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Leben in Angst

In der indonesischen Provinz Aceh wurde wieder das Kriegsrecht verhängt



Eine Studentin steht vor der Universtätshalle von Banda Aceh. Paramilitärs haben das Gebäude niedergebrannt

Samsul Bahri Teuku ist in großer Sorge: Die indonesische Armee ist in seine Heimat Aceh einmarschiert. Die Regierung hat das Kriegsrecht verhängt; Hilfsorganisationen und Journalisten wurden ausgewiesen. Der Friedensprozess, der auf einem guten Wege war, ist wieder einmal gescheitert in der geschundenen Provinz Aceh, wo seit 26 Jahren Bürgerkrieg herrscht. »Wieder wird es die unschuldigen Zivilisten am härtesten treffen, wenn jetzt zigtausend Soldaten das Land besetzen«, weiß Samsul.

Aceh liegt am nördlichen Zipfel der Insel Sumatra. Trotz reicher Erdgasvorkommen in der Provinz leidet die Bevölkerung Not. Mehr als 12.000 Menschenleben hat der Krieg bereits gefordert; Folterung, Vertreibung und Vergewaltigungen gehören seit Jahrzehnten zum Alltag. Besonders gefürchtet sind die Paramilitärs, die von der Armee ausgebildet wurden. »Sie zünden Wohnhäuser, Schulen und Universitäten an«, erklärt Samsul. »Zweitausend Schulen wurden zerstört. Sie machen das systematisch, weil sie wollen, dass wir dumm und ungebildet bleiben.«

Der 24-Jährige ist als Menschenrechtsaktivist in Europa und berichtet über die dramatische Situation in seiner Heimat. In Genf berichtete Samsul vor der UN-Menschenrechtskommission. Auf zahlreichen Veranstaltungen informiert er über die verzweifelte Lage seiner Landsleute. Einfach ist es nicht., für die Anliegen der Menschen in Aceh Gehör zu finden - zu unbekannt ist dieser Teil der Halbinsel Sumatra. Doch Samsul lässt sich trotzdem nicht entmutigen. Er ist Mitarbeiter von KONTRAS, einer Organisation, die seit Jahren Menschenrechtsverletzungen in Aceh dokumentiert, sich für die Verschwundenen und Vertriebenen einsetzt. Die Arbeit ist allerdings voller Risiken: Selbst Büros in der Hauptstadt Jakarta sind nicht sicher, wie Ende Mai ein Überfall durch paramilitärische Milizen auf das KONTRAS-Büro zeigte. Dabei wurden fünf Mitarbeiter verletzt und das Büro komplett verwüstet. Der Oberkommandierende der indonesischen Streitkräfte, Sutarto, gab den Opfern danach den Rat, in sich zu gehen und darüber nachzudenken, welche patriotische Motivation die Angreifer gehabt hätten - auch wenn er ihre Methoden ablehnen würde.

Zwischen den Fronten

Nicht nur die Regierung geht rigoros gegen die Zivilbevölkerung vor, auch die Rebellenbewegung GAM greift zu drastischen Mitteln, um ihren Krieg führen zu können. Wie in so vielen anderen Konfliktregionen geraten die einfachen Menschen in die ausweglose Situation, von beiden Seiten bedroht und zur Kollaboration gezwungen zu werden - oft mit tödlichen Konsequenzen.

Vier Millionen Einwohner zählt die Provinz Aceh. Es ist eine ländliche und maritime pluralistische Gesellschaft, mit starker islamischer Tradition und mit Handelsgeist, denn der bedeutende Seeweg zwischen Indien und China führt an Aceh vorbei. Aceh ist fruchtbar und potenziell reich: In der Nähe von Lhlokseumawe errichtete der Ölmulti EXXON die größte Erdgasverflüssigungsanlage der Welt. Der Reichtum Acehs kam und kommt jedoch nicht der Bevölkerung zugute; vielmehr werden die Einnahmen von der Regierung in Jakarta abgeschöpft. Der Widerstand hat in Aceh eine lange Tradition: Die Bevölkerung beteiligte sich bereits aktiv am Kampf gegen die Kolonialmacht Holland. Mit der Staatsgründung unter Präsident Sukarno wurde die Free Aceh Movement (GAM) gegründet, die bis heute um einen unabhängigen Staat Aceh kämpft. Besonders in der Zeit der Suharto-Diktatur wurde die Bewegung massiv unterdrückt.

Die jetzige indonesische Regierung von Präsidentin Megawati Sukarnoputri hatte 2002 einen Friedensprozess gestartet, der im Dezember zu einem Abkommen führte. Offenbar setzten sich aber in der Zwischenzeit die eigentlichen Machthaber Indonesiens, die Militärs, mit ihrer harten Linie durch, sodass schon nach wenigen Monaten das Abkommen aufgekündigt und das Kriegsrecht über die Provinz verhängt wurde. Seitdem herrscht in Aceh der blanke Terror, Tausende sind auf der Flucht in Auffanglager, weder die Presse noch internationale Hilfsorganisationen haben Zugang zur Kriegsregion. Auch die brutalen Milizen und paramilitärischen Gruppen verbreiten nun wieder Angst und Schrecken in Aceh.

Seit Mitte der 90er Jahre fördert das Kinderhilfswerk terre des hommes Projekte in Aceh. Die Partnerorganisationen bemühen sich besonders um die zahllosen Vertriebenen, insbesondere Kinder und Frauen, die vor den Kämpfen in Lager flüchten mussten. Dort leben sie unter unerträglichen Bedingungen: Neben Mängeln in der Gesundheitsversorgung und fehlenden Schulen für die Kinder zeigt sich immer wieder, dass die Menschen in diesen Lagern vor Übergriffen nicht sicher sind. In 15 Lagern sind Partner von terre des hommes aktiv, um die Gesundheitsversorgung und Schulbildung zu organisieren und Vertriebene bei der Rückkehr zu unterstützen. Insgesamt wurden bisher 45.000 Menschen mit den Hilfsprogrammen erreicht.

Auch Straßenkinder und arbeitende Kinder erhalten Unterstützung: Viele von ihnen sind Waisen oder wurden durch die Kampfhandlungen von ihren Familien getrennt, zahlreiche Kinder sind durch die Kriegserlebnisse traumatisiert. Zudem gibt es immer häufiger Fälle von Mädchenhandel zum Zwecke der Prostitution.

Ein weiterer Arbeitsbereich der terre des hommes-Partner ist der Einsatz für Menschenrechte: So wie Samsul und seine Organisation KONTRAS, setzen sich die Aktivisten für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen ein, dokumentieren Verstöße und tragen dazu bei, dass trotz Militarisierung und Repression der Aufbau einer Zivilgesellschaft weitergeht. Doch nach der neuerlichen Aufkündigung des Waffenstillstands sind die Partner von terre des hommes derzeit kaum noch in der Lage, ihre Programme aufrecht zu erhalten.

Appell an die Bundesregierung

terre des hommes hat gegen den Kriegszustand in Aceh protestiert. Der Bundesaußenminister und die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung wurden aufgefordert, sich gegenüber der indonesischen Führung für eine friedliche Lösung des Konfliktes einzusetzen und internationalen Hilfsorganisationen den Zugang zu den Menschen in Aceh zu ermöglichen, um Hilfe leisten zu können. Außerdem protestierte terre des hommes gegen die finanzielle, technische und militärische Unterstützung Indonesiens durch Deutschland, insbesondere die Modernisierung von ehemaligen Schiffen der Nationalen Volksarmee durch neue Schiffsdiesel. Diese Schiffe werden nachgewiesenermaßen, entgegen vertraglicher Vereinbarung, auch im Kriegsgebiet eingesetzt.

terre des hommes will selbst Soforthilfe für die Not leidende Bevölkerung organisieren, sobald die Rahmenbedingungen dafür geschaffen sind.

Spendenkonto terre des hommes
Kontonummer 700 800 700
Volksbank Osnabrück e.G.
BLZ 265 900 25

Weitere Spendeninformationen sowie die Möglichkeit zur Online-Spende finden Sie unter www.tdh.de/spenden/.


Andreas Rister


Der Abdruck des Artikels ist kostenlos; wir bitten Sie aber, uns über Ihre Veröffentlichung zu informieren und Belegexemplare zu schicken: Bitte wenden Sie sich an Cornelia Dernbach, terre des hommes-Pressereferat, Tel. (05 41) 7101-126, eMail: E-Mailpresse@tdh.de

Weitere Informationen / Links

Ihr Ansprechpartner bei terre des hommes: Andreas Rister, Telefon (05 41) 71 01-122, eMailE-Maila.rister@tdh.de.

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Weitere Informationen zur Krisenregion Aceh finden Sie auf einer Sonderseite auf unserer Homepage.

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Eine Studentin steht vor der Universtätshalle von Banda Aceh. Paramilitärs haben das Gebäude niedergebrannt

Foto: Masaru Goto
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Einsatz für Menschenrechte in Aceh: Samsul Bahri Teuku

Foto: Andreas Rister
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