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Chile: Gegen die »Augen-zu-Mentalität«

Demonstration in Santiago
Demonstration in Santiago: »Die sexuelle Ausbeutung von Minderjährigen ist ein VERBRECHEN«
Foto: terre des hommes

»Tante, wenn mich ein Mann nach Viña del Mar mitnimmt,... ist das schon Kindesmissbrauch?«, fragt ein Zwölfjähriger aus der chilenischen Hauptstadt Santiago die Mitarbeiterinnen des terre des hommes-Projektpartners Raíces. Hinter der scheinbar harmlosen Frage verbirgt sich jedoch ein traumatisches Erlebnis. Der Junge ist in der modern herausgeputzten Hafenstadt von Matrosen sexuell missbraucht worden. Und wenn vor bestimmten guten Hotels im Stadtzentrum von Santiago Kleinbusse vorfahren, um Touristen an die nahe Küste zu bringen, steigen bisweilen auch minderjährige junge Frauen aus den Armenvierteln Santiagos ein. Dass dies keine zufälligen Begegnungen sind, davon konnte eines der Mädchen Raíces berichten. Aber obwohl diese kleine, engagierte chilenische Organisation, die seit 2001 die chilenische Kampagne gegen Kinderhandel koordiniert, enge Kontakte mit Polizeistellen und dem Regierungsapparat aufgebaut hat, ist es in solchen Fällen auch heute noch schwer, die Verantwortlichen zu finden, um die Prostitution von Kindern zu unterbinden.


Kinder mit Plakaten
Appelle der Kinder richten sich an die Öffentlichkeit: »Denn Kinder sind mit das Wichtigste im Leben: Schützt sie!«
Foto: terre des hommes
Aufklärung und Widerstand

Immerhin konnte Raíces in einzelnen Fällen Aufklärung erreichen – bisweilen sogar gegen den Widerstand kompromittierter Polizisten. So bei einer Gruppe von Mädchen, die in der nordchilenischen Stadt Iquique auf dem Weg zwischen Schule und Zuhause in ein Bordell verschleppt, später getötet und im Wüstensand vergraben wurden. Der Bordellbesitzer floh ins Ausland, Polizisten wurden entlassen, ein Polizeichef, der die Aufklärung behindert hatte, musste seinen Hut nehmen, der Mörder wurde verhaftet. Die Kinder, an die Familienangehörige und Nachbarn in ihrem Viertel in Alto Hospicio mit einem Mahnmal erinnern, werden dadurch allerdings nicht mehr lebendig.

Täter bleiben oft straffrei

Auch Gesetzgebungslücken erleichtern, dass Täter straffrei bleiben, während die missbrauchten Kinder manchmal indirekt beschuldigt werden, zum Beispiel die Übergriffe durch ihre Kleidung provoziert zu haben. Zumal in der konservativen chilenischen Gesellschaft noch viele Tabus in Bezug auf Sexualität und eine »Augen zu Mentalität« hinsichtlich sozialer Probleme vorherrsche, so Raíces.


Ausschnitt aus einem Theaterstück
Theaterstücke machen auf die Gefahren aufmerksam.
Foto: terre des hommes
Die Öffentlichkeit informieren

Mit Unterstützung von terre des hommes betreibt Raíces deshalb eine inzwischen gut genutzte Homepage mit aktuellen Informationen und Hintergrundberichten zum Thema. In Kursen werden Mitarbeiter aus Schulen, von der Polizei, aus dem Sozial- und Gesundheitswesen, die mit gefährdeten Kindern und Jugendlichen zu tun haben, geschult, um Kinderprostitution und Kinderhandel vorzubeugen. Ein Dokumentationsservice vermittelt den Informationsaustausch zwischen den zuständigen staatlichen und nicht-staatlichen Institutionen. Raíces hat auch ein Handbuch für Journalisten veröffentlicht, damit bekannt gewordene Fälle aufgegriffen werden können und darüber in einer seriösen Form berichtet werden kann, die die Opfer nicht ein zweites Mal traumatisiert.

Lange Jahre mühsamer Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit bedurfte es auch, um durch eine verbesserte Gesetzeslage die Strafverfolgung zu erleichtern. Der entsprechende Entwurf, an dem Raíces maßgeblich mitgearbeitet hat, liegt immerhin inzwischen dem Parlament vor.

terre des hommes fördert die Arbeit von Raíces mit insgesamt 18.287 Euro.

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