
Die Natur ist nicht böse
Gegen die Auswirkungen des Klimawandels in El Salvador
In einem kleinen Dorf, das zur Gemeinde San Pedro Masahuat gehört, haben sich in der Aula der Schule rund 40 Frauen und Männer versammelt. Die ältesten sind um die 70, die jüngsten 14 Jahre alt. Nelson Orrellana vom terre des hommes-Projektpartner Equipo Maíz ist aus der Hauptstadt San Salvador gekommen, um einen Tag lang mit Bewohnern der Küstenebene über Naturkatastrophen zu diskutieren: warum es sie gibt und wie man sich darauf einstellen kann. Obwohl es sich um ein todernstes Thema handelt, geht es ganz locker zu. Es wird erzählt, gespielt, gelacht. Und das, obwohl der Karibikstaat El Salvador in den vergangenen Jahren immer wieder von Naturkatastrophen wie Wirbelstürme, Erdbeben und Überschwemmungen heimgesucht wurde. Besonders unter der armen Landbevölkerung, die auf knappem Land an steilen Hängen lebt, forderten Erdrutsche und eingestürzte Behausungen viele Opfer. Jorge war erst 14 Jahre alt, als ein Erdrutsch das Haus seines Onkels unter sich begrub. Der Junge verlor seine Cousine, weitere vier Angehörige wurden verletzt. Deshalb interessiert sich Jorge besonders für die Arbeit von Equipo Maíz und hat sich vorgenommen, das Gelernte in seiner Schule weiterzugeben.
»Auf den Umgang mit Notfällen sind die Leute gut vorbereitet«, sagt Orellana. »Sie haben am Flussufer weiter oben im Tal Pegel gebaut, und die werden, wenn es regnet, rund um die Uhr überwacht.« Es gibt ein Frühwarnsystem mit Funkgeräten und Lautsprechern auf hohen Masten. In entlegenen Gegenden gehen bei Alarm Männer und Frauen von Haus zu Haus und warnen die Bewohner. Ein besonders gefährdetes Stück des Ufers haben sie in Eigenarbeit mit einer Staumauer verstärkt. »Der Hurrikan Ida hat 2009 gezeigt, dass die Organisation des Frühwarnsystems funktioniert«, sagt Santos Rodas, der Beauftragte für Katastrophenschutz im Rathaus von San Pedro Masahuat. Damals hatte es keine Toten in der Gemeinde San Pedro Masahuat gegeben.
Trotzdem gibt es noch viel zu tun. »Die Menschen hier begreifen Katastrophen als etwas, das eben kommt, ohne dass man etwas tun kann«, sagt Orellana. Man kann es verstehen. Allein in den vergangenen 100 Jahren gab es neben den Hurrikans und Erdrutschen zehn Vulkanausbrüche, 13 schwere Erdbeben und zwei Tsunamis. Nach einer Studie der UNO gibt es kein anderes Land auf der Welt mit einem so hohen Anteil an sogenannten Risiko-Zonen: 88,7 Prozent der Fläche werden von Naturphänomenen bedroht. 95,4 Prozent der Bevölkerung leben dort.
Es könnte noch schlimmer werden. Nach verschiedenen Projektionen über die Folgen des Klimawandels wird die Durchschnittstemperatur bis zum Jahr 2100 zwischen 1,8 und 6,5 Grad steigen. Die Niederschläge werden um fünf bis 30 Prozent abnehmen, aber geballter als Sturzbäche vom Himmel fallen. Als Folge kann die Produktion von Grundnahrungsmitteln um bis zu 30 Prozent zurückgehen. »Wenn die schlimmsten Projektionen eintreffen, sind wir machtlos«, sagt El Salvadors Umweltminister Herman Rosa Chávez. »Wenn es bei zwei Grad mehr bleibt, schaffen wir es vielleicht, uns anzupassen.«
»Voraussetzung dafür ist, dass die Menschen verstehen, was passiert«, sagt Nelson Orellana vom Equipo Maíz. Das kleine Team hat in El Salvador seit Jahrzehnten einen guten Ruf in der Bildungsarbeit. terre des hommes finanziert die Workshops zur Katastrophenvorbeugung in San Pedro Masahuat. Weitere Workshops sollen in der Nachbargemeinde Verapaz und in zwei Gemeinden im Großraum der Hauptstadt folgen. Ein wichtiges Lernziel fasst Orellana so zusammen: »Nicht die Natur ist böse; der Mensch ist dafür verantwortlich, dass natürliche Phänomene zu Katastrophen werden.«
Ihr Ansprechpartner

Jonas Schubert
Referat Kinderrechte
Telefon: 05 41 / 71 01-106
eMail: j.schubert@tdh.de
Zahlen
- Prognosen zufolge wird durch den Klimawandel in den nächsten 40 Jahren die Zahl unterernährter Kinder in Afrika um zehn Millionen steigen.
- Jährlich werden zwischen zwei und drei Millionen Pestizidvergiftungen registriert. Die Zahl der Toten wird auf 20.000 bis 40.000 geschätzt.
- 99 Prozent der Menschen, die an Pestizidvergiftungen sterben, kommen aus Ländern des Südens, obwohl dort nur ein Viertel der weltweit produzierten Pestizide eingesetzt werden.
- Jedes Jahr verlieren etwa 1,5 Millionen Kinder ihr Leben auf Grund von Magen- und Darmerkrankungen. In den meisten Fälle ist die Ursache dafür verunreinigtes Trinkwasser.
- Rund zwei Millionen Kinder unter fünf Jahren sterben jährlich an Atemwegserkrankungen. Über die Hälfte davon sind umweltbedingt, zum Beispiel durch offenes Feuer und Rauch in Innenräumen.
- Im Amazonasbecken werden durch Goldminen jedes Jahr mindestens 130 Tonnen Quecksilber in die Umwelt abgegeben. Der Mensch nimmt Quecksilber beispielsweise über den Verzehr von Fisch auf – in vielen Regionen ein Grundnahrungsmittel. Das führt zu akuten oder chronischen Vergiftungen führt, besonders im Nervensystem eines Fötus.




