|
|
![]() terre des hommes Deutschland e.V. Postfach 4126 D-49031 Osnabrück |
| 1/2004 | |
| Sie befinden sich hier: terre des hommes Homepage » Medienservice » Ausgabe 1/2004 » Drogenkrieg in Bolivien » | |
HauptmenüGrußwortService Medienverteiler Presse-Newsletter Kontakt Pressemitteilungen Volltextsuche Online-AusgabenAusgabe 1/2007Ausgabe 2/2006 Ausgabe 1/2006 Ausgabe 2/2005 Ausgabe 1/2005 Ausgabe 3/2004 Ausgabe 2/2004 Burma: Schule für Flüchtlingskinder Zehn Jahre freies Südafrika Volkswagen-Belegschaft hilft Straßenkindern Jugendgewalt in Guatemala UN-Alphabetisierungsdekade Gujarat drei Jahre nach dem Beben Gambia: Frauen helfen sich selbst Ausgabe 2/2003 Ausgabe 1/2003 Suchen |
Kampf um KokaIn der bolivianischen Region Chapare werden Opfer zu Tätern gemacht
Bolivien ist das ärmste Land Lateinamerikas und der drittgrößte Kokaproduzent der Welt. Die Pflanze liefert den Rohstoff für Kokain. Der von den USA initiierte Drogenkrieg richtet sich immer mehr gegen die eigene Bevölkerung. Am Rand des Schotterweges stehen kleine Felder mit Bananenstauden, Zitrusbäumen, Ananaspflanzen und dazwischen und hin und wieder ein paar einfache Hütten. Dahinter wuchert der Dschungel Amazoniens. Eine Reihe Militärlastwagen, vollgepackt mit jungen Rekruten, rast vorbei. Die Männer auf der Ladefläche sind schwer bewaffnet. Die Farbe in ihren Gesichtern ist Tarnung und Kriegsbemalung. Am Straßenrand stehen einzelne Kinder, Erwachsene, auch ganze Familien. Ihre Haltung ist stoisch, die Blicke ängstlich und wütend zugleich. Alltag im bolivianischen Tiefland Chapare, Alltag im Kampf gegen die Koka, Alltag im Drogenkrieg. Die Koka ist eine 4.000 Jahre alte Kulturpflanze, der – von ihrer rituellen Bedeutung abgesehen – sogar von der Weltgesundheitsorganisation eine gesundheitsfördernde Wirkung attestiert wird. Doch 1859 gelang es dem Göttinger Chemiker Albert Niemann, aus den Blättern der Koka ein kraftvolles Stimulansmittel und Lokalanästhetikum zu isolieren. Ein weißes Pulver, das zur Modedroge wurde und unter dem Kurznamen Kokain einen Siegeszug um die ganze Welt antrat. Koka als SymbolIn einem einfachem Häuschen am Rand des Siedlung Shinahota, ebenfalls im Chapare, verliert ein Baby die Geduld. Zu lang schon hat die Mutter ihre Geschichte erzählt. Also wird der Kleine gestillt, und Juana Quispe spricht weiter. Quispe ist Ende 20, indianischer Abstammung und angeklagt, einen Sprengstoffanschlag auf eine Kirche versucht zu haben. Sie hat nichts dergleichen getan, und sie hat auch gar nichts gegen Kirchen. Aber darum geht es nicht. Quispe ist eine Kokalera, eine organisierte Kokabäuerin. »Die Koka ist ein Symbol«, sagt sie, »ein Symbol für die Rechte und die Kultur der indianischen Bevölkerung«. Dafür kämpft sie. Zudem könne man hier im Chapare nur mit der Koka genug zum Überleben verdienen. Mit Drogen habe das nichts zu tun. Einmal, in den 90er Jahren, ist sie mit den Kameraden und Kameradinnen die 600 Kilometer bis nach La Paz gezogen, um das auch der Regierung klar zu machen. Es hat nichts genutzt. Der Militärkonvoi stoppt mitten auf der Strecke, mitten im Dschungel. Die Rekruten springen vom Transporter und formieren sich zu einer langen Reihe. Bewaffnete Beamte der paramilitärischen Drogenpolizei sichern das Gelände. Die automatischen Waffen sind entsichert. Die Rekruten tragen nur Macheten und Erdschaufeln. Sie grinsen unsicher. Der Jüngste ist 15 Jahre alt. Juana Quispe kam in den 80er Jahren aus der Minenregion Potosí im bolivianischen Hochland in den Chapare. Im Rahmen einer vor allem von den USA diktierten neoliberalen Wirtschaftspolitik wurden 1985 die meisten Minen Boliviens einfach geschlossen. Zigtausend Mineros, unter ihnen Quispes Eltern, zogen ins Tiefland, um mit der Koka eine neue bescheidene Existenz aufzubauen. Neben dem traditionellem Gebrauch – dem schlichten Kauen der Kokablätter – wurden und werden aber auch Teile der Ernte für die Drogenproduktion genutzt. Hohe und höchste Militärs und Regierungsmitglieder waren darin verwickelt. 1988 aber verabschiedete die bolivianische Regierung unter dem Druck der USA das Gesetz 1008 zur Drogenbekämpfung. Sämtliche Kokapflanzungen im Chapare wurden für illegal erklärt. Die Produktion von Koka für den geduldeten, traditionellen Gebrauch ist seitdem nur noch in den Yungas – tief eingeschnittenen, subtropischen Tälern an der Ostflanke der Anden – erlaubt. Doch erst als die USA 1995 ihre Entwicklungs- und Militärhilfe an Erfolge in der Drogenbekämpfung koppelten, wurden die Vorgaben konsequent umgesetzt. Trotzdem wächst die Kokaanbaufläche nach Angaben des Drogenkontrollprogramms der Vereinten Nationen wieder, auch wenn die bolivianische Regierung andere Zahlen verbreitet. Im Zweifel gegen die AngeklagtenWährend das Gesetzespaket ursprünglich Kompensationszahlungen für die Vernichtung von Kokafeldern vorsah, hat es sich seit Mitte der 90er Jahre »in ein reines Repressionsinstrument verwandelt«, erklärt Veronica Ramos Cachi von der Menschenrechtsorganisation CASDEL. Die Liste der von ihr beobachteten humanitären Verbrechen ist lang. Über 50 Tote hat es in den letzten Jahren gegeben. Selbst Kinder werden bedroht, verhört und geschlagen, und sie müssen immer wieder erleben, wie ihre Eltern von den Soldaten und Paramilitärs schikaniert werden. Viele von ihnen sind traumatisiert und voller Hass. Das gut hundertköpfige Kommando hetzt mittlerweile durch das feuchte Grün des bolivianischen Urwalds. An den glitschigen Baumstämmen, die als Stege dienen, um einzelne Bäche zu überqueren, kommt der Zug ins Stocken. Selbstschussanlagen und Sprengfallen soll es hier geben. Um der Gefahr zu entgegen, ist es wichtig, dem Vordermann dicht zu folgen. Das gelingt nicht immer. Juana Quispes Baby ist eingeschlafen. Ihr droht eine lange Haftstrafe. Bis zum ersten Geburtstag des Kindes in wenigen Wochen ist sie von der Untersuchungshaft verschont und steht unter Hausarrest. Neben der Androhung drakonischer Strafen wurde die Unschuldsvermutung durch das Gesetz 1008 einfach umgekehrt. Mit den Kokabauern des Chapare geriet eine ganze Bevölkerungsgruppe unter Generalverdacht. Wer verdächtigt wird, ohne Lizenz Materialien zu transportieren, die zur Drogenherstellung genutzt werden könnten – dazu zählt neben diversen Chemikalien auch Kerosin, Zement und sogar Toilettenpapier – ist gezwungen, selbst seine Unschuld zu beweisen. Wem das nicht gelingt, der kann durchaus zu zehn Jahren Haft verurteilt werden. In den Gefängnissen des Departements Cochabamba, zu dem auch der Chapare gehört, sitzen vermutlich bis zu 90 Prozent aller Häftlinge wegen geringfügiger Drogendelikte. Mitten im Nirgendwo des bolivianischen Urwalds sind die Soldaten auf ein Kokafeld gestoßen. Hastig werden die Sträucher und selbst die Wurzeln zerhackt. Am Rand steht stolz der Einsatzleiter. Lässig liegt seine Hand auf der Maschinenpistole. Nein, eigentlich hat er gar nichts gegen die Koka. Er nutzt sie selbst manchmal, nachts, wenn er arbeiten muss. »Die Pflanze kommt von unseren Vorfahren. Sie hat sehr viel Kraft«, sagt er. Dann eilt er weiter zum nächsten Einsatz. Juana Quispe will sich nicht einschüchtern lassen. »Je mehr Druck die Regierung ausübt, desto mehr werden wir für die Koka kämpfen«, betont sie. Doch ihre Stimme ist brüchig und ihr Blick auf das Baby im Arm verrät ihre Sorge. Die Menschrechtlerin Veronica Ramos Cachi spricht ihr Mut zu. Das Kinderhilfswerk terre des hommes unterstützt die Arbeit der Organisation CASDEL, die den indianischen Bauern in ihrem Kampf um Selbstbestimmung beisteht. Gerade Gewerkschaftsführer wie Juana Quispe werden zur Einschüchterung immer wieder mit juristischen Anklagen konfrontiert. Auch wenn die Beweise nicht ausreichen oder sogar gefälscht sind, könnte das Urteil gegen Quispe sehr hart ausfallen, sagt Veronica Cachi mit sorgenvollem Blick auf die junge Mutter, denn die Justiz macht das, was »politisch opportun« ist. Auch Cachi nennt den Krieg gegen die Koka »einen falschen Krieg«, der sich vor allem gegen die indianische Bevölkerung und ihre sozialen Organisationen richtet. »Wenn es so weiter geht«, so fürchtet die Menschenrechtlerin, »dann wird der Chapare bald zu einem zweiten Kolumbien.« Jörn Klare terre des hommes unterstützt die Menschenrechtsarbeit von CASDEL in Bolivien. In 27 Ländern fördert terre des hommes mehr als 400 Projekte für Not leidende Kinder. Sie können diese Arbeit mit Ihrer Spende unterstützen. Spendenkonto terre des hommes Hintergrund: Der Konflikt im ChapareNach wiederholten massiven sozialen Protesten gegen Steuererhöhung oder den Verkauf der Erdgasreserven zu Niedrigstpreisen, die die Regierung des Bergwerksunternehmers Sánchez de Lozada auch mit brutalen Militäreinsätzen nicht unter Kontrolle bringen konnte, musste der bolivianische Präsident im Oktober 2003 seinem Stellvertrerter Carlos de Mesa Platz machen. Der genießt bei der Bevölkerung trotz massiver, sozial jedoch ausgewogener, Sparmaßnahmen immer noch hohen Rückhalt, und sein Kabinett besteht vorwiegend aus Fachleuten, die in Konfliktthemen frühzeitig Verhandlungen suchen. Bei einem Thema jedoch ist der Verhandlungsspielraum eng: Die Kokabauern-Organisationen im Chapare bieten der Regierung zwar einen Pakt gegen den Drogenhandel an, unter der Voraussetzung, dass ihnen eine Mindestfläche Kokafelder für die legale Vermarktung zugestanden wird (u.a. hat China Interesse an der medizinisch, als Tee und auch für Coca Cola-Produktion verwendeten Pflanze angemeldet). Doch die US-Regierung besteht auf der Vernichtung aller Kokafelder in der Tropenregion. Der Sprecher der Kokabauern ist Evo Morales, gleichzeitig Vorsitzender der zweitstärksten Partei im bolivianischen Parlament, die in den Meinungsumfragen derzeit weit vorne liegt und sich gegen den Ausverkauf der bolivianischen Erdölreserven wendet. Die beiden größten Investoren im Chapare sind US-amerikanische Erdölunternehmen. Laut UNDCP (Drogenkontrollprogramms der Vereinten Nationen) wurde im Jahr 1989 noch auf 52.900 Hektar in Bolivien Koka angebaut; bis zum Jahr 2001 sei die Anbaufläche auf knapp 20.000 Hektar reduziert worden; bevor sie im Folgejahr wieder auf 24.400 Hektar angestiegen sei. Darin enthalten ist die 12.000 Hektar große legale Anbaufläche in den Yungas von La Paz. 60 Prozent der US-Entwicklungshilfe für Bolivien gehen in den Chapare, in dem mit knapp 330.000 Menschen nicht einmal vier Prozent der bolivianischen Bevölkerung leben. Auch die Europäische Union hat große Anstrengungen unternommen, Alternativprodukte zur Koka zu fördern. Doch solange diese Projekte nicht mit den betroffenen Menschen und ihren Organisationen, den Gewerkschaften und Munizipien, geplant und durchgeführt werden, haben sie wenig Aussicht auf Erfolg. Auch bei der »Tausendjährigen Pflanze der Inkas« wiederholen sich Muster der Ausbeutung der Länder des Südens. Nur ein verschwindend geringer Anteil der Einnahmen bleibt beim Kokabauern; die Gewinne bleiben bei den Drogenhändlern im Norden und landen im internationalen Bankensystem. Peter Strack, terre des hommmes-Koordinator in Cochabamba, Bolivien Der Abdruck des Artikels ist kostenlos; wir bitten Sie aber, uns über Ihre Veröffentlichung zu informieren und Belegexemplare zu schicken: Bitte wenden Sie sich an Cornelia Dernbach, terre des hommes-Pressereferat, Tel. (05 41) 7101-126, eMail: [
Weitere Informationen / LinksIhr Ansprechpartner bei terre des hommes: Michael Heuer, Telefon (05 41) 71 01-145, eMail: Links»Brief aus La Paz« (Oktober 2003), terre des hommes-Projektpartner José Luis Núñez zu den Unruhen, die schließlich zum Sturz des Präsidenten Sánchez de Lozada führten. »Wie viele Tote erträgt das Modell?«, terre des hommes-Koordinator Peter Strack zur moralischen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Krise Boliviens und zu ihren Chancen. [
ServiceDokumenteWir bieten Ihnen dieses Dokument als Word-Datei (41 KB, 9531 Zeichen) zum Download an. Fotos
Einsatz im Dschungel. Das bolivianische Militär im Kampf gegen Koka-Anbau
Ungewisse Zukunft: Juana Quispe mit ihrem Sohn
Kurturpflanze: Legaler Kokaverkauf auf einem Markt in Bolivien
Bolivien, Chapare: Hauptquartier der Drogenpolizei UMOPAR bei Chimoré. Einheiten beim Training im Camp
Bolivien, Chapare: legaler Kokamarkt in Shinahota
Bolivien, Chapare: Durchsuchung von Fahrzeugen am Checkpoint Chipirí nach Drogen oder Zutaten zur Herstellung der Kokainpaste [
• Zurück zur Übersicht Hinweis: Die Thumbnails sind mit den jeweiligen Fotos verknüpft. Um die große Version der Fotos abzuspeichern gehen Sie bitte mit der Maus über das jeweilige Thumbnail und wählen über das Kontextmenü der rechten Maustaste "Ziel speichern unter...". Alternativ können Sie das Thumbnail auch direkt anklicken, das Foto wird dann in einem neuen Browserfenster angezeigt. Dort wählen Sie dann "Datei » Speichern unter...". |
|