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Kinder unter Waffen
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Zerrissene FamilienGuatemala: Eltern suchen vermisste Kinder
Es war das Jahr 1984; Felipe war gerade drei Jahre alt, als Soldaten des guatemaltekischen Militärs in sein Dorf in der Region Ixcan kamen. Der Junge wurde verschleppt und jahrelang in einem Waisenhaus gefangen gehalten, ohne Kontakt zur Außenwelt. Eines Tages gelang es ihm zu fliehen. Felipe wollte nur eines: zurück nach Hause und zu seiner Familie. Doch das konnte er nicht. Er erinnerte sich nicht, wie sein Heimatdorf hieß, auch nicht, wo es war. Lange Zeit war er auf der Suche, versuchte sich zu erinnern, doch ohne den geringsten Anhaltspunkt musste er aufgeben. Felipe ist kein Einzelfall. Im guatemaltekischen Bürgerkrieg (siehe Kasten) ging das Militär mit großer Brutalität vor, um möglichst großes Leid über die Menschen zu bringen. Kinder wurden ihren Eltern weggenommen und in Militärlager verschleppt. Waren sie klein genug, blieben sie oft bei ihren Entführern und wuchsen bei ihnen auf. Andere wurden in Waisenhäuser gesteckt oder zur Adoption freigegeben. Zum großen Teil wurden sie in Guatemala vermittelt, aber auch in die USA oder nach Europa. Etwa 5.000 Kinder gelten in Guatemala als vermisst. Ungeklärte SchicksaleAuch Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges ist das Schicksal vieler dieser Kinder ungeklärt. Die Menschenrechtsorganisation »¿Dónde están los niños?« (»Wo sind die Kinder?«), die vom Kinderhilfswerk terre des hommes unterstützt wird, bemüht sich, den Verbleib der verschollenen Kinder aufzuklären und sie wieder mit ihren Familien zusammenzubringen. Dafür bauen die Mitarbeiter nach und nach eine Datenbank auf, in denen sie Profile von Suchenden und von Vermissten speichern. Jede Einzelperson kann bei »Dónde están« anfragen und das Profil ihrer vermissten Person mit denen in der Datenbank abgleichen. Doch das ist ein schwieriges Unterfangen, denn manchmal verlieren sich die Spuren ganzer Familien: Um den Widerstand der ländlichen indigenen Bevölkerung zu brechen und sie besser kontrollieren zu können, löste das Militär oft Gemeinden auf und siedelte die Menschen zwangsweise um. Wer entkommen konnte, floh in abgelegene Gegenden und siedelte sich fern der Kontrolle des Militärs, aber auch fern des Heimatdorfes, an. Andere flohen nach Mexiko: Laut Schätzungen überquerten bis zu 80.000 Guatemalteken die Grenze ins nördliche Nachbarland und suchten in Flüchtlingslagern Schutz. Erst nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages im Jahr 1996 kamen die meisten wieder zurück. Viele blieben jedoch in Mexiko. Angst und SchweigenAus diesem Grund wollen die Mitarbeiter von »Dónde están« ihre Arbeit auch auf das südliche Mexiko ausweiten. Der Erfolg der Arbeit hängt auch von einer möglichst umfangreichen Datenbank ab. Ausgebildete Promotoren gehen in die Dörfer, um Daten zu sammeln. Dafür müssen sie zunächst die Arbeit der Organisation bekannt machen und das Vertrauen der Menschen gewinnen. Die Psychologin Maria Isabel ist die Leiterin von »Dónde están«: »Viele wollen nicht über ihre schreckliche Vergangenheit sprechen. Sie verdrängen sie.« Deshalb führen die Promotoren Workshops durch, in denen es vordergründig um Menschenrechte geht. »Unser Hauptanliegen ist es jedoch«, so Maria Isabel, »die Menschen dazu zu bringen, über sich selbst zu sprechen. Viele sind traumatisiert und hatten nie die Möglichkeit, die Schrecken, die sie erlebt haben, zu verarbeiten.« Wie auch Nicolas: Als Jugendlicher wurde er von den Paramilitärs gekidnappt und auf einer Finca zusammen mit anderen Jugendlichen gefangen gehalten. Sie wurden verhört und gefoltert, die Mädchen vergewaltigt. Eines Nachts kamen seine Peiniger, nahmen die Jugendlichen mit auf ein nahegelegenes Feld und erschossen alle. Nicolas wurde im Gesicht getroffen und für tot gehalten. Als die Mörder weg waren, schleppte er sich bis zum nächsten Dorf, wo er sich verstecken konnte. Nicolas kennt die Namen der Folterer und Mörder; einer lebt noch immer auf der selben Finca, in der Nicolas gefoltert wurde. Viele Jahre schwieg er, aus Angst; bis er die Mitarbeiter von »Dónde están« kennen lernte, die sich seines Falles angenommen haben und sich gemeinsam mit anderen Menschenrechtsorganisationen darum bemühen, den Fall vor ein Gericht zu bringen. Es sind die kleinen Erfolge, die Maria und den anderen Mitarbeitern von »Dónde están« Mut machen. Wie im Falle von Felipe, der ausfindig gemacht werden konnte. Nach 20 Jahren kehrte er wieder in sein Heimatdorf und zu seiner Familie zurück. Felipe steht eine schmerzvolle Aufarbeitung seiner Vergangenheit bevor. Er wuchs mit einem Namen auf, den ihm seine Entführer gaben. Derzeit streitet er vor Gericht, diesen Namen ablegen und seinen ursprünglichen Namen wieder annehmen zu dürfen. Das kostet Geld und viel Geduld. Doch Felipe liegt sehr viel daran. Und es scheint, als hoffe er, zusammen mit dem Namen auch einen Teil seiner Vergangenheit abzulegen. Athanasios Melissis Der Bürgerkrieg in GuatemalaDer Bürgerkrieg in Guatemala gilt als einer der blutigsten Konflikte Lateinamerikas. 36 Jahre lang bekämpften sich ein militarisierter Staat und eine revolutionäre Guerilla erbittert. Getragen wurde die Guerilla vor allem von der indianischen Bevölkerung, die unter starker Diskriminierung und der ungerechten Landverteilung litt. Als sich in den 60er Jahren die ersten Guerillagruppen bildeten, putschte das Militär und übernahm die Kontrolle über den Staatsapparat. Jeglicher friedliche Protest und soziale Beteiligung an Gewerkschaften oder Menschenrechtsorganisationen waren verboten. Auch die katholische Kirche, die den revolutionären Kampf zusehends unterstützte, war Repressionen ausgesetzt. In den folgenden Jahren, besonders in den 80er Jahren, radikalisierte sich der Widerstand der Bevölkerung, der Staat antwortete mit paramilitärischen Gruppen und Todesschwadronen. Erst in den 90er Jahren entspannte sich der Konflikt. 1996 wurde das Friedensabkommen unterzeichnet. Allerdings hatte sich das Militärs Straffreiheit verschafft. Im Friedensvertrag wurde auch eine Wahrheitskommission der UN eingesetzt, deren Kompetenzen aber sehr eingeschränkt waren. An der Situation in Guatemala hat sich seitdem nichts geändert: Die Landverteilung ist immer noch äußerst ungerecht, die indigene Bevölkerung ist arm und wird nach wie vor diskriminiert. Als größtes Problem der guatemaltekischen Nachkriegsgesellschaft gilt jedoch die Straflosigkeit der Kriegsverbrecher; dass die Täter ohne für ihre Gräueltaten bestraft worden zu sein, auch weiterhin Haustür an Haustür mit ihren Opfern leben dürfen. terre des hommes unterstützt in 27 Ländern rund 400 Projekte für Not leidende Kinder. Sie können diese Arbeit mit Ihrer Spende unterstützen: Spendenkonto terre des hommes Der Abdruck des Artikels ist kostenlos; wir bitten Sie aber, uns über Ihre Veröffentlichung zu informieren und Belegexemplare zu schicken: Bitte wenden Sie sich an Cornelia Dernbach, terre des hommes-Pressereferat, Tel. (05 41) 7101-126, eMail: [
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