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23. Oktober: Tirupur Peoples`s Forum – ein Bündnis gegen Sumangali

Das Tirupur People`s Forum (TPF) ist ein Zusammenschluss mehrerer lokaler Nichtregierungsorganisationen im Großraum Tirupur, das sich zum Ziel gesetzt hat, das Sumangali-System zu bekämpfen und seinen Opfern Betreuung und Gerechtigkeit zu verschaffen. TPF schätzt, dass es in der Textilindustrie, vorwiegend im Bereich der Baumwoll-Spinnereien rund 200.000 Mädchen und junge Frauen gibt, die im Sumangali-Schema arbeiten. Mitarbeiter des Forums haben für uns ein Treffen mit einigen der Opfer arrangiert.

Wir treffen auf junge Frauen, die – manchmal unter Tränen – von ihren Erfahrungen erzählen: ausgebeutet, unzureichend ernährt, geschlagen, missbraucht oder am Ende ihres Arbeitseinsatzes um die versprochene Summe betrogen.  Wir treffen auf einen verzweifelten Vater – einen 45-jährigen Witwer mit fünf Kindern – dessen Tochter in der Spinnerei »die Treppe heruntergefallen« ist, ins Krankenhaus gebracht wurde, und dort starb. Die der Tochter versprochene Abschlusszahlung wurde natürlich nicht geleistet – angeblich wurde sie für die erfolglose Krankenhausbehandlung ausgegeben.

Wir treffen Lakshmi, deren Schicksal in einer ZDF-Dokumentation im März 2012 geschildert wurde. Die herzkranke Lakshmi ist mittlerweile dank der daraufhin bei terre des hommes eingegangenen Spenden operiert und wohlauf. Shitra, die drei Finger ihrer Hand bei einem Arbeitsunfall verlor, wurde mittlerweile von der Spinnerei, in der sie damals arbeitete, auf öffentlichen Druck hin eine Weiterbeschäftigung angeboten – allerdings auf dem gleichen Arbeitsplatz. Sie und ihre Eltern haben »dankend« abgelehnt. Der juristische Kampf mit den Arbeitgebern um die vertraglich zugesagte Summe geht weiter.

Und wir treffen Kalaiselvi. Sie wurde mit zwölf Jahren in das Sumangali-Schema gelockt. Jetzt ist sie 14 und hat aufgrund des Baumwollstaubes in der Fabrik schweres Asthma, das sie zum vorzeitigen Abbruch ihrer Tätigkeit zwang. Seit einem Monat ist sie nun wieder bei ihren Eltern zu Hause und das People`s Forum hat sie unter seine Fittiche genommen, um sie zu betreuen und ihre Ansprüche auf Zahlung zumindest eines Teils der Sumangali-Prämie und einer Kompensation für die Berufskrankheit durchzusetzen. Das Mädchen kann kaum sprechen. Wir sind erschüttert.

Das People`s Forum arbeitet – unterstützt mit Spendengeldern von terre des hommes – daran, die teilweise traumatisierten Mädchen und jungen Frauen und ihre Familien psychosozial zu betreuen, ihnen eine Ausbildung zu vermitteln und ihre Ansprüche juristisch durchzusetzen.

Die Organisation leistet darüber hinaus Öffentlichkeitsarbeit und dokumentiert die Verhältnisse. Sie unterhält regelmäßige Kontakte zu internationalen Bekleidungshäusern wie C&A, die über ihre Einkaufspraktiken Druck zur Veränderung erzeugen. TPF arbeitet auch mit aufgeschlossenen Politikern, einigen Arbeitgeberverbänden und natürlich auch den Gewerkschaften zusammen. Die Spinnerei-Arbeitgeber verweigern allerdings bisher die Kooperation. terre des hommes unterstützt die Arbeit von TPF nicht nur mit Spendengeldern, sondern auch in der Öffentlichkeitsarbeit und bei den Kontakten zu den Bekleidungshäusern. Da gibt es noch viel zu tun!

Am Nachmittag fahren wir noch zu Marialaya, einem Frauenhaus, das von Salesianer-Schwestern geführt wird und mit dem terre des hommes seit kurzem zusammenarbeitet. Hier leben hinter sicheren Mauern etwa 100 Mädchen und Frauen aus allen Altersgruppen: ehemalige Kinderarbeiterinnen, Straßenkinder und auch Frauen mit ihren Kindern, die katastrophalen familiären Verhältnissen entflohen sind. 60 der Bewohnerinnen sind Sumangali-Opfer. Sie werden dort psychosozial betreut und durchlaufen verschiedene drei- bis zwölfmonatige Ausbildungsgänge, deren Inhalte von schulischem Basis-Unterricht bis hin zu Mode-Design und Computertechnik reichen. Spiel und Spaß sowie Yoga und Persönlichkeitsbildung kommen dabei aber nicht zu kurz.

Als wir ankommen, erwartet uns wieder eine Willkommenszeremonie, Lieder und traditionelle Tänze, die geradezu professionell ausgeführt werden. Dann spielen uns die jungen Frauen ein Theaterstück vor, das sich mit der Situation der Sumangali-Opfer befasst: Ein Mädchen wird zu Sumangali überredet, wird dort ausgebeutet und missbraucht und begeht am Ende Selbstmord.

Im Anschluss daran besichtigen wir die vielen Einrichtungen des Hauses, die uns seine Bewohnerinnen begeistert zeigen.

Auf dem Rückweg ins Hotel kommen wir an einem Gebäude vorbei, das wir auf den ersten Blick für ein Gefängnis halten, so festungsartig und verschlossen liegt es da. Doch wir täuschen uns, es handelt sich um eine Baumwoll-Spinnerei. Die Schilderungen der Sumangali-Opfer erhalten jetzt noch ein viel tieferes Gewicht.

Heute Abend noch fliegen wir zurück nach Bangalore, um von dort morgen in Richtung Hospet/Bellary zu fahren. Auf dem Weg liegt die Ruinenstadt Hampi, das Angkor Wat Indiens.

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