WeltRisikoBericht 2015: Ernährungsunsicherheit erhöht das Katastrophenrisiko


Über die Folgen möglicher extremer Naturereignisse in 171 Ländern

Berlin, 17. November 2015 – In welchem Zusammenhang stehen Ernährungssicherheit und Katastrophenrisiko? Diese Frage steht im Zentrum des WeltRisikoBerichts 2015 vom Bündnis Entwicklung Hilft – Gemeinsam für Menschen in Not e.V. und dem Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen.

Krisen und Katastrophen machen Hunger

»Die katastrophalen Auswirkungen von Naturgewalten wie Erdbeben oder Wirbelstürmen können eingedämmt werden durch eine gesicherte Ernährung der Menschen. Wer Hunger hat, ist verletzlicher bei Katastrophen, Kriegen und Konflikten«, sagt Peter Mucke, Geschäftsführer des Bündnis Entwicklung Hilft und Projektleiter des WeltRisikoBerichts. Zwar müssten bis 2030 etwa 1,2 Milliarden Menschen mehr ernährt werden, noch einmal soviel wie derzeit in Indien leben. Doch Mucke sieht gute Chancen, bis zum Jahr 2030 das international vereinbarte »Null-Hunger-Ziel« zu erreichen: »Rein rechnerisch gibt es genug Nahrung für alle. Aber ungerechte Verteilung der landwirtschaftlichen Produkte, Verschwendung von Lebensmitteln und Verluste bei Ernte oder Transport sind verantwortlich dafür, dass noch immer Menschen hungern müssen.«

In akuten Konflikten und Kriegen dagegen sei ebenso wie bei Katastrophen die Ernährungssicherheit gefährdet: »Hunger und Migration sind dann Folgen.« Da ein Teil der aktuellen Konflikte nur schwer einzudämmen sei, weist Mucke auf den hohen Versorgungsbedarf in den Anrainerstaaten und in Flüchtlingslagern hin: »Dies erfordert auchdie bessere Nahrungsmittelversorgung der Menschen in den Krisengebieten und Flüchtlingslagern.«

WeltRisikoIndex 2015

Wichtiger Bestandteil des WeltRisikoBerichts ist auch in diesem Jahr der WeltRisikoIndex. Der Index bewertet das Katastrophenrisiko von 171 Ländern durch eine kombinierte Analyse von Naturgefahren und gesellschaftlichem Umfeld. Dabei weist auch 2015 der Inselstaat Vanuatu das größte Risiko auf. Erst im März verwüstete Wirbelsturm Pam das Land. Auf den Rängen 2 und 3 folgen Tonga und die Philippinen, die im Vergleich zum Vorjahr lediglich die Plätze getauscht haben. Deutschland liegt auf Platz 146.

»Die Verwundbarkeit eines Landes bestimmt zum großen Teil, ob eine Naturgefahr zur Katastrophe werden kann«, sagt Prof. Jörn Birkmann/Universität Stuttgart und verantwortlich für den Index. Taifun Haiyan und Hurrikan Sandy verdeutlichen dies. Mit Windgeschwindigkeiten von über 185 km/h (Sandy) und über 300 km/h (Haiyan) hatten beide Stürme eine hohe Zerstörungskraft. Windgeschwindigkeiten allein können aber die Unterschiede in der Zerstörung nicht erklären, meint Birkmann. Während in den USA etwa 210 Menschen durch Sandy starben, waren auf den Philippinen ca. 6.400 Todesopfer zu beklagen. Und obwohl die ökonomische Schadenssumme in den USA größer war, betrug der Anteil der ökonomischen Schäden am Bruttosozialprodukt fünfmal weniger als auf den Philippinen. Auch war der versicherte Schaden in den USA sechsmal höher als auf den Philippinen, erklärt Birkmann auf Basis des WeltRisikoIndex.

Wechselwirkung zwischen Ernährungssicherheit und Katastrophenrisiko

»Der Bericht zeigt deutlich, dass eine Hunger- und schlechte Ernährungssituation negative Auswirkungen auf das Katastrophenrisiko hat, da die Anfälligkeit der entsprechenden Bevölkerung gegenüber Naturgefahren hierdurch deutlich erhöht wird«, sagt Dr. Matthias Garschagen, wissenschaftlicher Leiter des WeltRisikoBerichts und Abteilungsleiter für Risikoabschätzungen an der Universität der Vereinten Nationen. Aber auch umgekehrt kann eine Katastrophe fatale Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit haben.

Hochwasser- oder Wirbelsturmereignisse beispielsweise zerstören oft nicht nur Ernten und Nahrungsmittelspeicher, sondern auch Transportinfrastruktur und beeinträchtigen somit die Versorgung von Krisengebieten. Im schlimmsten Fall führt die Verquickung von Katastrophen und Ernährungsunsicherheit zu einer fatalen Abwärtsspirale, in der die betroffenen Menschen von einer Krise in die nächste geraten. Vor allem in den Gebieten Afrikas südlich der Sahara überschneiden sich die Hotspot-Regionen von Hunger und Vulnerabilität. Dort sind zudem starke Auswirkungen des Klimawandels zu erwarten, welche die Ernährungssicherung vor weitere Herausforderungen stellen. »Auch noch so weitreichende Strategien zum Katastrophenschutz alleine werden nicht ausreichen, wenn die Staatengemeinschaft sich nicht zu einer mutigen Klimapolitik durchringt, die die Situation der von Katastrophenrisiken am stärksten betroffenen Gruppen und Länder berücksichtigt«,sagt Dr. Martin Bröckelmann-Simon, Vorstand Internationale Zusammenarbeit beim Bündnismitglied Misereor.

»Das Ziel von Politik und Praxis muss es daher sein, die Ernährungssicherung krisenfester zu gestalten und sie gleichzeitig als zentralen Bestandteil in der Katastrophenprävention zu verankern. Der Bericht zeigt hierzu klare Empfehlungen auf«, so Dr. Matthias Garschagen. Dr. Martin Bröckelmann-Simon betont: »Investitionen in die Landwirtschaft sind nach Studien der Food and Agriculture Organization für die Reduzierung von Armut und Hunger fünfmal effizienter als Maßnahmen in jedem anderen Sektor.«

 

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Brot für die Welt, Christoffel-Blindenmission, Kindernothilfe, medico international, Misereor, terre des hommes, Welthungerhilfe und die assoziierten Mitglieder Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe sowie German Doctors leisten als Bündnis Entwicklung Hilft akute und langfristige Hilfe bei Katastrophen und in Krisengebieten.

Das Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen (UNU-EHS) befasst sich mit Risiko- und Verwundbarkeitsaspekten menschlicher Sicherheit und den Konsequenzen komplexer Naturgefahren und des globalen Wandels.