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Schulerziehung für indianische Kinder in Peru



Kulturelle Vielfalt: In den Schulen beschäftigen sich die Kinder mit der traditionellen Landwirtschaft

Die zwölfjährige Marthita geht wieder gern zur Schule: »Der Unterricht macht viel mehr Spaß, seit wir unsere eigene Sprache sprechen dürfen, und wir lernen interessante Dinge über unser Land und unsere Vorfahren.« Das ist nicht selbstverständlich für indianischen Kinder in den peruanischen Anden: Sie leiden häufig nicht nur unter schweren Kinderkrankheiten und dauerhafter Fehlernährung, sondern auch unter einem Schulunterricht, der keinerlei Rücksicht auf ihre Sprache und die Kultur der indianischen Bevölkerung nimmt.

Das peruanische Netzwerk PRATEC will das ändern: In 37 Dorfgemeinschaften der Zentralanden werden Aktionen zur Stärkung der einheimischen Kultur und zur Verbesserung der Zukunftschancen indianischer Kinder durchgeführt. Gefördert wird die andine Landwirtschaft, die traditionelle Heilkunde, die Zubereitung gesunder Lebensmittel - und nicht zuletzt der Umbau des Schulunterrichts: Immer wieder wurde auf den Dorfversammlungen darüber geklagt, dass an den staatlichen Schulen Perus nur spanischsprachiger und städtisch orientierter Unterricht stattfindet. Dabei wächst die große Mehrheit der Kinder in den zentralandinen Provinzen ketschuasprachig auf. Erst in der Schule wird ihnen Spanisch beigebracht. In der Regel reichen die durchschnittlich vier Schuljahre aber nur dazu aus, gebrochen Spanisch zu sprechen, mühsam seinen Namen zu schreiben und die Muttersprache aus Scham zu verdrängen. So fühlen sich die Menschen auf dem Lande als Indígenas diskriminiert; sie scheuen sich Ketschua außerhalb der Familie zu sprechen und haben doch Spanisch nie richtig gelernt. Die Schule zerstört die eigene Kultur, statt sie zu fördern.

Frustrierte Schulabbrecher

Wie in Deutschland werden die Kinder in Peru mit sechs oder sieben Jahren eingeschult. Da viele Lehrer sich weigern, auf Ketschua zu unterrichten, und es kaum Lernmaterialien dazu gibt, findet der Schulunterricht nur auf Spanisch statt. »Das ist, als würde man in Deutschland in der ersten Klasse nur noch Chinesisch mit den Kindern sprechen,« meint PRATEC-Koordinator Carlos Achahui. Die Folge: Die Kinder verstehen wenig und lernen so gut wie nichts. Sie fühlen sich als Versager und Außenseiter. Wenn sie die Schule nach drei oder vier Jahren aus Frust abbrechen, sind sie immer noch Analphabeten. »Sie lernen ja doch nichts«, sagen die Eltern, wenn sie ihre Kinder vorzeitig aus der Schule nehmen, »im Gegenteil, sie verlernen auch noch die Feldarbeit.«

Carlos erklärt den Hintergrund der Misere so: »Schon seit der Kolonialzeit wird Schule - neben Kirche und Kaserne - von den Herrschenden in Lima als das Mittel eingesetzt, um die Indios zu zivilisieren. Daran hat sich bis heute nichts geändert.« Ein Blick in die Schulbücher bestätigt seine Aussage: Texte, Zeichnungen und Bilder zeigen eine städtische, moderne Welt - mit keinem Wort wird auf die Lebenswelt der Andenbevölkerung eingegangen.

Mit Unterstützung des entwicklungspolitischen Kinderhilfswerkes terre des hommes haben sich die Gruppen des PRATEC-Netzwerks zusammengetan. »Wir wollen die Schule mit der Gemeinde und der Natur versöhnen!«, fasst Carlos das gemeinsame Ziel zusammen. Die lokalen Gruppen des Netzwerks sind über ganz Peru verstreut. Lehrer haben sich in diesen Initiativen mit Agraringenieuren zusammengeschlossen, um gemeinsam die interkulturelle Bildung in den staatlichen Grundschulen ihrer Dörfer zu fördern und eine neue Vielfalt in die Schulen bringen. »Obwohl Peru seit über 175 Jahren unabhängig ist, ist unser Denken weiterhin westlich geprägt» erklärt Carlos. »Die Werte und die Technologien unserer eigenen Kultur spielen in der Schule keine Rolle. Das wollen wir zusammen mit den Lehrern, den Kindern, ihren Eltern und den Gemeindevorstehern ändern.« Dabei geht es ihnen keineswegs darum, alles »Fremde« zu streichen, vielmehr soll es um das »Eigene« ergänzt werden.

Lernende Lehrer

Als die Arbeit im Jahr 1999 aufgenommen wurde, galt es zunächst, die Lehrerinnen und Lehrer zu überzeugen. Es wurden intensive Gespräche geführt und Schulungen angeboten, und schon im ersten Jahr veränderte sich der Unterricht in den beteiligten Dörfern: Unter großer Anteilnahme der Eltern und der Gemeinde hielten traditionelle Tänze und Gesänge sowie alte rituelle Spiele Eingang in die Schulen.

An Marthitas Schule im Dorf Pitumarca wurde ein Schulgarten angelegt, in dem vitaminhaltige Gemüse angebaut werden. Jetzt wissen die Kinder, dass die andinen Getreidesorten, wie Quinua und Amaranth (»Andenhirse«), sehr viel nahrhafter und gesünder sind als Nudeln und Reis. Auch Jorge Maqan, der Leiter der Dorfschule von Pitumarca, hat einiges dazu gelernt: »Früher galt der was, der seinen Kindern jeden Tag Nudeln vorsetzen konnte. Jetzt wissen wir dank der Beratung durch PRATEC, dass unsere eigenen Nahrungsmittel viel wertvoller sind.«

Marthita ist sehr zufrieden mit dem neuen Unterricht: »Mir gefällt es, dass wir jetzt auch mal selbst etwas machen dürfen. Vorher galten wir nichts. Unsere Arbeit auf dem Feld oder im Haus wurde verachtet. Jetzt hören die Lehrer uns auch mal zu, und wir dürfen zeigen, was wir können.« Darüber freut sich auch ihre Großmutter, die 78-jährige Bäuerin Doņa Melita: »Ich bin froh, dass meine Enkelin mir jetzt wieder näher gekommen ist. Sie schämt sich nicht mehr Ketschua mit mir zu sprechen. Sie hört mir zu, wenn ich von früher erzähle und wir überlegen gemeinsam, was wir säen wollen und welches Trachtenkleid ich ihr für das kommende Fest des Mais nähe.«


terre des hommes fördert rund 400 Projekte für Kinder in Lateinamerika, Asien und Afrika. Auch Sie können diese Arbeit unterstützen:

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Albert Recknagel


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Kulturelle Vielfalt: In den Schulen beschäftigen sich die Kinder mit der traditionellen Landwirtschaft

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Marthita ist stolz auf die Pflanzen im Schulgarten

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Peruanische Kinder beim Musizieren

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