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Viel erreicht - Viel zu tun!

40 Jahre terre des hommes: Versuch einer Standortbestimmung

Wolf-Christian Ramm
Wolf-Christian Ramm, Pressesprecher
Telefon (05 41) 7101-158
E-Mailc.ramm@tdh.de

Von Wolf-Christian Ramm

»Handeln im Widerspruch« ist der Titel eines terre des hommes-Buches aus dem Jahr 1985. Der Widerspruch, von dem in diesem Buch die Rede ist, war der zwischen dem Streben nach dem Ideal einer besseren Welt und dem gleichzeitigen Handeln innerhalb der Gegebenheiten und Spielregeln unserer derzeitigen Verhältnisse, die es doch zu überwinden gilt. Auch heute, viele Jahre später, ist dieser unauflösliche Widerspruch aktuell. Bereits die Frage, ob ein »Feiern« eines Gründungsjubiläums angemessen ist, deutet dies an: Schließlich ist es traurig, dass nach wie vor Hilfe für Kinder in Not zu leisten ist. Andererseits kann terre des hommes auf zahlreiche Erfolge, Errungenschaften und auch Momente des Stolzes auf die eigene Leistung zurückblicken.

Dies ist es, was mit dem Geburtstagsmotto »Viel erreicht - Viel zu tun!« zum Ausdruck gebracht wird: terre des hommes hat unzählige Kinder von Ausbeutung, Not und Sklaverei befreit, aus Kriegs- und Krisengebieten gerettet, für ihre Ernährung, Gesundheit und Ausbildung gesorgt und ihnen neue Familien oder ein neues Dach über dem Kopf gegeben. Allein oder gemeinsam mit anderen Organisationen hat terre des hommes erreicht, dass die Produktion tödlicher Landminen weltweit geächtet wurde, der Missbrauch von Kindern durch Deutsche im Ausland vor deutschen Gerichten verfolgt werden kann, das Phänomen des weltweiten Kinderhandels nicht länger als ein Problem aus der Zeit von »Onkel Toms Hütte« und Mark Twain der USA des 19. Jahrhunderts gilt und Verbraucher und Konsumenten heutzutage beim Einkauf nach fair gehandelten Produkten fragen.

Sind dies nicht Erfolge, die mit dazu beigetragen haben, die Erde - wie es sich im Titel »terre des hommes« ausdrückt - ein Stück menschlicher zu machen? Gleichzeitig zeigt ein Blick in die Schlagzeilen eines beliebigen Tages, wie weit wir von der terre des hommes, der »Erde der Menschlichkeit« nach wie vor entfernt sind. Die Vision, nach der Kinder frei von Ausbeutung und Not sind und gemäß ihren eigenen Vorstellungen in Würde leben können, erscheint unrealistisch und in ferner Zukunft zu liegen.

Und drückt sich in dem »Viel zu tun« nicht eine grandiose Überschätzung der eigenen Möglichkeiten und Bedeutung aus, die zu nichts anderem als Enttäuschung, Frustration und Rückzug führen kann? Diese Frage wird Mitarbeitern von terre des hommes gelegentlich gestellt, und sie scheint in Bezug auf die deprimierenden Zahlen über das Leid von Kindern weltweit sehr berechtigt zu sein. Die Antwort ist dennoch sehr eindeutig: Es gibt kaum etwas Motivierenderes, als persönlich mitzuerleben, mit welcher Begeisterung Kinder die Chance ergreifen, zur Schule zu gehen oder eine Ausbildung zu machen, und mit welchem Einsatz Partnerorganisationen von terre des hommes Konkretes leisten: Essen, Spielen und liebevolle Betreuung für die Kleinsten, Lesen, Schreiben und Rechnen oder eine praktische Ausbildung für die Älteren, Unterstützung bei der Selbstorganisation von Jugendlichen, die den Wunsch haben, ihre Ziele, Wünsche und Visionen ohne Bevormundung durch Erwachsene zum Ausdruck zu bringen.

Wer erlebt hat, mit welchem Engagement sich Menschen in schwierigen Lebensumständen für das Wohl anderer einsetzen, empfindet es als Chance und großes Privileg, mit Hilfe von terre des hommes hierzu beitragen zu können. Er würde wünschen, alle Spenderinnen und Spender, die diese Arbeit ermöglichen, an der Erfahrung teilhaben zu lassen. Er würde ganz sicher nicht frustriert den Kopf hängen lassen, weil auch mit der engagiertesten Projektarbeit immer nur ein kleiner Beitrag zur Verbesserung von Lebensumständen weltweit erreicht werden kann.

Auch auf politischer Ebene sollte die ebenso berechtigte wie allgegenwärtige Klage über den geringen Stellenwert der Entwicklungspolitik nicht die erzielten Erfolge vergessen machen, zu denen terre des hommes beigetragen hat. Diese Erfolge bestehen etwa darin, Missstände wie den Sextourismus oder die fatalen Auswirkungen europäischer Agrarexporte zum Thema gemacht zu haben. Nicht immer kann das Benennen von Problemen einhergehen mit Vorschlägen zu ihrer Lösung. Noch viel weniger verfügt terre des hommes über die Mittel, derartige Lösungen durchzusetzen.

Und vielfach leiden die Erfolge darunter, dass sie nicht »fotogen« sind und keine in Deutschland nachrichtenfähigen Bilder produzieren. Die Unterstützung von terre des hommes bei der Stärkung sozialer Bewegungen in Lateinamerika hat zweifellos mit zum gesellschaftlichen Aufbruch in Bolivien zur Jahreswende 2005/2006 beigetragen. Doch wo sind die Bilder, in denen sich dies vermittelt? Vielleicht verdichten sie sich in der Person von Casimira Rodriguez Romero: Als ehemalige Vorsitzende der Gewerkschaft der Hausangestellten Boliviens war sie Projektpartnerin von terre des hommes, später wurde sie Boliviens Justizministerin.

Politische Erfolge wie dieser, die es gemäß der Logik der Produktion von Nachrichten schwer haben, bis in die deutschen Schlagzeilen zu kommen, geben Hoffnung, dass auch zukünftig »viel erreicht« werden kann. Die Aufgabe von terre des hommes hierbei ist neben der finanziellen Förderung von Projekten vor allem die der Vermittlung, der Information und Bekanntmachung. Dies wiederum funktioniert nur innerhalb der Spielregeln der Mediengesellschaft - ein typischer »Widerspruch«, der nichtsdestotrotz zum »Handeln« zwingt, und das mehr denn je auch noch nach 40 Jahren.


Der Autor ist Pressesprecher von terre des hommes Deutschland e.V.


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Der Abdruck des Artikels ist kostenlos; wir bitten Sie aber, uns über Ihre Veröffentlichung zu informieren und Belegexemplare zu schicken: Bitte wenden Sie sich an Cornelia Dernbach, terre des hommes-Pressereferat, Tel. (05 41) 7101-126, eMail: E-Mailpresse@tdh.de

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Gern bieten wir Ihnen weitere Informationen und Materialien. Ihr Ansprechpartner bei terre des hommes: Pressesprecher Wolf-Christian Ramm, Tel.: (05 41) 71 01-158, eMail: E-Mailc.ramm@tdh.de.

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