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Augen-Blicke in Pune

Anke und Hans-Peter Krull berichten aus Indien


Schüler aus Kaarst vom linken Niederrhein unterstützen Projekte von terre des hommes in Indien. Während des fünfwöchigen Austauschprogramms mit dem Fergusson-College in Pune gab es mehrfach Gelegenheit, sich selbst ein Bild von der Projektarbeit zu machen. Hans-Peter Krull, Lehrer am Albert-Einstein-Gymnasium in Kaarst, hatte den Schüleraustausch vorbereitet und begleitete zusammen mit Anke Krull die 16 bis 18-Jährigen zu den »Mobile Creches«, den mobilen Kindertagesstätten. Hier der Bericht:

Die Straße voller Schlaglöcher, die Luft von Abgasen gesättigt - das Fortkommen ist in der Stadt, durch die Mula und Mutha fließen, strapaziös. Neue Autos, alte klapprige Busse und voll bepackte Lastwagen überholen unsere Riksha. Wir folgen Shruti, die auf einem Motorroller vor uns herfährt - sie ist eine Mitarbeiterin von »Mobile Creches«. terre des hommes unterstützt seit Jahren diese Organisation, die 17 mobile Kinderkrippen in Pune betreibt. Mit sechs Schülern aus Kaarst sind wir auf dem Weg von der Innenstadt in den Vorort Aundh - und neugierig, wie diese Mischung aus Kindergarten, Schule und Tagesstätte am Rande der Großbaustellen funktioniert. Unterwegs sehen wir Ziegen im Müll. Wie Farbtupfer wirken die Hibiskusbüsche und die Saris der Frauen, die auf kleinen Feuerstellen kochen oder Wäsche waschen.

Pune boomt. Viele neue Wohnblocks entstehen. Bei uns würde man sie mit den Plattenbauten der ehemaligen DDR vergleichen. Die Baustellen bieten ungelernten Arbeitern aus ganz Indien Beschäftigung. Der Materialtransport, der in Europa maschinell geschieht, lastet in Indien auf den Schultern, oder besser gesagt, den Köpfen von Menschen. Weil es Pune Arbeit gibt, ziehen Familien, sogar ganze Dorfgemeinschaften aus den armen Bundesstaaten Uttar Pradesh, Andrah Pradesh oder Karnataka in die Millionenstadt im vergleichsweise reichen Maharashtra. Sie schlagen irgendwo am Straßenrand ihre provisorischen Hütten auf und suchen Arbeit. »Aber viel mehr Arbeit Suchende ziehen in die Stadt als gebraucht werden«, bringt Shruti das Problem auf den Punkt.

Die Konkurrenz ist groß. Und so sind viele bereit, für weniger als den Mindestlohn zu arbeiten - das sind 100 Rupien pro Tag, rund zwei Euro. In den von uns besuchten Camps schuften Männer für 70 bis 80 Rupien am Tag, Frauen bekommen für die gleiche Arbeit nur 45 Rupien. Dafür schleppen sie Zementsäcke, Steine, Mörtel und vieles mehr. Der Lohn eines Erwachsenen reicht nicht aus, um eine Familie zu ernähren. Also müssen beide Eltern arbeiten. Die Konsequenz: Die Kinder sind sich selbst überlassen. Bildung ist kein Thema. Die älteren müssen jüngere Geschwister betreuen - das ist vielen Familien wichtiger als der Schulbesuch. Andere Eltern haben Sorge, dass der Schulweg zu lang und zu gefährlich ist. Und nicht wenige befürchten, dass eine Tochter, die lesen und schreiben kann, schwerer zu verheiraten ist. Üblich ist, dass Mädchen sich mit 14 Jahren einen Job als Haushaltshilfe suchen. Die Jungen arbeiten in Teestuben und Gaststätten.

Shruti stoppt ihren Motorroller vor einer Baustelle. Wir folgen ihr zu der Hüttensiedlung. Uns begegnen viele Mädchen im Alter von neun, zehn Jahren. Sie schleppen kleine Geschwisterchen Richtung Baustelle. »Sie bringen die Winzlinge zum Stillen zur Mutter«, erklärt Shruti. »Die Frauen sind auf den Verdienst angewiesen sind, sie arbeiten zwei Wochen nach der Geburt schon wieder. Einige geben ihr Baby auch an die Krippe ab«. Wir kommen zu der Stelle, an der die mobile Kindertagesstätte ihre Zelte aufgeschlagen hat. Mit einem fröhlichem Hallo begrüßen uns etwa 80 Mädchen und Jungen. Eine der Betreuerinnen stellt uns vor und erklärt, dass wir auch fotografieren wollen. Alle sind begeistert. Zehn Minuten später lachen sie vor Freude, als wir ihnen die Bilder auf dem kleinen Display der Kamera zeigen.

Die Reaktionen und die Blicke der Kinder faszinieren uns. Puja, Varsha und Husenbi strahlen, sind voller Lebensfreude. All das entschädigt für die anstrengende Fahrt und die kleinen Ärgernisse unterwegs. Schüler aus Kaarst sind erstaunt, wie simpel die Ausstattung der Kinderkrippe ist, und bewundern die liebevolle Art der Betreuerinnen. Sie können improvisieren und schaffen es trotz der Sprachbarrieren, uns zu integrieren. Simone, Carsten und Salome aus Deutschland sitzen schon auf dem Boden und spielen mit den Kindern, malen gemeinsam ein Bild. Die Zeit vergeht wie im Flug. Shruti schaut auf die Uhr und erinnert die Fünf- und Sechsjährigen, dass die Vorschule wartet. Lernen soll auch heute nicht zu kurz kommen.

Beim Besuch der Baustellen wird uns klar, mit welchen Schwierigkeiten die Menschen hier zu kämpfen haben. Sie kommen aus Andrah Pradesh, aus Rajasthan, aus Bihar oder dem Süden und sprechen verschiedene Sprachen. Die Kinder haben Probleme, sich zu orientieren. Auch ist es laut, es gibt kein Grün, keine funktionierende Infrastruktur - es ist eine Übergangslösung von ungewisser Dauer. Die Hütten stehen dicht neben den Baustellen. Ist ein Gebäude fertig, werden die Bauarbeiter-Familien samt Hütte und Hausrat auf einen Lkw geladen und zu einer neuen Baustelle gebracht.

Wie gut, dass es Mobile Creches gibt. Zur Zeit werden 1.170 Kinder betreut und verpflegt. Ältere Kinder werden motiviert, die nächstgelegene staatliche Schule zu besuchen. Oft sind sie die Ersten in der Familie, die lesen und schreiben lernen. Unvorstellbar für viele von uns. »Nur wenn man so eng mit den Menschen in Kontakt gekommen ist, kann man die Situation wirklich verstehen«, urteilt der Schüler Carsten. Für ihn zählt dieser Besuch zu den wichtigsten Erfahrungen des Indienaufenthaltes. »Mir ist heute klar geworden, dass es nicht reicht, nur theoretisch Bescheid zu wissen«, ergänzt Salome.

Zum Abschied übergeben die Schüler 650 Euro an Nirmala Hiremath, die Leiterin von Mobile Creches in Pune. Vier Stunden später steigen wir in den Bus, der uns zum Flughafen bringt. Es war unsere vierte Indienreise mit Schülern - und es wird nicht die letzte gewesen sein.


Das Kinderhilfswerk terre des hommes fördert die Mobile Creches in Pune. Sie können die Arbeit von terre des hommes unterstützen:

Spendenkonto terre des hommes
Kontonummer 700 800 700
Volksbank Osnabrück e.G.
BLZ 265 900 25
Weitere Spendeninformationen sowie die Möglichkeit zur Online-Spende finden Sie unter www.tdh.de/spenden/.


Anke und Hans-Peter Krull


Der Abdruck des Artikels ist kostenlos; wir bitten Sie aber, uns über Ihre Veröffentlichung zu informieren und Belegexemplare zu schicken: Bitte wenden Sie sich an Cornelia Dernbach, terre des hommes-Pressereferat, Tel. (05 41) 7101-126, eMail: E-Mailpresse@tdh.de

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Ihre Ansprechpartnerin für diesen Artikel bei terre des hommes ist Renate Giesler, Telefon (05 41) 7101-193, eMail: E-Mailr.giesler@tdh.de.

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