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40 Jahre Menschlichkeit
Ausgabe 1/2006Interview mit Vereinsgründer Prominente Glückwünsche Standortbestimmung Burma: Menschen am Fluss Burkina Faso: Hausmädchen Kolumbien: Kinderrechte Kolumbien: Jagd auf Jugendliche Bolivien: Ex-Hausangestellte als Ministerin Ausgabe 2/2005 Ausgabe 1/2005 Ausgabe 3/2004 Ausgabe 2/2004 Ausgabe 1/2004 Ausgabe 3/2003 Ausgabe 2/2003 Ausgabe 1/2003 Suchen |
Vierzig Jahre terre des hommesChronik eines entwicklungspolitischen Kinderhilfswerks
Die Schreckensbilder des Vietnamkrieges sind es, die den entscheidenden Anstoß zur Gründung von terre des hommes Deutschland geben. Der gelernte Schriftsetzer Lutz Beisel versammelt etwa 40 Frauen und Männer, die am 8. Januar 1967 den neuen Verein unter dem Namen »terre des hommes Deutschland e.V.« ins Vereinsregister eintragen lassen. Der Name entstammt einem Romantitel des französischen Autors Antoine des Saint-Exupéry - in Deutschland erschienen unter dem Titel: »Wind, Sand und Sterne«. Besonders bekannt wurde der Pilot und Schriftsteller Saint-Exupéry als Autor des poetischen Kinderbuchs »Der kleine Prinz«. Bereits im Jahr 1959 hatte der Schweizer Journalist Edmond Kaiser, bewegt durch die Brutalität des Algerienkrieges, in der Schweiz ein Hilfsprogramm mit demselben Namen zur Rettung algerischer Kinder ins Leben gerufen. Von Anfang an steht die deutsche Sektion mit der schweizerischen - und später mit anderen nationalen Sektionen - in engem Austausch, der schließlich zur Gründung der »Internationalen Föderation terre des hommes« (IFTDH) mit Sitz in Genf führt. Die ersten Aktivitäten des Vereins in Deutschland sind Rettungsflüge, mit denen kriegsverletzte Kinder aus Vietnam nach Deutschland gebracht werden. Hier werden sie medizinisch versorgt und in Reha-Zentren weiter betreut. Für Kinder, die nicht nach Vietnam zurück vermittelt werden können, weil sie keine Angehörigen mehr haben, werden Adoptions- oder Gastfamilien gesucht. So macht sich terre des hommes schon bald auch mit der fachlichen Vermittlung von Auslandsadoptionen einen Namen. Der Einsatz zur Rettung vietnamesischer Kinder findet große Zustimmung in der deutschen Öffentlichkeit. An vielen Orten entstehen neue ehrenamtliche Arbeitsgruppen von terre des hommes. Schon 1968 wird die Arbeit in einer anderen Weltregion aufgenommen: Der Bürgerkrieg in Biafra im Südosten Nigerias und die damit einher gehende schwere Hungersnot veranlassen terre des hommes, mit Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung Soforthilfe zu leisten. Im Nachbarland Gabun wird ein Kinderdorf für die Opfer des Biafra-Krieges eingerichtet. Ebenfalls 1968 stellt terre des hommes einen hauptamtlichen Geschäftsführer ein, da die Arbeit nicht mehr nur von ehrenamtlichen Mitgliedern geleistet werden kann. In der Folge entsteht in Osnabrück eine Geschäftsstelle, von der aus die Projektarbeit weltweit koordiniert und begleitet wird. Die siebziger JahreIm westfälischen Dehme entsteht 1971 ein Reha-Zentrum für die Kinder, die in Deutschland operiert und behandelt wurden. Neben der Betreuung vietnamesischer Kinder in Deutschland beginnt terre des hommes nun auch mit der Hilfe in Vietnam: In Saigon wird ein Zentrum eingerichtet, in dem täglich mehr als 100 unterernährte und kranke Kinder behandelt werden. Als vor Kriegsende der Vietkong vor Saigon - dem heutigen Ho-Chi-Minh-Stadt - steht, müssen sich die Kinder und Mitarbeiter des Zentrums hinter den Milchpulversäcken, die terre des hommes geliefert hat, vor Kugeln und Granaten schützen. Die Kinder werden schließlich ins benachbarte Laos ausgeflogen. Ein Großraumflugzeug soll in den letzten Kriegstagen Waisenkinder, für die in Deutschland Adoptiveltern gefunden wurden, ausfliegen; doch kurz nach dem Start stürzt die Maschine in ein Reisfeld. Die meisten Kinder und die Kinderkrankenschwester Birgit Blank sterben in den Flammen. In Deutschland sind die 70er Jahre von heftigen Diskussionen geprägt: Etwa um den scheinbaren Widerspruch zwischen dem »politischen Kampf« und der »direkten Hilfe«. terre des hommes verweigert sich dieser Einseitigkeit des Denkens: »Statt des ideologischen Entweder-Oder«, so heißt es in einer Stellungnahme, »plädieren wir für ein pragmatisches Sowohl-Als-Auch«. terre des hommes legt sich darauf fest, Adoptionen nach Deutschland nur zu vermitteln, wenn es im Heimatland des Kindes keine Alternative dazu gibt. Es werden neue Projektansätze eingeführt: So sollen Tagesstätten für die Kinder von Industriearbeiterinnen - etwa in Korea - den Frauen helfen, ihre Kinder bei sich zu behalten, statt sie zur Adoption freizugeben. In der Folgezeit werden auch in vielen anderen Ländern ähnliche Projekte von terre des hommes gefördert. Eine weitere wichtige Entscheidung betrifft die Entsendung deutscher »Entwicklungshelfer«: terre des hommes beschließt, darauf künftig zu verzichten und stattdessen einheimische Initiativen zu fördern. So soll sichergestellt werden, dass die Arbeit wirklich an den Bedürfnissen vor Ort orientiert ist. In Deutschland wird 1973 die interkulturelle Kindertagesstätte von terre des hommes in Wiesbaden gegründet - das erste Projekt in Deutschland, in dem Kinder aus Flüchtlings- und Migrantenfamilien betreut werden. In Deutschland sind 1975 bereits mehr als 100 lokale Arbeitsgruppen ehrenamtlich für terre des hommes aktiv. Die achtziger JahreMit einer Satzungsänderung im Jahr 1980 bekennt sich terre des hommes zu seinem politischen Auftrag. Nun gilt - neben der konkreten Hilfe für Not leidende Kinder - auch die Information der Öffentlichkeit über die Hintergründe von Not und Unterdrückung als Vereinszweck, ebenso wie die politische Einflussnahme zur Überwindung von Not und Ungerechtigkeit. Im selben Jahr mischt sich terre des hommes mit Anzeigen zu den Themen »Rüstung - Krieg - Hunger« in den Bundestagswahlkampf ein. Ebenfalls 1980 erhält terre des hommes den Theodor-Heuss-Preis. 1982 unterstützt terre des hommes bereits in 26 Ländern Projekte. Den Stellenwert der Organisation in Deutschland beweist die Tatsache, dass terre des hommes die deutschen Hilfswerke bei der UN-Sonderkonferenz zu den Problemen der ärmsten Entwicklungsländer vertritt. Immer wichtiger wird der Einsatz für die Rechte von Frauen und Mädchen: 1987 treffen sich 50 Frauen aus 22 Ländern im Taunus. Zehn Tage lang tauschen sie Erfahrungen aus und sprechen über Themen wie Familienplanung, Gewalt gegen Frauen und Kinder, Verarmung und mögliche Gegenstrategien. Die Dokumentation dieser terre des hommes-Frauenkonferenz trägt den Titel: »Für alles musst Du kämpfen«. Zum Abschluss der Konferenz fordern die Delegierten die Freilassung aller Frauen, die wegen ihres Engagements für die Menschenrechte gefangen gehalten werden, Bewegungs- und Kommunikationsfreiheit für Frauen, den Boykott des Apartheidregimes in Südafrika und eine wirksame Politik gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern Die Konferenz fordert von terre des hommes, die Belange von Frauen und Mädchen in der Projektarbeit besonders zu berücksichtigen. Dies wird 1989 beschlossen und bildet seither ein zentrales Kriterium bei der Entscheidung über die Förderung von Projekten. Am 20. November 1989 beschließt die UNO die »Kinderrechtskonvention«, in der in 54 Artikeln die Rechte der Kinder festgehalten sind - vom Recht auf Bildung, auf Spiel und familiäre Geborgenheit, auf Mitsprache und Partizipation bis hin zum Schutz vor Ausbeutung und Gewalt. Die Konvention bildet seither einen wichtigen Bezugsrahmen für Kampagnen und Aktionen von terre des hommes, ebenso wie für die Arbeit in den Projekten. So veranstaltet terre des hommes jedes Jahr am 20. November die Aktion »Straßenkind für einen Tag«, bei der deutsche Kinder in die Rolle von Straßenkindern schlüpfen, um auf deren Situation und ihre Rechte aufmerksam zu machen. Die neunziger JahreIn diesem Jahrzehnt geht terre des hommes mit verschiedenen Kampagnen in die Öffentlichkeit: So beginnt 1990 die »Teppich-Kampagne« gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie, die terre des hommes gemeinsam mit den kirchlichen Hilfswerken Brot für die Welt und Misereor initiiert. Im Jahr 1995 geht daraus das erste Produktsiegel gegen Kinderarbeit hervor: das »Rugmark«-Siegel für Teppiche, die nicht von Kinderhand geknüpft wurden. terre des hommes beteiligt sich an weiteren Siegel-Initiativen wie dem »Flower Label« für Import-Blumen, die unter fairen sozialen und ökologischen Bedingungen produziert und gehandelt werden. Eine weitere wichtige Kampagne richtet sich seit 1991 gegen die sexuelle Gewalt an Kindern. terre des hommes sensibilisiert die Öffentlichkeit für die Tatsache, dass auch deutsche Sextouristen vielen Kindern Gewalt antun. Die Tourismusindustrie wird an ihre Verantwortung zum Schutz von Kindern erinnert, Regierung und Behörden zur konsequenten Strafverfolgung aufgefordert und Reisende auf das Problem hingewiesen. Ein erster Erfolg ist die Änderung des deutschen Strafrechts: Seit dem 1. September 1993 können Täter auch dann verurteilt werden, wenn sie ihre Tat im Ausland begangen haben. 1994 beschließt die terre des hommes-Mitgliederversammlung, künftig keine Auslandsadoptionen zu vermitteln. Hintergrund ist der gewachsene »Adoptionsmarkt«, der immer stärker kommerzielle Züge entwickelt hat. Vorrang für terre des hommes haben nun Projekte, die den Kindern eine Zukunft im eigenen Land bieten sollen. Die knapp 3.000 bis dahin von terre des hommes vermittelten Adoptivkinder werden weiter betreut. Die erste »tour des hommes« macht 1995 auf die Rechte der Kinder aufmerksam. Viele Schulklassen, Vereine und ehrenamtliche Arbeitsgruppen nehmen an Einzeletappen dieser Radtour teil; ein »harter Kern« radelt die ganze Strecke von Schwerin nach Freiburg. 1997 führt die zweite »tour des hommes« von Berlin nach Genf. 1999 beginnt eine einzigartige Kooperation von terre des hommes mit dem Konzernbetriebsrat der Volkswagen AG: Unter dem Titel »Eine Stunde für die Zukunft« spenden seitdem die Belegschaften an vielen Produktionsstandorten weltweit einen Stundenlohn oder die Restcents ihres Gehalts für Straßenkinderprojekte in Mexiko, Brasilien, Argentinien, Südafrika und Deutschland. Bis zum 40. Geburtstag von terre des hommes ist bereits eine Summe von sieben Millionen Euro zusammengekommen. Das neue Jahrtausendterre des hommes beschließt, im Rahmen seiner Möglichkeiten Soforthilfe bei Kriegen, Hungersnöten und Naturkatastrophen zu leisten. Voraussetzung sind Kontakte mit Partnerorganisationen vor Ort, damit die Hilfe tatsächlich bei den Bedürftigen ankommt. Als Leitlinie gilt die Entwicklungsorientierung: Ziel ist es, die Hilfsmaßnahmen so auszurichten, dass auch langfristig eine Verbesserung der Lebensbedingungen für die betroffene Bevölkerung erreicht wird. Im Jahr 2001 leistet terre des hommes Soforthilfe für die Opfer der Flut in Mosambik. Im selben Jahr wird gemeinsam mit der Schweizer Stiftung terre des hommes Lausanne Hilfe für Kriegsopfer und Flüchtlinge in Afghanistan organisiert. Weihnachten 2004 verwüstet ein Tsunami die Küsten Südasiens und fordert mehr als 250.000 Menschenleben. terre des hommes hilft mit Nahrungsmitteln, Medikamenten und dem Aufbau von Notlagern. Für traumatisierte Kinder wird psychosoziale Betreuung organisiert. Später beteiligt sich terre des hommes am Wiederaufbau von Schulen, Kindergärten und Wohnhäusern, an der Reparatur von Fischerbooten und der Entsalzung von Ackerboden. Mit Spenden von insgesamt mehr als zwölf Millionen Euro für die Tsunami-Opfer erfährt terre des hommes eine enorme Hilfsbereitschaft aus der deutschen Bevölkerung. Um sich in der Soforthilfe mit anderen erfahrenen Hilfsorganisation zu koordinieren, gründet terre des hommes gemeinsam mit der Deutschen Welthungerhilfe, medico international, Brot für die Welt und Misereor das Bündnis »Entwicklung hilft«. Ein neues Thema für terre des hommes ist der Kampf gegen den Kinderhandel. Nachdem deutlich wurde, dass weltweit ein verbrecherischer Markt entstanden ist, auf dem Kinder als Ware gehandelt werden - zur ausbeuterischen Arbeit, zur Prostitution oder zur Adoption -, startet terre des hommes 2001 die Internationale Kampagne »Stoppt Kinderhandel«. Sie wird in den Folgejahren Aktivitäten in mehr als 40 Ländern entfalten und rund 900 Bündnispartner weltweit beteiligen. Mit einer Satzungsänderung beschließt terre des hommes, das Prinzip des Dialogs mit den Partnerorganisationen in der Vereinsstruktur umzusetzen: In den Jahren 2003 und 2006 finden die ersten Delegiertenkonferenzen statt, bei denen ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter von terre des hommes sowie Delegierte der Partnerorganisationen gemeinsam über den künftigen Weg und die Arbeitsschwerpunkte von terre des hommes entscheiden. Vierzig Jahre nach seiner Gründung unterstützt terre des hommes rund 500 Projekte in 25 Ländern. In Deutschland engagieren sich Menschen in 150 Orten ehrenamtlich für Kinder. Stephan Stolze Spendenkonto terre des hommes Der Abdruck des Artikels ist kostenlos; wir bitten Sie aber, uns über Ihre Veröffentlichung zu informieren und Belegexemplare zu schicken: Bitte wenden Sie sich an Cornelia Dernbach, terre des hommes-Pressereferat, Tel. (05 41) 7101-126, eMail: [
Weitere Informationen / LinksZusätzlich zu dieser ausführlichen Chronik von terre des hommes finden Sie in dieser Ausgabe des Medienservice auch eine Kurzversion in Stichworten. Gern bieten wir Ihnen weitere Informationen und Materialien. Ihr Ansprechpartner bei terre des hommes: Pressesprecher Wolf-Christian Ramm, Tel.: (05 41) 71 01-158, eMail: [
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Dem Krieg entkommen: Vietnamesisches Kind bei der Ankunft in Deutschland 1968
Dem Krieg entkommen: Vietnamesisches Kind bei der Ankunft in Deutschland 1968
Hilfe in der Not: terre des hommes-einsatz in Biafra 1968
Hilfe für verletzte Kinder aus Vietnam: Frühes Plakat von terre des hommes
»Helfen Sie mit«: Die Bitte um Unterstützung kam an
Unendliches Leid: Frühes terre des hommes-Plakat. Heute werden derart drastische Bilder des Elends nicht mehr in der Öffentlichkeitsarbeit von terre des hommes eingesetzt
Mädchensache: Die Förderung von Frauen und Mädchen ist seit den 80er Jahren ein Schwerpunkt der Arbeit von terre des hommes
Gegen die Ausbeutung von Kindern: terre des hommes-Plakat aus den 80er Jahren
Politische Einmischung: terre des hommes-Plakat für die Rechte von Flüchtlingen
»Kein Sex mit Kindern«: Kampagnenplakat von terre des hommes aus den 90er Jahren
»Keine Ware«: Die terre des hommes-Kampagne gegen Kinderhandel begann im Jahr 2001
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