
»Sie kamen aus verschiedenen Gegenden, und alle hatten sie ihre eigene Geschichte. Einige hatten ihre Eltern in dem langen Krieg verloren, andere hatten keine Erinnerung daran, dass sie je Eltern hatten. Viele waren von ihren Stiefeltern abgehauen, andere hatte man regelrecht vor die Tür gesetzt, wenn es zuhause keinen Platz und nichts mehr zu essen für sie gab.«
Mit diesen Worten fasst der »Chronist der Winde« in Henning Mankells gleichnamigem Roman die Biografien der Kinder zusammen, die wie Abfall auf den Straßen einer afrikanischen Großstadt gelandet sind: Ein Leben wie ein zu großes Kleidungsstück, in das sie hineinwachsen – nicht weil es natürlich wäre, sondern weil es sein muss. Und das doch niemals passen wird.
Wie Mankells Roman-Straßenkinder haben Millionen anderer Jungen und Mädchen, die auf sich gestellt ihre eigenen Ernährer, Familienoberhäupter und Beschützer sein müssen, ihre ganz persönliche Geschichte. Der rote Faden, der sie durchzieht und mit anderen Geschichten verwebt: Diese Kinder müssen ohne die Fürsorge ihrer Eltern oder den Beistand anderer Erwachsener auskommen. Die Ursachen dafür sind so vielfältig wie die Schicksale, die sie prägen.
Da gibt es Guilherme aus Maputo, dessen Mutter starb, woraufhin der Vater einfach verschwand. Nun schläft der Junge auf der Veranda eines Geschäfts. »Tagsüber habe ich keinen festen Ort. Ich gehe durch die Stadt und bettele. Ich versuche, irgendwie zu überleben und etwas gegen den Hunger zu tun. Das Leben auf der Straße ist sehr schwer.« Da ist die 13-jährige Lena aus Sankt Petersburg, die nur Streit und Schläge kannte und die Wohnung zugunsten einer Industrieruine verlassen hat, wo sie mit Gleichaltrigen haust und sich von Fertigsuppen ernährt, die sie mit erbetteltem Geld kauft.
Während unzählige Kinder aus zerrütteten Familien fliehen, wünschen sich andere nichts mehr, als ihre Mutter oder ihren Vater zurück zu bekommen: »Würde meine Mutter noch leben, hätte ich heute einen Schulabschluss«, sagt der 17-jährige Timothy aus dem simbabwischen Mashonaland. »Wir haben keine Erwachsenen, mit denen wir reden können«, klagt der zwölfjährige Lyton, der täglich auf dem Feld arbeiten muss, um sein Überleben zu sichern. Wie diese beiden Jungen sind schätzungsweise 15 Millionen Kinder weltweit zu Waisen geworden, weil ihre Eltern an AIDS gestorben sind.
Viele erfahren das Ende ihrer Kindheit wiederum auf ganz andere Weise. »Mit neun Jahren wurde ich von einem meiner Verwandten an eine Teppichspinnerei in Katmandu verkauft. Nachdem ich weggerannt war, arbeitete ich für ein Jahr in einem Hotel. Ich musste 16 Stunden pro Tag arbeiten und bekam dafür ein ärmliches Gehalt«, erzählt Bhim aus Nepal. Er teilt das Los hunderttausender Kinder, die alljährlich als Arbeitssklaven oder in die Zwangsprostitution verkauft werden – mit und ohne Wissen ihrer Familien. Schließlich sind da die Mädchen und Jungen, die in Heimen landen: Babys, die ausgesetzt werden, aus Armut oder weil sie mit dem Stigma »unehelich« geboren werden. Kinder, die behindert sind, verstoßen oder als »kriminell« von der Polizei aufgegriffen wurden. Ihr »Zuhause « für die nächsten Jahre ist oftmals überfüllt und erbärmlich ausgestattet.
Ohne Unterstützung wachsen all diese Kinder in eine Zukunft ohne Hoffnung. Darauf, einmal erfahren zu können, dass auch sie einen Wert, eine Würde und die Chance auf ein Leben ohne Armut und Gewalt haben. Nelio, der weise Neunjährige, von dem der Chronist der Winde erzählt, hat seine Familie verloren, als Banditen im Krieg sein Heimatdorf überfielen und seine Eltern und Geschwister umbrachten. Während er sich in die Stadt durchschlägt, erinnert er sich:
»Viele Male hatte sein Vater ihm gesagt, das Schlimmste, was einem Menschen passieren könnte, wäre, auf sich allein gestellt zu sein. Ein Mensch ohne Familie sei nichts. Es sei, als gäbe es diesen Menschen nicht. (…) Vielleicht war dies das größte Unrecht, das die Banditen ihm angetan hatten. Sie hatten ihn seiner Familie beraubt.«