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Reise ins UnglückAuch in Deutschland gibt es Opfer des internationalen Kinderhandels
Als Valérie (Name geändert) bei einer Razzia im einem heruntergekommenen Sexclub in Dortmund von der Polizei entdeckt wird, lebt sie bereits seit einigen Monaten im Ruhrgebiet. Es ist die vierte oder fünfte Station auf einem erzwungenen Weg durch Bars und Bordelle, der über Italien und die Beneluxländer schließlich nach Deutschland führte. Valérie ist 14 und stammt aus Nigeria. Befreiung fühlt sich anders an: Valérie kommt es vielmehr so vor, als sei ihre tägliche Dosis Angst erhöht worden, seit man sie in einer deutschen Jugendhilfeeinrichtung untergebracht hat. Denn ihr Sicherheitsgefühl beruhte auf einer Konstruktion, deren Pfeiler Geister, ihre Großmutter und das Geld bildeten: Die Geister ihrer Ahnen, so hat man ihr eingeschärft, würden sie bestrafen, wenn sie den Männern nicht gehorchte, die ihr ein besseres Leben in Deutschland versprochen hatten. Dieselben Männer würden auch ihre Großmutter finden und ihr Gewalt antun, sollte Valérie nicht das tun, wozu sie hergebracht wurde. Also würden die Geister sanft und die Großmutter sicher sein, wenn Valérie nur weiter in illegalen Clubs arbeitete und genug Geld mit der Lust blasser Männer verdiente. 40.000 Dollar bis zur Freiheit. 40.000 Dollar, dann sollten ihre Pflichten gegenüber der diesseitigen wie der jenseitigen Welt erfüllt sein. »Afrikanerinnen werden häufig mit Voodoo-Praktiken eingeschüchtert. Aber auch Mädchen aus anderen Ländern stehen unter einem ernormen Druck und schweigen aus Angst vor Rache häufig über das, was sie erlebt haben«, berichtet Andrea Hitzke von der Dortmunder Mitternachtsmission, die Opfer von Menschenhandel berät. Mit 19 minderjährigen Mädchen ausländischer Herkunft, die in Nordrhein-Westfalen zur Prostitution gezwungen wurden, hatte es die Sozialarbeiterin im vergangenen Jahr zu tun. Die Zahl der Mädchen, die nie den Weg in eine Beratungsstelle finden, vermag sie nicht zu ermessen. Lukrativer MarktDie EU-Kommission, die dem wachsenden Menschenhandel in ihre Mitgliedsstaaten in den letzten Jahren mit Fachkonferenzen, Gesetzesinitiativen und finanzieller Unterstützung für Hilfsprogramme begegnet, schätzt die Zahl der gehandelten Frauen und Mädchen in die EU auf jährlich etwa 120.000. Viele der Opfer kommen aus westafrikanischen Ländern, in denen zum Teil Bürgerkriege die Zukunftsträume vieler Menschen zerschossen haben. Aber auch aus ost- und südosteuropäischen Staaten, wo der Übergang zur freien Marktwirtschaft mit seinen sozialen Härten lukrative Parallelmärkte für menschliche Ware hat entstehen lassen. Zu dieser Ware zählen nicht nur Mädchen. Wie Recherchen des Kinderhilfswerks terre des hommes für Deutschland und die Schweiz ergaben, werden beispielsweise albanische Jungen als Drogenkuriere, rumänische als »Klaukinder« missbraucht. Sie werden gezwungen, Diebstähle in Kaufhäusern zu begehen und die erbeuteten Waren oder Portemonnaies bei ihren Chefs abzuliefern. »Diese Leute haben eine große Macht. Wie eine Mafia«, berichtet eines der eingeschüchterten Kinder, das von der Polizei in Hamburg aufgegriffen wurde. In der Tat halten häufig organisierte Banden die Fäden des internationalen Kinderhandels in der Hand. Diese bestehen größtenteils aus Landsleuten ihrer Opfer. Spätestens wenn die Kinder auf hiesigem Boden sind, ist die Beteiligung von Deutschen am Geschäft mit Kindern jedoch offenkundig: Sie fungieren als Vermieter illegaler Unterkünfte, treten als Zuhälter und Mittelsmänner auf und nehmen die erzwungenen - zumeist sexuellen - Dienstleistungen der Mädchen und Jungen in Anspruch. Es ist die Nachfrage, die Kinderhandel erst möglich macht, sei es in einem Entwicklungsland oder einer westlichen Industrienation. Opfer als TäterErst allmählich beginnen Behörden und Jugendeinrichtungen hier zu Lande, sensibel für die Existenz gehandelter Kinder im Land zu werden. Dass es bislang nur wenige kriminalstatistisch erfasste Fälle gibt, hänge damit zusammen, dass dieses Verbrechen häufig hinter offensichtlicheren Delikten wie sexuellem Missbrauch, Förderung der Prostitution, Diebstahl, Passvergehen und Verstößen gegen das Ausländerrecht verborgen liege, erklärt der Bremer Jurist Erich Peter in einer Studie zur Situation gehandelter Kinder in Deutschland. Diese Delikte lassen die Opfer indes nicht selten als Täter erscheinen: »Als so genannte unbegleitete Minderjährige, straffällig und mit illegalem Aufenthaltsstatus sind sie in Deutschland von der Abschiebung bedroht, ohne dass ihre Notlage erkannt wird«, beklagt Boris Scharlowski vom Kinderhilfswerk terre des hommes, der für die Organisation eine internationale Kampagne gegen den Kinderhandel koordiniert. »Eine spezialisierte Betreuung, die den Erfahrungen dieser Kinder gerecht wird, existiert nicht. Denn Vorrang im Umgang mit unbegleiteten Minderjährigen habe das deutsche Asyl- und Ausländerrechtrecht. Nur mit diesem Vorbehalt habe Deutschland die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen 1992 ratifiziert. Diese fordert, dass Flüchtlingskinder Anspruch auf die gleichen Schutzrechte haben wie ihre deutschen Altersgenossen. terre des hommes und andere Hilfsorganisationen fordern die Bundesregierung seit langem auf, diesen Vorbehalt gegen die Kinderrechtskonvention zurückzunehmen. Denn im Falle gehandelter Kinder verhindern rasche Abschiebungen, die die Opfer erneut in Gefahr bringen, wie auch fehlende kindgerechte Zeugenschutzprogramme außerdem, die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen zu können. Valérie ist inzwischen verschwunden. Untergetaucht. Ihr selbstgezimmertes Überlebensgerüst muss ihr sicherer erschienen sein. Claudia Berker terre des hommes unterstützt in 27 Ländern mehr als 400 Projekte für Not leidende Kinder. Sie können diese Arbeit mit Ihrer Spende unterstützen: Spendenkonto terre des hommes Der Abdruck des Artikels ist kostenlos; wir bitten Sie aber, uns über Ihre Veröffentlichung zu informieren und Belegexemplare zu schicken: Bitte wenden Sie sich an Cornelia Dernbach, terre des hommes-Pressereferat, Tel. (05 41) 7101-126, eMail: [
Weitere Informationen / LinksIhre Ansprechpartnerin bei terre des hommes: Claudia Berker, Telefon (05 41) 71 01-111, eMail: LinksWeitere Informationen zum Thema Kinderhandel finden Sie im Internet unter www.stopchildtrafficking.org. [
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Getäuscht: Viele Mädchen aus Afrika finden in Europa die Hölle statt des erhofften Paradieses [
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