahre dort geblieben.

Monica, 16 Jahre, Quelle: Taller de Vida


Als ich neun Jahre alt war, half ich einer Nachbarin Wäsche waschen. Sie bezahlte mir 5000 oder 6000 Pesos dafür (knapp zwei Euro). Und weil Muttertag war, kaufte ich meiner Mutter ein Körbchen. Aber statt sich zu bedanken, sagte sie, ob ich denn blöd sei. Sie brauche Reis oder Kartoffeln, nicht solchen Schund. Als mein Vater mich schlug, machte meine Mutter überhaupt nichts dagegen. Als ich 11 war, half ich einer Frau in einem Geschäft. Da kamen die Paramilitärs, um zu saufen, und ich hörte, wie sie sagten, dass sie gut bezahlt würden. Als sie weg waren, sagte ich zu meiner Tante, dass ich mit ihnen gehen wolle. »Was denkst Du denn«, antwortete sie mir. Die betrügen, damit man mitgehst, und nachher lassen sie die Leute nicht mehr weg und bringen sie um.« Irgendwann freundete ich mich mit einem der Kommandanten an. Ich brachte ihm ein Bier. Er fragte mich, ob ich keine Familie hätte. Ich sagte, dass ja. Was ich denn dann dort zu suchen hätte, fragte er. Ich antwortete ihm, dass ich arbeiten müsse. Da fragte er, wie alt ich sei. Ich sagte »zwölf«. ich fragte ihn, ob es stimme, dass man bei ihnen Geld bekäme. Er betrachtete mich, und fragte, ob ich mitmachen wolle. Ich sagte ja. Aber er wollte mir nicht sofort eine Antwort geben. Eines Tages brachte er einen schwarzen Sack, den sollte ich einem anderen Mann überbringen, ohne nachzuschauen, was drin ist. Dafür bekam ich einen Geldschein. Anderntags lud er mich auf eine Farm ein. Ich nahm etwas Kleidung mit und auf dem Weg im Auto begegneten wir meiner Mutter. Sie sah mich, sie rief mich, sie weinte. Da spürte ich, dass sie mich doch ein wenig lieb hatte. Aber nun? Als wir ankamen, wiesen sie mir einen Schlafplatz zu. Am nächsten Tag zeigten sie mir, wie junge Männer und Frauen mit blutigen Ellenbogen auf einer Wiese herumrobbten. Sie fragten mich, ob ich wirklich bei ihnen bleiben wolle. Ich sagte »ja, wenn sie mich dafür bezahlen«. Am nächsten Tag musste ich auch robben und hielt es nicht durch. Ich wollte nach Hause. Aber er sagte nur: »Erinnerst du dich, dass wir dich gefragt haben. Jetzt musst du bleiben.«
Später schickten sie mich eines Nachts irgendwohin, weil die Guerilla dort war. Ich hatte große Angst, als die Schießerei losging und warf mich zu Boden, ohne zu schießen. Als alles vorbei war ließ sich der Kommandant mein Gewehr geben und merkte, dass ich nicht geschossen hatte. Da zwangen sie mich zu schießen. Beim Schuss warf mich dieses Gerät um und verletzte meinen Mund. Sie lachten nur und gaben mir eine Puppe zum üben.
Am Ende lassen sie einen zuschauen, wenn Guerilleros gebracht werden. Sie töten sie vor einem, damit man sieht, wie sie zerschnitten und in Einzelteilen weggeworfen werden. Und wenn sie sehen, dass man viel Angst hat, geben sie einem ein wenig Blut, oder lassen einen lebendige Tiere töten.
Wir kamen in ein Dorf. Der Befehl war, alle umzubringen. In einem Haus war eine schwangere Frau mit einem etwa zweijährigen Kind. Ich ging ins Zimmer, die Frau fing an zu weinen. Ich sagte zu der Frau, laufen sie schnell weg, ich tue ihnen nichts. Aber sie traute mir nicht. Ich sagte ihr: »Seien sie aber ja still, denn sonst bringen sie sie um. Aber zuerst mich.«. Als die anderen hereinkamen, sagte der Kommandant, dass er Information habe, dass im Haus eine Guerillera versteckt sei. »Wenn du sie hast laufen lassen, bekommen wir das früher oder später ohnehin raus.« Ich musste die Grube ausgraben, in der sie die Menschen verscharrten, die sie an diesem Tag getötet hatten.
Ich wollte weg, aber ich hatte große Angst, dass sie es merken und mich umbringen würden. Als wir später im Heim waren, habe ich noch viel weniger von all dem verstanden. Wir redeten miteinander und sagten: »Sieh mal, hier reden wir miteinander, und im Gelände hassten wir uns, wir töteten uns und hier sind wir Freunde«. Es gibt Mädchen, die waren bei der Guerilla und leben jetzt mit Burschen zusammen, die Paramilitärs waren.

Patricia, 19 Jahre, Quelle: Taller de Vida


Auf der Finca kamen eines Tages die von der ELN (-Guerilla) vorbei. Was mich an dieser Gruppe interessierte, waren die Mädchen. Sie kamen mit einer ‚Alten’ vorbei, die mir sehr gefiel. Sie ließ mich ihre Waffe anfassen und ein Uniformhemd anziehen. Ich fühlte mich gut, wichtig. Ich dachte, mit einer Waffe in der Hand würde man mich endlich respektieren. Und ich dachte vor allem daran, was ich in meiner Familie erlitten hatte. Manchmal hatte ich große Lust, mich an meinem Stiefvater zu rächen.
Einmal im Lager, war das Mädchen richtig aufmerksam mir gegenüber, wir haben etwas geflirtet, aber nicht genug. Und nach kurzer Zeit wurde sie versetzt. Ich trauerte ihr nach. Im Lager gab es viele, auch sehr kleine Kinder, die im Lager geboren worden waren. Es gab auch 13- und 14jährige, die gekommen waren, weil sie nicht in die Schule gehen konnten, weil sie keine Arbeit fanden oder wegen familiärer Probleme.

Carlos 19 Jahre, Quelle: Taller de Vida


Ich bin freiwillig zu den Autodefensas (Paramilitärs) gekommen. Ich hatte Probleme und sie haben mir geholfen. (...) Bring mir ein Mittagessen, und kauf dir selber eins. Komm, brich mal das Motorrad auf, und ich schenke dir 3000 Pesos. Lauter solche Kleinigkeiten.

N.N., Quelle: Kolumbianische Koalition gegen den Einsatz von Kindersoldaten, Zeitschrift Putchipú, Nr. 13

Berichte über Zwangsrekrutierungen durch die Armee

In den Anfangsmonaten diesen Jahres nahm das Heer in Amalfi im Nordosten von Antioquia zwei Jugendliche fest, die aus den umliegenden Dörfern in das Städtchen kamen. Sie luden sie auf einen Lastwagen und zwangen sie zum Militärdienst in der Brigade von Puerto Berrio, wo sie als Bauernsoldaten (Soldados Campesinos) eingesetzt werden. Seitdem bleiben die Jugendlichen aus den Dörfern auf ihren Fincas zurückgezogen. Sie gehen nicht zum Einkaufen in den Ort, oder um Zuckerbrot zu verkaufen. Sie haben Angst, rauszugehen, weil sie ihre Familien nicht verlassen und für kein Militär die Waffe in die Hand nehmen wollen, und sei es die reguläre Armee.
Dies beeinträchtigt nicht nur die Familienökonomie, sondern schränkt auch die Freiheiten dieser jungen Campesinos ein, die Bewegungsfreiheit, die Entwicklung ihrer Persönlichkeit, ihre Sicherheit und die ihrer Familien. Und ganz offen verletzt es auch die gesetzlichen Regelungen über die Rekrutierung zum Militärdienst, die für die zwangsweise Rekrutierung nur in bestimmten Fällen und mit schriftlicher Anordnung der zuständigen Behörden vorsehen.

Quelle: Red Juvenil


Übersetzung: Peter Strack, terre des hommes


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