Die Idee zu »Vertreibung von Kindern verhindern!« entstand in einer kalten Nacht in Bogotá, der Jet- Lag hinderte mich am Schlafen. Schon mehrmals war ich in Kolumbien gewesen und hatte die Projektpartner von terre des hommes besucht. Sie berichteten von der verwirrenden Vielfalt der am Krieg Beteiligten: FARC und ELN, DAS und AUC, Guerilla, Geheimdienst, Paramilitärs, Armee und Drogenhändler. Sie alle schüren seit Jahrzehnten den Konflikt. Aber am meisten berichteten sie von den Opfern, den Drohungen, den Ermordeten, den Massakern, auch ihrer eigenen Angst. Ich erfuhr, dass ein Großteil unserer Partner selbst »„Desplazados« waren, Vertriebene im eigenen Land.
Allerdings - die Begegnungen und Gespräche verliefen fast immer in einer Atmosphäre freundlicher Professionalität. Man hörte zwar schreckliche Berichte, aber die Menschen selbst schienen sich mit der Situation abgefunden zu haben. Seit mehr als 20 Jahren gehören Vertreibungen und Vertriebene in Kolumbien zum Alltag, die kolumbianische Gesellschaft hatte sich daran gewöhnt und damit arrangiert, schlimmer noch - Misstrauen und Ablehnung richten sich inzwischen weniger gegen die Täter, sondern die Opfer des Konflikts.
In jener Nacht jedoch wurde mir plötzlich deutlich: Ich bin Zeuge einer ganz aktuellen und realen, von Menschen absichtlich herbeigeführten humanitären Katastrophe. Einer Katastrophe, die sich vor aller Augen vollzieht. Und trotzdem wurde und wird sie nicht als solche wahrgenommen: weder in Kolumbien noch international und schon gar nicht in Deutschland. In Kolumbien werden aus den Opfern schon durch die offiziellen Begriffe »unerwünschte Menschen«. In Deutschland hingegen fehlen der Öffentlichkeit nicht nur die wesentlichen Informationen - es gab noch nicht einmal die richtigen Begriffe für das Geschehen. Wie konnte es zu einer solchen Situation kommen, was waren die Hintergründe, wem nützt sie?
Ich begann, mich innerhalb von terre des hommes intensiver mit der Situation von Vertriebenen zu beschäftigen. Es gibt sie nicht nur in Kolumbien. Vertreibung ist nahezu in allen Ländern, in denen es in den letzten Jahrzehnten bewaffnete Auseinandersetzungen gegeben hat oder noch gibt, eines der gravierendsten humanitären Probleme. Sie trifft alle, Männer, Frauen, alte Menschen und ganz besonders die Kinder und Jugendlichen.
Der zwölfjährige Andrés ist ein echter Sonnyboy - er tanzt und rappt eigene Texte, weiß sein Publikum zu verzaubern und hat es sogar zu einer eigenen Radiosendung gebracht. Im Gespräch aber wird er plötzlich sehr ernst und erzählt von der Flucht der fünfköpfigen Familie aus dem Valle de Cauca vor sechs Jahren. Hals über Kopf verließen sie ihre kleine Kaffee-Finca. Andrés hatte sich sogar auf die große Stadt gefreut, aber dann mussten sie nach Altos de Cazucá, dem elendsten Elendsviertel von Bogotá auf einem Steilhang in 3000 Meter Höhe. Warum sie fliehen mussten? Genau weiß er es nicht, er war erst sechs, aber seine große Schwester sollte wohl rekrutiert werden. Inzwischen wird auf ihrem ehemaligen Land Koka, Mohn und Marihuana angebaut.
Obwohl Altos de Cazucá einen schlechten Ruf hat, lebt Andrés dort eigentlich gern. Er wehrt sich heftig gegen das allgemeine Urteil über sein Viertel, sie wären alle nur Kriminelle und Rauschgiftsüchtige. Im Gegenteil, inzwischen haben die Vertriebenen eine große Gemeinschaft entwickelt, in der man sich hilft und unterstützt. Und die Jugendlichen sind ehrgeizig, sie wollen einmal raus aus Altos de Cazucá. Mit Hilfe von terre des hommes - Projektpartnern bauen sie eigene soziale Netze auf und engagieren sich in Stadtteilgruppen. Trotz allem also eigentlich eine Geschichte mit positiver Perspektive - aber dann spricht Andrés über seine Angst vor der »Limpieza social«, der nächtlichen Terrorkampagne der Paramilitärs. Sie machen sich zu den Herren über Leben und Tod in vielen Elendsquartieren Kolumbiens. Limpieza social, soziale Säuberung verkündet auf zynischen Graffitis, dass der »menschliche Müll« beseitigt werde. »Eltern, bringt eure Kinder früh ins Bett, sonst legen wir sie für immer schlafen«. Opfer sind die Jugendlichen, die nicht kollaborieren im Gewaltsystem der Paramilitärs. Weit mehr als dreihundert Jugendliche wurden in den letzten Jahren schon auf offener Straße ermordet, manchmal drei oder vier gleichzeitig. Viele von ihnen waren Sonnyboys wie Andrés.
Zahlreiche Kinder und Jugendliche berichteten mir, wie sie die Vertreibung und die Zeit danach erlebten: Geschichten von Gewalt, von Drohungen, ermordeten Vätern, überstürzter Flucht, Angst vor Zwangsrekrutierung, Diskriminierung, Überlebenskampf im Elendsviertel. Sie alle wurden mit ihren Familien Opfer des täglichen Terrors in den ländlichen Gebieten Kolumbiens. Manchmal aber werden auch ganze Dörfer absichtlich zur Flucht gezwungen:
Danilo traf ich das erste Mal in einem Vertriebenenlager in Turbo an der heißen Karibikküste. Er ist der Sprecher von Justicia y Paz, einer kirchlichen Organisation, die Gemeinden berät und unterstützt, wie sie sich am besten gegen Gewalt und Drohungen zur Wehr setzen können. Die Vertriebenen in Turbo lebten dort seit 1996. Tausende von Afrokolumbianern, die schon seit Ende der Sklaverei im 19. Jahrhundert in den unwegsamen Gebieten Nordkolumbiens leben, waren 1996 von der kolumbianischen Armee bombardiert und von ihrem Land vertrieben worden. Begründet wurde dies mit den Aktivitäten der Guerilla, aber es stellte sich bald heraus, dass es in erster Linie um den Zugriff auf die Ressourcen des Gebiets und großangelegte Infrastrukturprojekte ging. Die Vertriebenen in Turbo organisierten sich, gründeten Friedensgemeinden und forderten ihre Rückkehr in Würde. Immer wieder fanden sich Mutige, die als Sprecher aufstanden, um die gemeinsamen Forderungen gegenüber den Behörden zu vertreten. Danilo zeigte mir den selbst errichteten Gemeinschaftsraum in Turbo, in der mir sofort eine rot bezogene Wand mit vielen Fotos auffiel, die Gedenkwand für die ermordeten Sprecher der Vertriebenen. Es ist leicht, auf eine der Todeslisten der Paramilitärs zu kommen.
Inzwischen konnten die Friedensgemeinden ihre Rückkehr erreichen. Sicherheit aber haben sie nicht gefunden, sie werden weiter von paramilitärischen Gruppen bedrängt. Auch Danilo musste auf Grund von Drohungen bereits zweimal ins Ausland flüchten - aber er kehrt immer wieder zurück, um weiterzumachen.
Zwar kann in Kolumbien vor gewalttätigen Übergriffen niemand sicher sein, manche Gruppen jedoch sind besonders gefährdet. In der deutschen Öffentlichkeit ist darüber aber nur selten die Rede, den höchsten »Nachrichtenwert« haben prominente oder deutsche Entführungsopfer. Die übergroße Zahl der Opfer von Drohungen, Mordanschlägen, Verschleppungen, Massakern und Vertreibungen aber sind entweder arm, gehören der afrokolumbianischen Minderheit oder einem der zahlenmäßig kleinen indigenen Völker Kolumbiens an, meistens treffen mehrere dieser Eigenschaften zu. Sie kommen in der deutschen Berichterstattung kaum vor. Besonders Besorgnis erregend bei den indigenen Völkern: Vertreibungen bedrohen sie nicht nur als Individuen, wenn sie ihre angestammten und gesetzlich garantierten Siedlungsgebiete verlieren, droht der Ethnozid.
Angehörige ethnischer Minderheiten gehören in vielen Ländern zu den Gruppen, die von Verfolgung und Vertreibung am stärksten betroffen sind.
Stundenlang wühlt sich der Jeep durch Schlammlöcher und über Bergpässe, um im Grenzgebiet zwischen Thailand und Myanmar, dem ehemaligen Burma, die dort seit Jahrzehnten eingerichteten Lager zu erreichen. Für mich war es der erste Lagerbesuch in dieser Region und der erste Eindruck war hervorragend. Die Menschen haben sich selbst effektiv organisiert, jeder sollte zu seinem Recht kommen. Besonders an die Kinder - auch und gerade die Kleinsten - wird gedacht, es gibt Kindergärten und Schulen für alle. Für die Organisation dieser Bildungseinrichtungen ist WEAVE zuständig, eine thailändische Nichtregierungsorganisation (NRO), deren Programm von terre des hommes finanziert wird.
Aber die Dschungelidylle trügt, das ganze Lager ist seit Jahrzehnten in einer in jeder Hinsicht prekären Situation. Als Angehörige des Shan- oder Karen- Volkes werden die Flüchtlinge verfolgt und bedrängt von der regulären burmesischen Armee, die sich an keinerlei internationales Recht hält. Thailand bietet jedoch keine sichere Zuflucht, das Königreich hat die Genfer Flüchtlingskonvention nicht ratifiziert. Die Lager sind vollständig abhängig von ausländischer Hilfe. In den Lagern - fast vergessen von der Weltöffentlichkeit wächst bereits die dritte Generation heran. Niemand weiß, wie lange sie noch werden ausharren müssen.
Bald wurde deutlich, dass Vertreibung und die Situation der Opfer ein »blinder Fleck« des internationalen Menschenrechtsschutzes sind. Nicht etwa, dass es an glaubwürdigen Informationen, an Engagement und Wissen bei den Experten mangeln würde: UN, Rotes Kreuz, Nichtregierungsorganisationen sammeln Berichte, Zeugenaussagen, leisten praktische Hilfe in vielen Ländern. Auch terre des hommes engagiert sich für intern Vertriebene, in Kolumbien, Indonesien (Aceh), Guatemala, Burma, Angola und auf den Philippinen, teilweise seit Jahrzehnten. Aber: Das Wissen und Interesse und die Diskussionen, wie man das Los der intern Vertriebenen verbessern kann, ist bisher über Fachkreise nicht hinausgekommen.
»Vertreibung von Kindern verhindern« ist Teil einer terre des hommes Aktion. Sie soll ins Bewusstsein bringen, dass interne Vertreibungen massenhafte, beabsichtigte und ständig stattfindende Menschenrechtsverletzung sind. Es müssen Wege und Methoden gefunden werden, diese Verbrechen in Zukunft zu verhindern.
Das Buch erhebt allerdings nicht den Anspruch, das komplexe Geschehen der internen Vertreibung vollständig zu dokumentieren und zu analysieren, zu groß ist die Fülle der Einzelaspekte. Viele Fragen harren noch der Darstellung und Lösung. »Vertreibung von Kindern verhindern« beschreibt vielmehr wesentliche Grundzüge und Problembereiche, lässt wichtige Experten im Bereich des Schutzes und der Hilfe für intern Vertriebene zu Wort kommen und enthält Zeugnisse der Opfer. Es zeigt, wie sich Menschen aus vier betroffenen Ländern engagiert und mutig für die intern Vertriebenen einsetzen: die Partnerorganisationen von terre des hommes. Außerdem findet der/die interessierte Leser/in zahlreiche Quellen mit Hinweisen zu Ländersituationen oder besonderen Problemlagen von intern Vertriebenen.
»Vertreibung von Kindern verhindern!« - der Titel ist bewusst als Appell, als Forderung gewählt. Vertreibungen werden absichtlich geplant und durchgeführt, sie sind kein unabwendbares Schicksal, sondern Verbrechen. Und deshalb drückt der Titel auch eine Hoffnung aus: die Hoffnung, dass Vertreibung von Kindern und ihren Familien verhindert werden kann. Dass kein Kind in Zukunft mehr das Trauma der Vertreibung, die Angst, die Machtlosigkeit der Eltern, die Diskriminierung und den Schmerz des Verlustes von Angehörigen und der eigenen Kindheit erleben muss und dass Jugendliche wie Andrés in Altos de Cazucá abends das tun können, was ihr gutes Recht ist: sich auf den Straßen ihres Viertels mit Freunden treffen, ohne fürchten zu müssen, von Mörderbanden umgebracht zu werden.
Andreas Rister, Referent Kinderrechte
terre des hommes - Hilfe für Kinder in Not