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»Sie behandeln uns wie Tiere«

Ein Interview mit Straßenkindern in Manila



"Hard Cores": Jimmy und Joseph.
Foto: Ralf Willinger

Jimmy, 16, und Joseph, 21, leben seit vielen Jahren in Manila im Ausgehviertel Malate auf der Straße. Sie hungern, prostituieren sich, benebeln sich mit Drogen. Die Mitarbeiter von »Bahay Tuluyan« zählen sie zu den »Hard Cores«, den harten Fällen. Sie werden nur schwer von Projekten erreicht und haben schon diverse Zentren und Programme durchlaufen, um dann doch wieder auf die Straße zurückzukehren.

Das Bahay Tuluyan-Projekt unterhält in Manila vier Straßenkinder-Zentren und bietet mobile Betreuung und Ausbildung für auf der Straße lebende Kinder und Jugendliche an. Jimmy und Joseph gehören zum »Partizipativen Forschungsteam« von Bahay Tuluyan – einer Gruppe von Straßenkids, die unter ihresgleichen eine Befragung zum Thema »Kinderprostitution und Zuhälterei« durchführt.

Ralf Willinger sprach mit den beiden über Freunde, Misshandlungen durch die Polizei, Drogen, ihre Träume und Hoffnungen.


Wieso lebt ihr auf der Straße?

Jimmy: Ich muss hier auf der Straße leben, wegen der Armut. Mein Vater ist schon lange tot und meine Mutter ist gestorben, als ich zehn Jahre alt war. Das Leben hier ist sehr hart, früher habe ich auch gestohlen. Jetzt bewache ich parkende Autos.

Joseph: Ich bin hier auf der Straße aufgewachsen. Meine Mutter ist schon früh gestorben und mein Vater und meine Verwandten leben irgendwo außerhalb von Manila. Ich war schon in verschiedenen Zentren für Straßenkinder, bin aber immer wieder abgehauen.

Warum bist du aus den Straßenkinder-Zentren abgehauen?

Joseph: Weil ich auf der Suche nach meiner Familie bin, aber auch, weil ich die Freiheit brauche und manchmal Probleme mit den Betreuern in den Zentren hatte. Vor einiger Zeit habe ich dann Kuya (»älterer Bruder«) Anto (ein Projektmitarbeiter von Bahay Tuluyan) getroffen und bin Mitglied der Theater- und Kunstschule geworden. Ich habe gelernt Theater zu spielen, das war toll. Und jetzt gehöre ich zum partizipativen Forschungsteam von Bahay Tuluyan. Wir werden andere Kinder und Jugendliche über Kinderprostitution und Zuhälterei befragen. Viele machen das hier.

Was gefällt euch am Leben auf der Straße, und was sind die größten Probleme?

Jimmy: Was mir wirklich gefällt ist, dass meine Freunde und ich durch dick und dünn gehen, wir halten zusammen und würden uns nie verraten. Ich will hier mit Joseph zusammenbleiben und mit meinen anderen Freunden, ich bin glücklich, wenn ich bei ihnen bin, und ich bin frei. Das einzige Problem ist, wie brutal wir hier in der Straße behandelt werden. Die Polizei macht manchmal eine ganze Woche lang Razzien, jeden Tag. Polizisten und Sicherheitsleute kommen ganz plötzlich, sie nehmen einfach alle Straßenkids mit, die sie finden können, und misshandeln sie dann.

Joseph: Wir werden grün und blau geschlagen. Sie behandeln uns wie Tiere. Und alle Polizisten machen mit, niemand nimmt uns in Schutz. Ein Polizist hat mich sogar mit seinem Gewehr in den Rücken gehauen.

Wart ihr auch im Gefängnis?

Jimmy: Ja, die Polizei hat mich einfach hier festgenommen, ohne Begründung. Manchmal behaupten sie auch, wir hätten gestohlen, oder sie würden uns wiedererkennen, uns würden sie schon lange suchen.

Wie seht ihr eure Zukunft? Habt ihr irgendwelche Pläne?

Joseph: Ich hatte alle meine Träume schon fast aufgegeben, weil es nichts bringt zu träumen. Ich habe schon zu viele Schwierigkeiten erlebt. Aber jetzt habe ich erkannt, wie wichtig Bildung ist, und ich hoffe, jemand unterstützt mich, damit ich wieder zur Schule gehen kann.

Jimmy: Meine Freunde und ich, wir wollen uns ändern und für die Zukunft planen. Aber wir haben ja keine Bleibe, deshalb müssen wir hier auf der Straße leben. Wenn wir ein Haus für uns alle hätten, dann würdet ihr uns nicht mehr hier auf der Straße rumhängen sehen. Wir würden auch Regeln in dem Haus akzeptieren und aufhören, Klebstoff zu schnüffeln.

Nehmt ihr noch andere Drogen?

Jimmy: Ja, Marihuana, Shabu (Amphetamine) und Hustensaft. Aber Klebstoff ist am billigsten, da kostet eine Flasche nur acht Pesos (15 Cent). Manchmal legen wir alle zusammen, dann kann jeder schnüffeln und keiner spürt mehr den Hunger.


Interview: Ralf Willinger


Bahay Tuluyan – Hoffnung und Schutz für Straßenkinder

Zum Bahay-Tuluyan-Projekt, das seit vielen Jahren von der deutschen Kinderhilfsorganisation terre des hommes unterstützt wird, gehören vier Zentren für Straßenkinder in und um Manila. Die Kinder können hier essen, sich waschen, werden medizinisch und psychologisch betreut. Viele von ihnen wohnen auch eine Zeit lang in den Zentren. Alle können an alternativen Erziehungsangeboten teilnehmen: Es gibt beispielsweise Theater- und Kunstgruppen, Forschungsteams, eine Ausbildung zum Junior-Gesundheitsarbeiter oder zum Junior-Erzieher für andere Kinder. Außerdem fahren Projektmitarbeiter mit einem Kleinbus durch die Stadt, um Straßenkinder zu verpflegen, mit Ihnen Unterricht und Spiele zu machen.

Zur Zeit führen Straßenkinder und -jugendliche in einem »Partizipativen Forschungsteam« eine Befragung unter ihresgleichen zum Thema »Kinderprostitution und Zuhälterei« durch, einem der größten Probleme von Straßenkindern in den Philippinen. Sie lernen, wie man eine solche Studie konzipiert und durchführt. Die Ergebnisse der Studie werden veröffentlicht – die Öffentlichkeit, Behörden und Organisationen sollen auf die Not der Kinder aufmerksam werden und etwas dagegen tun.


terre des hommes unterstützt in 27 Ländern rund 400 Projekte für Not leidende Kinder. Sie können diese Arbeit mit Ihrer Spende unterstützen:

Spendenkonto terre des hommes
Kontonummer 700 800 700
Volksbank Osnabrück e.G.
BLZ 265 900 25
Weitere Spendeninformationen sowie die Möglichkeit zur Online-Spende finden Sie unter www.tdh.de/spenden/.




Der Abdruck des Artikels ist kostenlos; wir bitten Sie aber, uns über Ihre Veröffentlichung zu informieren und Belegexemplare zu schicken: Bitte wenden Sie sich an Cornelia Dernbach, terre des hommes-Pressereferat, Tel. (05 41) 7101-126, eMail: E-Mailpresse@tdh.de

Weitere Informationen / Links

Gern bieten wir Ihnen weitere Informationen und Materialien. Ihr Ansprechpartner bei terre des hommes: Michael Heuer, Tel.: (05 41) 71 01-145, eMail: E-Mailm.heuer@tdh.de.

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Fotos

"Hard Cores": Jimmy und Joseph.

Foto: Ralf Willinger
Kompression: JPG/JFIF
Format/Auflösung: 1825 x 1596 Pixel, DPI
Dateigröße: 1.006 KB

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