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Tödliches SchweigenAIDS-Waisen in Sambia
Die Folgen der Immunschwächekrankheit AIDS sind für die knapp zehn Millionen Sambier verheerend. Schon heute leben in dem südafrikanischen Land schätzungsweise 600.000 bis 1,6 Millionen Waisenkinder. Selbst wenn die Ansteckungsraten sinken sollten - die größten Probleme kommen noch. Die Epidemie wird ihren Höhepunkt voraussichtlich erst im Jahr 2010 erreichen, wenn bei der Mehrheit der infizierten Erwachsenen die Krankheit ausgebrochen ist und sie an AIDS sterben. Die Zahl der Waisen wird noch drastisch ansteigen. Helen zögert. Sie will nicht mehr darüber reden. Susan nickt, lässt dem Mädchen Zeit für eine Pause. Es geht um sexuelle Belästigung, Nötigung und wohl auch Vergewaltigung durch den eigenen Onkel. Es geht um Helens Leben im Haus ihrer Tante. Dort lebte die schüchterne 15-Jährige, seit erst ihr Vater und dann ihre Mutter an »der Krankheit« gestorben waren. Welche Krankheit? »Hexerei«, antwortet Helen schnell, und Susans Stirn legt sich in Falten. Die Eltern sind an AIDS gestorben. Das aber will Helen nicht wahrhaben. Bereits Anfang der 1980er Jahre gab es die ersten AIDS-Fälle in Sambia. Doch für viele ist die Immunschwächekrankheit noch immer ein Tabu. Weil Helen es nicht mehr aushielt im Haus ihrer Tante und weil als einzige Alternative ein Leben auf der Straße drohte, ist sie bei UMOYO und somit bei Susan gelandet. UMOYO - in der Sprache der Chewa-Ethnie bedeutet das Wort »Lebensunterhalt« - ist ein Hilfsprojekt für Waisenmädchen. Die 33-jährige Susan ist hier so etwas wie die gute Seele. Die Anlage - Versammlungs- und Unterrichtsraum, schlichte Unterkünfte für Kinder und Betreuerinnen, eine offene Küche - liegt idyllisch gelegen in den Maisfeldern am Rand von Sambias Hauptstadt Lusaka. Unerschwingliche MedizinIn der Hauptstadt vom Sambia und den Randbezirken leben etwa 1,5 Millionen Menschen. Lusaka ist eine freundliche Stadt mit viel Grün und vorwiegend zwei- bis dreistöckigen Gebäuden. Die entspannte Atmosphäre wirkt wie eine Maske. Dahinter verbirgt sich ein unermessliches Leid: Jeder dritte Einwohner im Alter von 15 bis 49 Jahren ist hier mit dem HI-Virus infiziert. Die Immunschwäche hat die durchschnittliche Lebenserwartung in Sambia von 54 auf 38 Jahre gedrückt. Für den Besucher ist auf den ersten Blick im Straßenalltag der Hauptstadt von dieser Katastrophe nichts zu spüren. Winton Zulu kann viel über die Tragödie erzählen. Er arbeitet für den »Kara Counselling & Training Trust«, der auch das UMOYO-Trainingszentrum im November 1996 ins Leben gerufen hat. Winton kennt nicht nur die Statistiken und Fälle; er ist selbst betroffen. 1990 erfuhr er, dass er HIV-positiv ist. Damals wollte er als glücklicher Stipendiat zum Studium nach Moskau reisen. Es kam der obligatorische Test. Das Ergebnis war ein Schock für ihn. »Sechs, höchstens sieben Jahre gaben mir die Ärzte damals«, Winton schaut auf und lacht. Jetzt sind es schon doppelt so viele. Der 35-Jährige hat sich mit seinem Schicksal arrangiert, hat später seine ebenfalls HIV-positive Freundin geheiratet und sogar ein Kind mit ihr bekommen. Eine Übertragung auf das Baby konnte verhindert werden, weil die werdende Mutter vor der Entbindung Nevirapine bekam und das Neugeborene sofort mit dem Medikament in Saftform versorgt wurde. Den Tod vor Augen glaubt Winton an das Leben. Er war der erste Sambier, der mit seiner Krankheit an die Öffentlichkeit ging. Dafür wurde er mit Steinen beworfen. Immer wieder musste er umziehen und sich »wie ein Verbrecher« verstecken. Das ist heute zum Glück vorbei. Sonst hat sich nicht sehr viel geändert. »Die alte Regierung ist dem Problem ausgewichen«, beklagt Winton Zulu. Er hofft auf den neuen Staats- und Regierungschef Levy Patrick Mwanawasa. Winton schlägt vor, die Luftwaffe abzuschaffen und mit dem Budget die Verbreitung des Virus zu bekämpfen. »Sambia hat keinen wirklichen äußeren Feind, dafür aber einen tödlichen inneren.« Trotz allem, der Mann ist privilegiert. Er kann sich die anti-retroviralen Medikamente leisten, die den Ausbruch der Krankheit eindämmen. Umgerechnet 50 Euro - sein halbes Gehalt - zahlt er dafür jeden Monat. Für den Großteil der Bevölkerung ist das eine extrem hohe Summe. Etwa 80 Prozent aller Sambier müssen mit weniger als einem Euro am Tag ihren kompletten Lebensunterhalt bestreiten. Dass jetzt ein britisch-amerikanischer Pharma-Riese den Preis des AIDS-Medikaments für Patienten in den ärmsten Entwicklungsländern nochmals senken will, auf 0,82 Euro pro Tagesdosis, hilft ihnen wenig. Es gibt HoffnungEin Grund dafür, dass die Medikamente so teuer sind, sind die Patente, mit denen Pharmakonzerne ihre Produkte vor Konkurrenten und nicht autorisierter Nachahmung schützen. »Schlichtweg kriminell« nennt es Winton Zulu, dass die Welthandelsorganisation WTO den durchaus möglichen Zugang zu billigeren »generischen« Medikamenten nicht möglich gemacht hat. Eigentlich müsste er wütend sein auf die USA, sie blockierten im Dezember 2002 die WTO-Verhandlungen über den leichteren Zugang zu Medikamenten zur Behandlung von epidemischen Krankheiten. Trotz allem gibt es Hoffnung, sagt Muamaba Mutale. Der Leiter des Mädchenprojekts UMOYO nennt als Beispiel die sinkende Rate bei den Neuinfektionen junger Frauen und warnt im gleichen Atemzug, dass »man sich auf keinen Fall ausruhen darf«. Bis vor 15 Jahren habe es hier den Begriff »Waise« gar nicht gegeben, erklärt er. Nach dem überlieferten Konzept der afrikanischen Familie hat jedes Kind in den Geschwistern der Eltern »viele Mütter und Väter«. In seiner eigenen Familie leben drei Kinder seiner an AIDS gestorbenen Schwester. In jedem zweiten Haushalt von Lusaka ist die Situation ähnlich. Die Kinder werden nicht im Stich gelassen. Der Leiter von UMOYO sieht in diesem sozialen Zusammenhalt eine große Stärke: Ob das in Deutschland auch so möglich wäre, fragt er. Und doch sind die traditionell starken Großfamilien vom Ausmaß der Epidemie mittlerweile überfordert. Muamaba Mutale nennt den Fall einer alten Frau: Von ihren elf Kindern und deren Nachkommen ist ihr ein einziger Enkel geblieben. Immer mehr Haushaltsvorstände sind selbst Minderjährige. Sie sind auf sich allein gestellt, brechen aus Not die Schule ab, kommen nirgends unter und müssen sich oftmals noch um die jüngeren Geschwister kümmern. Ein Zentrum wie UMOYO wird mehr den je gebraucht. ArmutsspiraleMuamaba nennt nur ein paar Stichworte, um die Situation der Waisen zu beschreiben: »Hunger, Depression, fehlende medizinische Versorgung, keine schulische Ausbildung, Obdachlosigkeit - kurz gesagt: Keine Zukunft«. Sambia zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Dass wiederum viele der AIDS-Opfer qualifizierte Arbeitskräfte im besten Erwerbsalter sind, macht die Hoffnung auf einen baldigen wirtschaftlichen Aufschwung noch unrealistischer. Eine direkte Folge dieser ökonomischen Abwärtsspirale lässt sich jeden Abend in den Ausgehvierteln Lusakas beobachten. Hunderte Frauen, viele von ihnen kaum im Teenageralter, prostituieren sich für umgerechnet wenige Euro. So gut es geht, haben sie sich herausgeputzt und stehen am Straßenrand oder suchen in einer der Bars und Diskotheken nach Kunden. Ihre Biographien tragen das immer gleiche Muster: Der Ernährer ist gestorben, es gibt kein Einkommen, dafür aber Kinder oder Geschwister, die versorgt werden müssen. Nehmen sie denn wenigstens Kondome? »Natürlich«, antworten so gut wie alle. Doch eine der Jugendlichen - sie ist kaum 15 - spricht aus, was hier wohl viele denken: »An Hunger kann ich morgen sterben - an AIDS vielleicht erst in sieben Jahren!« Auch Gloria kennt dieses fatale Überlebensmotto, hinter dem sich nichts anderes verbirgt als ein erzwungener Selbstmord auf Raten. Die 16-Jährige mit der kunstvollen Flechtfrisur stand kurz davor - und hat dann doch eine andere Lösung gesucht und gefunden. Sie ist wie Helen bei UMOYO untergekommen, dessen Träger von terre des hommes unterstützt wird. In den kleinen bescheidenen Räumen, mehr als einen Tagesmarsch von den Straßen Lusakas entfernt, absolviert nun Gloria einen zwölfmonatigen Trainingskurs. Dabei geht es um Fähigkeiten wie Nähen, Kochen, Rechnen, Schreiben - und um Informationen über ihre Rechte und die Bedeutung von sozialer Verantwortung. Es geht darum, wie Gloria mit Selbstachtung überleben kann. Wenn sie hier fertig ist - zu dem Projekt gehört auch eine Nachbetreuung - will sie für sich und die zwei kleinen Geschwister sorgen und sie zur Schule schicken. Gloria hat Glück gehabt. Denn die Kapazität der Einrichtung reicht jedes Jahr nur für 50 Mädchen. Dass das kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein ist, weiß auch die Betreuerin Susan. »Aber mit vielen Tropfen«, sagt sie, »kann man einen heißen Stein abkühlen«. Das Kinderhilfswerk terre des hommes unterstützt die Aufklärungsprogramme und Trainingskurse für Jugendliche in Sambia. Spendenkonto terre des hommes Jörn Klare Sambia aktuell
* Zahlen aus: Fischer Weltalmanach 2003 Sambia ist relativ dünn besiedelt, auch wenn sich seit der Unabhängigkeit 1964 die Bevölkerung mehr als verdoppelt hat. Charakteristisch ist der hohe Grad der Urbanisierung; sie begann in der Kolonialzeit mit der Erschließung der Kupferminen. Alle wichtigen Städte des Landes liegen an der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Eisenbahnlinie. Abseits dieser »line-of-rail« ist das Land schlecht erschlossen. In der Landwirtschaft dominieren die kleinbäuerlichen Betriebe. Die Lebenserwartung der Bevölkerung, die 1990 noch 54 Jahre betragen hatte, sank inzwischen auf 38 Jahre. In Sambia waren laut UNICEF Ende des Jahres 2001 21,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung mit HIV infiziert beziehungsweise an AIDS erkrankt. Die Arbeitsproduktivität ist durch die Epidemie um 50 Prozent zurückgegangen. Zwei Drittel aller Todesfälle von Managern ist auf die Immunschwächekrankheit zurückzuführen. Etliche Unternehmen haben 50 bis 60 Prozent der Belegschaft verloren. Sie bilden mittlerweile für jede Stelle drei Kandidaten aus. Im Jahr 2001 starben in Sambia fast 2.000 Lehrer an AIDS, ebenso viele waren es im Jahr zuvor. Bildungs- und Gesundheitssystem sowie Teile der Wirtschaft könnten schon bald kollabieren. WirtschaftSeit Mitte der 1970er Jahre befindet sich der Kupferbergbau durch Preisverfall auf dem Weltmarkt sowie durch Missmanagement und Korruption in einer Dauerkrise. Im Jahr 2000 erfolgt die Privatisierung der drei staatlichen Kupferbergbau-Unternehmen, 8.000 der 33.000 Arbeitsplätze gingen verloren. Praktisch alle Schichten sind betroffen von dem wirtschaftlichen Niedergang des einst hochprofitablen Kupferbergbaus. Die Regierung hatte, um internationale Kredite zu bekommen, bereits in den beiden Jahrzehnten zuvor Auflagen zur »Strukturanpassung« akzeptiert. Staatliche Subventionen wurden abgebaut, 1995 die Subventionen für Mais gestrichen. Auch die staatliche Vermarktung für Getreide wurde eingestellt. Knapp 70 Prozent der Erwerbstätigen sind immer noch in der Landwirtschaft beschäftigt: Überwiegend in kleinen bäuerlichen Betrieben kämpfen sie um das Überleben. Auf Grund von Dürre und Überschwemmungen gab es seit Jahren nur magere Ernten. Ihren Höhepunkt erreichte die andauernde Dürreperiode im Sommer 2002: Rund vier Millionen Sambier hungerten. Die Regierung sah sich nun gezwungen, sich wieder in die Vermarktung von Mais einzuschalten. terre des hommes in SambiaSeit 1979/80 fördert terre des hommes - mit Unterbrechung - Projekte in Sambia. Das terre des hommes-Büro in der simbabwischen Hauptstadt Harare koordiniert die Arbeit für beide Länder. Zentrale Themen sind Ernährungssicherung, Einkommen schaffende Maßnahmen und Bildung. Angesichts des dramatischen Ausmaßes von AIDS unterstützt terre des hommes schwerpunktmäßig auch Gesundheitsprojekte und HIV/AIDS-Aufklärungsprogramme für Kinder und Jugendliche. Der Abdruck des Artikels ist kostenlos; wir bitten Sie aber, uns über Ihre Veröffentlichung zu informieren und Belegexemplare zu schicken: Bitte wenden Sie sich an Cornelia Dernbach, terre des hommes-Pressereferat, Tel. (05 41) 7101-126, eMail: [
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