
Die Pausenglocke rasselt kurz in schrillem Ton. Als hätte sie Rost angesetzt. Aus Ayandas Klasse stürmen 50 Kinder auf den tristen Hof der Joe-Slovo-Hauptschule im gleichnamigen Township nahe Port Elizabeth, Hafenstadt in Südafrikas Provinz Ostkap. Die kleine Ayanda kommt schüchtern aus der Ecke hinter ihrem Pult hervor. Sie trägt keine blaue Schuluniform, sondern einen schwarzen Pullover zum grünen Rock. Die Ärmel hängen ein wenig herunter, die Nähte an der Schulter sind aufgeplatzt. Ihre schwarzen Locken kräuseln sich kurzgeschnitten am Kopf und ihre grossen dunklen Augen blicken traurig.
Neun Jahre ist Ayanda alt. »Die Großmutter schlägt das Kind«, sagen die Lehrer. »Der Großvater vergewaltigt sie«, sagen die Nachbarn. Als die Klassenlehrerin im Unterricht über Sexualkunde sprach, überwand das Kind seine Scham und sprach die Lehrerin an: »Mein Großvater macht das mit mir.« Ihre Mutter starb vor drei Jahren an AIDS, den Vater hat es nach Johannesburg, in die Wirtschaftsmetropole gezogen. Ayanda Ngangiles Leistungen in der Schule lassen nach.
In der Hitze draußen toben Kinder und spielen Ball. Ayanda hockt sich nieder und nimmt einen kräftigen Schluck aus dem Wasserhahn auf dem Schulhof. Dann macht sie sich auf den Heimweg. Die Schwarzensiedlung, deren Dächer auf den Hügeln rund um die Schule sichtbar sind, trägt Joe Slovos Namen - der verstorbene, erste Minister der Regierung des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) für Hausbau. Aber wenig deutet auf Hausbau hin. Elende Bretterhütten reihen sich aneinander; mühselig mit alten Hölzern zusammengezimmert, mit Plastikplanen und Blechfetzen geflickt.
Tausende von Menschen haben sich illegal auf dem Land an der Straße zwischen Port Elizabeth und Uitenhage niedergelassen und nennen es ihr Zuhause. Und es werden täglich mehr. Vor zwei Jahren baute die Regierung die Schule, in der 800 Kinder aus der armen Nachbarschaft unterrichtet werden. »Aber der Bürgermeister lässt uns hängen«, sagt Samuel Blou, Lehrer für Sozialwissenschaften und Koordinator des Gesundheitskomitees. Er ist einer der wenigen, die noch nicht aus Frustration gekündigt haben. 17 Lehrer kommen täglich zur Joe-Slovo-Schule, finden den sandigen Pfad mit den tiefen Schlaglöchern, der durch dichtes Gestrüpp, vorbei an einigen »shacks« - wie die einfachen Behausungen genannt werden - zum Eingang führt.
Soziale Verantwortung»Wir sind auf Spenden angewiesen«, sagt »Sam« und zählt auf, welche Firmen hier und da bereits eingesprungen ist. »Ein Faxgerät von Coca-Cola, Essenspakete von Volkwagen... Tropfen im Ozean«, sagt er. Dennoch ist er dankbar für jede Hilfe, und er hofft auf eine anhaltende Partnerschaft mit den Arbeitern und Angestellten des Autoherstellers Volkswagen, der etwa 20 Minuten entfernt in Uitenhage eine große Firma mit 6.000 Angestellten unterhält. Hilfe ist dort bereits angekündigt. Der »Volkswagen-Community Trust« koordiniert das »Save the Children Forum«, einen Zusammenschluss verschiedener Gruppen und Initiativen zur Verbesserung der sozialen Situation. Früher arbeiteten sie für sich, unkoordiniert, wodurch viel Energie verloren ging. Gegründet wurde das »Save the Children Forum«, nachdem das Kinderhilfswerk terre des hommes gemeinsam mit dem Volkswagen-Betriebsrat eine Studie über die Situation der Kinder finanziert hatte.
Die Joe-Slovo-Siedlung ist nun gerade dabei, Teil des »Save the Children Forum« zu werden. Finanziert wird diese Initiative aus der Aktion »Eine Stunde für die Zukunft«, die der Volkswagen-Betriebsrat gemeinsam mit terre des hommes bereits seit 1999 durchführt. Es begann damit, dass Volkswagen-Arbeiter und -Angestellte auf den Arbeitslohn einer Stunde verzichteten, um Not leidenden Kindern zu helfen. Seitdem spenden hunderttausende Volkswagen-Mitarbeiter in aller Welt jeden Monat die »Restcents«, also den Betrag, der bei der monatlichen Gehaltsabrechnung hinter dem Komma steht. Das Geld wird in Projekten für Straßenkinder eingesetzt und soll zur Selbsthilfe in den Armenvierteln an Volkswagen-Standorten beitragen.
Auch in der Joe-Slovo-Siedlung soll die Arbeit des »Save the Children Forums« den Kindern bessere Perspektiven bringen. So helfen die Forum-Organisationen bei der behördlichen Registrierung der Kinder - was ihnen Anspruch auf Sozialleistungen des Staates verschafft und den Schulbesuch ermöglicht. So genannte »care givers« werden ausgebildet - also Menschen, die für die Kinder sorgen. Das Forum schafft Unterkünfte für obdachlose Kinder und richtet Zufluchtsorte für Kinder ein, die in ihren Familien Gewalt erleiden. Solche Angebote, so hofft der Lehrer Sam, wird es bald auch in seiner Siedlung geben.
Klinik auf RädernAyanda sucht ihren Weg abseits der schlammigen Pfützen. Der Nachtregen hat die rote Erde durchweicht und den Schulweg mit hässlichen Wasserlachen bedeckt. Mütter haben vor dem grau-gelben Steingebäude der Schule Plastikplanen ausgebreitet und Orangen, Avocados und Süßigkeiten sorgfältig aufgebaut. Ayanda ist - wie fast alle Kinder - hungrig. Sie wendet sich ab und schlängelt sich mit den anderen dichtgedrängt auf einem kleinen Trampelpfad durch das Schultor. Heute wird sie auf ihrem Heimweg vom Lehrer Sam begleitet.
Ihr Weg führt sie an der mobilen Klinik vorbei, die heute in der Siedlung Joe Slovo Station macht. Mütter warten geduldig, Babys in Tüchern auf dem Rücken gewickelt, auf die Behandlung. Tuberkulose ist eine häufige Erkrankung derer, die mit dem tödlichen HI-Virus infiziert sind. Sexueller Missbrauch und mangelnde Aufklärung führen zu einer hohen Rate von Teenager-Schwangerschaften, teilweise schon mit 13 Jahren. Aus Langeweile und Verzweiflung gehen junge Mädchen zur Hauptstraße und zu nahe gelegenen Truck-Stops, um ihre Körper als Prostituierte zu verkaufen. All das trägt dazu bei, das sich der tödliche Virus immer weiter ausbreitet.
Harte ZeitenEine Ansammlung von knallbunten, schachtelartigen Billighäusern der Regierung bietet einen aufmunternden Anblick, doch je weiter der Weg ins Township führt, umso ärmer wird die Gegend. Wasser und Strom gibt es noch nicht in der Gemeinde. So muss Ayanda manchmal 25 Liter Wasser auf ihrem Kopf nach Hause balancieren. Das Ostkap zählt zu den zwei ärmsten der neun Provinzen Südafrikas, und Sam schimpft auf korrupte Politiker und mangelnde Infrastruktur.
Ayanda deutet auf die kleine Bretterhütte, hinter der sich endlose Leere und genügend Freiraum für Neuansiedler auftut. »Dort wohne ich «, nickt sie. Viel ist ihr nicht zu entlocken. Doch erstmals lächelt sie ein wenig. Der Shack ist verschlossen. »Wir können beim Onkel vorbeigehen«, schlägt sie vor. Doch schon kommt der Großvater um die Ecke. Elwin Kolosa grüßt sein Enkelkind nicht. Sie wirkt eingeschüchert und bleibt in einiger Distanz zu ihm.
Es seien harte Zeiten, sagt der 64-Jährige. Das Schulgeld beträgt 50 Rand (rund sechs Euro) pro Jahr. Sie haben es nicht bezahlt, die Lehrer drücken in der Regel ein Auge zu. Mit seiner Pension von 740 Rand (etwa 95 Euro) müssen sechs Leute im Haus auskommen. Die Großmutter, seine zweite Frau, ist noch nicht im Rentenalter. Zwei Geschwister von Ayanda und ein Kind des Sohnes leben mit ihnen. Es gibt für jedes Kind 22 Euro vom Sozialamt, sofern sie eine Geburtsurkunde vorweisen können. Das ist oft nicht der Fall: Viele Eltern sind Analphabeten und können deshalb ihr Recht auf Kindergeld nicht einfordern.
»Sie liebt die Kinder ihrer Tochter nicht«, beschuldigt der Mann seine abwesende Frau. Daher komme es zu Schwierigkeiten. Er redet viel in Xhosa, seiner Muttersprache. Sam übersetzt, und schließlich kommt die brennendste Frage, auf die er mit einer abweisenden Handbewegung reagiert: »Nein, sehe ich so aus, als könnte ich so etwas tun?« Er hat auf die ersten Anschuldigungen der Vergewaltigung in der Nachbarschaft die örtliche Polizeistation aufgesucht und gesagt, es gebe Gerüchte, doch er habe nichts damit zu tun. Er habe Ayanda mit einem Jungen nahe der Hütte erwischt und jetzt wolle sie ihn beschuldigen, lautet seine Version. Seine Frau stellt sich auf seine Seite, und das Kind ist hilflos. Spielmöglichkeiten oder Betreuung nach der Schule gibt es nirgendwo. Ayanda ist mit den trüben Zukunftsaussichten allein.
Um Mädchen wie Ayanda die Chance auf eine bessere Zukunft zu geben, wurde im Jahr 1999 die Aktion »Eine Stunde für die Zukunft« gestartet - eine Initiative der Belegschaft der Volkswagen AG, der Audi AG, der VW Sachsen GmbH, Finanical Services und weiterer Konzerngesellschaften zur dauerhaften Unterstützung Not leidender Kinder an Konzernstandorten in Zusammenarbeit mit terre des hommes.
Das »Save the Children Forum« in Südafrika wird aus Mitteln der Aktion »Eine Stunde für die Zukunft« gefördert.