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Puebla: Ricardos Rückkehr

Vielleicht trieb ihn der Hunger. Vielleicht war es auch die bunte Verlockung in den Supermarktregalen, der Ricardo nicht widerstehen konnte; für die er zum Dieb wurde. Als er das zweite Mal mit geklauten Lebensmitteln erwischt wurde, nahm das Verhängnis seinen Lauf. Der damals Zwölfjährige kam in eine Jugenderziehungsanstalt. Das allein hätte ihn womöglich nicht aus der Bahn geworfen. Doch in der Anstalt wurde Ricardo von den Wärtern sexuell missbraucht, immer wieder. Als er nach fast einem Jahr wieder freikam, traute er sich nicht mehr nach Hause – aus Scham und aus Angst, zurückgewiesen zu werden. Er blieb auf der Straße. Ricardo hätte klauen können, um zu überleben. Doch er wollte nie wieder ins Gefängnis – er fing an, sich zu prostituieren. Der Klebstoff, den er schnüffelte, half, zu vergessen. Bis zu dem Tag, als ihn die Streetworker ansprachen und in der Casa Juconi, einem Haus für Straßenkinder, unterbrachten.

Die Organisation Juconi in Mexiko kümmert sich um Kinder, die auf der Straße leben oder gefährdet sind, auf der Straße zu landen - (c) F. Kopp
Die Organisation Juconi in Mexiko kümmert sich um Kinder, die auf der Straße leben oder gefährdet sind, auf der Straße zu landen

»Das hat dir doch gefallen!«

Das Projekt Juconi, das von terre des hommes und der Initiative »Eine Stunde für die Zukunft« des Volkswagen-Konzernbetriebsrates unterstützt wird, kümmert sich um Straßenkinder. Der Schwerpunkt liegt auf präventiven Maßnahmen für Kinder, die gefährdet sind, ihr Zuhause zu verlassen, um auf der Straße zu leben. Für diejenigen, für die eine Prävention zu spät kommt – Jungen wie Ricardo, die bereits einen Teil ihres Lebens auf der Straße verbracht haben –, gibt es die Casa. Etwa 20 ehemalige Straßenkinder wohnen zurzeit in der Einrichtung. Morgens besuchen sie staatliche Schulen, nachmittags sind sie im Taller Juconi, der so genannten Werkstatt, wo sie Plätzchen backen, Marmelade kochen und Chili-Schoten einlegen. Bis zu drei Jahre bleiben die Jugendlichen in der Casa; wer dann nicht auf eigenen Füßen stehen oder zu seinen Eltern zurückkehren kann, hat die Möglichkeit, in anderen Projekten unterzukommen.

Ricardo hat heute Dienst in der Backstube. Er holt das Blech mit den Plätzchen aus dem Ofen und stellt es zum Abkühlen ans Fenster. Aus einem großen Trog nimmt er bereits erkaltete Plätzchen, füllt damit kleine Tüten und bindet diese mit einer Schleife zu. »Unser Gebäck ist in ganz Puebla bekannt. Es wird auf den Märkten und in vielen Läden verkauft«, erzählt er stolz. »Wir kommen mit dem Backen kaum hinterher.« Für den ehemaligen Prostituierten war die Zeit in Juconi nicht einfach. »Jeder kennt die Geschichte des anderen. Als Strichjunge bist du in der Hackordnung ganz unten. Sprüche wie Das hat dir doch gefallen! sind da noch das Harmloseste.«

In zwei Wochen wird Ricardo die Casa Juconi verlassen und zu seinen Eltern zurückkehren. Sein Elternhaus ist zwar arm, aber vergleichsweise intakt: Die Eltern leben zusammen, der Vater hat Arbeit, er hat Ricardo nie misshandelt. Den zuvor abgebrochenen Kontakt zu seiner Familie hat der 15-Jährige mit Hilfe seiner Betreuer langsam wieder aufgebaut. »Ich bin soweit, dass ich nach Hause zurückkehren kann. Und mein Vater hat mir sogar angeboten, dass ich mit ihm auf dem Markt arbeite.« Ein Leben auf der Straße kommt für Ricardo nicht mehr in Frage: »Was mich dort erwartet, weiß ich.«

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