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Südafrika im WandelZehn Jahre nach dem Ende der Apartheid
Im April 2004 jährt sich das Ende der Apartheid in Südafrika zum zehnten Mal. Noch immer ist das Land im Umbruch. »Mit zehn Jahren ist Südafrika noch wie ein Baby, wenn es darum geht, die Denkweise der Menschen zu ändern«, meint Grace Mashaba, Staatsanwältin in der Provinz Mpumalanga und Leiterin eines Heims für Kinder aus extrem schwierigen Situationen. Doch für sie überwiegen die Fortschritte: »Wir sind frei von Angst, wir haben die Freiheit zu sprechen, wir können in ein Krankenhaus gehen und sogar auf eine Bank...« Allzu schnell vergisst man, dass all das in der Zeit der Apartheid nicht möglich war. Die Änderungen sind riesig. Drückender aber ist, was sich noch nicht geändert hat. »Wir haben die Befreiung, aber wir sind immer noch nicht die Besitzer des Landes«, sagt Grace Mashaba. Die Armut ist nach wie vor extrem für einen großen Teil der Bevölkerung. Die registrierte Arbeitslosigkeit beträgt 40 Prozent, es gibt zu wenig Ausbildungsplätze. Und das Verhältnis der Armen zu den Reichen trägt oft noch immer das alte Gesicht der Apartheid. Es gibt Enttäuschung. Doch hätte es in den vergangenen zehn Jahren eine Alternative gegeben zu den Entscheidungen, die die Regierung traf? Helena de Sousa von der Organisation »Masungulo« zum Beispiel ist noch immer erstaunt, dass es im Übergang von der Apartheid zur Nach-Apartheid-Zeit nicht größere Probleme gegeben hat. AIDS trifft alleEines der dringendsten Probleme zurzeit ist AIDS. Nach Angaben von UNAIDS sind mehr als fünf Millionen Menschen in Südafrika HIV-positiv, täglich kommen 1.500 neu hinzu. Zwei Jahre lang herrschte von Seiten der südafrikanischen Regierung Stillstand, sie spielte die Auswirkungen der AIDS-Epidemie herunter. Die Forscherin Mandisa Mbali von der Universität von Natal in Durban erhebt schwere Vorwürfe gegen Präsident Mbeki, auch wenn dieser sich von seiner Leugnung belegter Erkenntnisse zu AIDS inzwischen distanziert hat. »Seine Politik führte zu einer ernsten Minderung der moralischen Autorität des Nach-Apartheid-Staates«, sagt die Forscherin. Dass die Demokratie dennoch funktioniert, zeigt der Erfolg der südafrikanischen Menschenrechtsorganisation »Treatment Action Campaign«. Sie zwang nämlich die Regierung durch eine erfolgreiche Klage vor dem Verfassungsgerichtshof im November letzten Jahres zur Gratisabgabe von AIDS-Medikamenten für HIV-positive Schwangere und für Vergewaltigungsopfer. Wahltag – und wer geht hin?Am 14. April können die Südafrikaner eine neue Regierung wählen. Wird der ANC, der Afrikanische Nationalkongress, wieder die meisten Stimmen bekommen? Pater Jean Pierre Le Scour von der Hilfsorganisation »Masungulo« meint, der ANC, der eng mit dem Namen Nelson Mandelas verbunden ist, werde wieder die Mehrheit bekommen. Doch die werde geringer ausfallen. Viele Südafrikaner sind von der Regierung enttäuscht und lassen sich gar nicht erst in die Wählerlisten eintragen. Schon bei den zweiten Wahlen im Jahr 1999 wählten gut zwei Millionen Menschen weniger als bei der ersten freien Wahl am 27. April 1994. Diesmal gibt es 20 Millionen registrierte Wählerinnen und Wähler. Das sind etwa eine Million mehr, als 1994 gewählt haben. Junge Erwachsene interessieren sich, so scheint es, aber immer weniger für Politik. Das ergab eine Untersuchung, die kürzlich in der Zeitschrift »Mail and Guardian« veröffentlicht wurde. Etwa zwei Millionen Menschen, die bei der letzten Wahl jünger als 18 Jahre alt waren, könnten theoretisch nun das erste Mal wählen. Weniger als die Hälfte von ihnen haben sich in die Wählerlisten eintragen lassen. Dennoch: Der ANC bleibt für jüngere Wähler die beliebteste Partei. Schwarze Schülerinnen und Schüler sehen durchaus die positiven Entwicklungen. Sie haben heute Zugang zu Stipendien, um ihre Ausbildung weiterzuführen. Es gibt Redefreiheit und weniger Rassismus. Opfer der Apartheid wurden entschädigt, wenn auch unzureichend. Frauen haben das Recht auf Eigentum, nicht nur vermittelt durch Männer, wie das früher der Fall war. Dass die Anzahl der Vergewaltigungen laut Statistik zugenommen hat, habe auch damit zu tun, dass heute mehr Frauen eine Vergewaltigung anzeigen, sagen einige der Befragten. Versöhnung und GewaltEin großes Problem des Landes ist die Gewalt. Sie versetzt viele Südafrikaner in Schrecken. Nach Ansicht von Pater Jean Pierre ist sie eine Folge der Arbeitslosigkeit und der unerfüllten Versprechen von 1994: »Die Politiker haben hervorragend das Konzept der Freiheit vermittelt, aber nicht das der moralischen Erziehung«, bemängelt er. Grace Mashaba sieht einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Gewalt in den Städten und der Apartheid: »Die Menschen wurden damals etikettiert.« Das führe jetzt zu den Bandenkriegen. Zur Bewältigung der Apartheidvergangenheit wurde von der Regierung die »Wahrheits- und Versöhnungskommission« (TRC) unter Vorsitz Desmond Tutus eingesetzt. Sie gilt weltweit als beispielhaft für den Umgang mit einer Vergangenheit, in der die Herrschenden durch Menschenrechtsverletzung ihre Machtposition sicherten. Anliegen der Kommission war, vergangenes Unrecht wiedergutzumachen und eine Menschenrechtskultur aufzubauen. Es ging um Vertrauen und Vergebung. »Für einige hat das funktioniert, für andere Opfer der Apartheid nicht«, meint die Staatsanwältin Mashaba. Die Autorin Madelaine Fullard und ihr Kollege Nicky Rousseau kommen zu dem Schluss, dass die Wirkung der TRC auf die öffentliche Psyche immens war. Sie weisen aber auch auf die zögerliche Haltung der Regierung gegenüber den Empfehlungen der TRC hin. Viele Opfer warten noch immer auf eine finanzielle Entschädigung. Erbe der Apartheid: PersonalproblemeFür Grace Mashaba gibt es eine weitere Enttäuschung: »Die wichtigen Personen sitzen nur in ihren Büros.« Doch sie hat Verständnis für die heutigen Amtsträger: »Auf ihnen lastet sehr viel Druck, und sie finden keine Zeit mehr, mit den Menschen zu reden.« Die Staatsanwältin bemängelt, dass nach 1994 viele Positionen besetzt worden sind, ohne auf die fachliche Qualifikation der Bewerber zu achten. Verdiente Befreiungskämpfer mussten versorgt werden. Andere seien in Entscheidungspositionen gelangt, nur weil sie eine dunkle Hautfarbe haben. Die Folgen: Falsche Entscheidungen im Bereich der Innenpolitik, der Justiz und im Erziehungswesen. Wäre es denn möglich gewesen, in entscheidenden Positionen die weißen Südafrikaner zu lassen – nach all dem, was während des Apartheidregimes geschehen ist? Grace Mashaba weist an dieser Stelle auf die Notwendigkeit der Versöhnung hin. »Wir müssen den Käfig des Hasses verlassen.« Es sei gut gewesen, sagt sie, dass Mandela zunächst de Klerk zu seinem Stellvertreter gemacht habe. Die Zeit vor dem Jahrestag jener Wahlen von 1994 ist in Südafrika auch ein Moment des kritischen Rück- und Ausblicks. Der »Human Sciences Research Council« (HSRC) hat dazu eine wichtige Publikation mit dem Titel »State of the Nation« herausgegeben. Der HSRC ist selbst ein Zeichen für den Wandel. Er war einst vom Apartheidregime als eine Art Denk- und Rechtfertigungseinrichtung geschaffen worden. Heute wird diese Institution, die nun kritische Forscher aus der Tradition der Anti-Apartheid-Bewegung beschäftigt, zu einem großen Teil mit Geld aus dem Staatshaushalt finanziert. Relativ leicht war es damals, sich darauf zu einigen, dass die Apartheid bekämpft werden muss. Doch es bleibt weiterhin schwierig, Chancengleichheit in Südafrika durchzusetzen. Ralf Syring terre des hommes fördert 25 Hilfsprojekte in Südafrika. Dazu gehören Schutzzentren für Straßenkinder, Bildungs- und Ausbildungsprogramme, Gesundheitsprojekte und Initiativen gegen die Gewalt. Insgesamt unterstützt terre des hommes in 27 Ländern mehr als 400 Projekte für Not leidende Kinder. Sie können diese Arbeit mit Ihrer Spende unterstützen: Spendenkonto terre des hommes Der Abdruck des Artikels ist kostenlos; wir bitten Sie aber, uns über Ihre Veröffentlichung zu informieren und Belegexemplare zu schicken: Bitte wenden Sie sich an Cornelia Dernbach, terre des hommes-Pressereferat, Tel. (05 41) 7101-126, eMail: [
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