Die kolumbianische Stiftung »Creciendo Unidos« ist eine gemeinnützige Organisation für die Rechte der Kinder, die von klein auf arbeiten müssen. Deshalb empfinden wir das Vorgehen und die Strafen der Justiz gegen Sandra Milena Rodriguez als einen Übergriff, den wir zurückweisen.
Sandra Milena ist mit der Stiftung groß geworden und hat sich bis zum 2. November 2007 auch an unseren Aktivitäten beteiligt, bis sie von der Polizei festgenommen wurde, weil sie als Straßenverkäuferin ihr Geld verdient hat. Aus dem fünften Hof des Gefängnisses "Zum guten Hirten" in Bogotá berichtet sie:
"Mein Name ist Sandra Milena Rodríguez. Ich bin 23 Jahre alt und habe zwei Kinder, einen sechsjährigen Sohn und eine vierjährige Tochter. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als ich gerade einmal fünf Jahre alt war und meine Mutter in einer Holzkiste Süßigkeiten und Zigaretten verkauft hat und schon damals vor der Polizei fortlaufen musste, damit ihr die Ware nicht abgenommen wurde.
Meine Mutter ging damals auch zu Aktivitäten der Stiftung und nahm mich fast immer dorthin mit, weil ich die Kleinste unter den Geschwistern war. Ich habe gerne an den Kursen teilgenommen, in denen wir Besen hergestellt haben, um sie dann anschließend mit meiner Mutter auf der Straße zu verkaufen. Als ich dann zehn war, ging ich in die Bäckerei, Web-, Glasmalerei- und Kunsthandwerkkurse. Und ich nahm an den Versammlungen der Jugendlichen teil. Ich denke, ich war auch in der Schule fleißig. So habe ich meine ersten Lebensjahre verbracht.
Später lernte ich, auf der Straße zu arbeiten und mich vor der Polizei in Acht zu nehmen. Ich verkaufte Socken, Stifte, Süßigkeiten, Geschenkpapier, Zigaretten und was gerade gefragt war.
Später arbeitete ich mit Filmen und Musikkassetten, und dabei hat mich die Polizei am 2. November 2007 vor dem Carrefour-Supermarkt im Viertel 20 de julio festgenommen. Sie hatten mich schon längst im Visier, weil ich immer vor ihnen davongelaufen war. Nach 24 Stunden behaupteten sie dann, dass ich bekannt sei wegen Raubes und Drogenhandel in Cúcuta und Tolima. Diese Delikte habe ich nie begangen, ich hatte ja nicht einmal die Chance, auch nur als Ausflug nach Cúcuta oder Tolima zu kommen.
Doch sie verurteilten mich ohne jeglichen Beweis zu zweieinhalb Jahren Gefängnis. Heute ist der 12. Juli 2009. Ich habe im Gefängnis gearbeitet und studiert, weshalb ich denn Anspruch habe, nach ¾ der verbüßten Strafe entlassen zu werden.
Ich habe deshalb meine Freilassung beantragt und sie auch bewilligt bekommen. Allerdings nur gegen eine Kaution von 8 Millionen Pesos (umgerechnet mehr als 2800 Euro), die ich unmöglich bezahlen kann, weil ich genau wie meine Kinder derzeit von meiner Mutter abhängig bin, die immer noch Süßigkeiten und Zigaretten im Viertel 20 de julio verkauft und so viel Geld, ich weiß nicht...
Aber eines Tages werde ich wieder mit meinen Kindern über die Straße gehen und meiner Mutter für all das danken, was sie für mich getan hat," endet Milena zwischen den Gitterstäben hindurch und trocknet sich die Tränen, die die Backe hinunterlaufen.
Es ist das Schicksal dieser wie so vieler anderer Familien, sich mit Arbeit im informellen Sektor auf der Straße durchzuschlagen. Und nicht nur, dass sie ihr tägliches Auskommen auf der Straße suchen müssen: Sie müssen auch permanente vor der Polizei auf der Hut sein, damit diese ihnen nicht ihre einzige Einkommensmöglichkeit nimmt.
Dies zeigt, dass der Staat den formellen Sektor der Wirtschaft unterstützt und dafür sorgt, dass private Monopole ihrer Tätigkeit bestmöglich nachgehen können, und dafür Gesetze erfinden, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Eines dieser Gesetze ist das Gesetz zur "Verteidigung des öffentlichen Raumes". Es zielt darauf, dass alle diejenigen, die der Laufkundschaft auf der Straße Produkte oder Dienstleistungen anbieten, von den Straßen, von den Märkten und Plätzen, aus den Einkaufszentren, von den Brücken und - wer weiß - vom Erdball zu verschwinden haben. So soll sichergestellt werden, dass die Bevölkerung die Geschäfte der nationalen und internationalen Ketten aufsucht.
Das Gesetz zur "Verteidigung des Öffentlichen Raumes" führt zu erhöhter Arbeitslosigkeit und vergrößert die Armenviertel an den Stadträndern. Manche sehen sich dadurch gezwungen, sich der Guerilla oder den Paramilitärs anzuschließen. Ganz offensichtlich dienen solche Gesetze einigen wenigen, genauso wie das Gesetz "Gerechtigkeit und Frieden", das Paramilitärs selbst bei einer Teilnahme an Entführungen, Morden, Massakern, Zwangsrekrutierungen, Erpressung... mit Strafmilderung und in vielen Fällen auch Hausarrest anstelle von Gefängnis begünstigt.
Es ist ungerechte Rechtsprechung, wenn die großen Verbrecher die höchsten Vergünstigungen bekommen, während gleichzeitig die Ärmsten mit größerer Härte verfolgt werden für Delikte, die keine Verbrechen sind, sondern die Suche nach Arbeit. Doch das Recht auf Arbeit, das ebenso vom Staat garantiert werden sollte, wird am meisten verletzt.
Als Stiftung »Creciendo Unidos« verteidigen wir die Bedeutung der informellen Beschäftigung der Straßenhändler zur Verbesserung der Lebensbedingungen vieler Menschen, die keine Arbeit im formalen Sektor gefunden haben. Und deshalb lehnen wir das aggressive Vorgehen gegen sie ab.
(Wir beantragen die baldige Freilassung ohne jegliche Kaution von Sandra Milena Rodriguez, die im Gefängnis “Zum Guten Hirten” in Bogotá festgehalten wird, weil sie versucht hat, durch Straßenverkauf ihren und den Lebensunterhalt ihrer Kinder zu sichern.)
Zeigen Sie ihre Solidarität und Unterstützung für dieses Anliegen und fordern sie eine umgehende Freilassung ohne Kaution mit einem Schreiben/ E- Mails an die folgenden Stellen:
sowie eine Kopie an:
¡Wir klagen die Kriminalisierung der Straßenverkäufer durch das Gesetz zur Rückgewinnung des öffentlichen Raumes an und fordern die Erfüllung des Rechts auf Arbeit!